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Corona, die Bildung und das Vertrauen

Die Österreicher haben längst die meisten Details und Geltungsperioden der zahllosen Corona-Maßnahmen und Regeln schon wieder vergessen, die uns in den letzten eineinhalb Jahren gequält haben. Zu einem Ende der Pandemie hat freilich keine davon geführt. Das müssen nicht nur sie konstatieren, sondern auch die Einwohner aller anderen Länder, so unterschiedlich deren Strategien auch waren. Auch all jene Staaten, die irgendwann einmal als leuchtendes Beispiel der Virus-Bekämpfung gegolten haben, sind früher oder später wieder steil abgestürzt. Dennoch ist es ganz eindeutig, dass daraus kein "Eh alles sinnlos" abzuleiten ist. Denn inzwischen gibt es eine ganze Reihe von seriösen und hilfreichen Erkenntnissen. Mehrere davon haben auch in überraschend hohem Ausmaß mit Vertrauen und Bildung zu tun.

Die Erkenntnisse zu Corona gelten freilich nur mit einem bestimmten Wahrscheinlichkeitsgrad. Keine hat die Absolutheit der Newtonschen Gesetze (und selbst diese werden in einigen Randbereichen von der modernen Physik relativiert). Das heißt aber nicht, dass sie irrelevant wären. Keineswegs. Leider gibt es jedoch einen erstaunlich großen Anteil von Mitmenschen, die Wahrscheinlichkeiten nicht begreifen:

  • Manche Menschen sehen es allen Ernstes als Beweis für die Unschädlichkeit von Rauchen an, wenn bisweilen auch ein Nichtraucher an Lungenkrebs stirbt, oder wenn anderswo ein Raucher das biblische Alter von 100 erreicht.
  • Andere halten die Teilnahme an einer Lotterie für eine kluge Art des Gelderwerbs, was sie daraus schließen, dass ihr Nachbar vorige Woche dabei einen Treffer erzielt hat.
  • Wieder andere erklären Autogurte und Motorradhelme für überflüssigen und lästigen Unsinn, weil sie jemanden kennen, der trotzdem bei einem Unfall schwer verletzt worden ist.

Es gibt gar nicht wenige Menschen dieser Art. Sie glauben daher auch an die Sinnlosigkeit von Corona-Impfungen, weil es – wie übrigens von Anfang an prophezeit – bisweilen, wenn auch ganz selten ernstlich Erkrankte gibt, die schon doppelt geimpft worden waren.

Bei jenen Menschen, für die eine 90- und eine 10-prozentige Wahrscheinlichkeit gleichwertig sind, sind rationale Aufklärungsversuche in Sachen Corona sinnlos. Die regierungsoffiziellen Kampagnen der Werbeagenturen sind das sowieso (denn Werbung ist bei einem so ernsten Thema generell kontraproduktiv). Menschen dieser Kategorie mögen sich daher das Lesen der folgenden Anmerkungen ersparen.

Es gibt noch keine allgemeine Studie über die soziologische Zusammensetzung der Maßnahmen- und Impfverweigerer. Dennoch lässt sich bisweilen erkennen: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Bildung und Akzeptanz für die Maßnahmen. Das sieht man etwa an den Besuchern der Staatsoper – eines typischen Treffpunkts der Bildungsbürger – die laut Zählung des Direktors zu 98 Prozent geimpft sind. Das sieht man bei den geimpften Lehrern: Bei den AHS-Lehrern sind 88 Prozent geimpft; bei den Volksschullehrern – die nun einmal einen geringeren Bildungsgrad haben – hingegen nur 77 Prozent.

Bevor man über mich wegen bildungsbürgerlicher Präpotenz gegenüber den Volksschullehrern gleich das Todesurteil ob politischer Inkorrektheit verhängt, sei rasch betont: Auch bei den Volksschullehrern liegt die Impfbeteiligung signifikant höher als im allgemeinen Bevölkerungsschnitt.

Die Nichtbeteiligung an den Impfungen lässt sich aber nur zum Teil mit einer unterschiedlichen Bildung erklären. Bei einer weiteren Gruppe geht sie auf ein anderes Phänomen zurück – das viel bedrohlicher ist: Das ist der Verlust an Vertrauen, an Vertrauen in die Politik wie auch in die Medien, insbesondere in das trotz langfristig dramatischer Verluste reichweitenstärkste Medium, den ORF.

Dieser Vertrauensverlust hat lange vor Corona angefangen. Der schlimmste Absturz passierte, als (vor allem) der ORF gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit ständig für die Aufnahme von immer noch mehr "Flüchtlingen" getrommelt hatte. Wenn man den Staatssender als so einseitig, ideologisch und unobjektiv erfahren hat, wird man ihm auch in Sachen Corona nicht vertrauen. Dabei würden gerade die für Laien geheimnisvollen Corona-Aspekte viel Vertrauen in der Kommunikation erfordern. An der Tatsache des ständigen Abbaus von Vertrauen in den ORF ändert der Umstand nichts, dass die Österreicher in diesen eineinhalb Jahren öfter als früher ORF geschaut haben, weil sie halt einfach wissen wollen, welche neuen Ausgeh-, Einkaufs-, Gasthaus-, Masken-, Homeoffice-, Parkbankbenützungs- oder Besuchsverbot-Regeln denn morgen gelten.

