Die Gender-Gnosis

 

Den biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau zu relativieren, ist für moderne Genderideologen eine selbstverständliche neue Norm. Diese gründe sich auf die "wissenschaftliche Einsicht", dass ein Wechsel der Geschlechter ebenso selbstverständlich und mithin "natürlich" sei wie die bisher als Norm geglaubte und vertretene Position, dass Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen habe. Mit dieser Formel hatten die Kirchen des Christentums ihr bisheriges Verständnis von ‚Menschheit‘ und von ‚Ehe‘ deutlich genug und mit ihren Heiligen Schriften übereinstimmend ausgesprochen.

Aber es kommt noch interessanter: nicht nur der freie Wechsel zwischen den bisher als grundlegend anerkannten Stammgeschlechtern der Menschheit steht zur Disposition, auch die Ankunft neuer Geschlechter sei nicht mehr auszuschließen.

Schon der äußerst schwache und gebrochene Widerstand der Kirchen gegen das Novum einer "Ehe für alle", das der politische Wille einiger Parlamente in Europa durchsetzte und als gesetzliche Norm installierte, mußte erste Zweifel erwecken, ob den Kirchen die Ehe zwischen Mann und Frau immer noch ein besonderes Anliegen ist. Die Kirchenoberen gaben sich "überrumpelt" oder äußerten sogar offene Sympathie für die neue Geschlechterordnung. Weil aber die Institution Ehe in der Katholischen Kirche als Sakrament und in den anderen Kirchen als gottgesegnete Verbindung zwischen Mann und Frau anerkannt und verkündet wird, mußten scharfe Dispute und Verwerfungen über diese Frage sowohl gesamtgesellschaftlich wie auch in den Kirchen selbst aufbrechen.

Rasch formierten sich mehrere Fraktionen. An einem Extrem jene Gemeinden, die ihre Kirche als Regenbogenträgerin markierten, am anderen Extrem jene, die an ihre Kirchoberen appellierten, den Geist und den Buchstaben der Heiligen Schriften und Gebote nicht endgültig zu verraten.

Was Gott geboten und vereinigt sehen will, das solle der Mensch nicht willkürlich trennen (oder vereinigen). Keine Wissenschaft habe die Macht und das Recht, neue moralische und sittliche Normen neben den seit Jahrtausenden anerkannt existierenden einzuführen. Und was für die Wissenschaften gelte, gelte auch für die Politik, für die Parlamente und für die Regierungen der Staaten.

Außerdem werde durch das neue Gesetz möglicherweise auch dem nach Europa vordringenden Islam ein weiteres Einfallstor geöffnet. Jedenfalls könnten schlaue Imame das Recht der Moslems, auch in Europa und der gesamten Ersten Welt polygamisch zu leben, rechtskräftig einklagen. Mit weitreichenden und heute noch unabsehbaren Folgen, – auch die Mormonen in den USA könnten das über sie verhängte Polygamie-Verbot in Frage stellen. (Wird ‚Ehe‘ substantial entkernt und auf ‚Liebe‘ zwischen Menschen beliebigen Geschlechts reduziert, ist prinzipiell auch eine Ehe zwischen Kindern, sogar eine zwischen Menschen und Tieren möglich, und nur noch rechtliche Grenzmarkierungen können der totalen Explosion des substantiellen Ehebegriffs eine Zeitlang Widerstand leisten.)

Mit der machtpolitisch durchgesetzten Genderfrage (wie viele und welche Geschlechter sollen die Kultur der künftigen Menschheit beglücken?) wurde auch die Demokratiefrage drängend: Ist die repräsentative Demokratie in Zeiten großer Umbrüche, die nun sogar die biologischen Grundnormen des Menschen umwerten, nochmals zeitgemäß, ist sie immer noch politisch legitim?

Wird der repräsentative Wille der Parlamente der Nationalstaaten nicht restlos überfordert, wenn er innerhalb wenigjähriger Legislaturperioden über Fragen entscheiden soll, die alle Generationen (und deren Geschlechter) der Zukunft in ein sozusagen neues Flussbett umleiten sollen? Kann und darf beispielsweise das ägyptische Parlament und dessen Regierung über eine Neubettung des Nils entscheiden, ohne den Willen der aktuell lebenden Ägypter zu respektieren oder wenigstens zu befragen?

