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Herr Pig kann es auch nicht

Es ist geradezu unerträglich, wie von allen Seiten derzeit Stimmung gemacht wird, wer denn neuer ORF-Generaldirektor werden soll beziehungsweise, wer es nicht werden soll. Parteien wie Medien wie ORF-Belegschaft verlangen heuchlerisch, dass der Mann oder die Frau "unabhängig" sein soll, wobei keiner je definiert, was Unabhängigkeit eigentlich bedeuten soll. In Wahrheit hat jeder bei solchen Forderungen schmutzige Intentionen und meint in Wahrheit vor allem, nur der eigene Kandidat wäre unabhängig.

In Wahrheit ist aber jeder Generaldirektor nach der Wahl rechtlich "unabhängig". Es sei denn, eine parlamentarische Mehrheit ändert das ORF-Gesetz. Vor der Wahl sind hingegen alle davon abhängig, wie die Stiftungsräte entscheiden. Und da haben nun mal die Parteien ein gewichtiges Wort. Das ist auch gut so. Schließlich sind sie im ganzen Spiel die einzigen, die demokratisch legitimiert sind. Schließlich treten sogar bei der ORF-Betrieratswahlen Parteilisten an.

Das war auch in der Vergangenheit stets so. Noch alle, die es geworden sind, hatten vor der Wahl vertrauliche Gespräche. Auch der – zu Recht – vielgerühmte Gerd Bacher. Ihm ist es vor seiner Wiederwahl sogar gelungen, die SPÖ-Stimmen zu spalten. Wollte doch Bruno Kreisky keinesfalls den ersten ORF-Chef auf den Küniglberg zurückkehren sehen. Bacher fand aber bei Kreiskys Gegner Hannes Androsch heimliche Unterstützung.

Bacher war aber weniger durch seine taktischen Manöver, sondern vor allem durch seine durchsetzungsstarke Persönlichkeit der einzig wirklich exzellente Chef des ORF (ich habe ihn einst übrigens als Obmann des Redaktionsausschusses der "Presse" in einer Art Basisrevolte noch kämpferisch abgelehnt, als er "Presse"-Herausgeber werden sollte, weil das ja erkennbar nur als eine Zwischenstation am Weg zurück in den ORF gedacht war; ich war aber dann nach einem Jahr der Herausgeberschaft Bachers begeistert von ihm, weil er klare inhaltliche Visionen und journalistische Perspektiven in die damals schon einmal in eine heftige Krise geratene "Presse" gebracht hatte, wo die Leserzahlen fast so niedrig waren wie heute wieder).

Bachers großer Vorteil hat zweifellos darin bestanden, dass er nicht nur durchsetzungsstark, sondern auch ein exzellenter Journalist gewesen ist. Mindestens genauso wichtig: Er ist nicht aus dem inneren Intrigendschungel des Monopolrundfunks gekommen. Diese drei Elemente waren und sind im (noch immer, wenn auch mit rasch abnehmender Bedeutung) wichtigsten Medium des Landes die zentrale Eignungsvoraussetzung, um Chef zu werden. Ansonsten waren ja fast nie Journalisten mit der Führung des Unternehmens beauftragt, sondern Juristen, Kaufleute, Politiker-Pressesprecher oder ORF-interne Personen, die dann alle dem Job nicht gewachsen waren oder keine journalistische Begabung hatten oder nicht durchsetzungsstark waren.

Freilich, wo auch immer im Land man um sich blickt: Ein neuer Bacher scheint auch außerhalb des ORF nirgendwo zu finden sein, jemand, der imstande wäre, die immer mehr nach links abgesumperten, aber formal übermächtig gewordenen Redaktionen wieder zu einem ausgewogen arbeitenden Team umzuformen, das nicht für seine Ideologie arbeitet, sondern für die zahlenden Konsumenten, für das Volk der Bundesverfassung, von dem alles Recht ausgeht. Unter Bacher hatte jeder ORF-Redakteur Angst vor seiner persönlichen Qualitätskontrolle,  seinen oft lautstarken Telefon-Anrufen, weil Bacher fast immer einen krassen Fehler oder eine inkorrekte Einseitigkeit aufgedeckt hatte.

Die Bacher-Nachfolger haben sich hingegen kaum um die redaktionellen Inhalte gekümmert. Sie sind in organisatorischen, finanziellen, personellen Fragen untergegangen. Der Song-Contest war ein typisches Beispiel für jene Unwichtigkeiten, welche in den letzten Jahren die gesamten Sorgen und das gesamte Geld der ORF-Führung absorbiert.

Unter schwachen Führungen und in einer basisdemokratischen Struktur konnten die aus diversen Gründen immer linkslastiger gewordenen Redaktionen schalten und wüten, wie sie wollten. Sie haben sich absurde Redaktionsstatute erkämpft, welche die eigentlichen Vorgesetzten zu Randfiguren machen, wie es etwa im Kommunismus die Fabriksdirektoren waren, während die eigentliche Macht bei den jeweiligen Parteisekretären und Politkommissaren lag. Wie schädlich solche Strukturen sind, kann man an der Entwicklung der kommunistischen Wirtschaft genauso ablesen wie eben an jener des ORF.

Es kann überhaupt kein Zweifel sein, dass das zentrale Problem des ORF seine schwer linkslastige Redaktion ist. Daneben verblassen alle anderen, freilich ebenfalls relevanten Probleme, wie die widerliche Nebengeschäfts-Korruption vom Stiftungsrat bis zu den Starredakteuren, wie die lächerlichen Vorwürfe, mit denen unfssbarerweise der Abschuss des bisherigen (inhaltlich freilich auch schwachen) Generaldirektors in einer raffinierten Intrige gelungen ist.

