Marktwirtschaft versus konservative Wirtschaftsauffassung drucken

Der Tagebuchbetreiber teilt Friedrich Romigs wirtschaftstheoretische Vorstellungen über weite Strecken nicht. Denn sie beruhen auf einem völligen Missverständnis von Marktwirtschaft, einem Ignorieren der durch sie erzielten Wohlstandsvermehrung und dem Fehlen jeder Wertschätzung für die Freiheit als zentralem Wert (auch des Christentums). Die liberalen Ökonomen waren auch die einzigen, die von Anfang konsequent die Schulden-Ansammlung in der EU sowie die diversen Rettungspakete kritisiert haben. Romigs Vorstellungen einer durch Stände und Kammern regulierten Ökonomie sind nicht nur im einstigen Ständestaat total gescheitert.
Die begeisterte Zitierung von Linksaußen-Ökonomen wie Kurt Rothschild zeigt trotz Romigs eigentlich konservativ-katholischen Hintergrunds die große Nähe seines Theorieansatzes zu sozialistischem Denken. Dieses war in der Geschichte immer die sichere Garantie für allgemeine Verarmung. Dennoch präsentiert das Tagebuch in der Folge Romigs Text ohne jede weitere Anmerkung, weil er eine konsistente Zusammenfassung einer sonst kaum noch so artikulierten Weltsicht darstellt, weil er jedenfalls als interessante Herausforderung gelten kann, und weil Mainstream-Medien solchen Sichtweisen keinerlei Artikulations-Chancen bieten. (a.u.)

„Marktwirtschaft" ist ein Kind des Liberalismus, Liberalismus ein Kind der Aufklärung.[i] Das Projekt der Aufklärung ist die Lostrennung („Emanzipation") des Menschen von Gott und schließlich von jeglicher Autorität unter Rekurs auf die als „mündig" angenommene einzelmenschliche Vernunft[ii].

Was eigentlich ist „Marktwirtschaft"?

Die auf sich selbst gestellte („autonome") menschliche Vernunft, die sich nicht mehr als Manifestation des göttlichen Logos versteht, muss ihr Prinzip in sich selbst finden, um auf die Frage, was vernünftig sei, antworten zu können. Wir bezeichnen das als „Rationalismus"[iii].

Vernünftig, „rational" ist für den Rationalismus zuletzt nur das, was Lust verschafft (die Nationalökonomen nennen es „Nutzen", „Bedürfnisbefriedigung", „Ertrag", „Wohlfahrt") und Unlust (Missnutzen oder „Disutility", „Mühe", „Arbeit", „Aufwand", „Kosten") meidet[iv]. Das handlungsbestimmende Prinzip der Vernunft ist nach rationalistischer Auffassung das ökonomische Kalkül von „pleasure and pain“, „utility and disutility", „Nutzen und Aufwand", „Ertrag und Kosten"[v].

Insoweit der Mensch rational handelt – und nur dann handelt er als „aufgeklärter" Mensch, als animal rationale – ist er homo oeconomicus. Sein ganzes Dichten und Trachten, alles was er tut, zielt auf Lustgewinn („Profit") sowie auf den Erwerb von äußerem Reichtum und Macht ab, die beiden Mittel, um sich jeden Wunsch zu erfüllen („Macht ist Münze"). Genau das sind denn auch die Antriebsmotive der „Marktwirtschaft": „Die Gier nach Profit und das Verlangen nach Macht"[vi].

Das Streben des Einzelnen nach Profit (Lustgewinn, Reichtum) und Macht, stößt auf das gleichartige Streben der Mitmenschen, d. h. auf Konkurrenz. Sie ist das regulative Prinzip, welches das Verhältnis der Menschen zueinander bestimmt, und der Markt der „Ort", auf dem der Wettbewerb ausgetragen wird. „Marktwirtschaft" wird daher häufig mit „Wettbewerbswirtschaft" gleichgesetzt.

Wettbewerb (z.B. im Sport) bezweckt Auslese der Besten nach Regeln oder Normen. Solche (Spiel-)Regeln oder Normen „organisieren" den Wettbewerb („die Wettbewerbsveranstaltung") und bestimmen, wer beim Wettbewerb auf Grund seiner alle anderen Konkurrenten überragenden Leistung („Performance") als Sieger gelten und als der Tüchtigste („Beste", „Stärkste", „Schnellste") den Siegespreis erhalten soll. Auf dieser Idee des Wettbewerbs beruht die der „Marktwirtschaft" zugeschriebene Leistung oder „Funktion", das Hauptproblem der Nationalökonomie, die „Allokation knapper Ressourcen", optimal zu lösen.

Die Ressourcen wandern zum „besten Wirt", zu den tüchtigsten Unternehmen, zu den kaufkräftigsten Käufern, zu den „Orten" des höchsten Ertrages (z.  B.  Kapital in die Länder mit dem höchsten Realzinsniveau) – allerdings nur unter einer Voraussetzung: Die Auslese der Besten und die Wanderung der Ressourcen dürfen nicht gestört, der Wettbewerb nicht „verzerrt", in den Markt nicht „eingegriffen" werden. Jedenfalls nicht anders als mit „marktkonformen" oder „wettbewerbsneutralen" Mitteln. Der  Markt soll „frei" sein. Nur wenn Markt und Wettbewerb sich selbst überlassen bleiben, können sie ihre „Selbstregulierungsfunktion" erfüllen. „Marktwirtschaft" ist daher politisch immer mit der Forderung nach „Laissez faire", und durch sie mit dem Liberalismus verbunden. „Der Markt braucht keinen Meister", hier wirkt der Automatismus der „Selbstorganisation", die „spontane Ordnung" (F. A. v. Hayek), die „invisible hand" (A.  Smith). Einzig die Spielregeln und Normen, unter denen der Wettbewerb stattfinden und seine Auslesefunktion erfüllen soll, sind festzulegen.

Wettbewerb ist Krieg

Wie im sportlichen Wettbewerb, so gibt es auch in der wirtschaftlichen Konkurrenz Sieger und Besiegte, in der Wirtschaft jedoch u. U. mit fatalen Konsequenzen für den Unterlegenen. In der Marktwirtschaft – und das ist der Sinn des Wettbewerbs als Ausleseveranstaltung – soll der Unterlegene auf dem Markt nicht zum Zuge kommen, er soll vom Markt verdrängt und ferngehalten werden. Marktwirtschaftlicher Wettbewerb ist daher immer Verdrängungswettbewerb, Kampf um Marktanteile und Marktkontrolle (insbesondere auch der Marktzugangskontrolle).

Als Verdrängungswettbewerb tendiert Wettbewerb dazu, sich selbst aufzuheben, d.h.: Er tendiert zum Monopol. Wettbewerb ist Kampf ums Monopol, um Vorzugsstellungen, um Kontroll- und Machtpositionen, ähnlich wie in der Parteiendemokratie. Sie ist das politische Korrelat zur „Marktwirtschaft".[vii]  Die moderne Industriegesellschaft stellt sich dem Betrachter denn auch in der Tat als eine „Welt von Monopolen"[viii] dar, die, wenn nicht gerade Waffenstillstand (z. B. auf Grund von Kartellvereinbarungen) zwischen einigen von ihnen herrscht, sich alle gegenseitig bekriegen und unter ihre Kontrolle bringen wollen.

Kriege, so wissen wir aus Erfahrung, werden durch (Unternehmens-) Strategien, Ausrüstungen (Waffen, Munition, logistische Einrichtungen), (Mitarbeiter-) Truppen und Kampfgeist („Motivation", Begeisterung, „Identity") entschieden. Militärische Termini haben seit langem Einzug in die Hörsäle, Lehrbücher und Führungskader der Wirtschaft gehalten.  Kein Wunder, dass da einer der klügsten Nationalökonomen seinen Studenten empfohlen hat, Clausewitz' „Vom Kriege" zu studieren[ix]. Was sie dort lernen würden: Strategie, Aufmarschplanung, Angriff, Überraschung, Umgehung, Tarnung, Täuschung, Umzingelung, Einkesselung, Grabenkampf, Belagerung, Zermürbung, Ausfall, Rückzug etc., das alles sei viel realitätsnäher als alle ökonomischen Modelle und Theoreme.

Die theoretische Form, in der sich die „soziale Marktwirtschaft" heute darstellt, ist die „Neoklassik". Das Überraschende nun ist – und deshalb ist K. W. Rothschild rückhaltlos zuzustimmen – dass es kein einziges mikro- oder makroökonomisches neoklassisches Grundtheorem gibt, das modernen wissenschaftstheoretischen Ansprüchen sowohl in logischer wie empirischer Hinsicht genügen würde und die erforderlichen Tests bestanden hätte. Kein einziges! Mit anderen Worten: Es gibt kein einziges „ökonomisches Gesetz", dessen kausal-mechanische Eindeutigkeit empirisch bewiesen wäre. Was wir heute in der neoklassisch ausgerichteten Nationalökonomie betreiben, ist im Wesentlichen „angewandte Mathematik" oder, wie H. Albert den Nationalökonomen spöttisch vorhielt, „Modellplatonismus"[x], Modellschreinerei ohne Realitätsbezug[xi].

Markt, Angebot und Nachfrage gibt es nicht

Das viel berufene „Gesetz von Angebot und Nachfrage" zur Bestimmung der Preise erwies sich als Tautologie.[xii] In der Praxis gibt es keine Angebots- und Nachfragekurven (in deren Schnittpunkt der Preis zu finden ist).  Die Unternehmer (Anbieter) können nicht einmal die Frage beantworten, was denn eigentlich ihr Produkt tatsächlich „kostet".[xiii] Die Kostenrechnungen und Kalkulationssysteme, die man ihnen einredete, brachten Resultate hervor, die eine „Mischung aus viel Dichtung und wenig Wahrheit"[xiv] darstellen, geeignet, „jenen Preis zu rechtfertigen, der erzielbar ist".[xv]

Die „Gesetze über die Zu- oder Abnahme der Grenzrate der Substitution", mit denen die Theorie erklärt, wie Verbraucher sich verhalten und Haushalte ihre Budgets verwalten, lösten bei den Betroffenen (Hausfrauen, Konsumenten), je nach dem Grade des Verständnisses, erstauntes Kopfschütteln oder Lachkrämpfe aus. Am Ende mussten selbst die Neoklassiker die Idee einer geschlossenen Preistheorie aufgeben und zugestehen, dass die von ihnen aufgestellten „Marktgesetze" nicht ausreichen, um das Zustandekommen von Preisen zu erklären.[xvi]

Und dann verloren sie auch gleich noch den Marktbegriff, sie konnten ihn nicht mehr definieren! Sie hatten den einen „Markt" solange in Teil- und Elementenmärkte zerlegt, bis er sich verflüchtigte und nur noch „Verhaltensweisen" und „individuelle Kundenbeziehungen" übrig blieben. Schon vor rund fünfzig Jahren kam von einem mit neoklassischen Methoden arbeitenden Nationalökonomen daher die Empfehlung, „den Marktbegriff nicht mehr zu verwenden".[xvii] Er ist nichts als ein flatus vocis.

„Marktwirtschaft" ohne „Markt"? Wo sollten da die Marktgesetze herkommen, auf die man sich immer berief, wenn Betriebe geschlossen und Arbeiter auf die Straße geworfen wurden? Denn das Problem, das sie zu lösen versprach, das Problem der Arbeitslosigkeit, diese Geißel des Kapitalismus, bekam die neoklassische Theorie und „Synthese" nie in den Griff. Der Keynes'schen Revolution ging der Atem aus.

Die Theorie zur Bestimmung des Volkseinkommens und der Beschäftigung durch Sparen und Investieren erwies sich als eine „metaphysische Konzeption".[xviii]  Die Annahmen über die „Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals", den „Hang zum Verbrauch" und die „Liquiditätsvorliebe" waren nichts als „Catchwords", welche die unverantwortliche Ausweitung der Budgetdefizite begründen halfen. Sie fachten die Inflation an,  versteinerten die Strukturen und schwächten die Wettbewerbsfähigkeit. Als man damit auch die Arbeitslosigkeit nicht mehr in den Griff bekam, ließ man die Keynes'sche Theorie fallen.

Politiker kamen ans Ruder, welche die „Sanierung" der Budgets versprachen, und versatile Ökonomen aus dem klassischen Lager, die „Monetaristen", sprangen ihnen bei, die ihnen ein altes Museumsstück, die „Quantitätstheorie des Geldes", frisch abgestaubt und hochglanzpoliert, als Neuheit verkauften. Jetzt waren „schlanker Staat", Privatisierung und Deregulierung angesagt. Das Problem der Arbeitslosigkeit ließ sich damit zwar auch nicht lösen, aber die Schuld daran konnte man wenigstens auf die Vorgänger im politischen Amte abschieben, die keinen budgetären „Spiel"raum für Ankurbelungsmaßnahmen übrig gelassen hatten. Wirtschaftspolitik pendelte zwischen „Gas geben" und „Bremsen".

Der Leser, der bis hierher durchgehalten hat und Bilanz zieht, wird sich fragen, was denn das Ganze soll? Eine Theorie ohne Praxisrelevanz? „Gesetze" ohne Beweis?  Begriffe ohne Substanz? Was wird denn dann mit dieser Worthülse „Marktwirtschaft" bezweckt?

Die Antwort klingt, als würde sie aus der linken Suppenküche kommen:

„Marktwirtschaft" ist Ideologie! Ihr Zweck ist die Verschleierung und Verdeckung von Machtpositionen, Machterwerb, Machtkämpfen, Machtsicherung, Machtkontrolle. Sie soll das Nachdenken darüber ausschließen oder ablenken, wie die moderne Industriegesellschaft tatsächlich funktioniert, wie, durch wen und zu wessen Gunsten sie motiviert und kontrolliert wird. Kommt Kritik dennoch auf, so wird sie unter Hinweis auf „Selbstregulierung" und „Laissez faire", auf „Sachzwänge" und „Globalisierung", auf „Gemeinsamen Markt" und „internationale Vereinbarungen" abgetan.  Statt angesichts der schrecklichen Verwüstungen unserer Umwelt politisch zu handeln, wird das „Laissez faire" zur Maxime der Politik. Die Berufung auf die sich selbst regulierenden „Marktgesetze" ist Ausdruck der Resignation der classe politique vor einer Entwicklung in Gesellschaft und Wirtschaft, die sie selbst in Szene gesetzt hat.

Kennzeichnend für diese Entwicklung zur modernen Industriegesellschaft ist die totale Verschmelzung von Großindustrie, Geschäft, Rüstung, Forschung, Technik, Massenproduktion, -konsum, -unterhaltung, -kommunikation, -manipulation, Staatsbürokratie und Politik.[xix] Das gesamte Ausbildungs- und Erziehungssystem des „Produktionsfaktors" Mensch ist auf die Bedürfnisse der Großindustrie abgestellt. Die Großforschung, inzwischen selbst zu einer Industrie geworden, wird vom Staat unterhalten: Elektronik, Weltraumfähren, Satellitenkommunikation, Atomforschung, Genforschung, sie alle sind „social costs of private enterprise". Die Industriegesellschaft dient nicht den Bedürfnissen des Menschen, sondern ihren eigenen Bedürfnissen. Ihre Rationalität manifestiert sich in ihren höchsten Formen in der Destruktion („Atomgesellschaft"), in der Verschwendung („Gesellschaft im Überfluss") und in der Verdinglichung des Menschen („Entfremdung").[xx]

Das Verdikt Pius XI.

Die moderne Dreifaltigkeit von Naturwissenschaft, Technik und Industrie – Erwin Chargaff macht hierauf wiederholt aufmerksam – arbeitet mit immer größerer Beschleunigung („Wachstumsraten") an der Zerstörung der Welt. Die liberalkapitalistische „Marktwirtschaft" und die mit ihr verbundene neoklassische Theorie sind nichts anderes als der ideologische Überbau für die „Struktur der Sünde", wie Johannes Paul II. sie klarsichtig benennt. Die Verbrämung der „Marktwirtschaft" mit „sozialen" oder „ökologischen" Attributen ändert nichts an diesem  harten Verdikt. Es ist so gültig wie jenes, das Pius XI. vor 80 Jahren mit einer Prägnanz ausgesprochen hat, die erschauern lässt:

„Das ist ja der Grundirrtum der individualistischen (= neoklassischen, F. R.) Wirtschaftswissenschaft, aus dem alle Einzelirrtümer sich ableiten: in Vergessenheit oder Verkennung der sittlichen Natur der Wirtschaft glaubte sie, die öffentliche Gewalt habe gegenüber der Wirtschaft nichts anderes zu tun, als sie frei und ungehindert sich selbst zu überlassen (= Laissez faire.  F. R.); im Markte, das heißt im freien Wettbewerb besitze diese ja ihr regulatives Prinzip… Die Wettbewerbsfreiheit – obwohl innerhalb der gehörigen Grenzen berechtigt und von zweifellosem Nutzen – kann aber unmöglich regulatives Prinzip der Wirtschaft sein.

Die Erfahrung hat dies, nachdem die verderblichen individualistischen Theorien in die Praxis umgesetzt wurden, bis zum Übermaß bestätigt … Am auffallendsten ist heute die geradezu ungeheure Zusammenballung nicht nur an Kapital, sondern an Macht und wirtschaftlicher Herrschgewalt … Zur Ungeheuerlichkeit wächst diese Vermachtung der Wirtschaft sich aus bei denjenigen, die als Beherrscher und Lenker des Finanzkapitals unbeschränkte Verfügung haben über den Kredit und seine Verteilung nach ihrem Willen bestimmen. Mit dem Kredit beherrschen sie den Blutkreislauf des ganzen Wirtschaftskörpers; das Lebenselement der Wirtschaft ist derart unter ihrer Faust, dass niemand gegen ihr Geheiß auch nur zu atmen wagen kann.

Diese Zusammenballung von Macht, das natürliche Ergebnis einer grundsätzlichen zügellosen Konkurrenzfreiheit, die nicht anders als mit dem Überleben des Stärkeren – das ist allzu oft des Gewalttätigeren und Gewissenloseren – enden kann, ist das Eigentümliche der jüngsten Entwicklungen.

