Ein noch schlimmeres Rattengedicht aufgedeckt

In Vorwahlzeiten – und die sind ja in Österreich bekanntlich fast immer – schwärmen im ganzen Land kostenlose ehrenamtliche und gut bezahlte hauptberufliche Spione aus, stets auf der Suche nach Liederbüchern, Gedichten oder ähnlichen Materialien, aus denen sich mit wenig Aufwand eine wirksame Nazi-Keule basteln lässt. Um einschlägige Enthüllermedien wie "Standard", "Falter" und öffentlich-rechtliche TV- und Hörfunksender, die solche Grauslichkeiten unter großem Beifall des Publikums dann in beeindruckendem Umfang aufblasen und in der Folge weidlich ausschlachten, gebührend zu unterstützen, haben auch wir uns auf die Suche begeben und sind auf ein besonders übles und verachtenswertes Machwerk gestoßen, gegen das sich das kürzlich von manchen Medien zur Staatskatastrophe aufgeblähte Gedicht "Die Stadtratte" eines Innviertler Kleinstadtvizebürgermeisters geradezu niedlich ausnimmt.

Auch in diesem Gedicht geht es um Ratten. Diesmal sozusagen um Völkerwanderungsratten.Einige Verse dieses aus 14 Strophen zu je vier Zeilen bestehenden Werks mit dem Titel "Die Wanderratten" dürfen wir unseren Lesern zu Vergleichszwecken und gebührender Empörung nicht vorenthalten.

Die ersten drei Strophen lauten:

Es gibt zwei Sorten von Ratten:
Die hungrigen und die satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus. 

Sie wandern viel tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf. 

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die lebenden lassen die toten zurück.

Dass der Autor dieses Gedichtes mit den Ratten natürlich Menschen meint – und da ganz offensichtlich vor allem völkerwandernde Migranten – ist dem zeitgeistigen Leser natürlich sofort klar. Aber es kommt noch schlimmer, denn der Texter hält die Ratten offensichtlich für "Ungläubige". Weiter schreibt der Autor:

Die radikale Rotte
Weiß nicht von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut. 

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frisst,
Daß unsere Seele unsterblich ist.  

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

 Der Autor unterstellt den Wanderratten also, zuerst Europa und dann vielleicht die ganze Welt, überrollen zu wollen. In weiteren Strophen des Gedichtes, das sich liest, als wäre der Brutal-Poet vom dichtenden Braunauer Vizebürgermeister inspiriert worden, werden dann noch üble Verschwörungstheorien und Katastrophenszenarien herbeigereimt. Letztlich sieht er dann noch die Kinder der ansässigen Ratten als Opfer. Das hat der Provinz-Vize nicht annähernd so scharf formuliert.

Weiter heißt es in dem Gedicht ab Strophe acht:

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen – die Zahl ist Legion.

O wehe! wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat. 

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hochwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder.  

Das Gedicht mündet in der Erkenntnis, dass man mit den hungrigen und gierigen Invasoren weder reden noch mit logischen Argumenten verhandeln kann. Denn – und damit endet das abscheuliche und fremdenfeindliche Gedicht mit der 14. und letzten Strophe:

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.

Ein derartiges Machwerk schreit natürlich förmlich danach, von ORF, "Falter", "Standard" und anderen gleichgeschalteten Medien angewidert verurteilt zu werden. Der Autor muss für derart niederträchtige Fremdenfeindlichkeit in Verbindung mit absurden Verschwörungstheorien auch zur Rechenschaft gezogen werden. Rücktritt ist das mindeste, was die Öffentlichkeit verlangen kann.

Um heimischen Enthüllungsjournalisten ihre harte Arbeit zu erleichtern haben wir den Autor des Gedichtes "Die Wanderratten", das im Internet sozusagen als übles Hass-Posting zu finden ist, ausfindig gemacht.

Es handelt sich beim Autor um den im Jahr 1799 in Düsseldorf geborenen Herrn Harry Heine, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Heinrich Heine. Ob der Spross einer jüdischen Familie Sympathisant der späteren Identitären, der AfD oder der FPÖ war, ist nicht bekannt. Dass er sich von der Stadtratte des Braunauer Vizebürgermeisters inspirieren hat lassen, ist allerdings sehr unwahrscheinlich.

Kurt Ceipek ist Journalist und Publizist

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