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„Sensitivity Reading“: Die nächste Stufe linker Zensur

Bücher sind gefährlich. Sie werden deshalb zunehmend wie Medikamente verkauft: mit Beipackzettel. Diese warnen den Käufer davor, dass er beim Lesen eines Buches auf seine politische Haltung achten muss. So steht etwa in "Schwarzes Herz", ein Buch einer schwarzen Autorin über Rassismus in Deutschland, das vergangenes Jahr bei Rowohlt erschienen ist: "Bitte achten Sie beim Lesen auf sich, da diese Inhalte belastend und retraumatisierend sein können." Denn, dieses Buch enthalte "explizite Darstellungen körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt", "diskriminierende Sprache und rassistische Beschimpfungen".

Auch im 2021 erschienenen Buch "Alle drei Tage. Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen" findet sich eine sogenannte Triggerwarnung: "Das folgende Buch enthält Schilderungen sexualisierter Gewalthandlungen, die belastend und retraumatisierend wirken können."

Solche Warnhinweise, die man in Form von Altershinweisen und Stichworten wie "Gewalt", "Drogenkonsum" etc. auch aus dem Fernsehen und von Streamingdiensten kennt, werden nun auch in der Buchbranche üblich. Empfindsame linke Seelen sollen vor anderen Gedankengängen, Perspektiven und Ansichten geschützt und gewarnt werden.

Der politische Gegner lauert überall. In den beiden hier angeführten Büchern handelt es sich allerdings um politisch erwünschte Bücher, weil sie das richtige Bewusstsein vermitteln, auf Wokeness, politische Korrektheit, Genderismus und Diversity getrimmt sind. Sie sollen von braven Bürgern gelesen werden und dürfen deshalb auch als abschreckendes Beispiel "diskriminierende Sprache" enthalten. Aber eben nur mit entsprechenden Warnhinweisen, damit sie jeder Leser auch richtig ein- und zuordnen kann. Betreutes Lesen für Bürger, die nicht mehr selbst denken wollen bzw. sollen.

Bei Büchern, die diesen volkspädagogischen Auftrag nicht erfüllen, weil sie entweder unpolitisch sind oder gar nichtlinke, also gefährliche Sichtweisen beinhalten, werden zunehmend von allen Inhalten und Begrifflichkeiten gesäubert, die politisch anrüchig oder verdächtig sein könnten bzw. werden sie erst gar nicht herausgebracht.

Richtschnur für die "sensitiven" Zensoren ist die Wokeness. Woke steht für ein erwachtes Bewusstsein (wake up), für soziale Gerechtigkeit und Anti-Rassismus. Vordergründiges Ziel des Wokeismus ist eine Welt ohne Gewalt, Grenzen und Biologie, sprich ohne Rassen, Geschlechter und Nationen. Es handelt sich also nur um den zeitgeistig verpackten ewiggestrigen Marxismus.

Die Wokeness durchzieht mittlerweile alle gesellschaftlichen Bereiche. Vertreter dieser Ideologie wittern überall Rassismus und Diskriminierung. Ihr bevorzugtes Feindbild ist der weiße Heteromann, der für Kapitalismus, Faschismus, Imperialismus, Kolonialismus, Rassismus etc. steht. Woke-Aktivisten sind die ideologische Vorhut, was sie postulieren und fordern, wird Schritt für Schritt in der Gesellschaft etabliert und schließlich gesetzlich verankert. Man denke etwa an die Gesetze gegen "Hass" und "Hetze".

Die Woken ähneln der Religionspolizei im Iran. Sie achten darauf, dass politische und moralische Vorschiften in wirklich allen Lebensbereichen streng eingehalten werden. Wer dagegen verstößt, wird an die Pranger unserer Zeit gestellt, in den (sozialen) Medien als Übeltäter vorgeführt.

In einer Mischung aus Opportunismus, Überzeugung, Feigheit und vorauseilendem Gehorsam beginnen auch die Buchverlage sich immer mehr dem politischen Druck woker Aktivisten zu beugen. Sie fürchten nichts mehr, als von dieser Gruppe, die nach dem herrschenden neulinken Moral- und Wertesystem ganz oben steht, angegriffen zu werden.