Solch gehäufte Macht führt ihrerseits wieder zum Kampf um die Macht, zu einem dreifachen Kampf: Zum Kampf um die Macht innerhalb der Wirtschaft selbst; zum Kampf sodann um die Macht über den Staat, der selbst als Machtfaktor in dem Interessenkampf eingesetzt werden soll; zum Machtkampf endlich der Staaten untereinander … (= Imperialismus, F. R.) … Der freie Wettbewerb hat zu seiner Selbstaufhebung geführt; an die Stelle der freien Marktwirtschaft trat die Vermachtung der Wirtschaft; das Gewinnstreben steigerte sich zum zügellosen Machtstreben. Dadurch kam in das ganze Wirtschaftsleben eine Grausen erregende Härte".[xxi]

Kein Kommunist, so meinte Maurice Thorez in seiner historischen Ansprache vom 26.  Oktober 1937, habe den „Wirtschaftsliberalismus" je so heftig kritisiert wie Pius XI.[xxii]

Die Konservative Wirtschaftsauffassung

Für die konservative Auffassung ist Wirtschaft „Leistungsgemeinschaft" im Dienste der Gesellschaft, genauer noch „ein Gebäude rangordnungsmäßig gegliederter Leistungen von Mitteln für Ziele".[xxiii] Diesem Begriff zufolge unterscheidet konservative Wirtschaftstheorie:

  1. Die der Wirtschaft von der Gesellschaft vorgegebenen Ziele, zu deren Erreichung die von der Wirtschaft bereitzustellenden Mittel notwendig sind. Zu diesen Mitteln gehören nicht nur solche, welche die „Bedürfnisse" der einzelnen Menschen („Konsumenten") „befriedigen" (z.B. Nahrung, Kleidung, Wohnung), sondern auch Weltraumfähren, SDI (Raketenabwehr-)-Systeme, Atomraketen, Neutronenbeschleuniger zur Erzeugung von Nobelpreisen, Gefängnisse, Kirchengebäude, Wasserwerfer der Polizei, Überwachungssysteme bei Grenzübertrittsstellen; Güter also, die von der neoklassischen Theorie in der Regel ausgeklammert werden.  Welche Mittel bereitzustellen sind, darüber entscheidet nicht die „Wirtschaft", sondern die Gesellschaft in ihren der Wirtschaft vorgeordneten „Kultursachbereichen" (mit ihren „Haushalten" und „Budgets").
  2. Die Leistungsarten oder Funktionen: Organisatorische Leistungen (Wirtschaftssystem, Wirtschaftsverfassung, Wirtschaftsordnung, Wirtschaftsrecht, Besteuerungssystem, Geld-, Währungs- und Kreditsystem), Vorleistungen (Erfinden und Lehren), Hervorbringungsleistungen (Kreditschöpfung und Kreditgewährung, Handel, Lagerhaltung, Transport, Erzeugung, Schadensverhütung und Versicherung).
  3. Die Leistungsgebilde oder Sozialwirtschaftsstufen, die jeweils alle Leistungsarten in spezifischer Weise darstellen oder „ausgliedern" (Weltwirtschaft, Großraumwirtschaft, Volkswirtschaft, Regionalwirtschaft, Verbandswirtschaft, Betriebswirtschaft, Hauswirtschaft).
  4. Die Leistungs- oder Wirtschaftsgrundlagen: Der Mensch als Verrichtungsträger, die Natur (Boden, Bodenschätze, Wald, Wasser, Pflanzen- und Tierarten, Mikro- und Makroklima), Wissenschaft und Technik
  5. Die Leistungsgrößen, Leistungs„werte" oder Preise
  6. Die Vorrangverhältnisse, insbesondere der Vorrang der Ziele vor den Mitteln, der Mittel vor den Leistungsgrundlagen, der höheren Leistungen und Wirtschaftsstufen vor den niedrigeren, der Leistungen vor den Leistungsgrößen.
  7. Die Wirtschaftspolitik als Inbegriff von organisatorischen Maßnahmen zur Umbildung der Wirtschaft zwecks Effizienzsteigerung oder Festigung der Gesellschaft.

Nach ihren grundsätzlichen Absichten („Schlüsselbegriffen"), ist konservative Wirtschaftspolitik: Wirtschaftsausbaupolitik (z.B. Entwicklungspolitik, „Vollbeschäftigungspolitik"), Dezentralisationspolitik (z.B. Großstadtauflockerungspolitik); Struktur(krisen)politik, Stabilisierungspolitik (z.B. Konjunkturpolitik); Kreativitäts(anregungs)politik (z.B. Innovationspolitik).

Konservative Ordnungspolitik erschöpft sich nicht in Wettbewerbspolitik oder Marktordnung: Im Vordergrund steht nicht die „Konkurrenz", sondern die Förderung der Zusammenarbeit oder „Kooperation" der einzelnen Wirtschaftsgebilde nach den Prinzipien Selbsthilfe (solidarische Hilfe), Selbstverwaltung (Subsidiarität) und Gemeinwohlwahrung (Gesamtwohlfahrt, bonum commune, sittliche Bindung). Ihr regulatives Prinzip ist nicht die Konkurrenz, sondern die Gerechtigkeit (Angemessenheit, Entsprechung, iustitia commutativa et distributiva).[xxiv]

Durch die Politik der Zusammenarbeit wird die Wirtschaft „formiert" oder „durchorganisiert", d.h. verbandlich gegliedert. Je kräftiger die Verbände entfaltet und hierarchisch gegliedert sind, desto besser funktioniert die Selbstverwaltung, der Interessenausgleich zwischen den Verbänden und die Zusammenarbeit mit dem Staat.

Verband schluckt Staat

Der Staat kann sich auf seine eigentlichen Hoheitsaufgaben zurückziehen und die wirtschafts- und sozialpolitischen Angelegenheiten der (sozial-)partnerschaftlichen Regelung der Wirtschaftsverbände weitestgehend überlassen, die, im Gegensatz zur Staats- und EU-Bürokratie, den zu solchen Regelungen gemeinsamer Angelegenheiten notwendigen Sachverstand besitzen. Hoheitliche Eingriffe sind dann nur erforderlich, wenn der Interessenausgleich versagt oder das Gemeinwohl verletzt wird.

Je nach geschichtlicher Situation wurden von praktisch allen westlichen Industriestaaten ordnungspolitische Maßnahmen gesetzt und Einrichtungen geschaffen, durch welche die gemeinwohlorientierte Verbandsbildung angetrieben und die Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft verbessert und geregelt wurde.

Erinnert sei hier nur an den „Reichswirtschaftsrat" der Weimarer Republik (wegen seiner Zusammensetzung ein Fehlschlag), an die heutige relativ geordnete „Repräsentation organisierter Interessen" in der BRD, an das schweizerische „Vernehmlassungsverfahren" und die „Friedensabkommen", an die österreichische „Sozialpartnerschaft", an den „Sozialökonomischen Rat" in den Niederlanden, an die „Planification a la franVaise", an die „Camera Corporativo" in Portugal (unter Salazar eingerichtet), an das wenig nachahmenswerte System des „Lobbying" in den USA, das jedoch ergänzt wird durch die „Hearings".

Immerhin zeigen diese wie auch andere, zum Teil äußerst erfolgreichen Ansätze, dass kein Staat allein auf den „Marktmechanismus" vertraut. Allzu viele Wahlmöglichkeiten hat der Staat ja heute nicht mehr: Entweder überlässt er die Kontrolle des „Marktes" den Großunternehmungen mit allen Nachteilen für das Gemeinwohl, die im ersten Abschnitt beschrieben wurden; oder er kommt seiner Gemeinwohlaufgabe nach und fördert die gemeinwohlorientierte Verbandsbildung nach den oben beschriebenen Prinzipien. Die dritte Möglichkeit: Sozialisierung und zentrale Planung, wird nach dem Scheitern der realsozialistischen Experimente heute ja kaum noch jemand in Betracht ziehen.

Die neoklassische Theorie hat zu den Verbänden und ihren Funktionen praktisch keinen Zugang.  Für sie sind Verbände Träger von privater Macht, welche die Märkte kontrollieren und die Konkurrenz fernhalten wollen (also Kartelle oder Monopole). Um ihr Ideal von der möglichst vollständigen Konkurrenz- und Marktfreiheit durchsetzen zu können, würden die Vertreter der Neoklassik daher am liebsten alle Verbände auflösen, womöglich auch die Gewerkschaften. Alles, was sie damit erreichen, ist die Kontrolle der Märkte durch jene Mammutunternehmungen, die übrig bleiben, wenn die Konkurrenz ihre Auslesefunktion erfüllt hat.

Die Ziele konservativer Wirtschaft

Jede Gesellschaft ist umso lebendiger und reicher, je mehr die kleinen Gemeinschaften und Verbände entwickelt und differenziert sind. Daher Dezentralisationspolitik, Auflockerung, Betonung der Unterschiedlichkeit, „Spezifizität" statt Gleichheit und Uniformierung.  Daraus ergibt sich als anzustrebendes Bild konservativer Wirtschaft:

  1. Humane Arbeits- und Konsumwelt: Förderung von Klein- und Mittelbetrieben („small is beautiful"), Dezentralisation von Großbetrieben (Werkaussiedelung, Gruppenarbeit, Vollfertigung statt Fließbandarbeit, Automation zwecks Entlastung von stumpfsinniger Repetitivarbeit), Förderung gediegener, gesunder und dauerhafter Produkte und des persönlich geprägten Bedarfes, Zurückdrängung der Massenproduktion und Massenunterhaltung, des Massentourismus etc.
  2. Humane Wohnwelt: Förderung der Großstadtauflockerung, Eigenheim- und Gartenstadtbewegung, Zurückdrängung der Mietskasernen und Slums, Förderung der Nachbarschafts-, Dorf-, Bezirks- und Heimatkultur.
  3. Bändigung von Wissenschaft und Technik: Auflösung der militärisch-technisch-industriellen Superstrukturen, Förderung naturnaher und humaner Wirtschaftstechniken, regenerativer Kreisläufe, intermediärer Techniken.
  4. Schutz der Natur, sorgfältiger Umgang mit den Naturgrundlagen; Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, Schonung der Bodenschätze und Energiereserven, Bekämpfung des Waldsterbens und der Großrodungen, Reinhaltung der  Seen, Flüsse, Meere und Grundwasserreserven; Erhaltung der Tier- und Pflanzenarten, naturnahe Züchtungsmethoden, tiernahe Stallhaltung, Bekämpfung der Klimaverschlechterungen (Ozonbelastung, Treibhauseffekt) und der Luftverschmutzung.
  5. Umfassende Förderung der Zusammenarbeit auf allen Ebenen (betrieblich, regional, national, international), zwischen allen Leistungsträgern, Klassen und Schichten, ihren Verbänden und Vertretungen. Zurückdrängung der überbordenden Konkurrenz, des Klassenkampfes, der Interessenkonflikte, der Machtkonzentrationen, des Wirtschaftsimperialismus.
  6. Zusammenwachsen und „Formierung" der Verbände zu einem ideellen „Wirtschaftskörper", der die gegenseitige Abhängigkeit und Aufeinanderangewiesenheit aller am Wirtschaftsleben partizipierenden Glieder bewusst, überschaubar und gestaltbar macht und hierbei Eigeninitiative (Selbsthilfe, Eigenvorsorge, Privateigentum) und Selbstverwaltung (Selbstbestimmung, Freiheit) mit Gemeinwohlorientierung (Sozialprinzip) verbindet.

Die Bausteine aus der Tradition

Die Tradition der konservativen Wirtschaftsauffassung[xxv] reicht bis in die Antike zurück. Sie hat ihre Vertreter und Schulen in jeder geistesgeschichtlichen Epoche und findet in der Gegenwart immer mehr Freunde. Die Beiträge von tausenden Verfassern müssten genannt werden, doch mögen hier einige Andeutungen genügen:

Grundlegend ist Platons „Staat" mit seiner Lehre von der Einheit oder Ganzheit der Seinsordnung, Staatsordnung (= Ständeordnung) und Tugendordnung.
Die Summen des Hl. Thomas v. Aquin mit ihrer Lehre vom  „gerechten Preis" und der Güterlehre. Auf Thomas fußt weitgehend die Katholische Soziallehre mit den Enzykliken der Päpste.
Fichtes „Geschlossener Handelsstaat", der in seiner Stringenz den Gegensatz der konservativen Auffassung zur „offenen" oder „freien" Markt- oder Konkurrenzwirtschaft ganz deutlich macht.
Adam Müllers „Elemente der Staatskunst" mit ihrer Lehre vom „idealischen" oder geistigen Kapital der Nation.
Friedrich Lists „Nationales System der politischen Ökonomie" mit der für alle Wirtschaftspolitik bis heute unverlierbaren „Lehre von den produktiven Kräften".
Die ältere und jüngere historische Schule (Roscher, Knies, Hildebrand, Schmoller) mit ihrer Abkehr von jedem Modelldenken und der Betonung des „geschichtlichen Wachstums der Ordnungen" in Abwehr konstruktivistischer und funktionalistischer Ordnungsversuche der Wirtschaft.
Die soziologische Richtung der Nationalökonomie mit Werner Sombart und Max Weber, an der Spitze Othmar Spanns und Walter Heinrichs „universalistische" oder „ganzheitliche" Schule, die das am gründlichsten durch gearbeitete System der konservativen Wirtschaftstheorie bisher geliefert hat.
Die „institutionelle" Richtung, die vor allem in den USA vertreten ist (Th. Veblen, J. K. Galbraith).
Die auf J. M. Keynes zurückgehende, jedoch weiterentwickelte „strukturanalytische" Schule mit ihrer Input-Output-Rechnung (W. Leontief).
Die kulturmorphologische Schule (E. Egner, B. Laum, F. Perroux), die grundlegende Einsichten in nichtmonetäre Transaktionen (Stichwort: „Schenkende Wirtschaft") gebracht hat.
Die ökologische Richtung mit der Lehre von den „sozialen Kosten" (W. K. Kapp). Die „gemeinwirtschaftliche Schule" mit der Untersuchung von Kommunalbetrieben (G. Weisser, H. Ritschl).
Die "Raumwirtschaftslehre" mit ihrer Betonung von Standortfaktoren und „zentralen Orten" (A.  Lösch).

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass Autoren, die sich intensiv mit Spezialfragen und wirtschaftspolitischen Problemen befassen (z. B. Internationale Organisationen, Währungs- und Kreditpolitik, Agrarpolitik, Marketing, Unternehmungsführung, Haushaltswirtschaft usw.), allein schon vom Sachgehalt ihrer Arbeiten her, sich vielfach konservativen Auffassungen nähern. So verfügt etwa die Betriebswirtschaftslehre über ihre eigene konservative Tradition, die sie heute ganz bewusst und mit äußerster Schärfe der auf der neoklassischen Mikroökonomie fußenden Privatwirtschaftslehre (E. Gutenberg) gegenüberstellt (H.  Nicklisch, K. Oberparleiter, E. Schäfer, F. Schönpflug, J. Kolbinger, R. Fürst, R.-B. Schmidt, H. Ulrich, H. A. Simon). Ähnliches ließe sich wohl aus jedem Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaft berichten.

Paradigmenwechsel?

Durch ihre ganz bewusste Unterordnung unter die geistig-kulturell-sittlichen Dimensionen der Gesellschaft stellt sich die konservative Wirtschaftsauffassung der wichtigsten Aufgabe unserer Zeit: Der „Versittlichung" von Wirtschaft und Gesellschaft oder, um es mit den Worten von Johannes Paul II. auszudrücken, der „Überwindung der Strukturen der Sünde", zu denen der Liberalismus und die liberalkapitalistische Marktwirtschaft samt der sie begleitenden neoklassischen Theorie zweifellos gehören[xxvi].

Im Westen ist sie weithin herrschend geworden, ihre geistigen Wurzeln hat diese Struktur in der Aufklärungsphilosophie. Auf den Denkeinstellungen der „Aufklärung" (Verneinung der Transzendenz, Nichtunterscheidung von Sein und Seiendem, Ablehnung jeder Metaphysik), ihren Denkmustern (Individualismus, Hedonismus, Utilitarismus, Rationalismus) und ihren Denkmethoden (naturwissenschaftlich-technisch-mathematisches Verfahren –Positivismus, kritischer Rationalismus) beruht die „Krise der Neuzeit"[xxvii] mit ihren geradezu lebensbedrohenden Zerstörungen und reduzierten Zukunftserwartungen.[xxviii]

In der Entwicklung der Wirtschaftswissenschaft sind es vier Momente, die auf eine Ablösung der liberalkapitalistischen Marktwirtschaftstheorie hoffen lassen:

  1. Die ganzheitliche Sicht: Es besteht heute in der Theorie ein Zug zur Totalanalyse, zur Erfassung der allseitigen („interdependenten") Bezogenheit aller Einzelerscheinungen und Nebenerscheinungen des wirtschaftlichen Prozesses, so heute vor allem die Beachtung ökologischer, landschaftlicher, sozio-kultureller und technischer Aspekte und Folgen von wirtschaftlichen Projekten und Entscheidungen.
  2. Die Bildung „ganzheitlicher" Institutionen: Schon durch ihre Zusammensetzung schaffen sie die Voraussetzung dafür, dass Projekte oder wirtschaftspolitische Maßnahmen nach allen Seiten und Interessengesichtspunkten hin abgewogen werden (sozialökonomische Räte, sozialpartnerschaftliche Beiräte, Kammern, Körperschaften öffentlichen Rechts usw.)
  3. Die Entwicklung ganzheitlicher Methoden der Wirtschaftsanalyse: Der Bedarf dieser Institutionen wie auch die ganzheitliche Sicht fordern Methoden, die den All-Zusammenhang der einzelnen Wirtschaftszweige und Haushalte sichtbar und die quantitativen Wirkungen von Maßnahmen der Wirtschaftspolitik abschätzbar machen (Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Systemanalysen, Input-Output-Tabellen u.a m.)[xxix]
  4. Die Abwertung des Ökonomischen: Es treten heute immer mehr Bewegungen auf, welche die Ansprüche der „Industriegesellschaft" in die Schranken weisen (Naturschutz, Greenpeace, biologisch-dynamischer Land- und Gartenbau, Gartenstadtbewegung, Aktion ziviler Ungehorsam, Besetzung von Kraftwerksbaugelände, Verhinderung von Straßenprojekten, Bürgerinitiativen u.v.a.). Solche Bewegungen sind Symptome dafür, dass immaterielle, soziale und kulturelle Werte wie Gesundheit, Lebensqualität, „Selbstverwirklichung", persönliche Freiheit und Würde gegenüber Einkommen und Konsum von materiellen Gütern an Bedeutung gewinnen[xxx].

Im gleichen Ausmaß, in dem diese konservativ-ganzheitlichen Denkweisen und Methoden sich durchsetzen, verdrängen sie „Marktwirtschaft" und Neoklassik. Der Paradigmenwechsel, von der „Aufklärung" zum „Konservativismus", scheint sich langsam zu vollziehen. Wie lange der Prozess der Ablösung dauern und von welchen Rückschlägen er betroffen werden wird, kann heute niemand sagen. Eines aber wissen wir heute ganz sicher: „Aufklärung" und Liberalismus, konsequent zu Ende gedacht, führen zu Chaos und Anarchie[xxxi], zur Zerstörung der Natur,[xxxii] zur Auflösung der Ordnungen und letzten Endes zur „Abschaffung des Menschen".[xxxiii] [xxxiv]

Der Autor lehrte Politische Ökonomie in Wien, Graz und Aachen. Er veröffentlichte zuletzt „Die Rechte der Nation“ (Stocker, Graz 2002), „Der Sinn der Geschichte“ (Regin-Verlag, Kiel 2011) und „ESM-Verfassungsputsch in Europa“ (Schnellroda 2012).

