Lehrberufe in der Krise - Staat und Kammern als Chancenkiller

Finanzminister Schelling hat in seiner Budgetrede ein „ausgeglichenes“ Budget in Aussicht gestellt (was nur unter Abzug der horrenden Kosten für die Versorgung der hier eingefallenen „Flüchtlinge“ gelingt). Das ist – angesichts der hartnäckigen Forderung nach einer weiteren Ausdehnung der Staatsschuldenorgie durch den sozialistischen Koalitionspartner – immerhin bemerkenswert. Eine weitere Intensivierung des koalitionsinternen Streits scheint damit allerdings programmiert zu sein und vorzeitige Neuwahlen werden nun noch wahrscheinlicher, als sie es zuvor schon waren.

Doch die seit 1970 nahezu unentwegt regierenden Sozialisten verfügen keineswegs über das Monopol auf hartnäckige Realitätsverweigerung. Die für unseren ständisch orientierten Gouvernantenstaat symptomatischen Zwangsinteressenvertretungen stehen in dieser Disziplin dem roten Kanzler nicht nach.

Ein Beispiel: Die liberale Denkfabrik „Agenda Austria“ hat kürzlich vorgeschlagen, die Gewerbeordnung dahingehend einer radikalen Reform zu unterziehen, als die Zahl jener Gewerbe drastisch reduziert werden sollte, deren Ausübung eine Meisterprüfung zur Voraussetzung hat. Durch diesen erleichterten Zugang zur beruflichen Selbständigkeit, so die Autoren des Papiers, könnte ein Gründerboom ausgelöst und damit auf preiswerte und unbürokratische Art und Weise eine Beschäftigungsinitiative gestartet werden.

Lange hat es nicht gedauert, schon sprengt die stets um die Bewahrung der Pfründe ihrer Zwangsmitglieder besorgte Wirtschaftskammer auf die Wallstatt, um leidenschaftlich gegen ein derart unerhörtes Ansinnen zu polemisieren. Angeblich würde nämlich das Angebot an Lehrstellen unter einer liberalisierten Gewerbeordnung leiden, wie das Beispiel Deutschlands zeige, wo eine derartige Maßnahme bereits im Jahr 2004 vorgenommen wurde.

Was der Aufmerksamkeit der Damen und Herren Kammerbeamten entgangen sein dürfte: Korrelation und Kausalität sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Dass die Zahl der Lehrlinge in Deutschland rückläufig ist, ist nicht der anno 2004 vollzogenen Deregulierung geschuldet. Vielmehr ist die demographische Entwicklung entscheidend: Es gibt heute eben weniger Jugendliche als vor 12 Jahren. In Österreich ist zusätzlich die durch die Sozialisten mutwillig ins Werk gesetzte Zerstörung der Grundschulen von entscheidender Bedeutung. Die in „Neue Mittelschule“ umgetaufte Hauptschule, die als Lehrlingslieferant von größter Bedeutung ist, wurde dadurch – insbesondere in den größeren Städten – zur zeitweiligen Aufbewahrungsstätte für die Sprösslinge „bildungsferner Schichten“ degradiert.

Auch die landauf landab unentwegt kolportierte Behauptung, dass das Land mehr Akademiker benötige (denn wer nicht studiert hat, sei ein minderbemittelter Dummkopf), bedeutet eine indirekte Abwertung der Lehrberufe. Keiner möchte sich heute noch bei der Arbeit die Hände schmutzig machen. Dass ein einziger fähiger Handwerksmeister für die Gesellschaft wertvoller ist als alle Soziologen, Politologen und Genderwissenschaftler zusammen (die außerhalb staatlich geschützter Werkstätten kaum eine Aussicht auf eine Anstellung haben und für unternehmerische Tätigkeiten meist völlig ungeeignet sind), ist eine zwar naheliegende Erkenntnis, die aber dennoch ihrer Entdeckung durch Politik und Medien harrt.

Im Ergebnis sehen sich Gewerbetreibende heutzutage mit einem Angebot an Lehrstellenwerbern konfrontiert, von dem nur diejenigen unter ihnen Gebrauch machen wollen, die starke masochistische Neigungen verspüren. Was zum Beispiel soll ein Malerbetrieb mit Lehrlingen anfangen, die schon an der Berechnung einer Fläche (zwecks Kalkulation der für den Anstrich benötigten Farbmenge) scheitern? Sollen sie etwa den durch das staatliche Schulsystem in neun Jahren nicht vermittelten Stoff nachholen?

Dass die Arbeiterkammer in der jüngsten Ausgabe ihrer Klassenkampfpostille „AK Für Sie“ der Lehrlingsproblematik einen mehrseitigen Artikel widmet, passt ins düstere Bild. Die alarmierten roten Kämmerer beklagen darin, dass potentielle Ausbildner sich zu sehr auf die Schulnoten fixieren und dafür auf die manuelle Geschicklichkeit von Lehrstellenwerbern keinerlei Rücksicht nehmen würden.