Die demokratische Repräsentation ist ein Lehen auf Zeit, und davon ist das Repräsentieren innerhalb der experimentellen Demokratie der Europäischen Union (EU) nicht ausgenommen, sondern im Gegenteil: viel stärker betroffen. Eine fiktive "Nation" von aktuell 27 Nationen ist um vieles weniger leicht zu repräsentieren, weniger leicht zu regieren, allerdings auch weniger leicht zu respektieren oder auch nur befragen.

Ein nationales Parlament hantelt sich im Vierjahres-Rhythmus an der Stange seiner repräsentierenden Regierungs- und Oppositionsmacht durch die Zeit. Doch sind die Inhalte und Probleme des Lebens aller Menschen, über die unsere gewählten politischen Entscheider entscheiden, bekanntlich viel langlebiger, manche sogar menschheitlich langlebig. 

Da liegt es nahe, dass sich die nationale Parlamente bei übernationalen Parlamenten und Institutionen Rat und Weisung holen. (Je höher die Lage und Position der politischen Entscheider, eine umso bessere Übersicht über das große Ganze biete sich dar.)

In der Hierarchie der Parlamente Europas läßt man sich daher nicht nur durch die EU beraten und lenken, sondern besser noch durch die UNO, deren Organe bekanntlich – nach einer rührenden Entscheider-Einsicht der Chefrepräsentantin der Berliner Republik – "demokratisch legitimiert" seien.

(Mit der informellen Gründung eines Weltstaates kann man nicht früh genug beginnen. Wer jetzt nicht gründlich vorausdenkt, den könnte die Geschichte später bestrafen, weil er zu spät gekommen ist, – ein bekannter spätkommunistischer Denkslogan.)

Und da die richtige Anzahl künftiger Geschlechter ohne Zweifel eine Menschheitsfrage ersten Ranges ist, fragt es sich, ob man  diese Frage  nicht direkt einer Dependance des Weltsicherheitsrates vorlegen sollte, Nur ganz oben sind universale Entscheidungen möglich, auf den unteren Entscheider-Ebenen der Menschheit lassen sich immer nur partikulare Normen ermitteln. Nur fünf bis sechs Geschlechter in Japan, aber zwölf bis dreizehn im neuen Deutschland: Das kann der politischen Weisheit höchster Schluß nicht sein.

Die neue Menschheits-Mission

 Doch in den obersten UNO-Gremien (diese mögen "demokratisch legitimiert" sein oder nicht) dominiert eine Überzahl von islamischen, afrikanischen, asiatischen und anderen Staaten und Kulturen, die mit der neuen Geschlechter-Utopie, die hauptsächlich von den USA und (EU-)Europa ausgeht, wenig bis nichts anfangen können. Nur in der Ersten Welt haben sich säkulare linksgrüne (Bobo-)Milieus gebildet, die neben anderen Vielfalten auch eine künftige Geschlechter-Vielfalt der Menschheit auf ihre Fahnen geschrieben haben.

Lediglich die Erste Welt fungiert und agitiert als selbsternannte Avantgarde einer neuen Menschheit; die "anderen Menschheiten" verhalten sich noch bedeckt bis zurückhaltend. Ein Zustand, der den Missionsdrang der Apostel der neuen Geschlechterreligion zusätzlich motiviert und auf Trab hält: Was der mehrheitlichen Menschheit heute noch fremd und absurd erscheinen mag, wird ihr bald zur "zweiten Natur", zur kulturell gelebten Normalsitte geworden sein.

Bis dahin mag ein noch weiter Weg sein, aber die Länge des Weges war für die Enthusiasten und Erweckten einer neuen Wahrheit noch niemals ein Grund, am hohen Ziel zu zweifeln und an seiner Erreichbarkeit zu verzweifeln. Weder wurde Rom an einem Tag erbaut, noch wurde die Menschheit von der Sklaverei binnen eines Jahres befreit.

