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Wenn ein Papst eine Enzyklika zu einem aktuellen gesellschaftspolitischen oder ökonomischen Thema schreibt, dann ist die Gefahr groß, dass da dann oft der linke Strukturkonservativismus durchkommt, der ja auch in der Kirche viele Sympathisanten hat, also die Angst vor jeder neuen Entwicklung. Denn die meisten Menschen haben sich ja a priori einmal immer vor allem Neuen gefürchtet und die schrecklichsten Auswirkungen prophezeit, ob das nun die Dampfmaschine gewesen ist, die Eisenbahn, der Buchdruck, das Auto, das Kino, das Radio, das Fernsehen oder der Computer. Umso erfreulicher ist, dass das bei Papst Leos Text zur Künstlichen Intelligenz höchstens am Rande der Fall ist.
Er analysiert die KI vielmehr vorsichtig abwägend und überlegend. Und dennoch ist es mutig, wichtig und gut, dass sich der amerikanische Papst an dieses tabubehaftete Thema herangewagt hat. Dass er vor allem gerade bei einem scheinbar rein technischen Bereich darauf pocht, dass der Mensch im Mittelpunkt zu stehen hat.
Zweifellos gibt es viele extrem gute Seiten an der KI, was eine zum ständigen Jammern und Fürchten neigende Gesellschaft gerne ignoriert. So wird es dank der KI zweifellos noch viele Fortschritte in der medizinischen Forschung geben – etwa im Kampf gegen Krebs oder gegen genetisch bedingte Erkrankungen –, aber auch auf vielen anderen Feldern der Wissenschaft, Technik und Forschung. Genauso sicher positiv ist, dass die KI auch viele Routine-Büroarbeiten übernimmt, sodass Menschen sich sinnvolleren Tätigkeiten widmen können.
Dennoch hat die KI bereits große Ängste ausgelöst, die sich vor allem in der Frage zusammenfassen lassen: Werden wir alle arbeitslos? Diese Ängste kommen einem freilich besonders in Europa, aber auch in fast allen anderen entwickelten Ländern ein wenig lächerlich vor, sind doch die letzten Jahre auf Grund der Demographie ganz von der sich schon in vielem zeigenden Sorge geprägt gewesen, dass uns die qualifizierten Arbeitskräfte ausgehen.
Nein, die KI wird mit Sicherheit die Menschen nicht arbeitslos machen. Sie wird ihnen vielmehr viel Arbeit abnehmen, so wie es schon die Maschinen getan haben, ohne dass die Welt untergegangen wäre. Trotz der diversen großen Erfindungen und dem Siegeszug der kapitalistischen Marktwirtschaft sind die Existenzängste arbeitslos gewordener Kutscher oder Betreiber von Handwebstühlen unberechtigt gewesen, obwohl sie ob des Verlusts ihrer bisherigen Tätigkeit anfangs verzweifelt gewesen sind. Denn letztlich haben sich viele neue Möglichkeiten aufgetan, sein Brot zu verdienen, mehr Brot zu verdienen.
Das wird auch in Zukunft geschehen. Es gibt sogar jetzt schon große Nachfrage an "alten" Tätigkeiten, für die sich zu wenige Menschen finden, etwa an jenen, die man als sozial bezeichnet. Man denke beispielsweise an den wachsenden Bedarf an Menschen, die pflegende Menschen benötigen, die in ihrer Einsamkeit ohne menschliche Zuwendung und Zeit verzweifeln.
Trotzdem sollte man nicht alle Bedenken und Sorgen wegen der Entwicklung der KI vom Tisch wischen. So richtig und gut es ist, wenn die staatliche Tätigkeit vereinfacht wird, wenn der Staat deshalb weniger Steuern verschlingt, wenn dadurch Menschenschmuggler, Terroristen und großer Sozialbetrug aufgedeckt werden, wenn das heute in vielen Amtsschreibtischen schlummernde Wissen der Behörden zusammengeführt wird, so gefährlich wäre es, wenn daraus eine Einschränkung der individuellen Freiheit entstehen würde, wie sie etwa George Orwell schon skizziert hat. Oder wie sie die chinesische Diktatur bereits verwirklicht hat. Wenn also jede Überquerung einer Straße bei Rot, jeder Blick aufs Handy am Lenkrad, jede "vergessene" Meldung eines kleinen Umsatzes, zur Akkumulation staatlicher Schlechtpunkte führen würde, die einen dann lebenslang begleiten, die in der Summe zum Verlust mancher Bürgerrechte führen, weil wir "schlechte" Staatsbürger sind.