Endnoten

[i]Die gründlichste Klärung dieses Zusammenhangs von sozialer Marktwirtschaft, (Neo-)Liberalismus und Aufklärung findet sich  bei E. E. Nawroth: Die Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus, Heidelberg 1961. N. kommt zu dem Schluß, daß es sich beim Neoliberalismus nicht um eine Neuschöpfung, sondern um die Renaissance altliberaler Konzepte handelt, die in keiner einzigen Grundfrage über das geistige Niveau der Aufklärungsphilosophie hinausgekommen ist (S 425). N. setzt sich mit den deutschen Vätern des Neoliberalismus  auseinander (F.  A. v. Hayek, A. Müller-Armack, W. Eucken, W. Röpke, F. Böhm). Im angelsächsischen Bereich firmiert der Neoliberalismus unter "Neoklassik". Die Schlußfolgerungen N's. gelten in gleicher Weise wie für den Neoliberalismus und die "soziale Marktwirtschaft" (social market economy) auch für die "neoklassische Nationalökonomie".  Vgl. dazu: F. Romig: Die ideologischen Elemente in der neoklassischen Theorie - Eine kritische Auseinandersetzung mit Paul A. Samuelson, Berlin 1971, insbes.  S 10; unabhängig kommt zu gleichartigen Aussagen jetzt H. Arndt: Irrwege der Politischen Ökonomie, München 1979. A. behandelt das Schrifttum in seiner ganzen Breite.

[ii]Vgl. Stichwort: "Aufklärung", in: H. Schmidt: Philosophisches Wörterbuch, 20.  Aufl. (neu bearb. v. G. Schischkoff), Stuttgart 1978, S. 45f. Dort bes. zu beachten die Hinweise auf "Rationalismus" und "Liberalismus", die mit der "Aufklärung" untrennbar zusammenhängen. Einen guten und ausführlicheren Überblick bietet F.Schalk: Die europäische Aufklärung, in: Propyläen Weltgeschichte, Bd. 7, Frankfurt 1986 (Neudruck), S. 469-512.

[iii] Vgl. Stichwort: "Rationalismus", in: Phil.  W. B., a. a. O. (FN 2), S 551: "Der Rationalismus ist die Denkweise der Aufklärung … "

[iv] Lustmaximierung (Hedonismus) als letztes Ziel des Rationalismus folgt aus seiner sensualistischen (materialistischen) Geisteslehre: Nihil est in intellectu quod non fuerit in sensu (J. Locke) Dieser Grundsatz zieht sich von Hobbes über  Marx bis zu den Evolutionisten durch die gesamte Aufklärung. Vgl. O. Spann: Philosophenspiegel-Die Hauptlehren der Philosophie begrifflich und geschichtlich dargestellt, 3. Aufl. (mit einem Nachwort von G. Schischkoff), Bd. 13 der Othmar Spann-Gesamtausgabe, Graz 1970, S 35.

[v] Die Reduktion des "rationalen" Denkens auf das "ökonomische Kalkül" von "pleasure and pain" (Jevons) läßt sich über A. Smith bis zum neo-epikuräischen Eudämonismus des Th. Hobbes zurückzuverfolgen.  Vgl.  K. Muth: Geschichte des abendländischen Geistes, Berlin 1950, Bd. 2, S. 221, S. 400, S. 421.  Die gesamt neo-klassische "Mikroökonornie" ist in ihrem Kerne nichts anderes als "Nutzenkalkül" von Tausch- oder "Substitutions-Möglichlkeiten ("Optionen", Wahlhandlungen). Politisch begründet das Offenhalten der Substitutionsmöglichkeiten die Forderung nach Erwerbsfreiheit, Eigentumsfreiheit, Gewerbefreiheit, "offene" Märkte, "freie" Marktwirtschaft sowie die Abwesenheit von "Macht" und "Zwang". Auf die Tautologie, die dadurch entsteht, ein machtfreies Marktmodell zu konstruieren und dann, um des Funktionierens willen, politisch die Elimination der Macht zu fordern, hat nachdrücklich hingewiesen K. W. Kapp: The Social Costs of Private Enterprise, Cambridge, Mass. 1950, S. 240

[vi] Johannes Paul II: Enzyklika über die soziale Sorge der Kirche "Sollictudo rei socialis", Rom 1987 (abgek.  SRS) n. 37: Zwei Verhaltensweisen kennzeichnen die heutigen "Strukturen der Sünde": "die ausschließliche Gier nach Profit und das Verlangen nach Macht" die beide "unauflöslich verbunden sind" und "die wahre Natur des Bösen" ausmachen.

[vii] Der Zusammenhang von "Marktwirtschaft" und Demokratie" wird gerade von Neoliberalen oder "Ordo"-Liberalen ("freiheitliche" Wirtschaftsordnung - "freiheitliche" Gesellschaftsordnung) immer wieder betont.  Doch auch hier wirkt so etwas wie die "Dialektik der Aufklärung": In der neoliberalen Konzeption wird aus "Wettbewerbsfreiheit" "Wettbewerbszwang", daher das Verbot von Kartellen, Zusammenschlüssen und anderen Verbänden als Formen "privater Macht". F. Ottel: Wirtschaftspolitik am Rande des Abgrundes, Frankfurt 1957, ist diesem Sachverhalt nachgegangen.

[viii] J. Robinson: The Economics of Imperfect Competition, London 1933 (repr. 1948).

[ix] Vgl.  K. W. Rothschild: Preistheorie und Oligopol, in: A. E. Ott (Hrsg.), Preistheorie, Köln 1965, S. 360.

[x] H. Albert: Modell-Platonismus. Der neoklassische Stil des ökonomischen Denkens in kritischer Beleuchtung, in: Sozialwissenschaft und Gesellschaftsgestaltung. Festschr. f. G. Weisser, Berlin 1963,  S 45.

[xi] Wie ein roter Faden zieht sich die Sorge um den Realitätsbezug durch die "Presidential Addresses", die von den bekanntesten Wirtschaftswissenschaftern aus dem angloamerikanischen Bereich jeweils zu Jahresende an die American Economic Association gerichtet und anschließend in The American Economic Review veröffentlicht werden.  Gegen die zunehmende Spezialisierung und Trivialisierung werden "Economics of economics" gefordert, also die Anwendung des ökonomischen Kalküls von Nutzen und Aufwand auch auf die Theorienproduktion der Nationalökonomen. Das erinnert an die J. Schumpeter zugeschriebene Bemerkung, von der Arbeit der Nationalökonomen entfielen 10 Prozent auf die Aufstellung neuer Theorien, 90 Prozent auf ihre Widerlegung, das Ergebnis nähere sich Null.  Heute stimmt das sicher nicht mehr: mindestens 50 Prozent ist für das gedankenlose Wiederkäuen von unbewiesenen Grundtheoremen in Lehrveranstaltungen und Textbüchern anzusetzen. "Papageiengeschwätz" nennt das eine der berühmtesten Nationalökonominnen, J. Robinson. Um diesen  Tendenzen - Realitätsferne, Trivialisierung, Verschwendung von Ressourcen -   gegenzusteuern, wäre es marktwirtschatlich konsequent - wenn auch eine kleine Revolution  auslösend -  nicht nur "Economics of economics" zu fordern, sondern Wissenschaft und Forschung samt Lehrbetrieb und Universitäten zu privatisieren und die staatliche Subventionierung einzustellen. In diese Richtung gehen die Vorschläge zweier so bedeutender Kritiker am heutigen "Wissenschaftsbetrieb" wie E. Chargaff und P. Feyerabend (vgl. E. Chargaff: Kritik der Zukunft.  Stuttgart 1983, S 35ff; P. Feyerabend: Irrwege der Vernunft (engl. Farewell to Reason), Frankfurt 1989, bes.  S 381 ff. Wie immer, so ist es auch hier mit marktwirtschaftlichen Prinzipien" zu Ende, wenn "vested interests" betroffen sind.

[xii] Zu diesen, aus der Tatsache des Wirtschaftskreislaufes und der Interdependenzen abgeleiteten und auf den ersten Blick nicht gleich plausiblen Sätzen sowie zu den folgenden Beispielen: F. Romig, a.a. O. und H. Arndt, a. a. O. ( beide FN 1).

[xiii] J. Robinson: Doktrinen der Wirtschaftswissenschaft - Eine Auseinandersetzung mit ihren Grundgedanken und Ideologien (engl.  Economic Philosophy), München 1965,S 118.

[xiv] So der führende deutsche Kostentheoretiker und -praktiker P. Riebel: Das Rechnen mit Einzelkosten und Deckungsbeiträgen, in: Zeitschrift. f. handelswissenschaftliche  Forschung, Köln schon 1959, S.  237: "Es gibt in jeder Wissenschaft Fragen. die aus der Natur der Sache heraus nicht beantwortet  werden können.  Dazu gehört die naheliegende, aber laienhafte Frage: Was kostet die Leistungseinheit?"

[xv] J. Robinson a.a.O. (FN 13), S. 169.  Der Sarkasmus ist nicht zu übersehen.

[xvi] Vgl.  H. v. Stackelberg: Grundlagen der theoretischen Volkswirtschaftslehre, 2. Aufl., Tübingen 1951, S. 220f.

[xvii] H. Sanmann: Marktform, Verhalten, Preisbildung bei heterogener Konkurrenz, in: Jb. f. Sw., Bd. 14, Göttingen 1963, S 59. Ganz folgerichtig verwendet die konservative Wirtschaftstheorie den Begriff "Leistungswechsel" für "Markt" und nimmt die Funktionen in den Blick, die mit diesem verbunden werden.

[xviii] J. Robinson, a. a. O., (FN 13), S 118

[xix]Überaus anschaulich dargestellt durch J. K. Galbraith: Die moderne lndustriegesellschaft (engl.  The New lndustrial State), München 1968.

[xx] Hierzu noch immer grundlegend H. Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur fortgeschrittenen Industriegesellschaft (engl. One-Dimensional Man), Berlin 1968, 3. Aufl.  Ihn zitiert  Paul Vl. in seiner "Ansprache an die Internationale Arbeiterorganisation (ILO)" in Genf, am 10.  Juni 1969, n. 20, in: Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands (Hrsg.): Texte zur katholischen Soziallehre, 8. Aufl., Bornheim 1992, S 451

[xxi]Pius XI.: Enzyklika über die gesellschaftliche Ordnung, ihre Wiederherstellung und Vollendung nach dem Heilsplan der Frohbotschaft "Quadragesimo anno".  Rom 1931, n. 88 und 105-109.

[xxii] Hirtenbrief der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten von Amerika über den marxistischen Kommunismus vom Nov. 1980 (dtsch.), Bonn 1980, Anm. 3. Verdienstvollerweise hat A. Mohler  wieder in Erinnerung gerufen, wo der eigentliche Feind des Konservativen zu finden ist: im Lager der Liberalen. Hier gilt es sich zu absoluter Klarheit durchzuringen und jeden Kompromiß zu vermeiden (vgl.  A. Mohler: Liberalenbeschimpfung.  Sex und Politik, Der faschistische Stil, Gegen die Liberalen - Drei Politische Traktate, Essen 1989, S. 132).

[xxiii]      Wir folgen hier der universalistisch-konservativen Theorie 0. Spanns und seiner Schule, von der Armin Mohler meint, sie habe der Konservativen Revolution "das durchgearbeitetste Denksystem geliefert" (A. Mohler: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932, Darmstadt 1972 (2. Aufl.), S 203. Als Standardwerk konservativer Wirtschaftspolitik darf gelten: W. Heinrich: Wirtschaftspolitik, 2 Bde., Berlin 1964-1967 (2.  Aufl.); eine kurze Gesamtübersicht bietet F. Romig: Wirtschaft der Mitte.  Eine Einführung in die "Wirtschaftspolitik" von Walter Heinrich, Stifterbibliothek, Bd. 72, Salzburg 1955.  Eine populäre Einführung in das Spannsche System wurde vorgelegt von W. Becher: Der Blick aufs Ganze - Das Weltbild Othmar Spanns, München 1985; in den "Monographien zur österreichischen Kultur und Geistesgeschichte" liegt als Bd. 4 jetzt vor: J. H. Pichler (Hrsg.): Othmar Spann oder Die Welt als Ganzes, Wien 1988.  Dort auch eine Bibliographie der wichtigsten Arbeiten aus der Spann-Schule (S 279-285).  Eine Othmar Spann-Gesamtausgabe in 21 Bänden ist erschienen In der Akademischen Druck- und Verlagsanstalt in Graz, 1963-1979.

[xxiv] Vgl. F. Romig: Theorie der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, Berlin 1966. Dort auch eine Tabelle als Überblick über das ganzheitliche System von Gesellschaft und Wirtschaft (S 92).

[xxv] In der Iehrgeschichtlichen Darstellung schließen wir uns weitgehend an: 0. Spann: Die Haupttheorien der Volkswirtschaftslehre auf lehrgeschichtlicher Grundlage. In einem Nachwort weitergeführt v. W. Heinrich. (Bd. 2 der Othmar Spann-Gesamtausgabe), 28. Aufl.,Graz 1969 .

[xxvi] Johannes Paul II. benennt als "Strukturen der Sünde" für den Westen den liberalistischen

Kapitalismus und für den Osten das "System, das sich am marxistischen Kollektivismus orientiert".  Vgl. Enzyklika SRS (FN 6), n. 20.

[xxvii] Für die Aufhellung der geistigen Hintergründe dieser Krise noch immer lesenswert: René Guénon: Die Krise der Neuzeit (franz. La Crise du Monde Moderne), Köln 1950

[xxviii] Aus dem bereits uferlosen Schrifttum seien zwei Hauptwerke hervorgehoben: Bericht an den Präsidenten: "GLOBAL 2000", Frankfurt 1981 (12.  Aufl.); World Comission on Environment and Development: Our Common Future (abgek.  Brundtland-Bericht), Genf 1989 (12.  Aufl.). In beiden Berichten umfangreiche Literaturangaben.  Der letztgenannte Bericht klingt wie ein Verzweiflungsschrei (bes.  S. X f).  Die Zerrüttung der Umwelt schreitet seit Jahren fort und beschleunigt sich ständig.  Effektive Maßnahmen, die geeignet wären, die Entwicklung einzubremsen oder gar zu stoppen, scheitern zumeist an den unterschiedlichen Interessenlagen der einzelnen Länder.

[xxix] Die Nichteinbeziehung des Verzehrs an natürlichen Ressourcen (z.  B. Erdöl) oder der Beeinträchtigung der Lebensqualität, ferner die Nichtberücksichtigung von marktvermeidenden Leistungen (z.  B.  Haushaltsarbeit) in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen führen zu falschen Aussagen (etwa über die "Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts"), Fehlschlüssen und Fehlmaßnahmen. Zum Teil werden solche Rechnungen angestellt, um Projekte plausibel zu machen, die auf Widerstand stoßen. Die Rede ist dann von "Umwegrentabilität" (z.B. von "Weltausstellungen"), "Spin-off-Effekten (bei der Raumfahrt und Rüstung). Intangible Kosten bleiben dabei meist unberücksichtigt, im Gegensatz zu den intangiblen Erträgen.

[xxx] Vgl. K. Lehmann: Gesellschaftlicher Wandel und Weitergabe des Glaubens, Bonn 1989, S 8

[xxxi] Sobald nicht Gott, sondern der "Mensch das Maß aller Dinge" ist, führt der Weg, einem Diktum F. Grillparzers zufolge, "von der Humanität  über die Nationalität zur Bestialität". Der Emanzipation von Gott entspricht die Emanzipation des Menschen von (den "Zwängen") der Gemeinschaft, die Auflösung der Familie, das Absterben des Staates, die klassenlose und herrschaftsfreie Gesellschaft, die Anarchie.Geistesgeschichtlich konsequent folgte auf Rousseau, Feuerbach, Marx, Bakunin und Kropotkin. Radikal gedacht, endet aller Liberalismus in Anarchismus. Dazu: K. Muth: Die Geschichte des abendländischen Geistes, Berlin 1950, insbes. Bd. 2, Kap.  VII: "Die Doktrin der Anarchie", S 283 ff. Das Ziel der Anarchie: die "herrschaftslose Gesellschaft", findet sich heute in allen "emanzipatorischen" Bewegungen der Gegenwart. so bei den "Grün-Alternativen" den "Basisdemokraten", den "Feministinnen", den "Revolutionären Marxisten", Kommunisten und Sozialisten. Ebenso bei den Liberalen (A.  Rüstow), Linksliberalen und Sozialdemokraten. Die Umsetzung folgt der  "Strategie des Kulturkampfes", von der vor allem Schulen, Universitäten, Kirchen, Massenmedien, Kunst und Unterhaltungsindustrie betroffen sind.  Ausführlich behandelt in: F. Romig: Der neue Kulturkampf - zur Strategie der Linken: Die "Revolution ohne Revolution", in: Neue Ordnung, H. 4-6, Graz 1988.

[xxxii] Vgl. F. Romig: Erwin Chargaff: Ein Monument des Widerstandes gegen die Dehumanisierung der Welt, - eine Hommage, in: Neue Ordnung , H. 4, Graz 1989, S. 9 f: Naturwissenschaft erforscht nicht die Natur, sie sprengt sie; sie löst keine Probleme, sie schafft sie. Dem Wissenschaftsbetrieb geht es nicht ums Wissen, sondern ums Geld. Hauptfunktion der Wissenschaft ist die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen für Wissenschaftler, die von den Universitäten ohne Rücksicht auf den Bedarf produziert werden. Die Wissenschaft wurde zu einer Ersatzreligion hochstilisiert, Forscher zu Quasi-Priestern geweiht, die Frage nach dem Sinn ihrer Tätigkeit, "und bestünde diese auch nur darin, eine Gesteinsprobe vom Mars zu holen", gilt als Tabubruch und Sakrileg. Eine kräftige Lobby sorgt dafür, daß dem Staat immer größere Geldmittel entrissen werden, die der Selbsterhaltung der Forschungsindustrie und ihrem krebsartigen Wachstum dienen. Zusammen mit der von ihr getriebenen Industrie ist sie dabei, die Erde unbewohnbar zu machen und alles Leben auszulöschen . Sie ist zur größten Bedrohung der Menschheit geworden.  Sie entstammt dem Ungeist der "Aufklärung", der dafür gesorgt hat, daß  "seit fast zweihundert Jahren ein Frösteln durch die Weit geht" (Warnungstafeln, Stuttgart 1982, S. 184). Ganz in diesem Sinn auch P. Feyerabend: a.a.O.  (FN 11): dort reiche Literaturangaben.

[xxxiii]J. Kardinal Ratzinger : Wider die Abschaffung des Menschen - Antwort zur Krise der Werte und der Moral, in: DIE PRESSE, Beilage SPECTRUM, Wien 5./6. Dez. 1987, S 1: "Der Prozeß, der... den Menschen zerstören wird, spielt sich unter Kommunisten und Demokraten ebenso auffällig ab wie unter Faschisten… Die entgegengesetztesten modernen Weltanschauungen haben den Ausgangspunkt der Leugnung des natürlichen Sittengesetzes und der Reduktion der Welt auf "bloße" Tatsachen gemein. … Es herrscht das Kalkül und es herrscht die Macht. Die Moral ist abgetreten, und der Mensch ist abgetreten".Ähnlich F. H. Tenbruck: Die unbewältigten  Sozialwissenschaften oder die Abschaffung des Menschen, Reihe "Zukunft und Herkunft", Bd. 2, Graz 1984, Abschnitt "Über die Abschaffung des Menschen", S 230ff.

