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Weltkriegs-Ende: Gedenken mit argen Webfehlern

Gleich dreimal schreckte man als Österreicher bei den zahlreichen Feiern und Wortmeldungen zusammen, die da europaweit zu den Vorgängen des Jahres 1945 stattfanden und stattfinden. Einmal bei der Veranstaltung im deutschen Bundestag; das zweite Mal angesichts dessen, was da vom ORF verbreitet wurde; und das dritte Mal angesichts dessen, was da der ÖVP-Vizekanzler verzapfte. Jedes Mal wünschte man sich, aber offenbar vergebens, dass da irgendjemand aufgestanden wäre und sich für dieses Land engagiert hätte.

Der Fehler im deutschen Bundestag passierte dem – sonst sehr klug gedenkredenden – Bundestagspräsidenten Lammert. Sein Fehler war wenigstens nicht böse gemeint. Er leitete eine Aufführung des Kaiserquartetts – also der musikalischen Grundlage mehrerer späterer deutscher und österreichischer Hymnen – mit dem Hinweis ein, dass diese 1797 von Haydn dem österreichischen Kaiser gewidmet worden sei.

Nur: Damals gab es noch gar keinen österreichischen Kaiser (sondern erst ab 1804). Der „gute Kaiser Franz" war damals noch deutscher Kaiser, oder genauer Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, also auch Kaiser ganz Deutschlands.

In einem weniger formellen Sinn hatte Lammert freilich wieder Recht. Denn damals hatte der in Wien residierende Habsburger-Kaiser schon lange keine gesamtdeutsche Macht mehr. Seine Herrschaft bezog sich einzig auf die österreichischen Gebiete. Etwa der preußische König in Berlin tat schon lange, was er wollte (unter anderem mehrmals Krieg gegen die Habsburger zu führen). Man kann Lammert also zugutehalten, dass er eine realpolitische und keine formelle Bezeichnung gewählt hat. Und dass er keinesfalls etwas als „deutsch“ vereinnahmen wollte, was dem Wesen nach rein österreichisch war.

Dem Herrn Oliver Rathkolb kann man aber gar nichts zugutehalten. Er verfälscht eindeutig die Geschichte. Dabei soll jetzt ausgerechnet dieser Mann auf Verlangen der SPÖ, der er schon oft gedient hat, ein neues Museum der österreichischen Geschichte leiten. Allein dieses Interview macht ihn für diese Aufgabe aber absolut unakzeptabel.

Rathkolb ging in einem ausführlichen Gespräch mit dem ORF-Teletext ausführlich auf das Kriegsende und viele Details des Jahres 1945 ein. Dort liest man wörtlich: „Schnell wurde vergessen, dass rund 550.000 Österreicher registrierte NSDAP-Mitglieder waren . . . Nur zögerlich, ab Herbst 1945, nahmen sich die Alliierten der Entnazifizierungen an. Ehemalige NSDAP-Mitglieder wurden mit Berufsverboten und Strafzahlungen belangt.“

Das ist eine ungeheuerliche Verdrehung dessen, was Österreich damals in Wahrheit alles getan hat. Denn es gab damals vor österreichischen(!) „Volksgerichten“ ganz strenge Strafen für viele österreichische NS-Täter, die weit über „Berufsverbote und Geldstrafen“ hinausgingen. Das wird aber von Rathkolb, der angeblich Historiker ist, trotz langer Aufzählung vieler Details aus der ersten Nachkriegszeit total verschwiegen. Er fühlt sich ganz offensichtlich im Dienst der sozialistischen Geschichtslüge, die seit Jahren zu verbreiten versucht, dass man sich erst unter Franz Vranitzky mit dem Verschulden vieler Österreicher im Nationalsozialismus befasst hätte.

In Wahrheit aber sind in den ersten Monaten und Jahren nach Kriegsende mehr als 13.000 Bürger strafrechtlich wegen ihrer Taten im Nationalsozialismus verurteilt worden. 269 erhielten langjährige Kerkerstrafen, 29 lebenslangen Kerker. Und es gab 43 Todesurteile, von denen 30 auch vollstreckt worden sind (zwei weitere Verurteilte entzogen sich durch Selbstmorde der Exekution). Damit waren damals die rechtlichen Maßnahmen in Österreich gegen NS-Täter viel umfangreicher als in Deutschland, wenn man sie in Relation zur Bevölkerungsgröße setzt.