Schwarze Frauen oder ein Transgendermann mit Migrationshintergrund sind kraft ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung sakrosankt und moralische Instanzen, denen sich kein Verlag, selbst wenn er millionenschwer ist, entgegenstellen kann bzw. will. Man fürchtet Shitstorms, Medienkampagnen und achtet deshalb penibel darauf, dass alles, was man veröffentlicht, den immer strenger werdenden politischen und moralischen Vorgaben entspricht.

Deshalb werden Bücher sprachlich und inhaltlich gesäubert. Zu diesem Zweck setzen immer mehr Verlagshäuser die "Sensitivity Reader" ein. Sie überprüfen die Manuskripte auf Textstellen, die eine ethnische, sexuelle, religiöse oder sonstige Minderheit, die unter linkem Schutz steht, beleidigen könnte. Oder, wie es eine Agentur für "Sensitivity Reading" ausdrückt: "Sensitivity Reader prüfen Romane auf schädliche oder missverständliche Darstellungen und Mikroaggressionen."

Es sind nichts anderes als Zensoren, die jedes Buch so lang durchforsten, bis es keimfrei und damit nicht mehr "schädlich" ist. Unter dem Vorwand von Diversität, Anti-Diskriminierung und Geschlechtergerechtigkeit wird die Freiheit der Presse, Meinung und Kunst de facto abgeschafft.

Die linke britische Zeitung "The Guardian" macht sich in einem kürzlich erschienenen Text für diese neue Form der Zensur stark: "Stop moaning about sensitivity readers – if there was diversity in publishing we wouldn’t need them."

Wenn sich alle an die Wokeness-Vorschriften halten würden, bräuchten wir keine Zensoren, so die Botschaft. Das klingt wie aus dem Argumentationsbaukasten einer Diktatur. Und in diese Richtung geht es. Wie rigoros diese Wokeness-Zensoren vorgehen, zeigt ein Mailwechsel zwischen "Penguin Books", einem der größten Verlagshäuser weltweit, das zum Bertelsmann-Konzern gehört, und dem Autor eines Reiseführers für Afrika: "Lieber XY, die Gutachterin für das Sensivity (sic!) Reading hat sich zurückgemeldet. Sie erinnern sich, dass wir vieler (sic!) unserer Texte sensitiv lesen lassen. Das ist ein wichtiges Standardverfahren, das wir seit einer Weile etabliert haben. Denn leider rutschen immer wieder Betrachtungen, Haltungen, Termini und Überlegungen durch, die beleidigend für strukturelle (sic!) benachteiligte Personen sein können. Das geschieht unbewusst. Gerade deshalb und aus unserer Verantwortung als Verlag müssen wir uns Texte genau ansehen."

Diese Gutachterin schreibt von "Verallgemeinerungen", "Verkürzungen", "ungenügender Recherchen", "Falschaussagen", "unnötiger Simplifizierung" und kommt zu dem Schluss: "Jedes Kapitel wimmelt nur so von Klischees." Der Hauptkritikpunkt der Sensitivity Readerin: "Ihre Erzählstimme repräsentiert den weißen, männlichen Blick auf die Welt und Ihre Einordnung aus dieser dominanten Position kann ohne einen bewussten Umgang damit schmerzhaft für anders positionierte Zielgruppen sein."

Was ein unmissverständlicher Hinweis darauf ist, dass man als weißer Mann am besten gar kein Buch über Afrika mehr schreiben sollte, außer wenn man sich als Nachfahre böser Kolonialisten sieht und selbst geißelt. Der weiße Heteromann gehört in der woken Rangordnung schließlich der untersten Kaste an.

Um diese Minderwertigkeit nicht nur inhaltlich, sondern auch im Schriftbild hervorzuheben, empfiehlt die Sensitivity Readerin dem Autor: "In aktuellen Diskursen zum Thema Rassismus wird empfohlen, Schwarz groß zu schreiben und weiß klein und kursiv."