Jetzt sei erst noch die Stunde der Vorbereitung zum Kampf, zur Aussendung der Apostel in alle Teile der Welt, der große Anfang einer globalen Missionierung, die schlußendlich alle Versprechen und Prophezeiungen der sakrosankt geschriebenen Geschlechterreligion erfüllen wird. 

Je gründlicher und umfassender die Vorbereitung heute, umso erfolgreicher und zielführender die nachfolgende Durchführung. Mit einem Wort: Ehe das große Umerziehen beginnt, ist die Suche nach einer "gerechten Gendersprache" das Gebot der Stunde.

Die bisher durchaus sinnvoll dienenden Nationalsprachen, die nochmals zwischen grammatikalischen und realen Geschlechtern zu unterscheiden erlaubten, sind so rasch und so gründlich wie möglich durch realgeschlechtliche Sprachen zu ersetzen, wobei die neue Gerechtigkeit zunächst in erster Linie nur die Sektion der weiblichen Geschlechtersprache im Auge hat. Das Kalkül dieser Operation ist evident: Haben sich die Menschen der Zukunft an die neue Geschlechtersprache gewöhnt, werden sie auch bereit sein, den neuen Worten neue Taten, auch solche folgen zu lassen, von denen sie jetzt noch nicht einmal träumen.

Ein Déjà-Vu

Dieses Versprechen bei gleichzeitiger Einübung erinnert frappant an ein ähnliches Verhalten in der neueren Geschichte der Musik. Arnold Schönberg hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts verkündet, der Gegensatz von Konsonanz und Dissonanz sei für die Musik der Zukunft, die mit seiner Musik bereits begonnen habe, völlig obsolet geworden. Frei wählbare Sonanzen und deren Relationen würden an die Stelle des alten, langweilig gewordenen und überdies diskriminierenden Gegensatzes treten. Daher sei zunächst die Dissonanz aus allen Fesseln der noch mächtigen Tradition kanonisierter Tonsätze zu befreien. ("Emanzipation der Dissonanz".) Und schon bald werde das freie Dissonieren freier Töne einen neuen und ganz anders gearteten Tonsatz mit völlig neuen Tongeschlechtern in die Welt setzen.

Einer neuen schönen Kunstmusik stehe nichts mehr im Wege, wenn nur die ewiggestrigen Wächter der Tradition entmachtet und die neuen Klänge Gewohnheit geworden sind. Ein neuer Tonsatz, an dem seine dodekaphone Lehre einer "Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen" bereits erfolgreich arbeite, werde der deutschen Kunstmusik die vorübergehend verlorene Führungsrolle in der höheren europäischen Musikkultur zurückerobern.

 Heute sehen und hören wir zwar nirgendwo "neue Tongeschlechter" dominieren und erklingen, aber innerhalb dessen, was von der "höheren Musikkultur" übrig geblieben ist, wird Schönbergs Werk im schmalen Segment "Ernste Musik" (E-Musik) nach wie vor als erfolgreiche Bestätigung seiner neuen Lehre gepriesen.

Doch mit dieser Musik hat der Mensch unserer Tage bekanntlich nur mehr äußerst wenig am Hut: Seinen Alltag begleitet eine unübersehbare Menge von U-Musiken. Eine global fabrizierte und gesteuerte Entertainer-Musik hat in seinem Leben eine gänzlich andere "Führungsrolle" übernommen als jene, die die Gründerväter der "klassischen Moderne" glaubten begründet zu haben. In der neuen Musikkultur des gegenwärtigen Menschen ist der traditionelle Gegensatz von Konsonanz und Dissonanz immer noch  präsent, und selbst noch der bieder-konservative Unterschied von Dur- und Mollgeschlechtern dominiert die Welt der "Songs und Alben, der Charts und Nummern." Nur das vermeintlich abwertende Wort "U-Musik" darf man nicht mehr in den Mund nehmen: Denn, wie ein prominenter Wiener Musikkritiker unserer Tage nicht müde wird zu wiederholen: Nicht nur "bei Falco", auch "bei Mozart" könne man sich bestens unterhalten…

Aber was in der Geschichte der Musik (und schon bei Platon) offenbar schief gegangen ist, muß in der Geschlechter-Geschichte der künftigen Menschheit, mag diese auch dauermusikhörend geworden sein, nicht gleichfalls schief gehen.

