Abonnenten können jeden Artikel sofort lesen, erhalten anzeigenfreie Seiten und viele andere Vorteile. Ein Abo (13 Euro pro Monat/130 pro Jahr) ist jederzeit beendbar und endet einfach durch Nichtzahlung.
Abonnenten können jeden Artikel sofort lesen, erhalten anzeigenfreie Seiten und viele andere Vorteile. Ein Abo (13 Euro pro Monat/130 pro Jahr) ist jederzeit beendbar und endet einfach durch Nichtzahlung.
Auch wenn Charisma und Rhetorik wohl nie zu den Haupteigenschaften des Christian Stocker zählen werden, so kann die Volkspartei mit seiner groß angekündigten Neujahrsrede doch recht zufrieden sein. Es war ein kleiner Befreiungsschlag für die bei 20 Prozent herumgrundelnde ÖVP. Der Parteichef hat seine Partei – wenn es nicht wieder einmal bei bloß rhetorischen Turnübungen bleibt – nach langer Defensive und Selbstaufgabe im Rahmen einer Nach-Kickls-Nein-ist-ja-gar-nichts-anderes-übriggeblieben-Koalition doch in mehreren Bereichen wieder in die Offensive gebracht, vor allem sind ihm inhaltlich wie parteitaktisch zwei Geniestreiche geglückt. Gleichzeitig sind ihm aber auch zwei fundamentale Denkfehler unterlaufen (die freilich in der Realitätsferne der heimischen Parteienlandschaft niemandem auffallen werden).
In die inhaltliche wie taktische Offensive versucht Stocker vor allem durch zwei Aufsehen erregende Geniestreiche zu kommen, die beide Vorschläge in die richtige Richtung in die politische Diskussion einbringen, die beide die anderen Parteien in Schwierigkeiten bringen dürften:
Einerseits waren die Sozialdemokraten immer die Partei, die eine extrem gute Behandlung der Migranten (und erhofften künftigen Wähler) auf allen Ebenen – von den Geldleistungen bis zur Gesundheitsversorgung – als angebliche "Haltung" ganz stark betont hat. Andererseits spüren auch die Roten die immer größere Unzufriedenheit gerade der eigenen Wähler besonders mit dem Gesundheitssystem, das heute durch rund zwei Millionen Menschen mit Migrationshintergrund massiv überfordert ist. Überdies droht nicht nur von der SPÖ und ihren vorgelagerten NGOs Ungemach bei der Durchsetzung einer richtigen und für das Gesundheitssystem wichtigen Idee, sondern auch von einem Verfassungsgerichtshof, der sich gesellschaftspolitisch in den letzten Jahren links von der SPÖ positioniert hat.
Stocker dürfte dadurch erstmals eine klare inhaltliche Konfrontation mit den beiden Koalitionspartnern auslösen, wenn sie nicht beim ÖVP-Vorschlag mitgehen. Eine solche Konfrontation (auch wenn die Mainstreammedien sie kritisieren werden) ist für die Rettung der Identität der ÖVP fast lebenswichtig, die sonst mit den beiden anderen Parteien weiter bergab schwimmen würde, mit denen Stocker bisher zum Schaden für die eigene Partei ganz auf Regierungseintracht getan hat..
Damit aber kommt auch die FPÖ in Zugzwang. Denn sie hat im Grund nur zwei Möglichkeiten:
Beide Forderungen Stockers positionieren die ÖVP statt des bisherigen undefinierten "Mitte"-Geredes wieder als klare Mitte-Rechts-Partei in Nachfolge der einstigen Kurz-Politik. Stocker hat deshalb klugerweise auch auf alle direkten Attacken auf die FPÖ verzichtet. Denn solche Attacken hätten nur viele der von der ÖVP zur FPÖ gependelten Wähler als persönlichen Vorwurf für ihre Entscheidung empfunden, was psychologisch sehr ungeschickt wäre.