[xxxiv] Die vorgetragene konservative Wirtschaftsauffassung steht in engster Verbindung mit der konservativen Bild vom Menschen. Vgl. F. Romig: Das Wesen des Konservativismus, CRITICON, H. 119, München  1990, 135ff

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  1. Ausgezeichneter KommentatorRomig
    6x Ausgezeichneter Kommentar
    22. November 2012 14:11

    AU gebührt Dank, dass er den Artikel ins Tagebuch eingestellt hat. Verschiedene Fassungen des Artikels sind in Zeitschriften, Büchern, Blogs immer wieder erschienen. Die Erstfassung wurde in der berühmten konservativen, von Caspar v. Schrenck-Notzing herausgegebenen Zeitschrift „Criticòn“ abgedruckt. Die letzte Fußnote weist darauf hin.

    Leider wurde im Tagebuch der Artikel von AU oder seinen Mitarbeitern mit zum Teil absurden Zwischentiteln versehen. Nirgends ist dem Artikel zu entnehmen, dass es „Märkte, Angebot und Nachfrage nicht gibt.“ Aber so ist nun einmal manipulativer Journalismus. Gesagt wurde im Essay, dass der Marktbegriff von seriöser Nationalökonomie in „seine Elemente aufgelöst wurde“ und es die vielberufenen „Gesetze von Angebot und Nachfrage“ (zur eindeutigen und allgemeinen Erklärung von Güterpreisen) sich als Tautologie erwiesen haben.

    AU ist Journalist und Liberaler. Ihm ist nicht übel zu nehmen, dass er sich vom Inhalt des Esssays mit Hilfe von unbewiesenen Behauptungen, verfehlten Urteilen, Schlagworten, Unterstellungen und Zuschreibungen distanziert. Das gehört wohl zum „liberalen“ Journalismus. Dennoch sei auf ein paar Vorwürfe eingegangen:

    1. „Völliges Mißverständnis von Marktwirtschaft“?. Worin soll dieses Mißverständnis bestehen? Ist „Marktwirtschaft“ nicht Wettbewerbswirtschaft? Ist ihr „regulatives Prinzip“ nicht der Wettbewerb? Ist Wettbewerb keine „Auslese-Veranstaltung“? Tatsache jedenfalls ist, dass die Deutschen von der Marktwirtschaft, die ja längst keine mehr ist, mehrheitlich abrücken: „Die Skepsis gegenüber der Marktwirtschaft hat eine ganz neue Dimension erreicht“, schrieb der ehemalige Leiter des Resorts Wirtschaft der FAZ, Klaus Peter Krause, am 20.November 2012 unter Berufung auf eine Untersuchung des Heidelberger John Stuart Mills-Instituts (http://kpkrause.de/2012/11/20/ein-gestortes-verhaltnis/#more-2118 ). Immer weniger Deutsche scheinen sich also mit dem Leerwort „Marktwirtschaft“ an der Nase herumführen zu lassen. Heute weiß ziemlich jeder renommierte Ökonom, dass die „freie“ Marktwirtschaft zu einem „Katastrophen-Kapitalismus“ (Naomi Klein) geführt hat, der nur noch durch militärische Interventionen oder ihrer Androhung (z.B. zwecks Sicherung der Rohstoffzufuhr) am Leben erhalten werden kann. Die Charakterisierung dieses auf Wettbewerb statt auf Kooperation beruhenden Wirtschaftssystems durch Pius XI. hat nichts an Aktualität verloren.

    2. Ignorieren der „Wohlstandsvermehrung“? AU versäumt den Begriff „Wohlstand“ zu definieren. Jedes Kind weiß heute, dass das GDP kein ausreichender Indikator für „Wohlstand“ ist. Wenn eine Gesellschaft sich nicht mehr „reproduziert“, die Familien reihenweise zerbrechen, ein Land sich „abschafft“ (Thilo Sarrazin) oder gar „Europa sich abschafft“ (Henkel von Donnersmark) und auf Kosten der Zukunft lebt, kann von „Wohlstand“ keine Rede sein.

    3. „Fehlen jeder Wertschätzung der Freiheit“? Freiheit bedeutet „Herr seiner Entscheidungen zu sein“(Sir 15, 14). Ist die österreichische Regierung „Herr ihrer Entscheidungen“? Wird Österreich nicht regiert von Brüssel, Brüssel von Washington und Washington von der Wallstreet? Schäuble sprach davon, dass Deutschland nach 1945 noch in keinem Augenblick „souverän“ war. Gleiches gilt für Österreich. Wie aber soll der Bürger frei sein, wenn es der Staat nicht ist? AU gibt sich da selbst die Antwort, etwa in seinem Artikel „Euroland ist abgebrannt“. Und umgekehrt zeigt ja der vorliegende Essay worin Freiheit nun wirklich besteht, nämlich in Selbsthilfe, Selbstverwaltung und der Ausrichtung auf das Gemeinwohl hin.

    4.Liberale Ökonomen „die einzigen Kritiker an der Schuldenansammlung und den Rettungspaketen“? Das ist ein schwerer Irrtum. Konservative Kritiker (im Gegensatz zu AU!) haben bereits den Beitritt zur EU und zur Währungsunion kritisiert, welche die Schuldenansammlung erst ermöglichten und für die Rettungspakete Anlaß boten. Siehe die Beiträge von 1997 (!): „Der Euro als Schwindelssystem“: http://www.jf-archiv.de/archiv/20aa4.htm ; „Der Euro: Sprengstoff für Europa“: http://www.jf-archiv.de/archiv/47aa12.htm

    5. „Vorstellung einer durch Stände und Kammern regulierten Ökonomie, „die im Ständestaat völlig gescheitert ist“? Eine reine Unterstellung von AU: der Autor hat noch nirgends einen „Ständestaat“ propagiert, sondern immer die Hoheit des Staates über den Verbänden betont (sie dazu seine Habilittionschrift „Theorie der wirtschaftlichen Zusammenarbeit“, Berlin). Wofür er allerdings eintritt, ist die sozialpartnerschaftliche Zusammenarbeit, die Österreich den sozialen Frieden gebracht hat. Und das ist das Gegenteil von „scheitern“. Auf die vielfältigen Formen der Zusammenarbeit der in Kammern, Verbänden, Associations (USA), „Gilden“ (England) organisierten Wirtschaftsinteressen mit dem Staat wurde in dem Essay eingegangen. Sie wird von den mit Scheuklappen und Vorurteilen behafteten Liberalen entweder nicht gesehen oder perhorresziert. Das unvermeidliche Abgleiten der Liberalen in den Anarchismus hat bei den europäischen Völkern, wie einst Bischof Kren richtig diagnostizierte, zur letalen „ Immunschwäche“ geführt. Beispiele für dieses Abgleiten in den Anarchismus finden wird ja auch unter den Postern in diesem Blog (Tögel, phaidros u.a.). Interessant, dass selbst ein Mann wie Ludwig Erhard in seinen späteren Jahren eine durch Verbände „formierte“ Gesellschaft forderte, weil er die Unzulänglichkeit seines Konzepts der „sozialen Marktwirtschaft“ immer deutlicher erkannte.

    6. An NS-Methoden erinnert die Zuschreibung der „Nähe seines (Romigs) Theorieansatzes zu sozialistischem Denken“ auf Grund der Zitierung eines „Linksaußen-Ökonomen“, wie es nach AU der Ökonom K. Rothschild zweifellos sei. Nun, heute, am 22. Nov. 2012, findet, wie alle Jahre, eine vom Ökonomie-Lehrstuhl der Kepleruniverität gestiftete „K. W. Rothschild-Lecture“ statt. Durch sie wird Prof. Rothschild, als “without doubt one of the most outstanding Austrian economists of the past century”, geehrt. Im NS-System war es unerwünscht, Juden positiv zu zitieren, heute gerät man zumindest bei AU unter Verdacht, wenn man renommierte “Linke” zitiert. Wo sind wir eigentlich? Hat AU vielleicht schon vergessen, dass K. W. Rothschild auch in der von ihm geleiteten PRESSE schrieb und geehrt wurde?

    Natürlich ist der Essay eine Zumutung für alle, die nichts als die liberale Mainstream-Ökonomie kennen. Aber die liegt in den letzten Zügen. Heute wird die Frage von „Good and Evil in Economics“ wieder aufgeworfen (Thomas Sedlacek), eine „Gemeinwohlökonomie“ gefordert (so die Vertreter der Kath. Soziallehre), vor dem Zuschnappen der „Globalisierungsfalle“ gewarnt (Joseph Stiglitz), das Konzept der „Öffnung aller Wirtschaftsbereiche“ verworfen und „der Ersatz der Importe durch heimische Produkte“ angestrebt (Chefvolkswirt der UNCTAD, Prof. Heiner Flassbeck). In der praktischen Politik erfolgt langsam aber sicher eine Rückkehr zu „einem nationalen System der politischen Ökonomie“ nicht nur in China, Russland, Brasilien, Indien sondern in fast allen sich entwickelnden Staaten. Und selbst in der EU oder den USA rücken nationale Interessen wieder in den Vordergrund. Der Paradigmenwechsel ist nicht mehr aufzuhalten. Jedenfalls gibt es genug Licht für die, die ihn sehen wollen, und genug Dunkel, für jene die nicht sehen wollen.

    Der mir unbekannte Poster KÖL hat dazu einen trefflichen und überzeugenden Kommentar beigesteuert. Besser kann man die Bestrebungen des Essays kaum erfassen.

  2. Ausgezeichneter KommentatorAndreas Tögel
    5x Ausgezeichneter Kommentar
    21. November 2012 07:14

    Der der Marktwirtschaft unterstellte "the winner takes it all" - Mechanismus existiert nur in der Phantasie des Autors. Der Bessere erzielt einfach einen größeren Marktanteil, das ist es aber auch schon. Daß es auch heute noch Greissler wie meine Wenigkeit gibt, ist der schlagende Beweis...

    Die geforderte "Förderung von Klein- und Mittelbetrieben" wird in der Praxis wohl auf eine Totalverstaatlichung aller Betriebe hinauslaufen. Denn so selbstlos ist der verherrlichte Staat ja nun auch wieder nicht, seine "Förderungen" an keinerlei Bedingungen zu knüpfen. Als gedankliche Vorlage möge der rezente Zustand der "Staatskunst" dienen. Ein Angst einflößender Gedanke, wenn man ihn auf die Wirtschaft überträgt.

    "Bändigung von Wissenschaft und Technik" bedeutet deren sicheren Tod, soviel ist klar. Wenn erst einmal hirnlose (Staats-)Bürokraten darüber zu befinden haben, woran geforscht und was entwickelt wird, sind Hopfen und Malz verloren.

    Konkurrenz durch Zusammenarbeit ersetzen zu wollen - diesen frommen Wunsch lese ich bei allen Kommunisten von Wagenknecht über Ziegler bis Felber. Witzig, wie die Extreme einander gelegentlich gleichen. Keine Konkurrenz bedeutet Trabant statt S-Klasse-Mercedes und alles in den Plattenbau statt einige in die Cottagevilla. Eine erschreckende Vorstellung, die ohne vorherige Zwangserziehung oder Züchtung eines "Neuen Menschen" ohnehin nicht funktionieren wird. Konkurrenz ist der Treibsatz der Evolution (schlag nach bei R. Dawkins, der übrigens auch zur Bedeutung der Religion viel Erhellendes zu sagen weiß). Sie ausschließen zu wollen, heißt, sich gegen die Natur zu vergehen - und das kann nicht ungestraft bleiben.

    Ein Rädchen im Getriebe des gleichgeschalteten Kollektivs des völkischen Einheitsstaats sein? Nein danke!

    Daß schließlich ausgerechnet Platon, der "Erfinder" des Totalitarismus (Karl Popper hat darüber in Band eins seines häufig zitierten, leider aber nur selten gelesenen Opus magnum "Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde" alles gesagt, was es zu sagen gibt) als Lieferant der Basis einer "konservativen Wirtschaftsordnung" herhalten muß, sagt eigentlich alles. Ob das, was dabei herauskäme, viel besser wäre, als das gegenwärtig in Nordkorea zu bewundernde System, darf bezweifelt werden.
    Mit freundlichem Gruß,
    A. Tögel

  3. Ausgezeichneter KommentatorVe.Cz.
    3x Ausgezeichneter Kommentar
    24. November 2012 01:06

    "wirtschafts-liberal - werte-konservativ" - klingt dieses Schlagwort nicht irgendwie widersprüchlich? fast schizophren? hier erhalten, dort laissez-faire?

    meiner unmaßgeblichen Meinung nach, ziemlich unvereinbar... ich erlaube mir 3 (unausgereifte) Knackpunkte anzuführen:

    1.) Wirtschaftliches Handeln ist immer menschliches Handeln. Und weil menschliches Handeln sittlich bewertbar ist, fällt auch wirtschaftliches Handeln unter das ewige Sittengesetz, das sich in den 10 Geboten manifestiert. Mit anderen Worten: Die Sittlichkeit und deren Auslegung durch die katholische Soziallehre hat für wirtschaftliche insofern eine Relevanz, als daß sie sich nicht auch die Techniken bezieht (es gibt keine „katholische“ Buchhaltung) wohl aber auf „ […] Sinn und Zweck, Maß und Ziel des Wirtschaftens, das wiederrum vom Sinn und Zweck menschlicher Existenz abhängt.“ Gregor Hochreiter

    Und Sinn und Zweck menschlicher Existenz ist nach katholisch-abendländischem Verständnis nicht die Maximierung des eigenen Nutzens und Wohlbefindens, sondern die Erlangung des ewigen Seelenheils oder zumindest ein tugendhaftes Leben! Vielleicht nicht die Marktwirtschaft als Instrument, aber auf jeden Fall der Geist darauf "musiziert", hat hingegen ganz entgegengesetzte Absichten: Die ständige Erweckung neuer Bedürfnisse und eines von innerer Unruhe und Unzufriedenheit getriebenen Konsumverhaltens.

    2.) Ich wage zu bezweifeln, daß eine wertevolle Gesellschaft alleine dadurch entsteht, daß man die gegenwärtige, wertelose Gesellschaft einfach der „unsichtbaren Hand“ überlässt. Das wäre eine Ausblendung der gesellschaftlichen und sittlichen Natur der Wirtschaft. So als ob zwischen Wirtschaftsgesetz und Sittengesetz keinerlei Zusammenhang bestünde.

    Ich bezweifle einfach die immer wieder aufgetischte These, daß im Eigenwohl-orientierten Streben nach dem größtmöglichen Gewinn und Nutzen, eine dynamische Kraft liege, die durch die unsichtbare Hand das Gemeinwohl mehre und zwar ganz unabhängig von der Sittlichkeit der individuellen Handlungen. Das ist meiner Meinung nach ein Mythos.

    3.) Weil durch absolute Konkurrenz- und Wettbewerbsfreiheit vielfältige, kleine Gemeinwesen, heimische und gewachsene Klein- und Mittelunternehmen in irgendwelche Nischen verdrängt werden und nichts anderes erreicht wird, als die Kontrolle der Märkte durch jene Mammutunternehmen und ca. 36 globale Dachmarken, die übrig bleiben, wenn die Konkurrenz ihre Auslesefunktion erfüllt hat. MCDonalds, Ikea, H&M, Procter&Gamble, Always, um nur einige von zahlreichen anderen Beispielen zu nennen.

    ABER

    Vermutlich würde ein Großteil dieser und anderer „global player“ in dem Moment nicht mehr existierten, in dem der Unternehmer mit seinem persönlichen Vermögen für das Geschäftsrisiko zu haften hat und sich nicht mehr hinter einer bestimmten Rechtsform verstecken kann, geschweige denn Pleiten auf den Steuerzahler abwälzen kann. Eine Vielzahl regionaler Klein- und Mittelbetriebe, würde sich so vermutlich auf ganz natürlichem Weg entwickeln.

    Korrekter Weise muß außerdem hinzufügen (wie es in diesem Forum schon vielfach geschehen ist), daß viele, internationale Großkonzerne schon allein aufgrund ihrer Komplexität nicht bestehen könnten, wenn sie nicht der Staat durch gegenseitige Geschäfts-beziehungen, enorme Subventionen ohne einem dahinter stehenden, realen Wert begünstigen würde bzw. Klein- und Mittelunternehmen durch schikanöse Auflagen behindern würde. Das sind Zustände, die mit einer freien Marktwirtschaft natürlich nichts zu tun haben.

    NICHTSDESTOTROTZ

    Doch auch unter der Annahme einer, von diesen staatsinterventionistischen Maßnahmen „bereinigten Marktwirtschaft“ bleibt die Frage, ob die gewachsene Sozialstruktur eines Volkes angefangen bei der Familie bis über kulturprägende Berufsstände wie zB. den Bauernstand, die Bodenschätze und charakteristischen Landschafts- und Stadtbilder eines Landes und dessen geistige und kulturelle Identität wirklich einem (weltweiten) Spiel der Wettbewerbs- und Konkurrenzfreiheit unterworfen werden sollen?

    Kann ein derartiger „Wirtschafts-liberalismus“ als „wertekonservativ“ im Sinne von „werte-erhaltend“ bezeichnet werden? Kann man in der Gesellschaft bestimmte Werte erhalten, wenn man gleichzeitig im Bereich der Wirtschaft, blind dem globalen Spiel von Angebot und Nachfrage vertraut?

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  1. Ausgezeichneter KommentatorVe.Cz.
    3x Ausgezeichneter Kommentar
    24. November 2012 01:06

    "wirtschafts-liberal - werte-konservativ" - klingt dieses Schlagwort nicht irgendwie widersprüchlich? fast schizophren? hier erhalten, dort laissez-faire?

    meiner unmaßgeblichen Meinung nach, ziemlich unvereinbar... ich erlaube mir 3 (unausgereifte) Knackpunkte anzuführen:

    1.) Wirtschaftliches Handeln ist immer menschliches Handeln. Und weil menschliches Handeln sittlich bewertbar ist, fällt auch wirtschaftliches Handeln unter das ewige Sittengesetz, das sich in den 10 Geboten manifestiert. Mit anderen Worten: Die Sittlichkeit und deren Auslegung durch die katholische Soziallehre hat für wirtschaftliche insofern eine Relevanz, als daß sie sich nicht auch die Techniken bezieht (es gibt keine „katholische“ Buchhaltung) wohl aber auf „ […] Sinn und Zweck, Maß und Ziel des Wirtschaftens, das wiederrum vom Sinn und Zweck menschlicher Existenz abhängt.“ Gregor Hochreiter

    Und Sinn und Zweck menschlicher Existenz ist nach katholisch-abendländischem Verständnis nicht die Maximierung des eigenen Nutzens und Wohlbefindens, sondern die Erlangung des ewigen Seelenheils oder zumindest ein tugendhaftes Leben! Vielleicht nicht die Marktwirtschaft als Instrument, aber auf jeden Fall der Geist darauf "musiziert", hat hingegen ganz entgegengesetzte Absichten: Die ständige Erweckung neuer Bedürfnisse und eines von innerer Unruhe und Unzufriedenheit getriebenen Konsumverhaltens.

    2.) Ich wage zu bezweifeln, daß eine wertevolle Gesellschaft alleine dadurch entsteht, daß man die gegenwärtige, wertelose Gesellschaft einfach der „unsichtbaren Hand“ überlässt. Das wäre eine Ausblendung der gesellschaftlichen und sittlichen Natur der Wirtschaft. So als ob zwischen Wirtschaftsgesetz und Sittengesetz keinerlei Zusammenhang bestünde.