Diese Kritik geht indes völlig an der betrieblichen Realität vorbei, von der sie als Quasibeamte, die selbst nie im Betrieb gearbeitet haben, naturgemäß keine Ahnung haben. Heute reicht die bloße manuelle Geschicklichkeit in den meisten Lehrberufen einfach nicht mehr aus! Ein Automechaniker, Elektromonteur oder Verkäufer muss heute eben nicht nur mit dem Schraubenschlüssel, dem Leitungsprüfer oder der Registrierkasse, sondern auch mit dem PC oder komplizierten Mess- und Diagnosegeräten umgehen können. Wer das – dank des inferioren staatlichen Zwangsschulsystems – nicht bringt, hat auch im „einfachen Handwerk“ heute kaum noch eine Chance.

Ohne eine grundlegende Reform des Schulwesens, dessen Totalprivatisierung wohl die wirkungsvollste aller möglichen Maßnahmen wäre, wird es daher kaum möglich sein, die Betriebe mit der Art von Berufsnachwuchs zu versorgen, den diese benötigen. Der Beatles-Drummer Ringo Starr war/ist nicht der einzige, der zur Einsicht gelangt(e), dass „…sich alles, was der Staat angreift, umgehend in Dreck verwandelt.“

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist Kaufmann in Wien.

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die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorWolfgang Bauer
    10x Ausgezeichneter Kommentar
    14. Oktober 2016 16:21

    Wieder großartig, knapp, klar und richtig. Leider!
    Die Soziologen etc. sind v.a. deshalb zum Unternehmertum nicht fähig, weil ihnen alles, was dazu gehört als ideologisch suspekt bis bös ausgetrieben wird, selbst wenn sie eine unternehmerische Ader hätten. Und was die Wertschätzung der Lehrlinge im Vergleich zu jener der Studenten betrifft: Bezeichnend war vor einiger Zeit, dass die Qualität der "Neuen Mittelschulen" in einer Untersuchung daran gemessen wurde, wie hoch der Anteil jener Absolventen war, die in ein Oberstufengymnasium gingen bzw. dann ein Studium begannen. Klar war da schon in der Anlage als Apriori: Wenn viele 'nur' Lehre machen, ist die Schule schlecht gewesen!! Wahnsinn.
    Auch die Bevorzugung der Studenten bei Ermäßigungen etc. inkl. mangelnder Studiengebühr signalisiert klar dass Lehrlinge die Trottel sind. Und gerade die Partei der "kleinen Leute" forciert die Studenten besonders. Man braucht nur der Frau Herr zuhören, da wird einem schlecht. Wer tritt als Institution dagegen auf? Die Wirtschaftskammer? Die ÖVP? Niemend außer Herrn Tögel und ein paar andere Kluge.

  2. Ausgezeichneter KommentatorPennpatrik
    6x Ausgezeichneter Kommentar
    14. Oktober 2016 23:48

    Ein Staat, der seine Unternehmer bekämpft hat keinerlei Anspruch auf irgendeine Solidarität der Unternehmer.
    Schon aus klassenkämpferischen Gründen sollten Unternehmen keine Lehrlinge mehr ausbilden. Auch sollten sie alle Spenden an Schulen (für Turnsäle, Investitionen, Fahrzeuge, Technikmittel - die Öffentlichkeit hat keine Ahnung, was Unternehmen alles mitfinanzieren) und caritative Einrichtungen abstellen.
    Mehrmals pro Woche bekomme ich Anrufe von Schnorrern für Schulen und karitative Organisationen.
    EINSTELLEN!
    Wenn der Staat uns bekämpft, sollten wir den Staat bekämpfen.
    Wie Brecht sagte: "Wer nicht kämpft, hat schon verloren".
    Ein erster Schritt für Unternehmer lautet: Keine Stimme mehr für die ÖVP!

  3. Ausgezeichneter KommentatorBob
    3x Ausgezeichneter Kommentar
    15. Oktober 2016 11:50

    Die Ankündigung zur Vereinfachung der Gewerbeordnung höre ich schon 40 Jahre!

  4. Ausgezeichneter KommentatorAnmerkung
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    16. Oktober 2016 16:59

    Wenn "Agenda Austria" die Abschaffung der Meistervoraussetzung für die Ausübung eines Gewerbes fordert und damit vor der Verweigerung der Leistung, die für die Meisterprüfung erforderlich ist, in die Knie geht, steckt da nicht dieselbe Mentalität dahinter wie bei jenen "Schulreformern", die Leistungsanforderungen herunterschrauben, weil sie vor der die Leistungsverweigerung begünstigenden "Modernisierung der Sitten" in die Knie gehen?