Hello, Everybody!

Wenn neuerdings Fluggesellschaften ihre Gäste nicht mehr mit "Ladies and Gentlemen", sondern mit einem "Hello, Everybody" begrüßen, ist das "Everybody" wörtlich zu nehmen. 

Der vorauseilende Gehorsam einer Inklusion, die noch das speziellste Geschlecht des Menschen unter der Sonne als gleichberechtigtes neues Geschlecht annimmt, wird sich als neue Menschheitsfamilie in das Buch der Rekorde eintragen lassen. Es ist mehr Diversitas unter Menschen möglich, als die bisherigen Menschheiten anzunehmen wagten.

Eine totalitär offene und totalitär tolerante Kultur und Gesellschaft hat keine Wahl, sie muß ihr Verhängnis wählen und hat es bereits gewählt.

Die jetzige sexuelle Revolution wird als letzte aller vorangegangen deren Ziel erreichen. In der Perspektive ihrer Apologeten: den Triumph letzter unüberbietbarer Freiheit. Jeder Mensch suche, finde und wähle das ihm genehme Geschlecht. (Wenn er keines findet, mag er sich ein radikal individuelles, ein bewundernswert "einzigartiges" ausdenken und an seiner Psyche und seinem Körper realisieren – als freier Künstler seiner endlich befreiten Sexualität. Gegen die unendlichen Möglichkeiten der (trans)sexuellen Diversität waren selbst die Probleme von Ödipus bis Freud nichts als unmündige Kinder- und Doktorspiele.)

Ein neues "Subjekt der Weltgeschichte" wurde geboren, und rechtzeitig werden ihm die Eliten neuer Menschenwissenschaften zu Hilfe eilen:  Fürchtet Euch nicht, viele neue Menschen werden unter Euch sein und sich mit Euch vermischen. Schon heute reichen die Visionäre des Multigeschlechtlichen den Visionären des Multikulturellen beide Hände. Eine Handreichung, die in Europa sogar von Theologen und Kirchenoberen nicht verschmäht wird. 

In der Perspektive aller Feinde der freilaufenden Diversität hingegen wird ein Tor zur Hölle geöffnet: Wer sich seiner Geschlechtlichkeit lebenslang nicht mehr sicher sein kann, wird zum tragischen Heros niegewesener Odysseen. Das Kindsein der Zukunft wird zum Horrordasein von Qualen und Leiden, dem Legionen von Psychologen und Therapeuten mit autistischen Expertenphrasen und omnipräsenten Medikamenten einen nur ohnmächtigen, finanziell allerdings lukrativen "Widerstand" leisten. Betrüger betrügen Betrogene, und niemand weiß am Ende, wer mit dem allesdurchdringenden Betrügen begonnen hat: Kein kollektiver Wahn, der nicht in der Katastrophe eines selbstverschuldeten Schicksals endet. 

Wird die sexuelle Identität des Menschen zur kulturellen Verfügungs- und Konkursmasse, müssen deren Verwalter als neue Menschenschöpfer mitten unter die altgezeugten und altgeborenen Menschen wie Erleuchtete und Bevollmächtigte treten. Aber ihr Schöpfungsauftrag übertrifft den der antiken Gnosis ums Ganze, denn künstliches Vergeschlechtern wie künstliches Befruchten, Zeugen und auch Sterben stand den antiken Feinden der Kirchenväter noch nicht zur Verfügung.

Der aktuelle Transgender-Aktivismus (durch "soziale Medien" die Jugend der Ersten Welt unkontrollierbar durchdringend) sieht seinen kulturellen Sexual-Konstruktivismus durch die grenzenlosen Möglichkeiten der modernen Medizinwissenschaft und Pharmaindustrie wenn nicht bestätigt, so doch kräftig und unaufhaltsam gefördert.

