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Die Klimapanik ist für das Rathaus wichtiger als Wiens Stadtbild

Die Stadt Wien erarbeitet gerade eine neue Bauordnung, die den aktuellen Entwicklungen Rechnung tragen soll. Doch wer geglaubt hätte, diese Novelle werde ein striktes Höhenlimit für Gebäude in hochsensiblen Zonen wie etwa im ganzen Bereich rund um die Ringstraße und das Stadtzentrum (gerade von Paris vorexerziert) beinhalten oder auch eine Einschränkung der Selbstbedienungsexzesse der Rathaus-Sozialisten bei üppigsten Bauobjekten in Schrebergärten bringen, der irrt gewaltig. Denn die neue (an sich längst überfällige) Bauordnung ist fast ausschließlich von der offenbar das Wiener Rathaus besonders bewegenden Klimapanik geprägt.

Geradezu inflationär finden sich im Gesetzesentwurf Schlagwörter wie Klimaschutz und Klimawandelanpassung. Diese würden Schwerpunkte bei Dekarbonisierung, Photovoltaik-Anlagen, Entsiegelung sowie Fassaden- und Dachbegrünungen erforderlich machen. Wie eine Fußnote nimmt sich demgegenüber der einzige in Hinblick auf Substanzbewahrung und Altstadterhaltung wahrnehmbare neue Punkt aus, der die "wirtschaftliche Abbruchreife" strenger auslegen soll.

Dass die Rathaus-SPÖ überhaupt Jahrzehnte benötigt hatte, um den miesen Trick der Baulobby zu durchschauen, stellt nebstbei bemerkt ein ganz besonderes und leider medial völlig unterbelichtetes Versagen dar. Bauspekulanten haben ja zahllose schützenswerte Gebäude absichtlich verfallen lassen können, um sie dann zu entfernen. Das hat hunderte schöne Objekte insbesondere der Gründerzeit aus dem Wiener Stadtbild gerissen.

Ob die neue Regelung den Abrissbirnen wirklich Einhalt gebieten kann, bleibt höchst fraglich, zumal nun auch von ganz anderer Seite Angriffe auf das Wiener Stadtbild kommen.

Zwei Unis fallen Stadtbild-Schützern in den Rücken

Denn in den Stellungnahmen zu dieser Bauordnungsnovelle 2023 finden sich zwei erstaunliche Kommentare von universitären Einrichtungen: von der Technischen Universität (TU) und der Bodenkultur (Boku).

So schießt sich die TU allen Ernstes auf die bisherige Anerkennung als Unesco-"Weltkulturerbe" für "Wiens historisches Zentrum" ein. Dabei hat die Unesco gerade erst bestätigt, dass Wiens Status als Weltkulturerbe wegen des Hochhaus-Projekts zwischen Konzerthaus und Stadtpark gefährdet ist. Eigentlich müsste man meinen, die TU müsste wissen, auf welcher Seite sie zu stehen habe.

Doch ausgerechnet sie merkt nun kritisch an, in der Novelle würde der Schutz von Ortsbild und Weltkulturerbe (…) sehr stark in den Vordergrund treten. Und weiter: Erforderliche Maßnahmen hinsichtlich Nachhaltigkeit, Klimawandelanpassung oder Nutzungssicherheit könnten dadurch möglicherweise verhindert werden (zB technische Aufbauten für Photovoltaikanlagen). Das Abstellen auf jegliche "Beeinträchtigung" ist sehr weitreichend und könnte innovative Projekte hemmen, weil Baumaßnahmen eine Fülle von Auswirkungen haben, die unweigerlich auch gewisse Beeinträchtigungen beinhalten.

Da nutzt es relativ wenig, wenn die TU den Unesco-Schutz per Einschub als "begrüßenswert" bezeichnet – zumal schon zwei Seiten weiter wieder ganz andere Töne angeschlagen werden: Der örtliche Stadtbildschutz wirke nämlich potenziell stark einschränkend und konterkariert deklarierte Ziele des "Sanften Nachverdichtens", der Ökologisierung und Klimawandelanpassung.

Gezeichnet ist dieses Schriftstück von niemand geringerem als TU-Rektorin Sabine Seidler. Es kann freilich angenommen werden, dass nicht gerade eine Werkstoffwissenschaftlerin aus Deutschland wie Seidler die wahre Verfasserin ist. Aber wer formuliert sonst für die TU in so einer sensiblen Materie? Wer zeichnet dafür verantwortlich, dass dieser renommierten Einrichtung der globale Klimaschutz wichtiger ist als der Erhalt des Wiener Stadtbildes?

Offenkundig haben sich nun auch schon an der TU die fanatischen Kräfte durchgesetzt, die es als Sakrileg empfinden, wenn Klimaschutz nicht an oberster Stelle steht, wiewohl dies gewiss nicht ureigenste Aufgabe der TU wäre. (Bisher hatten eher nur die TU-Verkehrsplaner mit ihrem Hass auf Autofahrer einen grünen Anstrich, wiewohl etwa auch Hermann Knoflacher eine vehementer Hochhaus-Gegner ist). Jedenfalls kann der an der TU lehrende Architekturkritiker Christian Kühn schwerlich an dieser Stellungnahme mitgewirkt haben, schließlich ist er einer der prononciertesten Gegner der Wiener Hochhaus-Manie und Verteidiger des Stadtbild- und Welterbe-Schutzes. Man hätte besser ihn zur Feder greifen lassen sollen!