    Ich bezweifle einfach die immer wieder aufgetischte These, daß im Eigenwohl-orientierten Streben nach dem größtmöglichen Gewinn und Nutzen, eine dynamische Kraft liege, die durch die unsichtbare Hand das Gemeinwohl mehre und zwar ganz unabhängig von der Sittlichkeit der individuellen Handlungen. Das ist meiner Meinung nach ein Mythos.

    3.) Weil durch absolute Konkurrenz- und Wettbewerbsfreiheit vielfältige, kleine Gemeinwesen, heimische und gewachsene Klein- und Mittelunternehmen in irgendwelche Nischen verdrängt werden und nichts anderes erreicht wird, als die Kontrolle der Märkte durch jene Mammutunternehmen und ca. 36 globale Dachmarken, die übrig bleiben, wenn die Konkurrenz ihre Auslesefunktion erfüllt hat. MCDonalds, Ikea, H&M, Procter&Gamble, Always, um nur einige von zahlreichen anderen Beispielen zu nennen.

    ABER

    Vermutlich würde ein Großteil dieser und anderer „global player“ in dem Moment nicht mehr existierten, in dem der Unternehmer mit seinem persönlichen Vermögen für das Geschäftsrisiko zu haften hat und sich nicht mehr hinter einer bestimmten Rechtsform verstecken kann, geschweige denn Pleiten auf den Steuerzahler abwälzen kann. Eine Vielzahl regionaler Klein- und Mittelbetriebe, würde sich so vermutlich auf ganz natürlichem Weg entwickeln.

    Korrekter Weise muß außerdem hinzufügen (wie es in diesem Forum schon vielfach geschehen ist), daß viele, internationale Großkonzerne schon allein aufgrund ihrer Komplexität nicht bestehen könnten, wenn sie nicht der Staat durch gegenseitige Geschäfts-beziehungen, enorme Subventionen ohne einem dahinter stehenden, realen Wert begünstigen würde bzw. Klein- und Mittelunternehmen durch schikanöse Auflagen behindern würde. Das sind Zustände, die mit einer freien Marktwirtschaft natürlich nichts zu tun haben.

    NICHTSDESTOTROTZ

    Doch auch unter der Annahme einer, von diesen staatsinterventionistischen Maßnahmen „bereinigten Marktwirtschaft“ bleibt die Frage, ob die gewachsene Sozialstruktur eines Volkes angefangen bei der Familie bis über kulturprägende Berufsstände wie zB. den Bauernstand, die Bodenschätze und charakteristischen Landschafts- und Stadtbilder eines Landes und dessen geistige und kulturelle Identität wirklich einem (weltweiten) Spiel der Wettbewerbs- und Konkurrenzfreiheit unterworfen werden sollen?

    Kann ein derartiger „Wirtschafts-liberalismus“ als „wertekonservativ“ im Sinne von „werte-erhaltend“ bezeichnet werden? Kann man in der Gesellschaft bestimmte Werte erhalten, wenn man gleichzeitig im Bereich der Wirtschaft, blind dem globalen Spiel von Angebot und Nachfrage vertraut?

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  1. Wafthrudnir
    27. Januar 2013 18:14

    Hr. Dr. Unterberger ist zu danken, daß er diesen Artikel in sein Tagebuch aufgenommen hat. Nicht, weil Romigs Ansichten unserem Verständnis von Wirtschaft allzu viel weiterhelfen würden, sondern weil daß Beispiel Romig sehr deutlich zeigt, wie groß der Unterschied ist, der auch heute noch Liberalismus und Konservativismus trennt. Angesichts der gewaltigen (Medien-) Macht der vereinigten Linken haben Liberale und Konservative zwar oft zu einer Zweckgemeinschaft zusammengefunden, und auch im Menschenbild gibt es bedeutende Überschneidungen, aber deshalb sind sie noch lange nicht das Gleiche.
    Es sei daran erinnert, daß von Mises die Konservativen keineswegs für seine natürlichen Verbündeten hielt, sondern sie vielmehr in der Nähe der Sozialisten ansiedelte. Seine Beweggründe gelten auch heute noch: Der Konservative will, wie sein Name sagt, einen bewährten Zustand erhalten. Auf der Ebene der Einkommen will er meistens, daß jeder daß erhalte, was ihm gerechterweise zusteht. Dieses Argument gleicht dem der Sozialisten, nur versteht der Konservative unter "gerecht" nicht unbedingt "gleich", sondern im Großen und Ganzen sollen die Einkommen so verteilt bleiben, wie sie es sind oder früher waren, versehen mit dem Zusatz, daß jeder, der anständig arbeitet, davon auch "angemessen" leben können soll. Was für eine bestimmte Schicht oder einen bestimmten Beruf "angemessen" ist, bestimmt wiederum die Tradition.
    Einkommen und Preise, wie sie sich auf dem Markt bilden, pflegen sich aber ständig zu verändern, abhängig von Ressourcen, technischem Fortschritt, Kundengeschmack etc. In einer liberalen Marktwirtschaft wird der Konservative also pausenlos feststellen, daß die Verhältnisse immer weniger dem entsprechen, wie es ein sollte, und sein einiger Ausweg ist, nach staatlichen Eingriffen zu rufen, die diesen Veränderungen Einhalt gebieten sollen.
    Der Sozialismus greift systematisch und vielfältig in den Markt ein, was der Liberale ablehnt, dem Konservativen aber grundsätzlich nicht mißfällt (bzw. nicht mißfiele, wenn die Eingriffe nur konservativen Zwecken dienten). Das Ergebnis des Sozialismus besteht in einer völligen Umwälzung der Verhältnisse und weitgehender Gleichheit, was den Konservativen empört, dem Liberalen nicht unbedingt mißfällt (bzw. nicht mißfiele, wenn dieser neue Zustand ein Ergebnis freier Entscheidungen der Marktteilnehmer wäre). Auch wenn also die Ablehnung des Sozialismus Konservative und Liberale eint, lehnen sie ihn doch aus verschiedenen Gründen ab. Sobald sich Liberale und Konservative also intensiv und ehrlich mit den eigenen Zielen und jenen des jeweils anderen auseinandersetzen, ist es unvermeidlich, daß sie beide feststellen, wie viel sie eigentlich noch trennt, und sie sehr ihre momentane Gemeinschaft eine Zweckehe auf Zeit ist.

  2. Romig
    25. November 2012 17:30

    @Anton, Tögel, phaidros, AU-Vorspann u.a.

    Im Spectrum der PRESSE vom 24. Nov. 2012 findet sich ein sehr interessanter Artikel von Ernst Gehmacher über „Die guten Jahre“ zum 100. Geburtstag von Anton Benya. Der Artikel feiert „die glorreichen Jahre“ 1965 bis 1995, in denen die Sozialpartnerschaft dafür gesorgt hat, dass Österreich zum „Wirtschaftswunderland“ und zur „Insel der Seligen“ wurde. Im „Zusammenhalten der Gegensätze“ werden auch die Chancen für die Zukunft gesehen.
    Mit Liberalismus, Libertarismus und Anarchismus läßt sich Zukunft nicht gestalten! Diese Ideologien zu vertreten ist einfach unverantwortlich.

    • phaidros
      25. November 2012 20:30

      Seit wievielen Jahrzehnten gestalten wir nun die Zukunft NICHT mit Liberalismus?

      Und wohin hat uns das geführt?

  3. RR Prof. Reinhard Horner
    25. November 2012 15:17

    reinhard.horner@chello.at

    Für die selektive Bestärkung von Bewährtem und die Schaffung von zukunftstauglichem Neuem?

    Es ist schon beachtenswert, wie hier immer wieder auf der Grundlage überkommender Gegenabhängigkeiten und deren Fortführung diskutiert wird. Zum Beispiel "planwirtschaftliche Folterwerkzeuge" kontra durch Gewinnmaximierung gesteuerte "freie Marktwirtschaft", die im "privat geführten" Konkurrenzkampf Gesichtspunkte der Kooperation außen vor lässt und solche des "Gemeinwohls" mit allen Mitteln aushebeln möchte.

    Wie mit derartigen leitenden Empfindungen und Gedanken das Wirtschaften in den Dienst persönlicher Lebensführung gestellt und in den Gesamtzusammenhängen kultureller Entfaltungen wirksam werden soll, wird fahrlässig oder absichtlich in die Nullität geführt.

    Wie die Aufgaben und Verantwortungen in unserer globalisierenden "Welt der Menschheit von 7 Milliarden plus" erfüllt werden sollen, bleibt unbeantwortet. Von der Haltung, dass uns diese Welt nur geliehen und mehr noch in Hinsicht auf die Nachkommenden anvertraut ist, gibt es vielfach nicht einen Hauch.

  4. Johann Scheiber
    24. November 2012 04:56

    Hier findet etwas statt, was mir sehr gefällt, die "Katholische Verschärfung" (Carl Schmitt), denn diese ist wohl der Überlebensimperativ Europas.

    Es wäre aber in diesem Zusammenhang fatal, bei aller berechtigten Kritik, das Wahrheitsmoment des Liberalismus/Protestantismus, die freigesetzte Freiheit zu negieren. Es ist nach Hegel das Signum der modernen Welt, dass nichts mehr in der Gesinnung abverlangt werden könne, was nicht durch den Verstand zu rechtfertigen ist. Die Moderne ist auch eine Epoche in der Geschichte Gottes mit den Menschen, ihre totale Negation ist damit Atheismus - paradoxerweise die Versuchung des Fundamentalismus.

    Die moderne Welt, die Aufklärung allerdings, die meint, ganz auf sich selbst setzen zu können, die ihre substanzielle Voraussetzung, den christlichen Glauben verneint, ist, und da hat Friedrich Romig wohl uneingeschränkt recht, ein tödliches Verhängnis. So geht es darum, die besten Resultate der Aufklärung zu retten (Böckenförde).

    Dank an Dr. Unterberger, dass er hier immer wieder mit Beiträgen von Dr. Romig das Liberale mit dem Konservativen in Spannung versetzt. Das ist eben spannend! Das sterile entweder/oder ist nur ein Zeichen von Faschismus. Dieser ist zu allem anderen Übel auch noch langweilig.

    • Romig
      24. November 2012 10:42

      Hochgeschätzter Herr Scheiber

      Historisch geschah die Freisetzung des Verstandes nicht erst durch den Protestantismus/Liberalismus, sondern sie hält sich als Forderung - intellectus quaerens fidem - seit dem Aufeinandertreffen von Christentum und griechischer Antike bis in unsere Zeit.

      Verabsolutiert wird der Satz Hegels(?) - „nichts kann der Gesinnung abverlangt werden, was nicht durch den Verstand zu rechtfertigen ist“ - zur Hybris. Das sagen sie selbst: Beraubt des christlichen Glaubens, wird die Aufklärung für die Welt zum tödlichen Verhängnis. Daher ist dem Satz des Anselmus von Canterbury – fides quaerens intellectum – der Vorrang einzuräumen: der Verstand muß glauben lernen, er muß sogar „die Wahrheit des Mythos“ (Kurt Hübner, 1985) wiederentdecken! Dem Protestatismus von Luther bis Barth fehlt dazu „das Ohr“. Er wirkt als Kulturbruch, er „verrät das Wort“ (Franz Kronbeck, 2002).

      Er durch den „unbedingten“ Glauben wird die Religion zu einer kulturprägenden Macht in Europa und zum formenden Prinzip eines corpus mysticum et politicum (Ernst Kantorowicz, 1994).

    • Kopf
      24. November 2012 20:36

      Lieber Hans

      Prof. Rudolf Burger hat in seinem Vortrag "Der Triumph des Liberalismus. Ein Nachruf" folgendes gesagt:

      "Es ist ja kein historischer Zufall, dass die nordwesteuropäischen protestantischen Staaten der Ursprungsort des Liberalismus sind: Protestantismus ist die Privatisierung des Religiösen, erst in ihm wird, nach Hegel, die „Religion zum subjektiven Glauben“, zerfällt die „substanzielle Sittlichkeit“; dies führt zum „Atheismus der sittlichen Welt“ – eine, nach Hegel, wesentliche Voraussetzung für die Freisetzung der „Welt der Bedürfnisse“ aus metaphysischen Heteronomien und der Entstehung des autonomen Individuums. Hegel nimmt tatsächlich – was viel zu wenig bekannt und durch positivistische Vorurteile blockiert ist – in seiner Religionsphilosophie wesentliche Gedanken von Max Webers Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus vorweg." (Rudolf Burger - Der Triumph des Liberalismus. Ein Nachruf)

      Prof. Burger hat diesen Vortrag 2010 anläßlich des 14. Philosophicum in Lech gehalten, auf Wunsch kann ich ihn dir gerne zusenden.

  5. Ve.Cz. (kein Partner)
    24. November 2012 01:06

    "wirtschafts-liberal - werte-konservativ" - klingt dieses Schlagwort nicht irgendwie widersprüchlich? fast schizophren? hier erhalten, dort laissez-faire?

    meiner unmaßgeblichen Meinung nach, ziemlich unvereinbar... ich erlaube mir 3 (unausgereifte) Knackpunkte anzuführen:

    1.) Wirtschaftliches Handeln ist immer menschliches Handeln. Und weil menschliches Handeln sittlich bewertbar ist, fällt auch wirtschaftliches Handeln unter das ewige Sittengesetz, das sich in den 10 Geboten manifestiert. Mit anderen Worten: Die Sittlichkeit und deren Auslegung durch die katholische Soziallehre hat für wirtschaftliche insofern eine Relevanz, als daß sie sich nicht auch die Techniken bezieht (es gibt keine „katholische“ Buchhaltung) wohl aber auf „ […] Sinn und Zweck, Maß und Ziel des Wirtschaftens, das wiederrum vom Sinn und Zweck menschlicher Existenz abhängt.“ Gregor Hochreiter

    Und Sinn und Zweck menschlicher Existenz ist nach katholisch-abendländischem Verständnis nicht die Maximierung des eigenen Nutzens und Wohlbefindens, sondern die Erlangung des ewigen Seelenheils oder zumindest ein tugendhaftes Leben! Vielleicht nicht die Marktwirtschaft als Instrument, aber auf jeden Fall der Geist darauf "musiziert", hat hingegen ganz entgegengesetzte Absichten: Die ständige Erweckung neuer Bedürfnisse und eines von innerer Unruhe und Unzufriedenheit getriebenen Konsumverhaltens.

    2.) Ich wage zu bezweifeln, daß eine wertevolle Gesellschaft alleine dadurch entsteht, daß man die gegenwärtige, wertelose Gesellschaft einfach der „unsichtbaren Hand“ überlässt. Das wäre eine Ausblendung der gesellschaftlichen und sittlichen Natur der Wirtschaft. So als ob zwischen Wirtschaftsgesetz und Sittengesetz keinerlei Zusammenhang bestünde.

    Ich bezweifle einfach die immer wieder aufgetischte These, daß im Eigenwohl-orientierten Streben nach dem größtmöglichen Gewinn und Nutzen, eine dynamische Kraft liege, die durch die unsichtbare Hand das Gemeinwohl mehre und zwar ganz unabhängig von der Sittlichkeit der individuellen Handlungen. Das ist meiner Meinung nach ein Mythos.

    3.) Weil durch absolute Konkurrenz- und Wettbewerbsfreiheit vielfältige, kleine Gemeinwesen, heimische und gewachsene Klein- und Mittelunternehmen in irgendwelche Nischen verdrängt werden und nichts anderes erreicht wird, als die Kontrolle der Märkte durch jene Mammutunternehmen und ca. 36 globale Dachmarken, die übrig bleiben, wenn die Konkurrenz ihre Auslesefunktion erfüllt hat. MCDonalds, Ikea, H&M, Procter&Gamble, Always, um nur einige von zahlreichen anderen Beispielen zu nennen.

    ABER

    Vermutlich würde ein Großteil dieser und anderer „global player“ in dem Moment nicht mehr existierten, in dem der Unternehmer mit seinem persönlichen Vermögen für das Geschäftsrisiko zu haften hat und sich nicht mehr hinter einer bestimmten Rechtsform verstecken kann, geschweige denn Pleiten auf den Steuerzahler abwälzen kann. Eine Vielzahl regionaler Klein- und Mittelbetriebe, würde sich so vermutlich auf ganz natürlichem Weg entwickeln.

    Korrekter Weise muß außerdem hinzufügen (wie es in diesem Forum schon vielfach geschehen ist), daß viele, internationale Großkonzerne schon allein aufgrund ihrer Komplexität nicht bestehen könnten, wenn sie nicht der Staat durch gegenseitige Geschäfts-beziehungen, enorme Subventionen ohne einem dahinter stehenden, realen Wert begünstigen würde bzw. Klein- und Mittelunternehmen durch schikanöse Auflagen behindern würde. Das sind Zustände, die mit einer freien Marktwirtschaft natürlich nichts zu tun haben.

    NICHTSDESTOTROTZ

    Doch auch unter der Annahme einer, von diesen staatsinterventionistischen Maßnahmen „bereinigten Marktwirtschaft“ bleibt die Frage, ob die gewachsene Sozialstruktur eines Volkes angefangen bei der Familie bis über kulturprägende Berufsstände wie zB. den Bauernstand, die Bodenschätze und charakteristischen Landschafts- und Stadtbilder eines Landes und dessen geistige und kulturelle Identität wirklich einem (weltweiten) Spiel der Wettbewerbs- und Konkurrenzfreiheit unterworfen werden sollen?

    Kann ein derartiger „Wirtschafts-liberalismus“ als „wertekonservativ“ im Sinne von „werte-erhaltend“ bezeichnet werden? Kann man in der Gesellschaft bestimmte Werte erhalten, wenn man gleichzeitig im Bereich der Wirtschaft, blind dem globalen Spiel von Angebot und Nachfrage vertraut?

  6. dssm
    23. November 2012 22:17

    Sehr geehrter Herr Romig!

    Es ist eine wirkliche Freude, daß es diese Richtung noch/wieder gibt!
    Erst neulich war in der ef ein kleiner Beitrag, welcher dieses Thema streifte.
    Es ist zwar nicht die meine Richtung, aber es gibt eine ganze Reihe sehr durchdachter Ansätze, zweifelsohne ist dies die sympathischste Form des Sozialismus und eine 'reine' Marktwirtschaft kann man erdenken, erleben werden wir diese reine Form nie.

    Ich hoffe Sie werden nun öfter Ihre Sicht er Dinge präsentieren. Es würde mich freuen, wenn Sie dem theoretischen Teil immer wieder einen praxisbezogenen (vielleicht zu aktuellen Tagesfragen) Teil folgen lassen würden.

    Ich erlaube mir zwei Punkte herauszugreifen:

    Kalkulation der Preise.
    Da liegt wohl ein Mißverständnis vor. Wir können heute in der Serienproduktion den Preis und den zu erwarteten Gewinn/Verlust im Komma-Cent-Bereich ausrechnen und das stimmt auch. Das Problem ist die mangelnde Bildung vieler Akteure. Wer als nur BWL Studierter, von Außen, versucht in einer Maschinenfabrik die Buchhaltung zu verstehen und dann in eine Kostenrechnung umzulegen, wird wahrscheinlich scheitern.