Darüber hinaus hat der ÖVP-Obmann noch weitere grundsätzlich richtige Offensivpunkte genannt, beziehungsweise wiederholt. Freilich müsste er auch zu diesen Punkten konkretere Umsetzungs-Ideen präsentieren – in Hinblick auf eine Koalition mit eineinhalb Linksparteien. Diese Punkte sind:
All diese Positiva können freilich nicht ganz vom doppelten Denkfehler im Auftritt des Christian Stocker ablenken:
Er zitiert zwar Winston Churchills Spruch von "Blut, Schweiß und Tränen" –, aber um sich sogleich ausdrücklich von diesem zu distanzieren. Damit hat er einen klaren Denk- und Kommunikationsfehler begangen. Er hat die dialektische Botschaft nicht drüber gebracht, dass nur durch Bereitschaft zu ein wenig Churchill angesichts der pessimistisch zu beurteilenden Weltlage auch Optimismus in Hinblick auf eine lichtere, weil sichere Zukunft möglich ist.
Dabei sind ein paar Monate mehr Wehrdienst ohnedies nur eine Kleinigkeit gegenüber jener Menge von "Blut, Schweiß und Tränen", die Churchill 1939 seiner Nation notwendigerweise zu ihrem Überleben verschreiben musste, nachdem diese lange von seinen populistischen Vorgängern in dem Irrglauben gewiegt worden waren, dass man nur fest von Frieden (oder parallel in Belgien von "Neutralität!") reden müsse, dass man dem Bösen nur ein wenig nachgeben müsse (den Nazis damals halt Österreich und dann die Tschechoslowakei opfern – so wie heute manche Naivlinge den Russen die Ukraine opfern wollen), um "Peace in our time" zu haben.
Die Unsinnigkeit dieser Behauptung sieht man etwa dann, wenn man die Gegenprobe versucht: Denn, wenn Stocker Recht hätte, gäbe in all den Staaten, die nicht neutral sind, keine Grundlage und Notwendigkeit für eine Landesverteidigung.
Nein, Herr Bundeskanzler, die Grundlage und die Notwendigkeit der Landesverteidigung, der militärischen, der geistigen, der zivilen Landesverteidigung wurzeln ganz wo anders, nämlich in der wichtigsten Aufgabe jedes Staates:
Das ist die Sicherung und Verteidigung des Landes und der Bürger dieses Staates gegen jeden Angriff von außen. Das ist die Unabhängigkeit und Freiheit des Staates und seiner Menschen.
Das war und ist der Kern der Existenz des Staates Österreich, vor der Erlassung des Neutralitätsgesetzes wie auch nachher. Das ist – auch – den Österreichern wichtig und zentral. Das hat der Staat vor allem anderen als oberste Pflicht. Nur dafür darf er ein Opfer der Bürger fordern.
Zum Erreichen dieser Unabhängigkeit war zwar 1955 die Neutralitätserklärung richtig. 70 Jahre später – insbesondere nach 1992, also dem Untergang eines Signatarstaates des parallel, aber ohne juristische Kausalität abgeschlossenen Staatsvertrags, nach Zerfall des Warschauer Paktes und nach Beitritt zur EU mit ihrer Beistandspflicht – ist sie in Wahrheit nicht mehr richtig oder sinnvoll. Wenn zur Sicherung von Freiheit und Unabhängigkeit die Aufgabe der Neutralität hilfreich sein sollte, dann ist diese ganz eindeutig aufzugeben.
Es ist schade, dass in keiner der drei Mittelgroßparteien dieses Landes diese eindeutige Logik begriffen wird. Dass auch ein Bundeskanzler völlig unsinnige Zusammenhänge herstellt. Aber nur, wenn auch die Grundlage, wenn die zentrale Aufgabe eines Staates begriffen wird, haben letztlich all die richtigen Dinge, die Stocker vorgetragen hat, einen Sinn.