Dazu kommt: Der Corona-skeptische Österreicher sieht im ORF all die Thesen, Informationsbrocken und Schreckensberichte, auf die er im Internet gestoßen ist, nicht einmal ignoriert. Das schafft weiteres Misstrauen gegen den Gebührensender. Das befeuert noch mehr den Glauben an die Verschwörungstheorien. Diese Skeptiker fühlen sich von einem politmedialen Moloch mit sinistren Motivationen (etwa weil Bill Gates allen einen Corona-Trick Chips verpassen will), manipuliert und entmündigt.

Andere haben wieder die – an sich verständliche – Scheu davor, dass da eine Nadel ein paar Zentimeter unter ihre Haut fährt.

Probleme für einen Erfolg der Impfkampagne wurzeln aber nicht nur

  • in dieser Nadelstich-Scheu,
  • im massiven Vertrauensverlust vieler Mainstreammedien
  • und in der Tatsache, dass sich ORF & Co nicht fair und auf Augenhöhe mit den Argumenten und Phobien der Corona-Leugner befassen (wenn man die durchaus unterschiedlichen Gruppen unter diesem Begriff zusammenfassen darf).

Sie hängen aber auch mit Fehlern der Regierungen zusammen. Insbesondere in Österreich sind da zu nennen:

  • Die Tatsache, dass die Regierung rhetorisch bisweilen zu optimistisch formuliert (weil wir alle die hoffnunggebenden Botschaften am liebsten hören): So hat Bundeskanzler Kurz der FPÖ einen Elfmeter aufgelegt, als er von einer "Vollimmunisierung" durch die Impfung gesprochen hatte. 90 Prozent Schutz gegen schwere Erkrankungen sind aber eben nicht "volle" 100 Prozent. Überdies bieten Impfungen gegen symptomlose oder harmlose Ansteckungen auf Grippe-Niveau nur wenig Schutz. Im Gegensatz zur Formulierung "Voll"-Immunisierung hatte aber auch keine Zulassungsbehörde und kein Impfstoffhersteller eine hundertprozentige Immunität versprochen (Erst diese Woche war ich Gast bei einem Höchstrichter, der trotz doppelter Impfung von seiner altersgemäß ungeimpften und heftige Symptome zeigenden Enkelin angesteckt worden war und der sich im Sommer zwei Tage deutlich krank gefühlt hatte. Aber das waren eben nur zwei Tage, und er ist deshalb sehr froh, geimpft zu sein).
  • Die infantilen, teuren (und nur die Medien bestechenden) Werbe-Kampagnen.
  • Der ständige Wechsel der Regeln, der im Lauf der Zeit zunehmend Unsicherheit der Regierung ausgestrahlt hat.
  • Die (meist aus Verschulden Wiens) von Bundesland zu Bundesland bestehende Unterschiedlichkeit der Regeln.
  • Der zeitweise zu aggressive Zugriff der Polizei auf Corona-Sünder.
  • Die Lächerlichkeit, dass jetzt sogar von Geschäftstyp zu Geschäftstyp unterschiedliche Masken-Regeln (wieder)eingeführt werden.
  • Die unzureichende Klärung der Kontrolle der Einhaltung immer komplizierter werdender Maskenregeln (was dann sogar der Polizeigewerkschaft einen Auftritt ermöglicht hat, als ob sie darüber entscheiden würde).

Gewiss: Dass andere Länder in der Vergangenheit bisweilen noch schwerere Fehler gemacht haben, mag ein wenig trösten. Aber das ist noch keine Antwort auf die noch wichtigere Frage an die Zukunft: Wie kann in Österreich eine ausreichend hohe Impfrate erreicht werden, sind uns da doch etliche Länder voraus?

Das geht wohl nur durch eine Doppelstrategie, bei der beide Teile mit dem Begriff "Ernstnehmen" zu tun haben:

  • Einerseits braucht es Dialog-Formate, bei denen Corona- und Impfskeptiker auf Augenhöhe zu Wort kommen, und nicht nur einseitige Auftritte der Wissenschaftler des Gesundheitsministeriums. Man muss in der Bevölkerung verbreitete Argumente ernst nehmen und offen darauf eingehen, auch wenn die meisten Experten diese für Humbug halten. Dabei darf es nicht um Show gehen, sondern um die Einladung an die Skeptiker, sich mit sachlichen Beweisen und Daten einer Diskussion unter unparteiischer – einem Richter ähnlichen – Leitung zu stellen. Wobei sich zeigen wird, ob sie sich einer solchen Debatte überhaupt stellen. Wobei aber auch die Argumentationskraft der bisher immer alleine auftretenden Experten auf den Prüfstand kommt.
  • Andererseits muss man auch die Tatsache ernst nehmen, dass es (übrigens sehr zum Unterschied von der These eines durch den Menschen ausgelösten Klimawandels) bewiesen ist, dass Impfungen massiv die Gefahren reduzieren – sowohl die für den Einzelnen wie auch die für die ganze Gesellschaft. Dass sie die beste Chance, freilich keine hundertprozentige Garantie auf eine Rückkehr in die volle Freiheit sind. Daher ist jener Weg, den auch immer mehr andere Länder gehen, zweifellos richtig: Das ist die Verhängung von Konsequenzen für jene Minderheit, die sich nicht impfen lässt.