Naheliegend der Irrglaube, der Mensch existiere frei und unabhängig von seiner biologischen Natur, diese sei lediglich ein Setzbaukasten, der sich nach Belieben und individuellen Wünschen verwenden lasse. Ein Irre-Denken einer fragmentiert denkenden Vernunft, an deren Pathologie das "Novum besticht", daß auch sie (wie der Kommunismus) bereit ist, die "schöpferischen" Konsequenzen seines Wahndenkens zu tragen.

Die vorwissenschaftlich vormodernen Kulturen wären noch am Trugbild des Menschen als Einheit von Körper und Seele gehangen. Dieser falschen Idylle werde die neue Menschheit, durch vereinte Kräfte befreit, zuerst in Europa zu entkommen wissen. Mitentscheidend daher das Gelingen einer fundamentalen Ideologie-Umwandlung: Bisher galt Heterosexualität als Grundlage und Stammsexualität des Menschen. Ab nun ergreifen Inter-, Homo- und Transsexualität die Stammesfahne der Menschheit.

Dieser Utopie entspricht die perfide Strategie der neuen Gnostiker, den Wunsch junger Menschen nach einer Geschlechtsumwandlung als somatisches, nicht als psychisches Problem pubertierender Menschen zu deuten. Deren vermeintlich erkanntes Problem, an einem falschen Sein in einem falschen Körper sinnlos leiden zu müssen, lasse sich ratzeputz beseitigen.

Keine Prophetie ist nötig, um vorherzusehen, daß die Verstümmelten eines späten Tages grauenhaft ernüchtert erwachen werden. Europas Jugend wird zwischen den Betäubungssälen der Operateure und den Betäubungsbunkern der Discos hin und her taumeln. Und als "natürliche" Ergänzung der letalen Biographien ungezählter Jugendlicher würden Rauschgift-Pandemien folgen, die ganze Gesellschaften und Staaten massenpsychologisch wie auch finanziell an den Rand des Abgrunds befördern könnten. Dann könnte auch eine EU, die mit Millionen Euros, die unerschöpflich aus künstlichen Hilfsfonds fließen, um sich wirft, das neue Europa nicht mehr vorbildhaftes Friedensreich für alle Welt präsentieren. Eine verabscheuungswürdige Todeskultur wäre entstanden, von der sich auch die aus aller Welt nach Europa "Geflüchteten" mit Grausen ab- und wieder heimwärts wendeten.

Neukultur als Unkultur

Was ist von einer Kultur zu halten, die den Unterschied der beiden Geschlechter (von Mann und Frau) nicht mehr erkennt und nicht mehr als Leitkultur anerkennt? Eine Kultur, die einen fundamentalen Unterschied noch jeder Kultur der bisherigen Menschheitsgeschichte zu eliminieren trachtet? Wünscht sie eine neue Menschheit zu erschaffen, um mit deren Neugeschlechtern die Zweite (islamische) und Dritte Welt zu kolonisieren?

Bisher galt auch in der Ersten Welt eine elastische Normativität ungebrochen: In gewissen Dingen ist die Frau dem Mann, in anderen Dingen ist der Mann der Frau überlegen. Und dieser Differenz waren die Unterlegenheiten von Kindern und Greisen wiederum untergeordnet. 

Allerdings kannte und kennt jede Kultur und vor allem jede Religion und deren Konfessionen, die oft sehr verschieden organisiert waren und sind, eine je eigene Geschlechterkultur. Aber keine war und ist bereit, den basalen Unterschied zugunsten einer egalitären Einebnung des Geschlechter-Unterschiedes von Mann und Frau zu kündigen.

Doch auf just diese Einebnung zielt die neue Menschheitsbeglückung der neuen Menschheits-Avantgarde ab. (Auch das Projekt Demokratisierung der Zweiten und Dritten Welt ist nun zurückgestellt: Wer nicht bereit ist, neue Geschlechter in seine Staatsverfassungen als neue Grundwerte aufzunehmen, darf am Kelch der Demokratie nicht mehr naschen.)