Hat sich in der TU die am Bauen, also an fetten Aufträgen brennend interessierte Architektenlobby durchgesetzt? Oder haben freundliche Erinnerungen – böse Zungen könnten auch formulieren: Pressionen – aus dem Rathaus, von dem eine Wiener Uni ja immer wieder in vielen Dingen abhängig ist, zu der jubelnden Stellungnahme geführt, dass die TU den Gesetzesentwurf "sehr positiv" sieht?

Die TU fällt damit auch allen Initiativen, die sich trotz des enormen Druckes öffentlich gegen das Heumarkt-Projekt und pro Unesco positioniert haben, in den Rücken – wie der Architekturstiftung Österreich, Docomomo Austria, IG Architektur, Österreichische Gesellschaft für Architektur usw.

Die offizielle Position der TU unterscheidet sich hingegen kaum von jener der notorischen Klima-Fanatiker der Boku. Diese fordern in ihrer Stellungnahme nämlich (ganz im Anti-Unesco-Sprech der SPÖ) eine zeitgemäße Weiterentwicklung der Stadtquartiere. Nachsatz: Es dient niemandem, wenn historische Bauten in einer Form erhalten werden, dass eine zeitgemäße Nutzung nicht möglich ist.

Nun, das mag bei einer Universität, die sich mit radikalen Klimaklebern solidarisiert, die schwule Zebrastreifen-Bemalungen bejubelt und die ganz im Banne der schon vielfach widerlegten "Klimaforscherin" Helga Kromp-Kolb steht, nicht wirklich verwundern; wesentlich relevanter für eine Einrichtung, die Bodenkultur noch im Namen trägt (wiewohl man sich eh umbenennen will – und man darf wetten, dass dann das Wort "Klima" darin vorkommen wird), wären aber eigentlich hilfreiche Antworten etwa auf aktuelle Wetterereignisse, die in Österreich zu Murenabgängen und Erosionsschäden geführt haben. Eigentlich erwarten sich die Steuerzahler von einer Boku Aussagen dazu, wie man Böden wie Bevölkerung durch intensive Forschung und konkrete Maßnahmen besser schützen könnte, wie man die österreichische Agrarwirtschaft voranbringen könnte. Hingegen zählt es nicht zu den Hauptaufgaben einer Universität, deren Namen das Wort "Kultur" zumindest enthält, plötzlich einer weiteren Aushöhlung des Wiener Stadtbildschutzes das Wort zu reden.

Sonnenstrom wird gar nicht benötigt

Pikanterweise wurde gerade dieser Tage die Erzählung von der Energiewende per Ausbau von Photovoltaikanlagen auf Dächern regelrecht blamiert. Denn heuer im Sommer konnte der produzierte Sonnenstrom meist gar nicht eingespeist und verbraucht werden, weil die Leitungen voll ausgelastet waren, respektive die Energie gar nicht gebraucht wurde. (Bei Floating-Tarifen sind wie dereinst bei den Bankzinsen sogar negative Strompreise möglich, wo man fürs Einspeisen zahlen muss!).

Daher ist es umso fragwürdiger, warum der Photovoltaik-Boom auch die letzten noch intakten Reste der ohnedies längst – zum Unterschied von etlichen anderen Städten Europas – massiv zerstörten Wiener Dachlandschaft erfassen soll (diese Zerstörung hat leider auch die Unesco nicht aufhalten können). Offenkundig wird dieser von den beiden rathausnahen Unis so verteidigte Photovoltaik-Strom im Sommer nicht benötigt, er ist aber nicht speicherbar – und im nebligen Herbst und Winter der Großstadt wird kaum etwas produziert werden können.

Noch etwas sei den TU- und Boku-Experten in ihren fernen Elfenbeintürmen auch noch gesagt: Gerade die qualitätsvollen Altbauten in der Wiener Innenstadt sind schon jetzt großteils perfekt an Hitzewellen angepasst. Das weiß jeder, der sich dort an einem heißen Sommertag einfindet. Während viele Häuser, die in den letzten Jahrzehnten von TU-Absolventen gebaut worden sind, gerade auch aus klimatischen Gründen bei Wohnungskäufern viel weniger beliebt sind. Selbst moderne Niedrigenergiehäuser aus Massivbeton mit Vollwärmeschutz aus Erdölplatten und dreifach verglasten Fenstern können die Stadthitze nicht nur nicht effizient draußen halten, diese wird dann auch noch, wenn es längst wieder abgekühlt hat, drinnen tagelang isoliert. Altbauten weisen nicht zuletzt deshalb eine hohe Nutzungszufriedenheit auf. Auch wenn eine Universität, deren eigene Neubauten sich seit längerem durch besondere Hässlichkeit auszeichnen, aus welchen Gründen immer allen Ernstes meint, dass in Altbauten "eine zeitgemäße Nutzung" gar nicht mehr möglich ist. Nicht nur die Schönheit einer Stadt suchenden Touristen, nicht nur kulturbewusste Wiener, sondern insbesondere auch Wohnungskäufer und -mieter sind da total gegenteiliger Ansicht.

Was waren das nur für Zeiten, als österreichische Architekten auch wegen ihres Gefühls für Ästhetik weltweit berühmt und gesucht waren …

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