    Der angesprochene Wahnsinn der sogenannten Ökonomen ist hinlänglich bekannt, aber bei Gott kein Phänomen nur dieser 'Wissenschaft'. Sozialisten versuchen stets durch Expertenbeweis die Gesellschaft zu verändern. Dazu braucht es Experten, welche durch klar messbare formale Kriterien erkennbar sind und Daten, welche leider nie in der reichlichen Menge vorliegen (zumindest wird dies nach dem Scheitern jedes mal behauptet). Die Experten werden gut bezahlt und müssen im Gegenzug die gewünschten Ergebnisse abliefern. Wir erleben dieses lustige Phänomen aber auch täglich mit Verkehrsexperten oder Gesundheitsexperten (usw usf).

    • Komma
      25. November 2012 16:57

      @dssm

      Francois Villon und F.V. haben recht. Doch nicht einmal in einem Ein-Produktunternehmen, etwa in einem kalorischen Kraftwerk, lassen sich die Kosten und Gewinne des Produkts "kwh" im "Komma-Cent-Bereich genau ausrechnen.
      Die Kosten hängen ab von sehr ungenauen Annahmen über die Lebensdauer der Anlagen, die Frage ihrer Bewertung (nach Anschaffungs-, Tages- oder Wiederbeschaffungswertprinzip), der Einbeziehung der Scheingewinnbesteuerung in die Kalkulation und natürlich von Annahmen über die Auslastung, Störungen (Risiken) und Wartungsarbeiten in der Zukunft. Es bleibt dabei: Jeder geschickte Kostenrechner ist in der Lage Kostennachweise vorzulegen, „die den Preis rechtfertigen, der erzielbar ist“. Ausrechnen können wir einigermaßen immer nur „Deckungsbeiträge.“

  7. F. V. (kein Partner)
    23. November 2012 16:39

    Ich will ja nichts gesagt haben, aber der Artikel von Romig ist „sch...“

    Ja, wenn das der liberale Journalist und Großdenker Unterberger sagt, dann, ja dann muß man zu analogen Schlußfolgerungen wie in der katholischen Kirche kommen: Unterberger locutus, causa finita!

    Was Romig hier – zusammengefaßt – ausbreitet ist etwas ausführlicher in „Die ideologischen Elemente der neoklassischen Theorie“ (Duncker aber dann sind die damit „abgeleiteten“ Folgerungen nicht mehr rational oder gar Wissenschaft, sondern bloß Abrakadabra. Daß sie mit der Wirklichkeit überdies nichts zu tun haben ist natürlich die Folge und inzwischen für jedermann erkennbar.
    Der Vorspann Unterbergers (oder wessen auch immer) zu Romigs Artikel, ist ob seines Widerspruchs in sich nicht nur lächerlich, sondern auch ziemlich billig, d. h. substanzlos. Das ist – wie schon so oft von verschiedenen Kommentatoren festgestellt – immer dann der Fall, wenn die Heilige Kuh des Dr. Unterberger, der „Liberalismus“, ins Visier gerät. Dann wird Unterberger zum Ideologen. Und was er dann schreibt oder sagt ziemlich dumm. Passiert dies öfters, dann tendiert man dazu ihn auch dort nicht mehr ernst zu nehmen, wo er gelegentlich auch Richtiges sagt. Was man ihm einzig noch zu gute halten wird, ist der Umstand, daß er Romig überhaupt zu Wort kommen läßt.

    Aber auch hier halte ich dies weder für übermäßige Selbstlosigkeit noch Ausdruck seiner Liberalität, sondern seiner Erkenntnis geschuldet, daß ohne die exzellenten – und kämpferischen – Beiträge Romigs das UTB längst langweilig geworden wäre. – Pardon: nicht Konjunktiv; es ist ohne Romig das längst.

  8. Fancois Villon (kein Partner)
    23. November 2012 16:33

    Ich will ja nichts gesagt haben, aber der Artikel von Romig ist „sch...“

    Ja, wenn das der liberale Journalist und Großdenker Unterberger sagt, dann, ja dann muß man zu analogen Schlußfolgerungen wie in der katholischen Kirche kommen: Unterberger locutus, causa finita!

    Was Romig hier – zusammengefaßt – ausbreitet ist etwas ausführlicher in „Die ideologischen Elemente der neoklassischen Theorie“ (Duncker aber dann sind die damit „abgeleiteten“ Folgerungen nicht mehr rational oder gar Wissenschaft, sondern bloß Abrakadabra. Daß sie mit der Wirklichkeit überdies nichts zu tun haben ist natürlich die Folge und inzwischen für jedermann erkennbar.

    Der Vorspann Unterbergers (oder wessen auch immer) zu Romigs Artikel, ist ob seines Widerspruchs in sich nicht nur lächerlich, sondern auch ziemlich billig, d. h. substanzlos. Das ist – wie schon so oft von verschiedenen Kommentatoren festgestellt – immer dann der Fall, wenn die Heilige Kuh des Dr. Unterberger, der „Liberalismus“, ins Visier gerät. Dann wird Unterberger zum Ideologen. Und was er dann schreibt oder sagt ziemlich dumm. Passiert dies öfters, dann tendiert man dazu ihn auch dort nicht mehr ernst zu nehmen, wo er gelegentlich auch Richtiges sagt. Was man ihm einzig noch zu gute halten wird, ist der Umstand, daß er Romig überhaupt zu Wort kommen läßt.

    Aber auch hier halte ich dies weder für übermäßige Selbstlosigkeit noch Ausdruck seiner Liberalität, sondern seiner Erkenntnis geschuldet, daß ohne die exzellenten – und kämpferischen – Beiträge Romigs das UTB längst langweilig geworden wäre. – Pardon: nicht Konjunktiv; es ist ohne Romig das längst.

    • F.V. (kein Partner)
      23. November 2012 16:37

      Es ging beim Übertragen etwas verloren: nachfolgend.

      Was Romig hier – zusammengefaßt – ausbreitet ist etwas ausführlicher in „Die ideologischen Elemente der neoklassischen Theorie“ (Duncker & Humblot) ausgeführt, und er hat damit jene immer noch „kanonische“ Lehre des US-Nobelpreisträgers Samuelson erledigt. (Auf gut Deutsch: in der Luft zerrissen.)
      Es wäre ja zu begrüßen, wenn Kritiker an Romigs Ausführungen „satzweise“ begründeten, warum sie ihrer Ansicht nach unzutreffend sind, und es wäre darüber hinaus sehr wünschenswert, würden diese Einzelnachweise seines angeblichen Irrtums sich zu einem „System“ oder Lehrgebäude zusammenfassen lassen, das sich als in sich konsistent und widerspruchsfrei darstellen ließe. (Für mich, damit es mir leichter fiele deren innere Logik eventuell zu verstehen.)
      Aber das ist nirgends der Fall. ....

    • Johann Scheiber
      24. November 2012 05:17

      Sehr geehrter Francois Villon, man muß den Kritikern doch immerhin dafür dankbar sein, dass sie nicht wieder nach Eso-Watch rufen!

    • F. V. (kein Partner)
      24. November 2012 09:49

      Lieber Herr Scheiber,

      das brauchen "sie" nicht mehr. Romig steht längst ganz oben auf den Proskriptionslisten.
      Aber, wie Sie wissen, sind wir hier in guter Gesellschaft.

  9. JL (kein Partner)
    23. November 2012 15:29

    Prof. Romig ist in seiner Analyse der wirtschaftlichen Gegenwart in weiten Teilen recht zu geben. Diese ist tatsächlich bis aufs Äußerste "vermachtet", zentralisiert, konglomeriert, monopolisiert; da wird ihm jeder Liberale, jeder Marktwirtschaftler zustimmen. Nur stellt sich eben die Frage, ob dies eine der freien Marktwirtschaft innewohnende Eigenschaft ist, sich gleichsam selbst aufzuheben, oder ob dies von marktfremden Elementen dem Markt aufgezwungen wird (marktfremd ist jede Institution und jede Person, die Gewalt initiiert).

    Ja, es gibt im Markt eine Neigung zum Monopol. Jeder Anbieter möchte Alleinanbieter werden, jeder möchte, dass die von ihm bereitgestellten Güter nicht substituierbar sind, jeder möchte den ultimativen Monopolpreis erzielen. Doch gelingt ihm das nur, wenn er sich initiierter Gewalt bedient, wenn er den Staat dazu bringt, ihm ein Monopol zu erzwingen. In der Marktwirtschaft werden sich dem Kleinen immer Lücken auftun, wo der große Anbieter zu träge, zu uneinsichtig, zu sehr auf seinen Hauptabsatzmarkt fixiert ist. Hayek erklärt dies aus der Einsicht in die besonderen Umstände von Zeit und Ort, die weit eher der Kleine als der Große hat. Wiederum Kohrs "Small is beautiful".

    Der marktliche Wettbewerb ist damit ein Wettbewerb, wer am besten den Markt kennt, wer die Bedürfnisse der Menschen am besten erkennt und bedient. Hat es der Bessere dann nicht verdient, auch besser zu verdienen, und muss dem Schlechteren nicht geraten werden, sich ein anderes Betätigungsfeld zu suchen. Dies wird ihm in einer Welt, die nicht nur absolute, sondern auch komparative Vorteile kennt, mit hoher Wahrscheinlichkeit immer möglich sein.

    Sicherlich, die Anbieter schaffen auch künstliche Bedürfnisse, oder wecken sie auf; und sie bedienen auch Bedürfnisse nach objektiv Schlechtem. Doch das ist keine der Marktwirtschaft eigentümliche Eigenschaft, daran ist dem Markt nicht die Schuld zu geben. "Schuld" ist einfach die conditio humana.

    Nun kann wohl eine regulierende Wirtschaftspolitik die Verbreitung solcher Güter hintanhalten. Aber wie immer ergibt sich das Problem, quis custodiet ipsos custodes.

    Zuletzt: Nicht das regulative Prinzip des Marktes ist die Konkurrenz, sondern ein methodisches Prinzip. Das regulative Prinzip ist das Gesetz (das dem Recht entsprechen soll); ein weiteres methodisches Prinzip ist aber auch die Kooperation. Wo man hinblickt, gibt es im Markt Kooperation. - Demgegenüber muss es in der ständischen Wirtschaft immer auch Konkurrenz geben, ansonsten würde sie darin versagen, dem Menschen zu dienen, würde verknöchern, würde nur noch sich selbst dienen und sich selbst verwalten.

    • Komma
      25. November 2012 17:01

      @JL

      Sie sollten Ihre Aussagen einmal mit dem Eurofighter-Deal konfrontieren, dann wüßten Sie wie Großgeschäfte gemacht werden. Prinzip: „Without promotion (=Bestechung), no promotion“. Kommen da immer die Besseren zum Zug?

  10. Paul Fischer (kein Partner)
    23. November 2012 11:56

    Es ist ein Zeichen der Zeit, dass Kapitalismuskritik auf einen Einbruch der Weltwirtschaft folgt wie das Amen im Gebet. Zunächst einmal: der erste Theoretiker der Marktwirtschaft, Adam Smith, hat darauf hingewiesen, dass Marktwirtschft nur funktionieren kann, wenn sie in ein Wertesystem eingebunden ist. Damals war es das protestantisch Christliche. Heute leben wir weltweit in einer Zeit des Wertezerfalls. Freie Medien nutzen ihre Freiheit, um die Wahrheit und die Liebe zu zerstören. Es lebe das Ressantiment und das Hässliche. Niemand macht sich die Mühe, komplizierte Zusammenhänge und Tiefenlinien zu verstehen. Besserwisserei füllt mehr und mehr die Szene. Verschwörungstheorien wachsen wie die Schwammerln nach dem Regen. So stirbt die Marktwirtschaft und danach der Wohlstand und der soziale Halt.

    Zum Anderen: Der Einbruch der Weltwirtschaft ist nur bedingt eine Folge der Manipulationen von Bankern. Hauptursache sind die laufend steigenden Rohstoffpreise, allen voran das Erdöl. Danach kommt die Schuldenakkumulation. Griechenland ist da nur die Spitze des Eisbergs. Was das mit Marktwirtschaft notabene "Neoliberalismus" zu tun haben soll, kann auch ein wortreicher hochgebildeter Romig nicht erklären.

    • Francois Villon (kein Partner)
      24. November 2012 11:45

      Herr Fischer,

      Romig erklärt doch eindringlich – wortreich, wie Sie sagen –, daß es die sogenannte Marktwirtschaft in Wahrheit gar nicht gibt. Man tut so, als ob es sie gäbe, macht also dem tumben Bürger ein X für ein U vor. Das Wort Marktwirtschaft mit ihren angeblichen Gesetzen sind Scheinbegriffe für ein pseudo-logisches Abrakadabra. Natürlich hat Griechenland nichts mit all dem zu tun, was sich die Mitzi-Tant´ aus Mistelbach unter Marktwirtschaft, etc. vorstellt, sondern ist exemplarisch für Betrug, Etikettenschwindel, Korruption und eben Raubtier-Kapitalismus.
      Nur weil mancher Esel noch dunkle Erinnerung an den angeblichen Kampf des „guten“ Kapitalismus (= dem Westen/USA) gegen den „bösen“ Sozialismus (= den Osten/UdSSR) hat, schließt er mit Palmström messerscharf, daß Kritik am Kapitalismus (mit allen weiteren Spezifizierungen) von einem Linken, einem Sozialisten kommen muß. (siehe: „der „Linksaußen“ Ökonom Prof. Kurt Rothschild“). Und er übersieht, daß beide doch eine gemeinsame Wurzel haben: den als so hoch gepriesene Aufklärung uns heute beherrschenden Auf-k l ä r i c h t - Materialismus, Relativismus, Positivismus, Hedonismus, Nihilismus – Atheismus.
      Sie sollten die Sache selbst betrachten – unter Absehen Ihrer vermeintlich kanonischen Einordnungen. Die ideologischen Begriffe erklären nämlich nichts. Es wäre sicher sehr hilfreich, würden Sie Romigs (wissenschaftliche) Arbeiten kennen; dann verstünden Sie wahrscheinlich auch, was er gesagt und gemeint hat.
      dssm zB meint, daß man heute in der Serienproduktion sehr genau Kosten und Preise feststellen/berechnen könne, etwas das Romig ja glatt bestritten hat. Das mag für die ausschließliche Einprodukt-Fertigung zutreffen; in den „ideologischen Elementen“ erklärt Romig warum das gerade bei den immer komplexeren Produktionsprozessen eine Illusion ist. (Man „berechnet“ auf Hunderstel/Tausendstel Groschen die „Stückkosten“ und verteilt am Schluß mit 500 – 1.000 Prozent die „Gemeinkosten“. – Merkt man den Widersinn?)
      Es bewahrheitet sich halt immer wieder: man kann sich nur jenen verständlich machen, die schon wissen wovon die Rede ist, und denen man nur anzudeuten braucht, was man sagen möchte.

  11. Waltraut Kupf (kein Partner)
    23. November 2012 10:39

    Der Artikel wird naturgemäß je nach dem Wertekatalog der Kommentatoren beurteilt. Ich schließe mich Romigs Ansicht an, mit der Einschränkung, daß der Mensch nun einmal zum überwiegenden Teil nicht edel, hilfreich und gut ist und der angewandte Teil immer mit der Schwierigkeit der Umsetzung zu kämpfen haben wird. Wesentlich ist allerdings, daß in der von Romig vertretenen Meinung Theorie und Praxis zwar auseinanderklaffen, eine moralische Norm aber zumindest zugrundeliegt, während in der heutigen Wirtschaft Theorie und Praxis aus einem Guß sind, wo allerdings dem Wort „homo homini lupus“ noch Vorschub geleistet wird und das eigentlich zur geltenden Ideologie geworden ist, trotz anderslautender schöner Floskeln. In drastisch-plakativer Form ausgedrückt gibt es in der Wirtschaft heute Anklänge an die Grundsätze der Scientology, die sich nur aus Gründen der Steuerschonung als Religionsgemeinschaft bezeichnet und für welche die Ethik das ist, was ihrer Organisation nützt. Die Maxime lautet: “Make money, make more money“. Ich habe irgendwo gehört oder gelesen, daß in der chinesischen Philosophie der Wettbewerb als unethisch empfunden wird (wovon man sich dort allerdings ebenfalls bereits verabschiedet haben dürfte). Eine außerordentlich katholische Mutter in unserem Freundeskreis wurde nicht müde, ihre Kinder als die besten, schönsten, talentiertesten, karriereverdächtigsten etc. zu bezeichnen, die Kinder ihrer Freunde jedoch in huldvollem Mitleid, gleichzeitig aber mit großer Selbstverständlichkeit auf die Plätze zu verweisen. Ich möchte damit sagen, daß das Verfolgen von Eigeninteressen ohne jede Empathie für den Rest der Welt salonfähig geworden ist und daß es seitens der Sprachrohre des Staates keine Ausrichtung auf eine Autorität gibt, welche bestimmte ethische Grundsätze (ungeachtet dessen, daß sie zu keiner Zeit durchgehend eingehalten wurden) zumindest als Richtschnur vorgeben würde, um wenigstens einen graduellen Unterschied in der Befolgung ebendieser Grundsätze zu erzeugen. Das Unterfutter ist eine allgemeine Verlogenheit, die vorgeblich christliche Kreise ruhig schlafen läßt, wenn sie sich an ihren Besitztümern festkrallen und um das goldene Kalb tanzen („denn wo dein Schatz ist, dort ist auch dein Herz“) und die Metapher vom Kamel und dem Nadelöhr verdrängen. Deshalb macht auch die Trennung von Kirche (als Vertreterin einer metaphysisch orientierten Moral) und Staat aus dem Gemeinwesen anstelle eines zusammenwirkenden Organismus eine Summe von Spirituspräparaten, die untereinander keinen Zusammenhang haben, nach dem Motto eines Bühnenstücks des vorzeitig an einer Drogenüberdosis verstorbenen Autors Werner Schwab „meine Leber ist sinnlos“. Beispiele für eine zwiespältige Weltanschauung sind etwa der EU-Politiker Buttiglione, welcher seine Privatmeinung (betreffend u.a. die Abtreibung) von seinen beruflichen Ambitionen abkoppelte, dem aber dann sogar seine Privatmeinung zum Hindernis wurde, auch der allseits (besonders von links) hochgejubelte Kardinal König, der ebenso einen unabdingbaren Grundsatz der Kirche einem faulen Kompromiß mit den Sozialisten opferte und dann als der große Brückenbauer gefeiert wurde (erst gestern wieder in „Menschen und Mächte“ zum xten Mal gezeigt). Wenn die Resultate zählen (oder die Früchte, an denen man „sie“ erkennt“, so sieht es nach der Machtübernahme des Fürsten der Welt (samt Chancengleichheit, Menschenrechten, Selbstbestimmtheit usw.) traurig aus. Der Durcheinanderwerfer, vulgo Diabolos, hat ganze Arbeit geleistet („dies alles will ich dir geben…“ hat bei den sogenannten Eliten gefruchtet), und die von der EU erzwungene Art des Wirtschaftens ist die von ihm weidlich genützte Struktur. Was natürlich die Nachfolger der ehemals Christlichsozialen und immer noch glühenden Europäer sicher anders sehen.