Doch noch stehen wir in der vorbereitenden Phase: zunächst soll das heilige Mittel "Gendersprache" die Realisierung des heiligen Zwecks vorbereiten helfen: die biologische Differenz zwischen Mann und Frau soll in einer sprachlich frei changierenden kulturellen Differenz verschwinden.

Nimm‘ der Menschheit ihren biologischen Unterbau weg, und ihr Überbau wird in phantastischen Neugestalten erblühen: Gegen dieses Prinzip der neuen Weltrevolution waren die Enteignungsphantasien der Marxisten von einfältiger Harmlosigkeit.

Auch Klimaaktivisten und Genderaktivisten erkennen sich nun gegenseitig in ihren Spiegeln, jedoch spiegelverkehrt: Denn in der menschlichen Natur wird das Biologische dämonisiert, in der außermenschlichen Natur wird es vergöttert. Hier ist die Artenvielfalt als höchstes aller Güter bereits erreicht und vorm allgegenwärtigen Klimatod zu bewahren. In der Kultur jedoch fehlt es noch am richtigen Kultur-Abbild der Natur. Mit nur zwei Geschlechtern kann die Menschheit im Kampf um ihr Überleben immer nur den Kürzeren ziehen.  

Wirrungen und Verwirrungen, wohin man blickt: verschwindet auch noch der Unterschied von Natur und Geist als vermeintlich bloß kulturell konstruierter Unterschied, ist der Zustand der Gnosis, die am Beginn des Christentums dessen Gründung und Entwicklung radikal gefährdete, auf neuer Ebene wieder erreicht.

Die Gender-Revolution ist eine kulturwissenschaftliche (Schein)Revolution, sie benutzt elitär ausgewählte kulturwissenschaftliche Thesen als Lunten und Sprengmittel, um ihre menschenfeindlichen Utopien unter dem Vorwand minderheitenfreundlicher Schutzbedürfnisse  zu realisieren. (Sie erweist auch den Kulturwissenschaften einen Bärendienst.) Indem sie alles, was die Naturwissenschaften (und ohnehin die traditionelle Philosophie) als vernünftige Grundlage der condition humaine erkannt haben, nicht als rotes, sondern als angeblich unbekanntes Tuch ignoriert, argumentiert sie irrational als Agent einer Gegenaufklärung, die mittlerweile bereits die gesamte Erste Welt, den Westen, an vielen Fronten im Griff hat.

Auch die pseudomagischen Exorzismen des Gendervokabulars sind ein sophistischer Teil einer sophistischen Praxis, die zu einer erschlichenen und erlogenen Menschheitsrevolution führen soll. Es sind Pseudo-Exorzismen, die nahtlos an die Beliebigkeitsdiskurse der "ästhetischen Postmoderne" anknüpfen. "Everybody" soll alle weiblichen und männlichen Namensträger in eine neue Menschheit unerschöpflich neuer Menschengeschlechter inkludieren.

Antike  und neue Gnosis

 Schon die antike Gnosis, die einst von Augustinus und anderen Kirchenvätern aus den frühen Gemeinden der christlichen Kirche vertrieben wurde, war der Überzeugung, daß sich der Mensch durch erleuchtete Wissenspraxis (modern: spirituelle Aufladung) vom sündhaften Makel seiner Geschlechtlichkeit befreien könne und solle. Frei von aller Naturabhängigkeit sei der wahre Gläubige berufen, eine engelische Existenz jenseits aller menschlichen Körpergefängnisse zu führen.

Doch schwadronierte man noch nicht von 60 bis 70 Neu-Geschlechtern wie die moderne Gnosis. Eine riesige Legion an Patronanz-Engeln stand zur Verfügung, um die wahren Gläubigen beim Flug aus der Gefängniszelle des menschlichen Körpers zu führen. Diese Neu- und Andersgläubigen wollten freie Schöpfer ihrer selbst und zugleich religiös erleuchtete sein. Aauch der Gott Christi wurde vor den gnostischen Karren gespannt.