    Aber wer ein Gewerbe ausüben will, braucht ja nur einen "Flüchtling" als Geschäftsführer einzustellen. Für den gelten bekanntlich weder Gesetze noch Vorschriften. Und wenn da plötzlich doch, dann bringt man Klage wegen Ungleichbehandlung der "Flüchtlinge" ein.

die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorAnmerkung
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    16. Oktober 2016 16:59

    Wenn "Agenda Austria" die Abschaffung der Meistervoraussetzung für die Ausübung eines Gewerbes fordert und damit vor der Verweigerung der Leistung, die für die Meisterprüfung erforderlich ist, in die Knie geht, steckt da nicht dieselbe Mentalität dahinter wie bei jenen "Schulreformern", die Leistungsanforderungen herunterschrauben, weil sie vor der die Leistungsverweigerung begünstigenden "Modernisierung der Sitten" in die Knie gehen?

    Aber wer ein Gewerbe ausüben will, braucht ja nur einen "Flüchtling" als Geschäftsführer einzustellen. Für den gelten bekanntlich weder Gesetze noch Vorschriften. Und wenn da plötzlich doch, dann bringt man Klage wegen Ungleichbehandlung der "Flüchtlinge" ein.


alle Kommentare

  1. Gennadi (kein Partner)
    16. Oktober 2016 19:26

    Wie ausgeglichen kann ein Budget sein (egal von welcher Seite, das
    1. weder darangeht, die fast 300 Milliarden Staatsschulden abzubauen
    2. nicht die kleinste Absicht erkennen lässt, zu sparen?

    Letzteres vor allem im Bereich der überbordenden Subventionitis.

  2. Anmerkung (kein Partner)
    16. Oktober 2016 16:59

    Wenn "Agenda Austria" die Abschaffung der Meistervoraussetzung für die Ausübung eines Gewerbes fordert und damit vor der Verweigerung der Leistung, die für die Meisterprüfung erforderlich ist, in die Knie geht, steckt da nicht dieselbe Mentalität dahinter wie bei jenen "Schulreformern", die Leistungsanforderungen herunterschrauben, weil sie vor der die Leistungsverweigerung begünstigenden "Modernisierung der Sitten" in die Knie gehen?

    Aber wer ein Gewerbe ausüben will, braucht ja nur einen "Flüchtling" als Geschäftsführer einzustellen. Für den gelten bekanntlich weder Gesetze noch Vorschriften. Und wenn da plötzlich doch, dann bringt man Klage wegen Ungleichbehandlung der "Flüchtlinge" ein.

  3. Bob
    15. Oktober 2016 11:50

    Die Ankündigung zur Vereinfachung der Gewerbeordnung höre ich schon 40 Jahre!

  4. Pennpatrik
    14. Oktober 2016 23:48

    Ein Staat, der seine Unternehmer bekämpft hat keinerlei Anspruch auf irgendeine Solidarität der Unternehmer.
    Schon aus klassenkämpferischen Gründen sollten Unternehmen keine Lehrlinge mehr ausbilden. Auch sollten sie alle Spenden an Schulen (für Turnsäle, Investitionen, Fahrzeuge, Technikmittel - die Öffentlichkeit hat keine Ahnung, was Unternehmen alles mitfinanzieren) und caritative Einrichtungen abstellen.
    Mehrmals pro Woche bekomme ich Anrufe von Schnorrern für Schulen und karitative Organisationen.
    EINSTELLEN!
    Wenn der Staat uns bekämpft, sollten wir den Staat bekämpfen.
    Wie Brecht sagte: "Wer nicht kämpft, hat schon verloren".
    Ein erster Schritt für Unternehmer lautet: Keine Stimme mehr für die ÖVP!

  5. Wolfgang Bauer
    14. Oktober 2016 16:21

    Wieder großartig, knapp, klar und richtig. Leider!
    Die Soziologen etc. sind v.a. deshalb zum Unternehmertum nicht fähig, weil ihnen alles, was dazu gehört als ideologisch suspekt bis bös ausgetrieben wird, selbst wenn sie eine unternehmerische Ader hätten. Und was die Wertschätzung der Lehrlinge im Vergleich zu jener der Studenten betrifft: Bezeichnend war vor einiger Zeit, dass die Qualität der "Neuen Mittelschulen" in einer Untersuchung daran gemessen wurde, wie hoch der Anteil jener Absolventen war, die in ein Oberstufengymnasium gingen bzw. dann ein Studium begannen. Klar war da schon in der Anlage als Apriori: Wenn viele 'nur' Lehre machen, ist die Schule schlecht gewesen!! Wahnsinn.
    Auch die Bevorzugung der Studenten bei Ermäßigungen etc. inkl. mangelnder Studiengebühr signalisiert klar dass Lehrlinge die Trottel sind. Und gerade die Partei der "kleinen Leute" forciert die Studenten besonders. Man braucht nur der Frau Herr zuhören, da wird einem schlecht. Wer tritt als Institution dagegen auf? Die Wirtschaftskammer? Die ÖVP? Niemend außer Herrn Tögel und ein paar andere Kluge.





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