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Buchbesprechung: Zivilkapitalismus – Wir können auch anders

Der Kapitalismus hat mehr zum Fortschritt der Menschheit beigetragen als jedes andere Phänomen. Nur den von ihm entfesselten Produktivkräften ist es zu verdanken, dass eine größere Zahl von Menschen als jemals zuvor sich satt essen, in komfortablen Behausungen leben, sich guter Gesundheit und hohen materiellen Wohlstands erfreuen kann. Die Geschichte des Kapitalismus ist eine einzige Erfolgsgeschichte.

Nur dort, wo es ihn nie gab und noch immer nicht gibt, herrschen anhaltender Mangel und drückendes Elend. Nach der Implosion des Sozialismus ist er „übrig geblieben“. Doch er steckt unverkennbar in der Krise. Die Scharen von Kritikern – allesamt ausschließlich durch seine Errungenschaften in die Lage versetzt, ein Leben ohne materielle Sorgen und Existenzängste zu führen – werden täglich größer.

Viele von ihnen (wirtschaftsferne Künstler, Lehrer, unproduktive Staatsbürokraten, etc.) haben keinen blassen Schimmer von Ökonomie. Während aber Analphabeten sich für ihr peinliches Defizit üblicherweise genieren, sind diese „Inumeranten“, die sich in nicht wenigen Fällen als intellektuelle Elite verstehen, sogar noch stolz auf ihre Ahnungslosigkeit in Wirtschaftsfragen.

Wie schon zu Zeiten des Aristoteles, gilt es in diesen Kreisen immer noch als ordinär, produktiv zu arbeiten. Damit nicht genug, verachtet man die, die es doch tun und jene, die sich mit Fragen der ertragreichsten Organisationsform eines Wirtschaftssystems beschäftigen. Die Verachtung für die Ökonomie ist politisch gleich verteilt. „Inumeranten“ und glühende Antikapitalisten finden sich von ganz links bis rechts außen. Warum ist das so?

Wolf Lotter ist gebürtiger Österreicher und Gründungs- und Redaktionsmitglied des deutschen Wirtschaftsmagazins „brand eins“. Er präsentiert Erklärungen (zu denen vor ihm auch schon die Protagonisten der „Österreichischen Schule“ gefunden haben). Er stößt sich nicht an der pejorativen Etikette „Kapitalismus“, stellt aber unmissverständlich klar, was der heute herrschende „Industrie- und Finanzkapitalismus“ ist, was er in der Vergangenheit geleistet hat und an welchen Fehlentwicklungen er – im Gegensatz zur Politik – keine Schuld trägt. Und Lotter hat klare Vorstellungen davon, woran das herrschende System krankt und wodurch es zweckmäßigerweise abzulösen ist.

Dabei schwebt ihm aber keineswegs die 276. Version eines utopischen „dritten Weges“ vor, wie so vielen selbsternannten zeitgeistigen „Experten“, die nur am Verkauf alten Weins in neuen Schläuchen interessiert sind, sondern schlicht die Besinnung auf den Grundwert der Aufklärung: Den eigenen Verstand gebrauchen! Jeder einzelne hat Verantwortung zu übernehmen und sich nicht mit demokratisch legitimierter Fremdbestimmung abfinden und der von den Sozialisten in allen Parteien geforderten „Teilhabe“ abspeisen zu lassen.

In der rezenten Spielart des Kapitalismus, nach dem Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, sieht Lotter ein Auslaufmodell. Nicht von unkreativen Politikern und Managern (= Bürokraten) geführte, geplante und überwachte, geisttötende Lebensmodelle und Arbeitsabläufe sind es, die jetzt und künftig gefragt sind, sondern die engagierte Tätigkeit hoch motivierter, weitgehend selbständig handelnder Bürger und „Intrapreneure“. Die dieser neu entstehenden Zivilgesellschaft entsprechende Organisationsform nennt der Autor Zivilkapitalismus.

Zivilkapitalismus – Wir können auch anders
Wolf Lotter
Pantheon Verlag 2013
ISBN: 978-3-570-55231-5
221 Seiten, broschiert

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist Kaufmann in Wien.

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