Was dachte sich Boris Johnson zum Misstrauensvotum?

Autor: Markus Szyszkowitz

Nachdenken über das bedingungslose Grundeinkommen

Autor: Christian Klepej

70 Jahre Queen

Autor: Markus Szyszkowitz

Die sogenannte Geld-Politik der EZB

Autor: Markus Szyszkowitz

Migrantenunruhen in Europa: Wie wir systematisch belogen werden

Autor: Werner Reichel

Vom Mythos zum aufgeklärten Hausverstand

Autor: Josef Stargl

Die polnische Zeitmaschine - ein Besuch im nicht-linken Krakau

Autor: Werner Reichel

Das neue Jahrhundertproblem: Frieden durch Kompromiss?

Autor: Leo Dorner

Die Politik der Systemtransformateure

Autor: Josef Stargl

Digitaler Euro – Fluch oder Segen?

Autor: Elisabeth Weiß

Weitere Gastkommentare

Abonnenten können jeden Artikel sofort lesen, erhalten anzeigenfreie Seiten und viele andere Vorteile. Ein Abo (10 Euro pro Monat) ist jederzeit stornierbar. Nicht-Abonnenten können Artikel hingegen erst nach 48 Stunden lesen. 

weiterlesen

Erstaunlich viele Parallelen zwischen Ukraine-Krieg und Weltkrieg

Es ist absolut verblüffend, wie sehr die Entwicklung des Ukraine-Krieges jener des zweiten Weltkrieges ähnelt. Das tut sie auch in Aspekten, die man bisher kaum beachtet hat. Vor allem der britische Kriegspremier Winston Churchill ist in erstaunlichem Ausmaß mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vergleichbar. Nicht weniger als 16 Ähnlichkeiten zeigen sich bei einem näheren Vergleich.

Diese Ähnlichkeiten im Einzelnen:

  1. Sowohl Wladimir Putin wie Adolf Hitler haben unprovoziert einen Angriffskrieg begonnen. An dieser Tatsache können da wie dort die bemühten Versuche der jeweiligen Propaganda, einen Vorwand für den Angriff zu konstruieren, nur in den Augen sehr schlichter Gemüter etwas ändern (siehe den fingierten Überfall auf den Reichssender Gleiwitz; siehe die angebliche Bedrohung Russlands durch die Ukraine).
  2. Beide sind Diktatoren, die aber anfangs auf relativ demokratischem Weg an die Macht gekommen sind. Im Laufe der Zeit haben sie aber Schritt für Schritt jede Opposition brutal ausgeschaltet – wobei freilich Putin auf diesem Weg (noch?) lange nicht so weit vorangeschritten ist wie einst der Nazi-Führer.
  3. Über beide wird in seriösen Analysen diskutiert, wieweit sie geistig krank (gewesen) sind. Diese Frage dürfte aber zu manichäisch schwarz-weiß gedacht sein, weil die Übergänge zwischen krank und normal niemals scharf definierbar sind. Gewiss erscheint es als krank, aus blinder Eroberungsgier die (bei Putin vorerst nur mögliche) Selbstzerstörung der eigenen Nation sowie viele Millionen Tote damals und Hunderttausende jetzt sowie unermessliches Leid in Kauf zu nehmen. Trotzdem haben beide in Teilaspekten sehr rational und auch clever agiert.
  4. Eine große Ähnlichkeit zwischen beiden besteht auch darin, dass es schon lange vor Kriegsbeginn auch in der engeren Führung niemanden mehr gab, der ihnen zu widersprechen oder Bedenken zu äußern gewagt hätte. Deshalb hatten beide lange ein zu optimistisch gefärbtes Bild von der eigenen Stärke.
  5. Sowohl im Deutschen Reich als auch im heutigen Russland kann man aber dennoch die Verantwortung nicht allein auf die beiden Männer an der Spitze schieben. Da wie dort hat ein erstaunlich großer Teil der Bevölkerung emotional die Führer gemeinsam auf dem Weg des Verbrechens unterstützt. Es wäre verlogen zu sagen, dass die Deutschen beziehungsweise Russen halt verführt worden seien und daher schuldlos seien.
  6. Beide Führer sind von einer abgrundtiefen Verachtung für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat geprägt. Insbesondere Putin fürchtet panisch die ansteckende Wirkung des Beispiels eines demokratischen Rechtsstaats in der Ukraine auf die eigene Bevölkerung.
  7. Beide führen ihre Kriege vor allem aus einem extrem überheizten und zugleich paranoiden Nationalismus heraus. Die eigene Nation wäre bedroht und bräuchte strategisch bessere, "sicherere" Grenzen. Außerhalb der eigenen Grenzen lebende Deutsche beziehungsweise Russen müssten samt den von ihnen – auch nur minoritär – bewohnten Gebieten heim ins Reich geholt werden.
  8. Beide besetzen in ihren ersten Jahren an der Macht, ohne auf größeren Widerstand zu stoßen, etliche kleinere Territorien (Rheinland, Österreich, Tschechoslowakei beziehungsweise Transnistrien, Südossetien, Abchasien, die Krim und Teile der Ostukraine).
  9. Da sich der Widerstand der Außenwelt gegen all diese Eroberungszüge in sehr engen Grenzen gehalten hat, machen sich die beiden Diktatoren im nächsten Schritt an größere Nachbarn heran: an Polen beziehungsweise die Ukraine. Diese beiden wehren sich auch tatsächlich heldenmütig, wobei es freilich große Unterschiede gibt: Hitler hat Polen in 36 Tagen niederwalzen können (das ging auch deshalb so schnell, weil Polen gleichzeitig von der Sowjetunion, dem Bündnispartner Hitlers, überfallen worden ist). Bei der Ukraine hingegen sind inzwischen mehr als doppelt so viele Tage, nämlich 75, vergangen, und weit und breit ist es den russischen Truppen nicht gelungen, einen entscheidenden Sieg zu erringen. Warum? Weil die russische Armee – abgesehen von der Raketenbewaffnung – offenbar in einem deplorablen Zustand ist; und weil die Ukrainer aus dem russischen Überfall auf die Krim und die Ostukraine fundamentale Lehren gezogen und eine altsowjetisch geprägte Armee des Kadavergehorsams komplett umstrukturiert haben: zu einer modern denkenden Verteidigungskraft mit einer Strategie des 21. Jahrhunderts, mit entscheidungsfreudigen und -fähigen Soldaten, mit  massivem Drohneneinsatz. Hingegen haben die Polen 1939 zum Teil noch mit Pferden gegen die deutschen Panzer gekämpft.
  10. Für Putin sind wie einst für Hitler die landwirtschaftlichen und industriellen Bodenschätze der Ukraine ein zusätzliches Ziel seiner Gier.
  11. Hitler wie Putin sind in ihrem ganzen Denken und Fühlen ganz eindeutig durch die Geschichte der eigenen Reiche zutiefst geprägt worden. Diese sind ja einst viel größer gewesen und erst durch Vorgänge, die beide Staatschefs als zutiefst ungerecht und revisionsbedürftig empfunden haben, kleiner geworden: durch den ersten Weltkrieg,  beziehungsweise die Pariser Vororteverträge auf der einen Seite; und durch den für viele Russen völlig unerwartet gekommenen Zerfall der Sowjetunion auf der anderen.
  12. Beide wenden im Krieg die verbrecherische Taktik der verbrannten Erde und eines Flächenbombardements rein ziviler Wohngebiete an. Putin tut dies relativ bald nach Kriegsbeginn. Hitler erst später etwa mit seinen verheerenden Luftangriffen auf die Stadt Coventry (die von den Alliierten dann mit der Bombardierung vieler deutscher Städte und dem negativen Höhepunkt Dresden beantwortet werden) oder mit der totalen Zerstörung Warschaus.
  13. Die verblüffendste Parallele besteht aber in den Personen Churchill und Selenskyj: Beide sind zu einsamen Helden des Widerstandes gegen den Aggressor geworden. An ihr Charisma kann sich die eigene Nation in den bittersten Stunden anklammern, neuen Mut fassen und zu sensationeller Einigkeit finden, die auch die russisch sprechenden Ukrainer umfasst wie damals auch jene gar nicht so wenigen Briten, die vor dem Krieg noch sympathische Seiten am Nationalsozialismus gesehen haben.
  14. Neben den ständigen Durchhalteappellen tut dies Selenskyj etwa durch sein täglich ins ganze Land ausgestrahltes Verbleiben in der belagert gewesenen Stadt Kiew. Churchill durch die berühmten Bilder, wie er nach den deutschen Luftangriffen mit Zylinder und Victory-Zeichen über die Trümmer steigt und den Briten Mut zuspricht.
  15. Was viele vergessen: Churchill und Großbritannien sind nach der Kapitulation Frankreichs und Hitlers Angriff auf die Sowjetunion ein volles Jahr ganz alleine dem militärisch überlegenen Deutschen Reich entgegengestanden – so wie Selenskyj und die Ukraine nun schon immerhin zweieinhalb Monate allein gegen die (scheinbare?) Übermacht kämpfen müssen.
  16. Die allerwichtigste Parallele zwischen den beiden Ausnahme-Politikern sind in dieser Zeit der nationalen Einsamkeit aber ihre ununterbrochenen Appelle ans Ausland, ihnen doch viel mehr Waffen zu schicken. Emotional und psychologisch wenden sie sich vor allem an die Vereinigten Staaten (im Falle Selenskyjs auch an die gesamte EU und besonders erfolgreich an Großbritannien, wo sich wiederum Premier Johnson noch sehr intensiv an Churchill erinnert, über den er selbst ein sensationelles Buch geschrieben hat). Damit haben sie die am Anfang jeden Krieges wie immer isolationistisch eingestellten Amerikaner Schritt für Schritt an ihre Seite gezogen. Der direkte Krieg zwischen Deutschland und den USA ist freilich erst durch Hitlers wahnwitzige Kriegserklärung an die Amerikaner in Gang gekommen.

Aber so verblüffend die angeführten Fakten auch sind, so sehr sollte man sich vor einem historischen Determinismus hüten, der naiv meint, alles würde wieder ganz automatisch gleich ablaufen.

Denn:

  • erstens ist der Verlauf der Weltgeschichte auch – auch! – immer von den handelnden Personen abhängig und die können sich immer noch in eine bessere oder aber auch schlechtere Richtung entwickeln;
  • zweitens könnte man auch viele Unterschiede zwischen den beiden Kriegen herausarbeiten, wie etwa die Tatsache, dass Russland heute zwar in Europa isoliert ist, aber in anderen Kontinenten keineswegs, während das Deutsche Reich damals außerhalb Europas bis auf Japan keine relevanten Verbündeten gehabt hat;
  • und drittens ist durch die Entwicklung der Atomwaffen, durch die mehrfache Fähigkeit Russlands und der USA, den ganzen Globus zu vernichten, ein entscheidender Aspekt hinzugetreten.

Kommentieren (leider nur für Abonnenten)
Teilen:
  • email
  • Add to favorites
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Twitter
  • Print



© 2022 by Andreas Unterberger (seit 2009)  Impressum  Datenschutzerklärung