Medienkonzerne setzen diese Zensur nicht nur aus Überzeugung, sondern vor allem auch aus Angst ein. In den USA hat vor wenigen Wochen ein Verlag nach massivem Druck durch linke, schwarze Aktivisten und Medien ein Buch vom Markt genommen, weil darin eine weiße Autorin über schwarzen Feminismus und Hip-Hop geschrieben hatte. "Wie kann es Jennifer wagen zu denken, sie hätte die Berechtigung, über die Erfahrungen von schwarzen Frauen zu schreiben?", ereiferte sich eine dieser Aktivistinnen in den Medien. Nur schwarze Feministinnen dürfen über schwarze Feministinnen (und natürlich über weiße Frauen) schreiben, so die in diesen Kreisen verbreitete Ansicht, die immer mehr vom Mainstream übernommen und von den Verlagen umgesetzt wird.

Das woke Bewusstsein soll alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringen, weshalb man nun auch die letzten verbliebenen, kleinen Freiräume in Wissenschaft, Literatur und Kultur schließen möchte. Wie rigide man dabei vorgeht, kann man auf der Plattform sensitivity-reading.de nachlesen: "Was ist eine authentische Darstellung und wie findet man heraus, ob sich nicht unabsichtlich abwertende Beschreibungen wie Mikroaggressionen in den Text geschlichen haben?"

Unter Mikroaggression können selbst harmloseste Bemerkungen fallen. Und irgendeine von linken geförderte, sprich: instrumentalisierte, Minderheit fühlt sich immer beleidigt. Mit dem woken Hebel kann alles verboten und unterbunden werden, was nicht den linken Dogmen entspricht. So beleidigt ein Kochbuch für Fleischgerichte Veganer, eine Autozeitschrift ist ein Affront für Klimaschützer, Schönheitswettbewerbe provozieren Hässliche etc. Zumal nur die Gefühle und Interessen jener Menschen, Gruppen und Minderheiten schützenswert sind, denen vom politmedialen Establishment aus strategischen Überlegungen eine Bedeutung und Wertigkeit zugeschrieben wird.

Die Bücher und damit die Sprache sollen nach den Vorstellungen des politmedialen Establishments gesäubert und der woken Ideologie entsprechend adaptiert, das Denken und Handeln der Menschen über diesen Weg gesteuert werden. Kritik am (Neo-)Sozialismus und seinen Zielen soll mit Hilfe verbotener Begriffe gar nicht mehr artikuliert werden können. Weshalb der Gebrauch bestimmter Wörtern nicht nur geächtet, sondern mittlerweile auch strafrechtlich verfolgt wird.

Es befinden sich zahllose Leitfäden und Handbücher von staatlichen und staatsnahen Stellen in Umlauf, die eine "diskriminierungsfreie", "gendersensible", eine woke Sprache in der Bevölkerung Schritt für Schritt verankern sollen. Die "AG Feministisch Sprachhandeln" hat eine diskriminierungsfreie Sprache entwickelt und präsentiert sie anhand von Beispielen in ihrem Leitfaden: "Dix Studierx hat in xs Vortrag darauf aufmerksam gemacht, dass es unglaublich ist, wie die Universität strukturiert ist, dass es nur so wenige Schwarze /PoC Professxs gibt."

Was wie das Gestammel eines hochgradig Verwirrten klingt, soll die natürliche Geschlechterbeziehungen und -verhältnisse, familiäre Bindungen und traditionelle gesellschaftliche Strukturen zerstören und zersetzen. Mit diesen sprachlichen Mitteln und Zwängen sollen alle Unterschiede beseitigt, die Menschen in eine Schablone gepresst, zu einer leicht steuerbaren Masse werden.

Wie erfolgreich die linken Gesellschaftsingenieure solche Methoden anwenden, zeigt sich am aktuellen Zustand unsere Gesellschaft.

Werner Reichel ist Autor und Journalist. Er hat zuletzt das Buch "Europa 2030 – Wie wir in zehn Jahren leben" bei Frank&Frei herausgegeben.

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