Die moderne Gnosis hingegen ist eine säkulare, die zur ihrer Selbstermächtigung eines Gott nicht mehr bedarf. Ihr genügen die Exzesse des wissenschaftlichen Aberglaubens, und zwar jenes, der sich der jeweiligen Laune der Zeit gemäß wie eine geistige Pandemie über die (Selbst)Auserwählten niedersenkt. (Auch die EU erbt nun, was sie gesät hat: eine große Mehrheit ihrer Entscheider-Gremien verwahrte sich gegen jeden Gottesbezug in ihren Grundverträgen.)

Anders als die Gnosis, glaubte das frühe Christentum an einen Gott, der den Menschen als Einheit von Leib und Seele, als untrennbare Synthese von Körper und Geist erschaffen habe.

Dabei wurden hermaphroditische Körper, die extrem selten erschienen, als unvernünftige (zufällige) Abnorm erkannt, die lediglich dazu diene, den Normgegensatz von Mann und Frau als vernünftigen zu bestätigen. (Noch Kant erkannte in diesem Sinne: Alles in der Natur geschieht nach Regeln, die auch durch deren Ausnahmen bestätigt werden.) Folglich sind die Geschlechter des Menschen weder Kostüme noch ablegbare Kleider, auch keine Anzüge, die bei Bedarf (welchem?)gegen andere austauschbar wären.

Eine solche Regel-Natur kennen die Philosophien der modernen Emanzipation nicht mehr, denn nach ihrer Logik wird man zB. nicht als Frau geboren, "sondern man wird dazu" (Simone de Beauvoir). Diese (kulturversessene) Hypothese, die niemals empirisch bestätigbar ist, öffnet das Tor zu einer ganz neuen, zu einer radikal kulturbeflissenen Gnosis. Da Gott aus dem Spiel ist, scheinbar auch eine Natur, die Naturgesetzen gehorcht, sind nun die Zwänge der Geschlechterrollen, die uns die Kultur aufnötigt, das neue Gefängnis, dem man sich entziehen soll und entziehen kann.

Doch damit tut sich das Tor zur Hölle einer Kultur auf, in der weder Regeln noch Ausnahmen, weder Gesetze noch deren Grenzen nochmals als Mittel zur Verfügung stehen, um verbindliche Normen für das Zusammenleben der Menschen zu begründen und zu bewahren. (Ein Eldorado für den sprichwörtlichen Winkeladvokaten, der seine Jurisdiktion wie seine Hemden wechselt.)

Auf der tieferen normativen Prinzipien-Ebene triumphiert nun das Nichtidentische des postmodernen Philosophierens: Nichts ist es selbst, alles ist ein Anderes und danach wieder ein Anderes. Unsere Eltern glaubten noch an Geburtsurkunden, an Taufscheine und ähnliche ehrwürdige (Identitäts-) Dokumente, von diesen Fesseln unserer freien Existenz sind wir endgültig befreit.

Über das Schicksal der Menschen, die unter diesem Gestirn leben (werden) müssen, möchte man losheulen, obwohl der neue Mensch selbst verwundert gegenfragen würde: wozu Schicksal? Ich lebe als Wesen ohne Identität, ohne mir zugehörige Eigenschaften, ich hafte an keiner einzigen, wo ist das Problem? Warum soll das Chamäleon der Natur nicht auch als freier Mensch existieren dürfen und können?

An dieser Quelle der Nichtidentität schöpft die Gender-Ideologie aus dem Vollen, und die Tragödie einer Kultur, in der sich auch einige Philosophien am sophistischen Geschäft des wissenschaftlichen Aberglaubens beteiligen, scheint durch kein Losheulen nochmals widerruf-, nochmals verhinderbar.

Leo Dorner ist ein österreichischer Philosoph.