Bei der Einführung solcher Konsequenzen wird es sicher Proteste geben, aber die werden nach wenigen Wochen Geschichte sein. So hat es ja im 18. Jahrhundert anfangs auch gegen die Pocken-Impfung massiven Widerstand gegeben (die dann Millionen Leben gerettet hat). Widerstände, Ängste und Proteste gab es ebenso gegen die Polio-Impfung, wie auch gegen die Sturzhelm- oder Gurtenpflicht (wobei diese beiden grundrechtlich problematischer sind als Impfungen, schützt man doch dadurch nur sich selber, während eine Impfung meist auch die Ansteckungsgefahr reduziert).

Jede freiheitseinschränkende Maßnahme muss regelmäßig genau geprüft werden, ob sie überhaupt noch notwendig ist. Denn das Misstrauen und der Widerstand vieler Menschen gegen einen Staat, der immer mehr ihr Leben einengt, sind mehr als verständlich. Wobei sich aber das Misstrauen viel mehr gegen die Geldgier des Staates zur Finanzierung oft absurder oder ideologischer Projekte und gegen die ständig voranschreitende Einschränkung der Meinungsfreiheit richten sollte als gegen sinnvolle Impfpflichten.

Worin könnten nun die Konsequenzen für Impfverweigerer bestehen (die in manchen Ländern bereits gelten)? Da gibt es insbesondere mehrere auf dem Verursacherprinzip aufbauende Varianten für jene, die selber mitschuld sind am Eintreten einer schweren Erkrankung:

  • Keine Entgeltfortzahlung bei Corona-Erkrankungen;
  • erhöhte Krankenversicherungsbeiträge;
  • Selbstbehalte bei Spitalsaufenthalten wegen Corona;
  • Jobverluste, insbesondere in sensiblen Bereichen mit viel menschlichen Kontakten;
  • Kostenpflicht für die als Alternative gültigen PCR-Tests;
  • diverse Zutrittsverbote.

Insbesondere zum letzten Punkt haben nun sogar die Bundestheater aufhorchen lassen. Während die Theater vor ein paar Monaten noch empört aufgeheult haben, weil sie die 3G-Nachweise kontrollieren mussten, haben sie jetzt selbst einen Wechsel auf 2G vorgeschlagen, womit nur noch Geimpfte oder Genesene ins Theater dürften.

PS: Übrigens: So laut er auch schimpft und so wild er auch poltert, so habe ich doch bei Herbert Kickl erstmals den Eindruck gewonnen, dass er von seinem Anti-Corona-Hysteriebaum heimlich herunterzuklettern versucht. Er hat nämlich jetzt fast beiläufig vorgeschlagen, die Pflicht zum Nachweis einer Impfung durch die Pflicht zum Nachweis eines Antikörpertests zu ersetzen. Das klingt durchaus sinnvoll, weil Antikörper ja sowohl Impfung wie Genesung beweisen. Freilich darf man noch gespannt sein, wie Kickl diese vorsichtig eingeleitete Kehrtwende seinen fanatisierten Anhängern beibringen wird. Denn beim Antikörpertest wird man ja genauso wie bei der Impfung von einer Nadel gestochen, vor der sich manche offenbar so sehr fürchten. Wenn Kickl jedoch diesen Weg weitergehen sollte, könnte er nach langem wieder ernster genommen werden.

PPS: Auch der Blick ins Ausland sollte der FPÖ nahelegen, das radikale Corona-Eck zu verlassen: Denn im oft gelobten Ungarn wird schon seit mehr als einem Monat der dritte Stich verpasst. Die ungarische Regierung nimmt die Gefahren durch immer neue Virus-Varianten sehr ernst – und hat dennoch von den Bürgern bei einer Umfrage die höchsten Freiheitswerte von ganz Europa attestiert bekommen ...

PPPS: Empörend sind hingegen die Ideen, jemanden künftig dafür zu bezahlen, dass er sich impfen lässt, wie Rendi-Wagner vorschlägt, oder – wie das Burgenland – jetzt ein Auto für die Teilnahme an der Impfung zu verlosen. Das widerspricht dem Sparsamkeitsprinzip im Umgang mit Steuergeldern; und das ist auch eine Provokation für jene, die sich schon bisher impfen haben lassen, ohne honoriert zu werden.

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