  12. Schnabeltierfresser (kein Partner)
    22. November 2012 21:37

    Möchte abschließend bemerken, nachdem ich alle Kommentare gelesen habe, dass dies wahrscheinlich der geistreicheste Thread hier aller Zeiten ist. Und das von Romig ausgehend. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

  13. GregorH (kein Partner)
    22. November 2012 17:08

    2 Anmerkungen:
    1. Der Freiheitsbegriff des katholischen Glaubens ist mit dem Freiheitsbegriff des Liberalismus in keiner Weise zusammenzubringen. Siehe hiezu die Enzyklika "Libertas praestantissimum" von Papst Leo XIII. und die erschöpfenden Ausführungen von Kardinal Ratzinger in "Glaube-Wahrheit-Toleranz." Die Freiheit des Menschen ist gebunden an die Wahrheit und erhält in ihrer Bindung an Gott ihre höchste Vollendung (KKK).

    2. Die Alternative zum Liberalismus/Kapitalismus ist nicht Nordkorea. Diese lächerliche Polemik haben weder der CR noch Du, Andreas, nötig. Wer mit offenen Augen durch die Welt(geschichte) reist, erkennt doch die frappante Ähnlichkeit der sozialistischen und der kapitalistischen Produktionsweise: riesige, gesichtslose Fabrikhallen, in denen Lohnabhängige ihrer mehr oder weniger stupiden Tätigkeit nachgehen. McDonalds, Ikea und RyanAir als kulturelle Errungenschaft zu verteidigen, ist einfach nur absurd, zumal die meisten dieser Industriekonglomerate ohne staatliche Förderungen, Privilegien (wie die "Gesellschaft mit beschränkter Haftung" und die AG) und das Bankensystem erst gar nicht entstanden wären. Industrie und Großbanken (mit Teilreservehaltung) sind Zwillinge. Ohne Großbanken ähnelte unsere Wirtschaftsstruktur der hier scharf kritisierten "konservativen Wirtschaftsaufassung", vor allem wenn das Subsidiaritätsprinzip endlich ernst genommen würde. Natürlich gäbe es dann keine Flugzeuge, Wolkenkratzer, Autobahnen und Tiefkühlpizzen mehr. Aber die kleinräumige Wirtschaftsstruktur des Mittelalters hat Kathedralen, Klöster, Burgen, Schlösser, Bauernhöfe von höchster technischer Qualität und künstlerischer Raffinesse errichtet, Böden und Almen urbar gemacht, also all dies, was gemeinhin als schön und lebenswert erachtet wird. Wer macht schon in "Silicon Valley" oder in einem Stahlwerk Urlaub.
    Ziel des Lebens ist nicht die Maximierung des Einkommens oder "der Freiheit" sondern die Heiligkeit, zumindest aber die Tugendhaftigkeit. Da das Ziel des Gesamten, der Staat ist Beziehungswirklichkeit, nicht vom Ziel des Einzelnen abweichen kann, die Autorität und Kompetenz des Staates sich allerdings nur auf die natürliche Ordnung erstreckt, sind der Staat und das Gemeinwesen auf die Verwirklichung des Gemeinwohls angelegt.

    • Johann Scheiber
      22. November 2012 22:28

      Der Liberalismus steht für die Willkürfreiheit. Auch diese ist ein Moment der christlichen Freiheit. Erst die Absolutsetzung der Willkür macht aus dem Liberalismus ein antichristliches Phänomen und gleichzeitig , politisch gesehen, eine Ideologie.

      Dostojewski meinte, dass alles darauf ankommt, dass die Menschen den Glauben freiwillig annehmen können. Dazu gehört eben auch, dass man ihnen die Willkür läßt.
      Diese Lektion werden die Fundamentalisten noch lernen müssen und genau da besteht in der Verkündigung Handlungsbedarf.

    • Andreas Tögel
      23. November 2012 08:05

      Servus Gregor,
      daß Romig mit Vorliebe (lebende und bereits tote) linke Autoren zitiert, ist nichts Neues (woraus man folgern könnte, daß HHH´s Diagnose, wonach - stark vereinfacht zusammengafaßt - auch Konservative am Ende nichts weiter als Sozialisten sind, absolut zutrifft!). Daß seine Vorstellungen auf "...sozialökonomische Räte, sozialpartnerschaftliche Beiräte, Kammern, Körperschaften öffentlichen Rechts usw." hinauslaufen, paßt ins Bild. Faktisch wortgleiche Forderungen erhebt auch Christian Felber ("Gemeinwohlökonomie"). Ein weiterter Ausbau all dieser planwirtschaftlichen Folterwerkzeuge würde uns mit ans Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in ein System führen, gegen das sich das gegenwärtige Kuba wie ein libertäres Paradies ausnimmt.

      Daß - und darauf laufen Romigs Thesen am Ende ja hinaus - ausschließlich praktizierende Katholiken ein gutes Leben zu führen imstande sind, bestreite ich auf das Entschiedenste. Die strikte Respektierung des Nichtaggressionsprinzips würde dafür (beinahe schon vollständig) ausreichen...

      Daß nun auch von Dir ein uralter Kalauer wie die marxistische Entfremdungstheorie bemüht wird (auch Karl Marx himself hat übrigens die zitierten "gesichtslosen Fabrikhallen" niemals persönlich in Augenschein genommen), irritiert mich ein wenig, zumal ich es vor noch gar nicht allzu langer Zeit aus Deinem Munde anders gehört habe.

      Daß heute auch Hilfsarbeiter sich Telephone, Autos und Fernsehapparate leisten können, ist allein und ausschließlich dem Kapitalismus (der Existenz "gesichtsloser Fabrikhallen") geschuldet. Ohne Massenfabrikation kein Massenwohlstand. Natürlich wird ein asketisch lebender Schöngeist wie Du auf derlei "Errungeschaften" möglicherweise spucken, denn erhebender wäre es zweifellos, wenn diese Hilfsarbeiter sich dem Studium von Platon und/oder verschiedener Sozialenzykliken hingeben würden, anstatt in die Kiste zu glotzen oder mit dem geleasten Boliden herumzufahren. Das wollen und das tun die aber nicht - und das ist auch vollkommen OK, wie ich meine. Niemand hat das Recht, anderen deren private Lebensführung vorzuschreiben, solange die niemandes Kreise damit stören.

      Wert und Bedeutung materiellen Wohlstands kleinreden kann - nach meinen langjährigen Erfahrungen - nur der, der nie etwas anderes kannte (was unser beider Biographien wohl beträchtlich unterscheidet). Von einer Verteidigung einer "McDonals-Kultur", wie Du sie mir unterstellt, kann keine Rede sein. Allerdings kann halt der zitierte Hilfsarbeiter sich regelmäßige Besuche im "Steirereck" nicht leisten. Die Existenz von Fastfoodbuden bietet dem immerhin den bescheidenen Luxus, auswärts essen gehen zu können, was auch nicht zu verachten ist.

      Zur Frage des Freiheitsbegriffs des Liberalismus: Es gibt katholische Theoretiker wie Thomas Woods ("The Church and the Market"), die keine Unvereinbarkeiten zwischen Liberalismus und Christentum entdecken können. Die kann ich auch nicht sehen. Deine diesbezüglichen Ausführungen dazu im letzten EF-Magazin überzeugen mich nicht. Bei Mises geht es am Ende um lupenreinen Utilitarismus - um Wohlstandsmaximierung für die breite Masse. Fortschritt wird an nichts anderem gemessen. Das kann man natürlich kritisieren. Allerdings erhebt sich die Frage, worin denn die Vorteile einer vormodernen Gesellschaft bestanden haben, als man zwar wunderbare Kathedralen gebaut hat, die einfachen Leute aber nach einer einzigen Missernte zu Tausenden verhungert sind. Daß ein "gutes Geben" geführt, individuelles Glück tatsächlich verwirklicht werden kann, ohne dafür eine entsprechende materielle Basis vorzuhalten, wage ich anzuzweifeln.

      Ob wir tatsächlich in einer besseren Welt lebten, wenn es all die "kapitalistischen Errungenschaften" nicht gäbe, die Du kritisierst, ist fraglich. Ich für meinen Teil halte es z. B. für bereichernd, schon die halbe Welt bereist zu haben. Das wäre mir - ohne Flugzeuge - nicht möglich gewesen. Und die werden halt, diese Diagnose ist absolut korrekt, nicht von einer kleinen OEG, sondern von großen Aktiengesellschaften gebaut. Daß die am Untergang des Abendlandes die Schuld tragen sollen, kann ich nicht glauben.

      Vielmehr ist es wohl die unheilvolle Symbiose aus Big Government und Big Banking, das uns an den Rand des Abgrunds geführt hat...wenigstens in diesem Punkt können wir vermutlich Einigkeit erzielen...;-). In einem persönlich geführten Plausch könnten wir das ausführlicher debattieren...

      Mit freundlichem Gruß,
      Andreas T.

    • Andreas Tögel
      23. November 2012 08:15

      Korrektur: im drittletzen Absatz sollte es natürlich "gutes Leben" heißen...

    • Ökonomie-Vergelter
      23. November 2012 22:09

      Wie anregend war denn vor zweihundert Jahren die Getreideernte, das Ernten von Kartoffeln, oder das Ausjäten von Unkraut auf dem Acker, bitte?

      Bezug:
      "... riesige, gesichtslose Fabrikhallen, in denen Lohnabhängige ihrer mehr oder weniger stupiden Tätigkeit nachgehen.

      Einziger Unterschied:
      Dank Effizienzsteigerungen heute mit geregelter Arbeitszeit und mit Produktivitätsprämie, die mehr persönlichen Konsum bzw Komfort ermöglicht.

      Außerdem: Industriehallen gibt es ohnehin fast nur mehr in den aufstrebenden Ländern Asiens, die Gegner einer Emanzipation des Menschen durch Herausführen aus der Not und materiellen Zwangslagen sind in Europa schon in der Zielgeraden.

  14. Romig
    22. November 2012 14:11

    AU gebührt Dank, dass er den Artikel ins Tagebuch eingestellt hat. Verschiedene Fassungen des Artikels sind in Zeitschriften, Büchern, Blogs immer wieder erschienen. Die Erstfassung wurde in der berühmten konservativen, von Caspar v. Schrenck-Notzing herausgegebenen Zeitschrift „Criticòn“ abgedruckt. Die letzte Fußnote weist darauf hin.

    Leider wurde im Tagebuch der Artikel von AU oder seinen Mitarbeitern mit zum Teil absurden Zwischentiteln versehen. Nirgends ist dem Artikel zu entnehmen, dass es „Märkte, Angebot und Nachfrage nicht gibt.“ Aber so ist nun einmal manipulativer Journalismus. Gesagt wurde im Essay, dass der Marktbegriff von seriöser Nationalökonomie in „seine Elemente aufgelöst wurde“ und es die vielberufenen „Gesetze von Angebot und Nachfrage“ (zur eindeutigen und allgemeinen Erklärung von Güterpreisen) sich als Tautologie erwiesen haben.

    AU ist Journalist und Liberaler. Ihm ist nicht übel zu nehmen, dass er sich vom Inhalt des Esssays mit Hilfe von unbewiesenen Behauptungen, verfehlten Urteilen, Schlagworten, Unterstellungen und Zuschreibungen distanziert. Das gehört wohl zum „liberalen“ Journalismus. Dennoch sei auf ein paar Vorwürfe eingegangen:

    1. „Völliges Mißverständnis von Marktwirtschaft“?. Worin soll dieses Mißverständnis bestehen? Ist „Marktwirtschaft“ nicht Wettbewerbswirtschaft? Ist ihr „regulatives Prinzip“ nicht der Wettbewerb? Ist Wettbewerb keine „Auslese-Veranstaltung“? Tatsache jedenfalls ist, dass die Deutschen von der Marktwirtschaft, die ja längst keine mehr ist, mehrheitlich abrücken: „Die Skepsis gegenüber der Marktwirtschaft hat eine ganz neue Dimension erreicht“, schrieb der ehemalige Leiter des Resorts Wirtschaft der FAZ, Klaus Peter Krause, am 20.November 2012 unter Berufung auf eine Untersuchung des Heidelberger John Stuart Mills-Instituts (http://kpkrause.de/2012/11/20/ein-gestortes-verhaltnis/#more-2118 ). Immer weniger Deutsche scheinen sich also mit dem Leerwort „Marktwirtschaft“ an der Nase herumführen zu lassen. Heute weiß ziemlich jeder renommierte Ökonom, dass die „freie“ Marktwirtschaft zu einem „Katastrophen-Kapitalismus“ (Naomi Klein) geführt hat, der nur noch durch militärische Interventionen oder ihrer Androhung (z.B. zwecks Sicherung der Rohstoffzufuhr) am Leben erhalten werden kann. Die Charakterisierung dieses auf Wettbewerb statt auf Kooperation beruhenden Wirtschaftssystems durch Pius XI. hat nichts an Aktualität verloren.

    2. Ignorieren der „Wohlstandsvermehrung“? AU versäumt den Begriff „Wohlstand“ zu definieren. Jedes Kind weiß heute, dass das GDP kein ausreichender Indikator für „Wohlstand“ ist. Wenn eine Gesellschaft sich nicht mehr „reproduziert“, die Familien reihenweise zerbrechen, ein Land sich „abschafft“ (Thilo Sarrazin) oder gar „Europa sich abschafft“ (Henkel von Donnersmark) und auf Kosten der Zukunft lebt, kann von „Wohlstand“ keine Rede sein.

    3. „Fehlen jeder Wertschätzung der Freiheit“? Freiheit bedeutet „Herr seiner Entscheidungen zu sein“(Sir 15, 14). Ist die österreichische Regierung „Herr ihrer Entscheidungen“? Wird Österreich nicht regiert von Brüssel, Brüssel von Washington und Washington von der Wallstreet? Schäuble sprach davon, dass Deutschland nach 1945 noch in keinem Augenblick „souverän“ war. Gleiches gilt für Österreich. Wie aber soll der Bürger frei sein, wenn es der Staat nicht ist? AU gibt sich da selbst die Antwort, etwa in seinem Artikel „Euroland ist abgebrannt“. Und umgekehrt zeigt ja der vorliegende Essay worin Freiheit nun wirklich besteht, nämlich in Selbsthilfe, Selbstverwaltung und der Ausrichtung auf das Gemeinwohl hin.

    4.Liberale Ökonomen „die einzigen Kritiker an der Schuldenansammlung und den Rettungspaketen“? Das ist ein schwerer Irrtum. Konservative Kritiker (im Gegensatz zu AU!) haben bereits den Beitritt zur EU und zur Währungsunion kritisiert, welche die Schuldenansammlung erst ermöglichten und für die Rettungspakete Anlaß boten. Siehe die Beiträge von 1997 (!): „Der Euro als Schwindelssystem“: http://www.jf-archiv.de/archiv/20aa4.htm ; „Der Euro: Sprengstoff für Europa“: http://www.jf-archiv.de/archiv/47aa12.htm

    5. „Vorstellung einer durch Stände und Kammern regulierten Ökonomie, „die im Ständestaat völlig gescheitert ist“? Eine reine Unterstellung von AU: der Autor hat noch nirgends einen „Ständestaat“ propagiert, sondern immer die Hoheit des Staates über den Verbänden betont (sie dazu seine Habilittionschrift „Theorie der wirtschaftlichen Zusammenarbeit“, Berlin). Wofür er allerdings eintritt, ist die sozialpartnerschaftliche Zusammenarbeit, die Österreich den sozialen Frieden gebracht hat. Und das ist das Gegenteil von „scheitern“. Auf die vielfältigen Formen der Zusammenarbeit der in Kammern, Verbänden, Associations (USA), „Gilden“ (England) organisierten Wirtschaftsinteressen mit dem Staat wurde in dem Essay eingegangen. Sie wird von den mit Scheuklappen und Vorurteilen behafteten Liberalen entweder nicht gesehen oder perhorresziert. Das unvermeidliche Abgleiten der Liberalen in den Anarchismus hat bei den europäischen Völkern, wie einst Bischof Kren richtig diagnostizierte, zur letalen „ Immunschwäche“ geführt. Beispiele für dieses Abgleiten in den Anarchismus finden wird ja auch unter den Postern in diesem Blog (Tögel, phaidros u.a.). Interessant, dass selbst ein Mann wie Ludwig Erhard in seinen späteren Jahren eine durch Verbände „formierte“ Gesellschaft forderte, weil er die Unzulänglichkeit seines Konzepts der „sozialen Marktwirtschaft“ immer deutlicher erkannte.

    6. An NS-Methoden erinnert die Zuschreibung der „Nähe seines (Romigs) Theorieansatzes zu sozialistischem Denken“ auf Grund der Zitierung eines „Linksaußen-Ökonomen“, wie es nach AU der Ökonom K. Rothschild zweifellos sei. Nun, heute, am 22. Nov. 2012, findet, wie alle Jahre, eine vom Ökonomie-Lehrstuhl der Kepleruniverität gestiftete „K. W. Rothschild-Lecture“ statt. Durch sie wird Prof. Rothschild, als “without doubt one of the most outstanding Austrian economists of the past century”, geehrt. Im NS-System war es unerwünscht, Juden positiv zu zitieren, heute gerät man zumindest bei AU unter Verdacht, wenn man renommierte “Linke” zitiert. Wo sind wir eigentlich? Hat AU vielleicht schon vergessen, dass K. W. Rothschild auch in der von ihm geleiteten PRESSE schrieb und geehrt wurde?

    Natürlich ist der Essay eine Zumutung für alle, die nichts als die liberale Mainstream-Ökonomie kennen. Aber die liegt in den letzten Zügen. Heute wird die Frage von „Good and Evil in Economics“ wieder aufgeworfen (Thomas Sedlacek), eine „Gemeinwohlökonomie“ gefordert (so die Vertreter der Kath. Soziallehre), vor dem Zuschnappen der „Globalisierungsfalle“ gewarnt (Joseph Stiglitz), das Konzept der „Öffnung aller Wirtschaftsbereiche“ verworfen und „der Ersatz der Importe durch heimische Produkte“ angestrebt (Chefvolkswirt der UNCTAD, Prof. Heiner Flassbeck). In der praktischen Politik erfolgt langsam aber sicher eine Rückkehr zu „einem nationalen System der politischen Ökonomie“ nicht nur in China, Russland, Brasilien, Indien sondern in fast allen sich entwickelnden Staaten. Und selbst in der EU oder den USA rücken nationale Interessen wieder in den Vordergrund. Der Paradigmenwechsel ist nicht mehr aufzuhalten. Jedenfalls gibt es genug Licht für die, die ihn sehen wollen, und genug Dunkel, für jene die nicht sehen wollen.

    Der mir unbekannte Poster KÖL hat dazu einen trefflichen und überzeugenden Kommentar beigesteuert. Besser kann man die Bestrebungen des Essays kaum erfassen.

    • Schnabeltierfresser (kein Partner)
      22. November 2012 21:17

      "Andreas Unterberger ist Liberaler". Hihi, nicht mal Unterberger selbst traut sich, sich "Liberaler" zu nennen, ohne zu relativieren. Sagt auch was über Sie aus, Monsignore Romig.