Die Gefahr der Addition dieser lässlichen Sünden, mit denen wir bisher oft unentdeckt davongekommen sind, durch die Allwissenheit der KI und durch die Machtgier vieler Staaten zu einem existenziellen Drama ist groß. Noch gefährlicher wäre es, wenn der Staat "falsche" Meinungen mit den Mitteln der Künstlichen Intelligenz entdecken und bestrafen könnte. Daher ist es wohl schon heute das Allerdringlichste, viel stärker wieder eine echte Meinungsfreiheit herzustellen. Es muss darum gehen, dass es gar keine Meinungen mehr geben darf, die der Staat verfolgen darf. Es muss schon heute gestoppt werden, dass Schlapphüte und Polizeibehörden jemanden freihändig wegen seiner Anschauungen und Meinungen als Extremist titulieren, obwohl diese Meinungen keinen Aufruf zur Gewalt, keinen Sturz der Verfassung zum Ziel haben.
Durch Einsatz der KI könnten solche jetzt schon dramatisch stärker gewordenen Zensurtendenzen, die de facto auf eine totalitäre Einschränkung der Freiheit hinauslaufen, noch viel unerträglicher werden. Hier müssten wir wirklich ein Stoppsignal setzen.
Daher tut es gut, wenn der Papst intensiv über all das nachdenkt. Wenn er bei Anerkennung des Nutzens der KI auch auf die Gefahr für jeden einzelnen Menschen hinweist. Wenn er den Menschen auch in seiner Fehlerhaftigkeit als zentral hinstellt. Wenn er davor warnt, dass die Menschheit wie beim Turmbau von Babel durch die KI versucht, wie Gott zu sein. Wenn er vor einer Dehumanisierung als großer Gefahr durch die KI warnt.
Genauso klar ist festzuhalten, dass der Papst schlicht falsch liegt, wenn er in der Enzyklika so wie sein Vorgänger auf die freie Marktwirtschaft hinhaut. Denn in Wahrheit ist überhaupt nur der liberale, pluralistische Rechtsstaat der kapitalistischen Welt imstande, uns gegen die schlimmen Folgen der KI zu schützen. Denn wirklich schlimm wäre es nur, wenn die durch die KI mögliche Wissensakkumulation in die Hände eines allmächtigen totalitären Staates geriete.
Ein Sam Altman, ein Peter Thiel oder ein Elon Musk kann uns eben nicht verfolgen und einsperren – um nur drei der Männer zu nennen, die von der schlichten Weltsicht der Linken zu Personifikationen des KI-Teufels gestempelt werden. Der chinesische Staat kann es hingegen gegenüber seinen Untertanen sehr wohl. Er kann mit Hilfe der KI falsch denkende Bürger noch viel brutaler und effizienter unterdrücken.
Daher tut es gut, dass etwa das besonders erfolgreiche und beim Mainstream besonders schlecht angeschriebene KI-Unternehmen Palantir sich geweigert hat, der US-Regierung die schier unbegrenzten Möglichkeiten seiner KI zu überlassen. Daher tut es enorm gut, wenn Musk, der derzeit reichste Mann der Welt, sich trotz ihrer früheren Freundschaft traut, offen und intensiv Fehlentwicklungen Trumps zu kritisieren.
In China oder Russland sind solche Männer, die auf wirtschaftlichen Erfolg bauend sich eine eigene Meinung erlauben, hingegen regelmäßig rasch weg vom Fenster. Sie müssen ihr bisheriges großes Fenster auf die Welt gegen ein vergittertes eintauschen, das ihnen nur noch ein winziges Stück des Himmels zeigt – oder gar gegen den Blick auf den Deckel eines Sarges, wenn sie nicht rechtzeitig in den ach so bösen kapitalistischen Westen geflüchtet sind, wo sie dann ebenso wie die Musks und Thiels, aber eben auch wie Kunz und Hinz frei jede Meinung sagen und schreiben können. Zumindest solange die totalitär gesinnten "Verfassungsschützer" aus Deutschland oder Österreich dort nicht das endgültige Sagen bekommen.
PS: Rasch im Steigen ist auch die Angst vor den autonomen Waffen, die sich mit Hilfe der KI ganz selbstständig ihr Ziel suchen. Die sind gewiss unheimlich. Aber das gilt genauso für die russischen Raketen, die offenbar wild und ungezielt ukrainische Städte demolieren. Im Vergleich muss man fast sagen, dass da die KI-gelenkten Drohnen der Ukraine noch relativ humaner sind, weil sie viel besser gezielt russische Öl- und Gasanlagen, Fabriken, Flugplätze und Bahnknotenpunkte angreifen. Auch sie treffen zwar immer wieder ungeplant zivile Ziele – tun das aber viel seltener als die nur noch auf Terror abzielenden russischen Geschoße.