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Kerzen sind das neue Klopapier

Der Präsident der Schweizer Elektrizitätskommission hat empfohlen, "genügend Kerzen im Haus zu haben". In Österreich ist sogar das Brennholz knapp geworden. Die Preisvervielfachungen speziell bei Gas bereiten in fast allen Ländern den jeweils Regierenden – ob diese nun links oder rechts stehen – tiefe Abstürze bei Meinungsumfragen. Manche meinen zwar, die Sorgen seien übertrieben, weil sich etwa der Treibstoffpreis in den letzten Tagen wieder ein wenig beruhigt hat. Aber insgesamt ähneln die Beruhigungsklänge eher jenem sprichwörtlichen Mann, der aus dem hundertsten Stock eines Wolkenkratzers springt, und der nach 90 im Sturz passierten Etagen noch ruft: "Gut ist's gangen, nix ist g'schehn!"

Unsere jetzige Situation erinnert aber auch an die Zeit der frühen Grün-Bewegung. 1978 hat eine von ihr getriebene Mehrheit zusammen mit der damaligen (schwarz-blauen) Opposition, der damals noch mächtigen Kronenzeitung und etlichen (grünen wie konservativen) Studentengruppen dem fertiggebauten Atomkraftwerk Zwentendorf die Inbetriebnahme verweigert.

Das damalige Ergebnis hing gewiss auch mit sachfremden Aspekten zusammen – so insbesondere mit der die Opposition motivierenden Ankündigung Bruno Kreiskys, bei einer Ablehnung Zwentendorfs werde er zurücktreten (was er dann nach dem Politikermotto "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern" freilich nicht tat). Aber dennoch hat es heute schlagend werdende Folgen.

Die Befürworter Zwentendorfs warnten damals vergeblich (ähnlich wie später bei dem von einer neuen Grün-Koalition verhinderten Donaukraftwerk Hainburg), dass ohne den durch das Kraftwerk produzierten Strom eines Tages das Licht ausgehen werde und etliche Heizungen kalt bleiben würden. Diese Warnungen haben ihnen aber nur Hohn eingebracht. Insgeheimes Motto der Kraftwerksgegner: Wer braucht ein Kraftwerk, wenn der Strom aus der Steckdose kommt …

Nun tatsächlich: Fast fünf Jahrzehnte ist nichts Schlimmes passiert. Österreich konnte günstig insbesondere tschechischen Atomstrom importieren. Das hat freilich die Grünen und Provinz-Politiker der anderen Parteien nicht gehindert, mit großer medialer Unterstützung auch weiterhin ständig wütend gegen Atomkraftwerke in Grenznähe zu protestieren. Und die deutschen Grünen beharren sogar jetzt noch darauf, dass beim großen und für Österreichs Wirtschaft wie Energie-Situation besonders wichtigen Nachbarn in Kürze die letzten Atomkraftwerke zugesperrt werden.

In Wahrheit kollabiert diese grüne Illusionskonstruktion derzeit laut krachend, seit Russland den Zufluss von Gas nach Europa immer mehr zudreht. Das wirkt sich auch auf andere Energieträger aus, die vielfach gegenseitig substituierbar geworden sind – auch wenn dies zum Teil heimlich geschehen ist.

So wird die vom Wiener Rathaus vertriebene Fernwärme bis zu 65 Prozent durch Gas erzeugt. Das ist den Konsumenten aber nie gesagt worden. Diese wurden im Glauben gelassen, mit Umstellung der Heizung auf durch Müllverbrennung erzeugte Fernwärme etwas besonders Umweltfreundliches zu machen. Besonders empörend ist dabei, dass gleichzeitig von den grünen Ideologen (in allen Parteien) Gas immer nur als höchstens kurzfristig erlaubte "Übergangstechnologie" hingestellt worden ist, die nur vorübergehend solange eingesetzt werden dürfe, bis es genügend Windmühlen und Solarpaneele gibt. Von einem gleichzeitigen Auslaufen der Fernwärme war aber interessanterweise nie die Rede,  obwohl die ebenfalls nur eine Gasheizung ist – mit zwangsläufig höheren Energieverlusten in den Wärmeleitungen, als sie bei Gasleitungen auftreten können.

Das alles ist im Grund ebenso empörend wie die mit dieser Gasabhängigkeit zusammenhängende Tatsache, dass die Stadt Wien die Fernwärmepreise jetzt um nicht weniger als 92 Prozent erhöht.

Politische Heuchelei ist aber in der Energiekrise nicht nur im Wiener Rathaus zu entdecken. So sind jetzt die Franzosen verärgert, weil der linksliberale Staatschef Macron im Urlaub mit Jet-Skis durchs Wasser gedüst ist. Das ist an sich gewiss ein harmloses Vergnügen. Aber wenn selbst in Ländern mit vielen Wasser- und Atomkraftwerken die rechtzeitige Anschaffung von Kerzen empfohlen wird, dann ruiniert solche Energieverschwendung endgültig die Glaubwürdigkeit der Energiespar-Aufrufe.