Das alles verschweigt der Herr Rathkolb. Oder hat er es sehr wohl bei dem Interview gesagt – und es verschweigt nur der ORF in grober Manipulation seine Aussagen?

Es spricht jedoch viel dafür, dass Rathkolb selber die Geschichte im Sinn der SPÖ umzuschreiben versucht. So war er ja auch schon 2000 in der Hetzkampagne gegen die damalige österreichische Regierung führend tätig. So trat er damals mit dem Satz „'Die Insel Österreich ist mit dem heutigen Tag endgültig untergegangen“ im ORF auf. Und er sah in der Tatsache, dass damals rotgrüne Demonstranten den Ballhausplatz besetzten, und dass daher die Regierung unterirdisch zur Angelobung gehen musste, ein „Vorzeichen, das nichts Gutes erwarten lässt“. Der Historiker als Hellseher.

In der Folge hat sich dieser Herr Rathkolb dann in einem Verein „Demokratiezentrum“, der vom Wiener Rathaus finanziert wurde, sehr intensiv als Propagandist zur Verbreitung einseitig linker Geschichtsauffassung in Schulen und Öffentlichkeit betätigt.

Auch die Tatsache, dass er über siebzehn Jahre die Stiftung „Bruno Kreisky Archiv“ geleitet hat, ist nicht gerade ein Ausweis für Unabhängigkeit und Objektivität. Und so ein Mann soll nun staatsoffiziell die österreichische Geschichte darstellen!

Und dann die seltsamen Worte von Vizekanzler Mitterlehner: "Warum haben wir den Opfer-Mythos so lange mitgetragen?" Interessant: All die vielen Österreicher, die unter den Nazis im Gefängnis, im KZ gelitten haben, haben also nur Halluzinationen gehabt, haben einen bloßen Mythos verbreitet. All die vielen umgebrachten österreichischen Juden, Priester, Roma, Christen, Kommunisten, Widerstandskämpfer sind also völlig zu Unrecht als Opfer angesehen worden. Nach Mitterlehners Geschichtssicht war also auch der Staat Österreich 1938 ein Täter und kein Opfer. Und ebenso war das für ihn die Staatsspitze des Vor-Nazi-Österreich, obwohl diese im März 1938 bis zuletzt versucht hatte, die Unabhängigkeit Österreichs zu retten. Obwohl diese dafür fast geschlossen sofort ins KZ gewandert ist. Ein übler Mythos-Verbreiter war Mitterlehner zufolge dann auch Leopold Figl, der - selbst lange in KZ und Todeszelle gesessen - 1955 mit Erfolg jede Erwähnung einer österreichischen Mitschuld aus dem Textentwurf des Staatsvertrags eliminieren konnte.

Es ist richtig, dass viele, sehr viele Österreicher damals schwere Schuld auf sich geladen haben. Und es ist absolut legitim, diese Schuld auch beim Namen zu nennen. Aber Österreich als Staat hat sich 1938 ganz sicher nicht freiwillig dem Hitler-Deutschland angeschlossen, sondern ist nur der massiven Gewaltdrohung gewichen. Und es waren danach auch viele, sehr viele Österreicher leidende Opfer des Nazi-Terrors.

Daher ist es schlicht eine niederträchtige Verleumdung und Beleidigung all dieser Menschen, wenn Mitterlehner die Wahrheit pauschal unter "Opfer-Mythos" abtut. Dieser von einigen extrem linken Uni-Professoren vertretene "Opfer-Mythos"-These bedeutet in Wahrheit das genaue Gegenteil von einer echten Geschichtsaufarbeitung: Wenn alle Österreicher schuldig gewesen sind, ist ja dann letztlich niemand mehr schuld (Was wahrscheinlich sogar die unausgesprochene Intention der Verbreiter dieser These ist: Denn bei fast allen gibt es eine belastete Geschichte der eigenen Familie)

Jedenfalls sollte dringend der alte Kreisky-Spruch gelten: Lernen Sie Geschichte, Herr Mitterlehner! Das befreit vom ignoranten Hochmut der Nachgeborenen. Oder beschaffen Sie sich zumindest bessere Redenschreiber. Selbst ein Werner Faymann hat solche gefunden.

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