In Deutschland ist jetzt von der Politik eine eigene Kommission – außerhalb des Einflusses der Gebührenmedien! – eigesetzt worden, um den auch dort massiv berechtigten Vorwurf der Einseitigkeit zu untersuchen. In Österreich wird nicht einmal angedacht, diese zu untersuchen (vielleicht weil eh jeder weiß, dass es stimmt?).

In Österreich glauben statt dessen naive Geister, dass wenigstens außerhalb des ORF vielleicht neue Chefs für diesen  zu finden sind, die ein MOGA schaffen, ein Make ORF Great Again.

Lassen wir jene Kandidaten beiseite, die sich durch das Auffliegen massiver journalistischer Korruption schon vorweg selbst aus dem Rennen genommen haben. Derzeit stechen unter den Bewerbern vor allem die langjährigen Geschäftsführer von APA (Clemens Pig) und Puls4/ATV (Markus Breitenecker) hervor. Beide sind ordentliche und nette Kaufleute, haben auch ihre jeweiligen Läden gut mit kaufmännischen und technischen Ideen modernisiert: Aber im entscheidenden Punkt haben auch sie beide total versagt. Denn beide sind keine Journalisten. Daher können sowohl bei der APA wie auch bei Puls4/ATV die Redaktionen mindestens genausoweit links marschieren wie beim ORF. Die Geschäftsführer haben nie eine spannende und die Seher ansprechende Ausgewogenheit und Vielfalt durchsetzen können. Sie waren wohl daran auch gar nicht interessiert. 

Noch schlimmer ist das offensichtliche Interesse der gewaltig Druck machenden Kronenzeitung, auch wenn sie aus gutem Grund keinen Namen präsentiert. Tatsache ist jedenfalls, dass diese einst so erfolgreiche Zeitung nach dem Abgang der Gründergeneration eine journalistische Nullnummer mit stark schrumpfender Leserschaft ist, von der schon gar keine Erneuerung des ORF ausgehen kann.

Nein, das hier ist kein Plädoyer für einen anderen Kandidaten. Das ist ein Plädoyer für die mehr als dringende Erkenntnis, dass der ORF in seiner gegenwärtigen Konstruktion unrettbar ist. Das wird mit absoluter Sicherheit auch in der Ära des nächsten Chefs klar werden. Wer auch immer das sein wird. Es ist im Grund trotz aller derzeit aufwallenden politmedialen Aufgeregtheiten ja schon fast egal, welcher Name am Schluss herauskommt.

Positiv kann nur eine grundlegende Änderung sein. Dafür gibt es drei Möglichkeiten:

  1. Abschaffung der Gebührenpflicht: Das wäre das Einfachste und Logischste. Die ORF-Redaktionen, die schon jetzt die Inhalte bestimmen, übernehmen den Sender ganz und zwar auch formell. Sie müssen dann schauen, ob sie genug freiwillige Gebührenzahler finden. Sie müssen dabei aber jedenfalls auf einem künftig ebene Spielfeld mit allen anderen Anbietern konkurrieren. Das hätte für den ORF Vorteile und Nachteile. Für den ORF fielen im Gegenzug alle bisherigen Beschränkungen und Benachteiligungen gegenüber der Konkurrenz weg. Er hat außerdem immer noch die Vorteile, dass viele Menschen den ehemaligen Platzhirschen halt gewöhnt sind.
  2. Beibehaltung der Gebührenpflicht und Aufteilung der daraus kommenden Einnahmen auf alle Medien nach gewiss komplizierten Bewertungsmethoden, wie weit sie ausgewogen, österreichisch und niveauvoll sind: Das ist schwierig, aber schaffbar und jedenfalls weit besser als der Istzustand, wo die ORF-Menschen miese Qualität und ein radikal einseitiges Weltbild präsentieren, von dem nur sie selbst behaupten, dass es ausgewogen, österreichisch und niveauvoll wäre. 
  3. Beibehaltung der Gebührenpflicht und Aufteilung der Fernsehredaktionen in eine linke und eine rechte (oder auch eine dritte) Abteilung. Jene Abteilung, die da bei den Konsumenten die höhere Glaubwürdigkeit erringt, gewinnt auch den höheren Anteil der Gebühren. Gemeinsam sind nur Administration und Technik. Bei den Auslandskorrespondenten könnte man einander abwechseln. Damit müsste die einseitige Hetze der letzten Jahre auf das dann deklariert linke ORF-Programm reduziert werden. Dort könnte dann halt weiter – wie erst wieder in den letzten Stunden – gegen "christlichen Nationalismus" oder "Rechtsnationalismus" von mit der ÖVP verbundenen Parteien gehetzt werden. Dort könnten FPÖ und AfD regelmäßig in die Nähe eines (natürlich) nie definierten "Rechtsextremismus" gerückt werden. Dort könnten weiterhin die dramatischen Folgen von Migration und Islamisierung beleuchtet werden. Dort könnte die Berichterstattung über die Kirche weiterhin nur aus kampffeministischer Warte geschehen. Ein solches Modell gab es etwa zumindest früher lange beim italienischen Staatsfernsehen. Ein solches Modell gibt es de facto bei der FAZ, wo jeder Herausgeber weitgehend autonom einen Teil der Zeitung leitet und dabei durchaus unterschiedliche Akzente setzt.

Nichts davon wird natürlich passieren. Gott behüte uns vor zu viel Demokratie und Pluralismus. Im wirklichen Leben wird die Abwärtsfahrt des ORF mit Einseitigkeit und Seher/Hörer-Verlusten weitergehen. Lediglich die Namen auf ein paar Türschildern werden sich ändern ...

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