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Sebastian Kurz – der Triumphator steht mit dem Rücken zur Wand

Eine Umfrage nach der anderen zeigt sensationelle Werte für den ÖVP-Obmann. Auch eine weitere Woche Dreckschleuderei vor allem aus dem ORF hat überhaupt nichts daran geändert. Das beweist die allerneueste Umfrage. Bei näherem Hinschauen zeigt diese Umfrage aber etwas, was Sebastian Kurz extrem besorgt machen sollte, nämlich das Anwachsen von gleich zwei gewaltigen Bedrohungen für ihn.

Das zeigt eine genaue Analyse der Umfragen von "Research Affairs" für die Mediengruppe oe24. Deren Ergebnis bestätigt an sich das Bild, das man seit Wochen kennt: Die ÖVP liegt mit 36 Prozent meilenweit voraus, SPÖ (22 Prozent), FPÖ (20), Grüne (12) und Neos (7) folgen weit dahinter. Für die Schwarzen ist das ein scheinbar beruhigender Vorsprung, der diesen auch ein besseres Ergebnis als bei den beiden letzten Wahlen zu versprechen scheint (Nationalratswahl: 32 Prozent, EU-Wahl 35).

Noch viel erfreulicher klingt für Kurz, dass er bei einer weiteren Frage, nämlich der nach dem erwünschten Bundeskanzler, sogar eindrucksvolle 45 Prozent erhalten hat. Selbst im roten Wien ist die Zahl der Wähler, die sich für Kurz als Bundeskanzler aussprechen, größer als die Summe der Fans von Pamela Rendi-Wagner und Norbert Hofer zusammen!

Dieser Wert von 45 Prozent heißt, dass ein erklecklicher Prozentsatz von Wählern anderer Parteien Kurz als Kanzler haben will. So wollen 21 Prozent der Neos-Wähler nicht die Parteichefin Meinl-Reisinger, sondern Kurz als Bundeskanzler. Das ist erstaunlich und übrigens deutlich mehr als bei den freiheitlichen Wählern, wo sich aber auch 14 Prozent für Kurz als Kanzler ausgesprochen haben. Weitaus am wenigsten Kurz-Fans gibt es hingegen bei der SPÖ. Sie ist freilich auch jene Partei, die am wenigsten Chancen auf einen Regierungseinzug hat.

Diese persönlichen Werte des ÖVP-Obmannes sind umso eindrucksvoller, als Kurz in dieser Woche weit weg vom Schuss in Amerika gewesen ist. Viele linke Medien haben sich so gut wie gar nicht mit seinen dortigen – durchaus spannungs- und problemgeladenen – Begegnungen mit den Facebook-, Google- oder Uber-Chefs befasst, sondern eine ganze Woche lang nur mit der offenbaren Ungeheuerlichkeit, dass ein junger Mitarbeiter von Kurz eine Rechnung über 76 Euro zu zahlen vergessen hat.

Ebenso sensationell für Kurz ist auch die Antwort der Menschen auf die Frage, ob ihnen einzelne Politiker positiv oder negativ aufgefallen sind. Da haben nicht weniger als 57 Prozent gesagt, dass ihnen Kurz positiv aufgefallen ist. In diesen hohen Positiv-Regionen bewegen sich neben ihm nur noch zwei andere Politiker, die aber gar nicht zur Wahl antreten. Gegen diese intrigiert niemand, reitet Schredder-Kampagnen oder startet Internet-Denunziationen. Alexander van der Bellen – er ist 59 Prozent positiv aufgefallen – und Brigitte Bierlein (52 Prozent Positiv-Nennungen).

Noch eindrucksvoller ist dabei, dass Kurz trotz aller Bemühungen von ORF & Co, trotz allem linken Hass nur 14 Prozent Negativ-Nennungen bekommen hat. Das ist ein gleich guter Wert wie für Bierlein (13), die ja im Unterschied zu ihm praktisch von überhaupt niemandem kritisiert wird. Erstaunlich ist bei diesen Werten hingegen, dass Van der Bellen von immerhin 24 Prozent ausdrücklich negativ bewertet wird. Dabei ist der Bundespräsident in den letzten Wochen von fast allen Mainstream-Medien in geradezu orgiastischen Kommentaren gefeiert worden. Und dieses Tagebuch war fast das einzige Medium, das ihn ob seiner Performance in den Krisentagen deutlich kritisiert hat.

Also alles Paletti für die ÖVP? Können die schon die Sektkorken knallen lassen? Steht ein Triumphzug für Sebastian Kurz bevor? Keineswegs, wenn man ein bisschen tiefer blickt – und wenn die anderen Parteien eine klügere Wahlkampfstrategie fahren würden. Sie würden nämlich, so seltsam das klingt, mit einer Pro-Kurz-Kampagne besser abschneiden als mit den Anti-Kurz-Kampagnen auf Schredder-Niveau. Freilich wäre ein solches Verhalten Parteien geradezu genetisch zuwider.

Ein Vergleich mit Wolfgang Schüssel relativiert den Kurz-Aufschwung: 2002 hatte die ÖVP bei ebenfalls vorgezogenen Wahlen und nach einer ebenfalls schweren FPÖ-Krise sogar 42 Prozent errungen, also deutlich mehr als die jetzt für die Kurz-ÖVP prognostizierten 36 Prozent. Schüssel hat damals sogar den größten Zugewinn errungen, den je eine österreichische Partei erzielt hat, sie ist von 27 auf diese 42 gesprungen. 