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alle Kommentare

  1. Franz Lechner (kein Partner)

    Also Schönbergs Reihentechnik mit der Genderei in Bezug zu bringen, ist schon ein starkes Stück. Das eine war eine musikhistorisch folgerichtige und notwendige Entwicklung, das andere eine destruktive Keule von ultralinken Gesellschaftszerstörern und ihren hasserfüllten Hintermännern. Dabei sind Sie nicht einmal originell, hat man doch schon seinerzeit versucht, die "Gleichheit" der 12 Töne mit der Gleichheitsformel des Marxismus in Bezug zu bringen, was natürlich genau so albern war.
    Übrigens, was Ihre Auffassungsgabe eventuell übersteigen dürfte: das System der Atonalität "funktioniert", lässt ansprechende Musik zu. Der Genderismus führt dagegen zu Zerstörung und Auslöschung.



    • Leodorn

      Ihre (Toleranz)Liebe zur Zwölftonmusik in Ehren. Aber diese (musikgeschichtliche )Analogie ist nicht das Hautproblem der Sache Gender-Gnosis.
      LD

  2. Kritischer Geist (kein Partner)

    Transsexualität oder andere Störungen der Geschlechtsidentität gehen praktisch immer einher mit anderen psychopathologischen Auffälligkeiten. Sie gelten nach wie vor als psychiatrische Krankheitsbilder, was die Anhänger der Gender-Ideologie konsequent ignorieren.

    Jemand, der sein biologisches Geschlecht nicht mit seinem eigenen Rollenverständnis in Einklang bringen kann, erlebt das selbe wie ein psychotisch Kranker, der glaubt, ein Vogel oder die Wiedergeburt von Napoleon zu sein. Während aber niemand fordern würden, dem Psychotiker seinen Wahn zu bestätigen, legt der Genderismus darauf wert, die Welt wäre so, wie sie die von ihnen selbstgewählten Mandanten wahrnehmen.



  3. andreas.sarkis (kein Partner)

    Kleiner Fehler:
    Die LDS-Kirche (früher Mormonen genannt) hatte die Polygamie 1890 selbst aufgegeben. Diese Art der Polygamie hatte rein wirtschaftliche Gründe.

    Was heute natürlich eine Farce ist, denn ein großer Teil der Moslems in den USA hat mehrere Frauen, weil das angeblich ein Prophet geboten hätte. Quod licet...



  4. astuga (kein Partner)

    Das ist zwar alles sehr schön intellektuell ausgeführt, geht aber am Kern der Sache vorbei.
    Dieser ganze aktuelle Gender-Zirkus ist ja weder natürlich gewachsen noch entstammt er einem kulturellen Bedürfnis.
    Er wurde von linken Ideologen als Waffe konstruiert um die bestehende Kultur die auf biologischen Realitäten gründet zu destabilisieren und zu zerstören. It's as simple as that.

    Oder anders gesagt, es geht ohnehin nicht um die vordergründigen Motive der "Genderei".
    Sich darauf überhaupt einzulassen heißt, dass man das Spiel mitmacht.
    Das ist wie sich für einen Rassismus zu entschuldigen oder das Knie zu beugen, obwohl man sich gar nichts vorzuwerfen hat. Und vor den echten Rassisten.



    • Franz Lechner (kein Partner)

      Sehr gut bis auf den letzten Absatz. Denn das Unwort "Rassismus" ist ebenso ein politischer Kampfbegriff der Ultralinken und ihres Hintergrundes.

  5. drwanzel (kein Partner)

    Wie man es auch betrachtet, die alte Welt ist tot. Die islamischen Horden scheren sich nicht um unsere Genderei und anderen Schwachsinn. Schade nur um unsere große Kultur, um die herrliche Musik, die Malerei, ...etc. "Was soll's, s'ist halt vorbei..."



  6. Hegelianer

    Vielleicht traut sich ein Pilot ja einmal, seine Fluggäste wie folgt zu begrüßen: "Sehr geehrte Inter-, Trans-, A- und sonstwie Sexuelle, sehr geehrte Damen und Herren." Auch so wäre doch der neuen Vielfalt Rechnung getan?



    • Politicus1

      Dann kann er bei Kurzflügen gleich anschließen 'wir sind bereits im Landeanflug und ich darf mich von Ihnen verabschieden '





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