  15. Bürger (kein Partner)
    22. November 2012 10:10

    Dafür, daß es diese Riesen (und täglich weniger Zwerge) gibt, ist - wieder einmal - keineswegs ein unmenschlich brutaler Marktmechanismus verantwortlich, sondern der Umstand, daß jedes weitere staatliche Regulativ (jeden Tag wird ein Dutzend neuer davon auf den Weg bebracht) stets den Riesen nutzt und die Zwerge weiter schwächt.

    Das mag in vielen Bereichen zutreffen und ist selbstverständlich kritikwürdig. Auf der anderen Seite schützt Sie die staatliche Regulierung zumindest davor, dass der Riese Ihnen einfach mit nackter Gewalt das Geschäft kaputt macht.
    Auch sonst denke ich, dass das Wirtschaftsrecht zumindest einige Punkte enthält die kleineren Unternehmern Schutz bieten.

    Wie so oft kann ich Ihrer Kritik in wesentlichen Punkten zustimmen, sie ist mir nur zu einseitig und die Konsequenzen die Sie bezüglich alternativer Gesellschaftsentwürfe ziehen halte ich für verfehlt.

    • Ökonomie-Vergelter
      23. November 2012 21:55

      Der Schutz davor, dass "der Riese ... einfach mit nackter Gewalt das Geschäft kaputt macht", hat aber nichts mit Wirtschaftsrecht zu tun. Es handelt sich hierbei vielmehr um den althergebrachten Eigentumsschutz, den auch ein sogenannter "Nachtwächterstaat" als Prinzip verinnerlicht, gelt!?

  16. november (kein Partner)
    22. November 2012 08:55

    Warum gab es keine Anmerkung vor den Kommentaren, in denen Romig für einen katholischen Gottesstaat in Österreich eintritt?

    • Komma
      25. November 2012 16:41

      Vielleicht gab es keine Anmerkungen, weil wir am Sonntag, den 25. November, das "Christkönigsfest" feiern? Das Fest gilt Christus, "dem König der Welt", jeder Gesellschaft und jedes Staates, dem König, der da sagt: "Per me reges regnant" (so steht es auf der Kaiserkrone in der Schatzkammer). Der Satz gilt sogar für unsere "demokratische Republik", auch wenn sie davon nichts wissen will. Zuletzt muss auch sie anerkennen, dass alles Recht von Gott (und nicht vom Volk) ausgeht. Benedikt XVI. hat das den Abgeordneten des Deutschen Bundestags vor einem Jahr klar gemacht.

  17. Schnabeltierfresser (kein Partner)
    22. November 2012 07:58

    Haha, Unterberger schreibt eine ganze Seite Rechtfertigung, aber "dennoch präsentiert das Tagebuch in der Folge Romigs Text ohne jede weitere Anmerkung".

    • Bürger (kein Partner)
      22. November 2012 08:44

      Er hätte ja auch die Möglichkeit gehabt im Fließtext auszubessern. :D

      Romig kann man immerhin anrechnen, dass er im Gegensatz zum Bloginator seine Quellen recht vernünftig zitiert - so fragwürdig die Quellen auch sein mögen.

      Was ich mich frage: Was macht Kurt Rothschild zum Linksaußen-Ökonomen?
      Gut, man ist ja hier gewohnt, dass ökonomisch gesehen alles außer Hayek, Mises und Co. links ist - eh klar. Aber wie wird man gleich Linksaußen-Ökonom? Der Begriffsbestimmung logisch folgend, müsste es ja auch Linksinnen, oder anders: gemäßigt linke Ökonomen geben. Wer sind denn solche - und wenn es sie nicht gibt - wodurch würden sich solche theoretisch auszeichnen?

    • Schnabeltierfresser (kein Partner)
      22. November 2012 21:13

      Herr Bürger, es heißt LinksInnen. Sonst wären ja Männer nicht mitgemeint. ;)

  18. KÖL
    21. November 2012 20:57

    Der Freiheitsbegriff den die Aufklärung hervorbrachte, hat sich als der einer egoistischen Willkür, als rücksichtslos, gott- und kulturlos erwiesen, er hat sich als ein vordegründig primitives, unter Betracht seiner Entwicklungsstufe dem Menschen unwürdiges Ideal herausgestellt, das den Gesetzen des Lebens widernatürlich entgegensteht und die Unterdrückung anderer impliziert. Ein solcher Freiheitsbegriff musste zwangsläufig zur korrupten und materialistisch-mammonistischen Ego- und Gewaltgesellschaft mit werte- und gewissenlosen Menschen, zur Herrschaft des Geldes, sowie auch zur Zerstörung ökologischen Lebensgrundlagen, also in Unfreiheit führen.

    Indem die Aufklärer dem Menschen sein spirituelles Wesen absprachen, haben sie ihm auch seine Würde und den Sinn seines Daseins genommen. Wie wir es in der 'aufgeklärten' Gesellschaf heute allerorst beobachten können, ist die Masse der Menschen zu funktionierenden, abhängigen und gefügigen, meinungskonsumierenden und systemkonformen Arbeits- und Konsumwesen verkommen, zu charakter- und identitätslosen Wesen ohne Originalität und Individualität, die durch Politik, Medien und Werbung dem Zeitgeist enstprechend konditioniert und gleichgeschaltet, auf Konkurrenzdenken programmiert, fremdbestimmt und gehirngewaschen sind. Der Versuch, das menschliche Dasein auf das Materielle, auf Kommerz, Kalkül und Konsum zu reduzieren, ist weitestgehend geglückt! Die materialistische Wertevermittlung durch Aufklärungsapostel hat den heute überall anzutreffenden pseudo-intellektuellen und triebgesteuerten oberflächlichen Spaß- und Genußmenschen hervorgebracht, der sich gut gekleidet, sportlich durchtrainiert und sexuell befreit immer up to date nur in der Vordergründigkeit des Lebens bewegt, der profitgierig und profilsüchtig immer nur seinen eigenen Vorteil sieht - ohne Gemeinsins und ohne jegliches Gespür für Wahrheit und spirituelles Verantwortungsbewußtsein.

  19. phaidros
    21. November 2012 07:27

    Ich respektiere AUs Vorbemerkung, verstehe allerdings nicht, warum er meint, solch eine Bühne bauen zu müssen. Jeder hat die Möglichkeit, sogar gratis, einen eigenen Blog einzurichten und kann seine Weltsicht dort veröffentlichen. So verschroben und abwegig sie auch sein mag.

    • Alex
      21. November 2012 10:05

      Phaidros, vielleicht ist es für sie so zu verstehen: das Wirtschaftssystem unseres Landes ist immer auch Abbild der Gesellschaft, oder des momentanen geistigen Entwicklungstandes der Menschen. Der von den Linken nicht zu unrecht kritisierte "Raubtierkapitalismus" entspricht letztlich der geistigen Verfassung unserer Gesellschaft, welche wiederum eine Konsequenz der Aufklärung ist.

  20. Andreas Tögel
    21. November 2012 07:14

    Der der Marktwirtschaft unterstellte "the winner takes it all" - Mechanismus existiert nur in der Phantasie des Autors. Der Bessere erzielt einfach einen größeren Marktanteil, das ist es aber auch schon. Daß es auch heute noch Greissler wie meine Wenigkeit gibt, ist der schlagende Beweis...

    Die geforderte "Förderung von Klein- und Mittelbetrieben" wird in der Praxis wohl auf eine Totalverstaatlichung aller Betriebe hinauslaufen. Denn so selbstlos ist der verherrlichte Staat ja nun auch wieder nicht, seine "Förderungen" an keinerlei Bedingungen zu knüpfen. Als gedankliche Vorlage möge der rezente Zustand der "Staatskunst" dienen. Ein Angst einflößender Gedanke, wenn man ihn auf die Wirtschaft überträgt.

    "Bändigung von Wissenschaft und Technik" bedeutet deren sicheren Tod, soviel ist klar. Wenn erst einmal hirnlose (Staats-)Bürokraten darüber zu befinden haben, woran geforscht und was entwickelt wird, sind Hopfen und Malz verloren.

    Konkurrenz durch Zusammenarbeit ersetzen zu wollen - diesen frommen Wunsch lese ich bei allen Kommunisten von Wagenknecht über Ziegler bis Felber. Witzig, wie die Extreme einander gelegentlich gleichen. Keine Konkurrenz bedeutet Trabant statt S-Klasse-Mercedes und alles in den Plattenbau statt einige in die Cottagevilla. Eine erschreckende Vorstellung, die ohne vorherige Zwangserziehung oder Züchtung eines "Neuen Menschen" ohnehin nicht funktionieren wird. Konkurrenz ist der Treibsatz der Evolution (schlag nach bei R. Dawkins, der übrigens auch zur Bedeutung der Religion viel Erhellendes zu sagen weiß). Sie ausschließen zu wollen, heißt, sich gegen die Natur zu vergehen - und das kann nicht ungestraft bleiben.

    Ein Rädchen im Getriebe des gleichgeschalteten Kollektivs des völkischen Einheitsstaats sein? Nein danke!

    Daß schließlich ausgerechnet Platon, der "Erfinder" des Totalitarismus (Karl Popper hat darüber in Band eins seines häufig zitierten, leider aber nur selten gelesenen Opus magnum "Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde" alles gesagt, was es zu sagen gibt) als Lieferant der Basis einer "konservativen Wirtschaftsordnung" herhalten muß, sagt eigentlich alles. Ob das, was dabei herauskäme, viel besser wäre, als das gegenwärtig in Nordkorea zu bewundernde System, darf bezweifelt werden.
    Mit freundlichem Gruß,
    A. Tögel

    • ProConsul
      21. November 2012 09:54

      Friedrich Romig hat zu Karl Popper in einem seiner letzten Bücher "Der Sinn der Geschichte" Stellung genommen:

      "Die offene Gesellschaft, die Popper mit der Brille des Rationalismus sowohl erkennt als auch fordert, ist die moderne Industriegesellschaft. Sie hat ihren Mitgliedern nichts zu bieten außer Arbeitsplätzen. Die Beziehungen der Mitglieder zueinander beschränken sich auf das Ineinandergreifen von Funktionen. Am gesellschaftlichen Leben nehmen sie teil wie eine Maschine, wie ein Computer am Arbeitsprozeß eines Industriebetriebes: sie werden eenso vernutzt, abgeschrieben und, wenn sie nicht mehr fnktionieren, ausgeschieden. Diese Industriegesellschaft ist 'offen' für alle, die sich ihr einpassen wie abgedrehte Bolzen in vorgebohrte Löcher. Farbe, Herkommen (Fremdarbeiter), geistige Interessen, persönliche Bindungen sind gleichgültig, wenn sie die Funktionserfüllung nicht stören. Anpassung wird belohnt durch zusätzliche Belastung mit weiterer Funktionen. Die offene, abstrakte, rationale, verwissenschaftlichte Industriegesellschaft bietet keinen von der Arbeitswelt unterscheidenen geistigen Lebensraum, kein Feld für geistige, zwecklsoe, gesellschaftlich relevante und anerkannte Aktivität. Sie hält sich Künstler, Literaten, Geisteswissenschaftler, Anarchisten, Idealisten, Utopisten wie exotische Vögel in den Käfigen der Spießbürger oder in zoologischen Gärten, sorgsam ausgesperrt vom wirksamen Einfluß auf die Arbeitsstruktur und Arbeitswelt. Sie ist tolerant bis zum Exzeß, wo sie die Kontrolle ausübt oder die Töre verschlossen hält. Der Einzelwille, die Konsumwahl ist frei, denn die Großzahl wird zum Massenbedarf, der isolierte freie Einzelwille hat keine Qualität, er wird in Quantität 'umgeschlagen'. Ohne den geistigen, gesellschaftlich relevanten Lebensraum erkennt sich der Einzelne nicht im Denken, sonder in seinen Funktionen, die er erfüllt und in den Produkten, die er kauft." (Friedrich Romig, Der Sinn der Geschichte, S. 101)

      Es ist schön, dass sie ein kleiner Greissler sind, aber ist ihnen nicht aufgefallen, dass es im Lebensmittelhandel and Oligopol gibt: 3 Lebensmittelkonzerne dominieren den Markt in Österreich (Rewe, Spar, Hofer). Es geht also sehr wohl in Richtung "the winner takes it all" bzw. Oligopolisierung.

    • Bürger (kein Partner)
      22. November 2012 07:00

      Der Bessere erzielt einfach einen größeren Marktanteil, das ist es aber auch schon. Daß es auch heute noch Greissler wie meine Wenigkeit gibt, ist der schlagende Beweis...

      Das ist aber jetzt an Widersprüchlichkeit schwer zu überbieten. Wir leben doch schließlich, wie sie gerne und immer wieder betonen, im Quasi-Sozialismus. Jetzt schließen sie plötzlich von ihrer Stellung in dem von ihnen verachteten System auf die Funktionalität der Marktwirtschaft. Logisch gesehen ist ihre Stellung als Greißler mehr oder wenig durch den Sozialismus den sie immer anprangern zumindest mitverursacht.

      Davon abgesehen halte ich das "the winner takes it all" Theorem allerdings auch für falsch, selbst wenn wir von der von Ihnen bevorzugten "Privatrechtsgesellschaft" ausgehen. Man muss wohl eher davon ausgehen, dass es auf "the winner takes almost everything" hinausläuft. Das sieht man ganz gut an den Gesellschaften die einer Privatrechtsgesellschaft relativ nahe kommen, da hat der Gangsterboss die größten Anteile, aber auch der kleine Gauner bekommt etwas ab, sofern er eine Nische bedient und sich unsichtbar macht. Erstaunlicherweise sind die Bürger die noch ansatzweise etwas wie Rechtschaffenheit an den Tag legen in solchen "failed States" eher unter den Rädern, und das obwohl Sie uns doch wöchentlich predigen welch Tugendhaftigkeit und Wohlstand solche Gesellschaften hervorbringen würden.

    • Andreas Tögel
      22. November 2012 08:47

      Verehrter Bürger,
      vermutlich habe ich nicht besondes geschickt formuliert, was gemeint war: Selbst einem Zwerg ist es in einem von Riesen bevölkerten Konkurrenzumfeld möglich, auskömmlich zu leben. Auch unter derart ungünstigen Bedingungen, wie sie im austriakischen Realsozialismus herrschen.

      Dafür, daß es diese Riesen (und täglich weniger Zwerge) gibt, ist - wieder einmal - keineswegs ein unmenschlich brutaler Marktmechanismus verantwortlich, sondern der Umstand, daß jedes weitere staatliche Regulativ (jeden Tag wird ein Dutzend neuer davon auf den Weg bebracht) stets den Riesen nutzt und die Zwerge weiter schwächt.

      Geschäfte, die in meiner Branche vor weniger als 15 Jahren noch per Handschlag abgeschlossen und mit einem Minimum an adminstrativem Aufwand (ohne jeden Nachteil für Dritte, wohlgemerkt!) abgewickelt werden konnten, machen heute einen Papierkrieg erforderlich, von dem Sie sich keine Vorstellung machen können. Man hat das Gefühl, es gäbe ganze Horden beamteter Kontrollore, Regulatoren und Besserwisser, deren Aufgabe ausschließlich darin besteht, Wirtschaftstreibende zu quälen. Was meinen Sie, wer das leichter verkraften kann - der Riesenbetrieb mit einem Stab von Rechtsanwälten und anderen Experten für jede Facette bürokratischen Mists, oder der Kleingewerbler, der tagtäglich selbst an vorderster Front steht und dafür einfach weder Geld noch freie Kapazitäten hat?

      Wenn am Ende alle Kleinen weggeräumt und nur noch ein paar Multis übriggeblieben sind, wird das sattsam bekannte Lied vom "Hang des Kapitalismus zur Oligopolbildung" angestimmt. Die dabei am lautesten und besonders falsch singen, sind regelmäßig die markfernen Bürokraten, die dem Konzentrationsprozeß nach Kräften Vorschub leisten...

      Leider ähneln die, die etwas anderes behaupten, meist einem Anatomen, der zwar gelehrt klingende Bücher schreiben zu müssen meint, allerdings nie in seinem Leben einen Kadaver seziert hat. Anders formuliert: Blinde sollten sich mit ihren Kommentaren zur Farbenlehre besser etwas zurückhalten...(damit meine ich ausdrücklich nicht Sie!).

      Mit freundlichem Gruß,
      A. Tögel

    • Johann Scheiber
      22. November 2012 12:07

      Wunderbare Analyse ihrerseits, betreffend das Crowding Out der Kleinen durch die Konzerne, ermöglicht durch die Bürokratie. Gehen sie bitte noch einen Schritt weiter, dann werden sie sehen, dass die europäischen Strangulierungsgesetze der Bürokratie von den Nutzniesern, den Konzernen diktiert werden.

    • wolf (kein Partner)
      22. November 2012 13:31

      @ A. Tögel,

      Die "Analyse" die du hier lieferst, ist ja im Grunde nicht unrichtig, übersieht aber mEn einen nicht unwichtigen Punkt:

      die Bürokratisierung wird nur bei oberflächlichem Hinsehen als eine, von der Politik (den Blinden) oktroyierten, erkennbar sein, denn ursächlich geht sie dann doch von den Oligopolisten und Monopolisten aus, die - ihre Verhandlungsmacht ausnutzend - eben genau diese bei der Politik urgieren, um den 'Greißlern' das Leben schwer zu machen oder zumindest entsprechende Marktschranken zu errichten, denn klarerweise können die 'Großen' die zusätzlichen Kostenfaktoren leichter bewältigen, bzw. einpreisen. (Im Übrigen nicht anders, als bei oben skizziertem 'Konzept'; an der Politik Orbans lässt sich das gerade wunderbar live erleben.)

      Man könnte jetzt argumentieren, dass, wenn die Politik/der Staat sich selbst nicht über Jahrzehnte in eine entsprechende Machtposition gebracht hätte, die lobbyistischen Anstrengungen der Monopolisten ins Leere laufen würden . Richtig und den Unternehmen ist im Prinzip auch kein Vorwurf zu machen; (in)direkte Förderungen auszuschlagen würde ja schließlich einen komparativen Nachteil ergeben (dasselbe gilt im Übrigen für diverse Organisationen wie Greenpeace)

      Da aber das Ziel nun mal Gewinnmaximierung ist und eine Monopolstellung diese Gewinnmaximierung zumindest für eine gewissen Zeit am ehesten sicher stellt, werden (das ist zwar eine recht arbiträre Annahme, aber wenn man den Markt mit der immanenten Gewinnmaximierungs-Maxime als Anreizsystem interpretiert spricht mE eigentlich nichts dagegen), wohl andere Wege zur Errichtung von (wahrscheinlich sogar noch rigideren) Markteintrittsschranken gefunden werden.

      Jetzt könnte man natürlich argumentieren, das diese Schranken zumindest marktkonform wären, ob das dann allerdings im Sinne des Erfinders ist, sei dahin gestellt.

      mfg

    • Schnabeltierfresser (kein Partner)
      22. November 2012 21:34

      Tut sich da ein Henne-Ei-Problem auf?






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