Die allergrößte Gefahr für Kurz droht aus folgendem - wahrscheinlichen - Effekt: Viele Wähler wollen zwar auch weiterhin ihn als Kanzler, halten aber angesichts der Umfragewerte die Kanzlerfrage für längst entschieden. Viele von ihnen werden sich daher im letzten Augenblick für einen der zur Diskussion stehenden Koalitionspartner der ÖVP entscheiden. Das sind vor allem Blau, Grün und Pink (nicht Rot – das will nur die Kronenzeitung nach ihrem jüngsten Linksschwenk).

Diese drei Parteien können daher mit einer Pro-Kurz-Kampagne noch etliche Wähler für sich gewinnen, die derzeit zum Schwarz-Wählen tendieren. Der FPÖ könnte überdies auch die Tatsache ein wenig nutzen, dass ihre Werte schon wieder sehr knapp zur SPÖ aufgerückt sind; denn die (von diversen Umfragen bestätigten) Werte der beiden Parteien liegen innerhalb der Schwankungsbreite (20 versus 22 Prozent). Das kann bei derzeit auf "Hold" stehenden FPÖ-Sympathisanten einen zusätzlichen Antrieb auslösen, wieder zu den Blauen zurückzukehren.

Dieser Effekt eines "Kurz-steht-als-Bundeskanzler-ohnedies-schon-fest,-jetzt wählen-wir-den-Koalitionspartner" könnte die ÖVP daher noch massiv schädigen. 

Das erinnert sehr lebhaft an eine andere Schüssel-Wahl, nämlich die von 2006: Damals waren absolut alle Experten und Umfragen einig, dass Schüssel als erster durchs Ziel gehen wird, dann wurde er plötzlich nur Zweiter, weil viele Schüssel-Anhänger daraufhin beschlossen, für ihn den Koalitionspartner zu wählen.

Freilich hat Kurz durch die Aufkündigung der Koalition ohne echte Gründe diese Gefahr selbst verschuldet. Er könnte die Gefahr dieses Effekt jetzt noch stoppen, indem er zumindest indirekt klarmacht, mit wem die ÖVP nach der Wahl koalieren will. 

Zugegeben: Das war 2017 einfacher, denn rechnerisch war damals schon vor der Wahl klar, dass sich jenseits der SPÖ nur die Freiheitlichen als Partner ausgehen werden. Das ist diesmal anders. Denn neben den Freiheitlichen würde sich mit Sicherheit auch ein Schwarz-Grün-Pink ausgehen. Möglicherweise auch ein Schwarz-Grün alleine.

Genau diese erstaunlicherweise realistisch gewordene Perspektive einer grünen Regierungsbeteiligung könnte sich durchaus als Magnet für die Kogler-Partei erweisen, der weitere Wähler von der krisengebeutelten SPÖ zu den von den Toten auferstandenen Grünen zieht, damit doch wieder eine linke Partei in eine Koalition kommt.

Wie gefährlich für die ÖVP dieser Effekt sein könnte, zeigt sich bei der Antwort auf eine weitere Frage, nämlich nach den Koalitionspräferenzen. Denn bei jenen Wählern, die derzeit eine Wahl-Präferenz für die ÖVP nennen, gehen bei dieser Frage, welchen Koalitionspartner man künftig dabei haben will, die Sympathien genau durch die Mitte. 36 Prozent der Schwarz-Sympathisanten sind für Schwarz-Blau, 38 Prozent sind hingegen für eine Koalition der ÖVP unter Einschluss der Grünen (mit oder ohne Neos).

Sobald dies den Wählern klar wird, werden sich sehr viele ÖVP-Anhänger noch stärker danach orientieren, welche Koalition ihnen lieber ist. Und den erhofften Koalitionspartner wählen.

In einer solchen Situation droht die ÖVP gleicherweise nach links wie rechts auszurinnen. Für die einen bürgerlichen Wähler ist es ein absoluter Horror, dass die ÖVP eine linksradikale Partei in Regierungsämter bringen könnte. Für die anderen ist seit Ibiza das Gegenteil – also ein Bündnis mit den Freiheitlichen – ein Horror.

Dieses Ausrinnen kann die ÖVP eben nur noch dadurch ändern, dass sie jetzt schon klar macht, mit wem sie koalieren will. Und wenn sie dabei klug beraten ist, entscheidet sie sich für die Freiheitlichen. Haben doch die Schwarz-Wähler in den letzten beiden Jahren das Bündnis mit den Freiheitlichen als durchaus positiv empfunden. Daran kann der Umstand nichts Wesentliches ändern, dass Ibiza jetzt einen Teil von ihnen verunsichert und motiviert hat, nach anderen Parteien als Partner Ausschau zu halten. Sie werden sich zwar bei einer Wiederannäherung an die FPÖ wundern und fragen: "Wozu das Ganze?". Sie werden aber kein grundsätzliches Problem damit haben. Haben sie das doch bis Mai auch nicht gehabt.

Hingegen gibt es viele ÖVP-Wähler, die sich auf ewige Zeiten empört und dauerhaft von der Kurz-Partei abwenden würden, sollte diese wirklich die Grünen in die Regierung bringen. Das brächte dann bei der übernächsten Wahl der FPÖ den großen Triumph.

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