Schließlich ist das Jet-Skifahren genauso wie etwa Autorennen zwar nett, aber für unseren Wohlstand absolut überflüssig. Es ist jedenfalls weit überflüssiger, als es die Heizungen in Wohnungen und Schulen oder die Lebensmittelindustrien sind, die Gas brauchen.

Im Winter wird alles auch deshalb so schlimm, weil die seit einiger Zeit von Grünen und den ihnen folgenden Lemmingen aus den anderen Parteien, aus Medien und EU angebeteten Ersatztechnologien gerade im Winter gar nicht gut funktionieren. Blöderweise scheint im Winter viel seltener die Sonne, die man eigentlich zur Bestrahlung von Solarpaneelen bräuchte, und weht viel weniger Wind, den man für Windmühlen bräuchte. In den wochenlangen winterlichen Nebelperioden wirken beide Defizite besonders kräftig zusammen.

Viele Bürger rechnen jedenfalls den schon heute spürbaren Energiemangel und die dadurch entstandene Inflation den jeweils Regierenden schuldhaft an. Zwar sind die europäischen Regierungen zumindest am russischen Überfall unschuldig. Und das Abdrehen der Kraftwerke war zumindest früher Wunsch vieler Bürger. Hingegen ist in Hinblick auf die verheerende Geldpolitik der Europäischen Zentralbank die politische Verantwortung ganz eindeutig. 

Inflation und Energiemangel werden sich bei allen Wahlen heftig auswirken. Denn die persönliche wirtschaftliche Lage der Wähler ist seit langem immer eines ihrer wichtigsten Wahlentscheidungsmotive gewesen ist.

Das aber bedeutet klare Folgen für die nächsten Monate und vielleicht auch Jahre: Auf der einen Seite droht den Regierungen ein schwerer Imageverlust – und damit überall dort Wahlniederlagen, wo es in absehbarer Zeit zu Wahlen kommt. Und das werden wohl mehr Länder sein, als gemäß dem Wahlkalender derzeit schon bekannt ist. Jedenfalls dürfte es für die Linksregierungen sowohl in Italien wie auch den USA im Herbst sehr bittere Stunden geben (trotz des ständigen Missbrauchs der Justiz im parteipolitischen Kampf gegen die Rechtsparteien). Aber auch alle Regierungen rechts der Mitte werden in nächster Zeit die Wähler panisch zu fürchten lernen.

Auf der anderen Seite könnte der Wählerzorn zumindest in Österreich die Koalition zusammenketten, weil es ja bei den erwartbaren Verlusten von Schwarz und Grün keine sehr realistische Aussicht auf eine regierungsfähige Alternative gibt – es sei denn, die Grünen wechseln trotz Stimmenverlusten nahtlos in eine Linkskoalition mit Rot und Pink. Die Blauen können in ihrem gegenwärtigen Zustand als reine Impfgegner- und Protestpartei ja wohl auf längere Zeit nur mit den harten Oppositionsbänken rechnen. Selbst wenn es ihnen gelingen sollte, Herrn Jenewein dazu zu motivieren, dass er über die Motive seiner einstigen anonymen Anzeigen gegen Parteifreunde, über die Gründe seines Austritts aus der Partei und über seinen Selbstmordversuch schweigt. Was schwer (und wohl teuer) genug werden dürfte.

Während Machtwechsel nach Wahlen in einer Demokratie etwas ganz Normales sind, sind aber auch heftigere Auseinandersetzungen auf der Straße nicht auszuschließen. Längst sind es ja nicht mehr nur linksextremistische Migrations-Befürworter, jugendliche Klima-Aktivisten, linksliberale Homosexualitäts-Vorkämpfer oder palästinensisch-türkische Israel-Feinde, sondern auch Impf- und Masken-Gegner, die geglaubt haben, für ihre Anliegen aggressiv auf die Straße gehen und Regeln brechen zu müssen.

Wie intensiv diese Verlagerung der politischen Diskussion auf die Straße werden kann, hat ja Frankreich schon erlebt, als der Gelbwesten-Aufstand das Land monatelang erschüttert hat (ohne freilich die darauffolgenden Präsidenten-Wahlen beeinflussen zu können!). Dabei war der Anlass – die Benzinpreiserhöhungen zur "Klimarettung" – ein geradezu minimaler im Vergleich zu dem, was sich als Folge der Inflation, Energie- und Ernährungskrise derzeit weltweit abspielt, von Sri Lanka bis in einige afrikanische Länder.

Es gibt gute Gründe, sich für den kommenden Winter warm anzuziehen. Und Kerzen im Haus zu haben.

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