Vom antiken Quaqua zum medialen Blabla

Lesezeit: 2:30

Leto, die Göttin all dessen, was im Verborgenen geschieht, war eine der vielen Geliebten des griechischen Göttervaters Zeus. Lykische Bauern verboten ihr, bei großer Hitze aus einem Teich zu trinken. Ja, sie wühlten sogar den Schlammboden zu einem ungenießbaren Morast auf. Dafür wurden sie dortselbst in Frösche verwandelt.

Der römische Dichter Ovid schildert die Folgen in herrlicher Lautmalerei (aquá wird hier im lateinischen Versmaß ausnahmsweise auf der letzten Silbe betont): "Quámvis sínt sub aquá, sub aquá maledícere témptant ‒ Obwohl sie nun unter Wasser sind, versuchen sie unter Wasser weiter zu schmähen".

Diese über Jahrtausende aktuell gebliebene Geschichte erinnert an das anklagende Wort des Leider-nein-Politikers Christian Kern, der die Kurz-Truppe wegen des Schredderns von Festplatten im Morast stecken sah. Bis sich herausstellte, dass bei seinem Abgang Festplatten um den rund dreißigfachen Betrag geschreddert wurden, nachweislich auch aus seinem Vorzimmer und überdies auf Staats- – ist gleich Steuerzahlerkosten.

Baron Münchhausen will sich in seinen Lügengeschichten am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen haben, in den er geraten war. Herrn Kern konnte dieses physikalische Wunder nicht gelingen, er steckte zu tief im Silberstein-Morast. Dabei hätte er jetzt die letzte Chance gehabt, erstmalig eine gute Nachred‘ zu bekommen, indem er die einfachste Sache der Welt ebenso einfach erklärt hätte: Dass nämlich Menschen in Top-Positionen aus verschiedenen in- und ausländischen Quellen ausschließlich für sie bestimmte Informationen erhalten, die sie nie preisgeben dürfen. Sonst würden sie solche nie wieder erhalten.

Darum geht es nämlich: Ein zusätzliches Wissen ist eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Führungsarbeit. Jeder bessere Vereinsobmann muss seine besonderen persönlichen Kenntnisse haben, um nichts aus dem Ruder laufen zu lassen. Wer sich als Generaldirektor, Banker oder Spitzendiplomat nicht ständig um vertrauliche Mitteilungen bemüht, die er ins (berufliche beziehungsweise politische) Grab mitnimmt, ist eine eklatante Fehlbesetzung. Das betrifft in gesteigertem Ausmaß die Politiker, voran Bundespräsidenten, Bundeskanzler und Innenminister.

Dieser Zwang zur Verschwiegenheit gilt somit auch für Kern und Kurz und Kickl, unabhängig davon, dass die Schredderungen teils ungeschickt, teils mit zwielichtigen Verrechnungsmodalitäten erfolgten.

Die nachrichtenarme Sommerzeit ist keine Ausrede, dass Medien solche Selbstverständlichkeiten zu Skandälchen aufgebauscht haben, obwohl Chefredakteure, die diesen Namen verdienen, erst recht zum Kreis der Geheimnisträger gehören und dabei noch stolz auf das geschützte Redaktionsgeheimnis pochen.

Notwendigkeiten lassen sich nicht zu Nacht-und-Nebel-Aktionen verfälschen. Die lykischen Bauern in den Zeitungen und im ORF können sich nicht auf Leto berufen, die Göttin der heimlichen Machenschaften, denn sie können nicht abstreiten, dass sie der Göttin den Trunk aus dem reinen See "Hausverstand" verwehrt haben. Sie wollten bewusst parteipolitischen Schlamm aufwühlen. Den für sie unangenehmen Ausgang konnten sie genauso wie ihre mythischen Ahnen nicht ahnen.

Der einzige Unterschied zur antiken Sage: Aus dem Medienmorast 2019 ertönt kein Frosch-Quaqua, sondern ein intellektuell gleichwertiges Agitatoren-Blabla.

Willi Sauberer, Schüler Hugo Portischs, war Mitarbeiter der ÖVP-Politiker Gorbach, Klaus und Withalm und von 1971 bis 1994 Chefredakteur einer kleinen Salzburger Tageszeitung. Der katholische Journalist publiziert zu zeitgeschichtlichen, lokalgeschichtlichen und volkskulturellen Themen.

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die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorKonrad Hoelderlynck
    4x Ausgezeichneter Kommentar
    13. August 2019 16:56

    Eine entsprechende Kern-Reaktion setzt ein Mindestmaß an Intelligenz voraus. Diese dürfte im konkreten Fall nicht gegeben sein.

  2. Ausgezeichneter KommentatorDr. Hans Christ
    2x Ausgezeichneter Kommentar
    16. August 2019 23:55

    Unter dem Titel "Geheime Information" lässt sich die Lüge, sei es von Politikern oder Medien, leicht verbreiten.

  3. Ausgezeichneter Kommentatorpressburger
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    13. August 2019 23:16

    " Der parteipolitische Schlamm", ist ein Ergebnis aus vielen Jahren von Desinformation, Lügen und Betrug. Auf diesen Misthaufen, glaubt der Wählerin steht die Gokelin, die den Weg in die edle Zukunft vorgibt.

  4. Ausgezeichneter Kommentatorsteinmein
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    13. August 2019 14:32

    Ich ware schon einmal in Letoon, habe aber keine Frösche mehr bemerkt. Meine Folgerung: auch die Blabla-isten sehen einem Ende entgegen.

    @Romana: Löschen kann man auch nur temporär den Durst, aber eine Datei dauerhaft löschen geht nur durch totale Zerstörung. Deshalb war das Schredderrn 3 fach.

  5. Ausgezeichneter KommentatorRomana
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    13. August 2019 09:37

    "Zwang zur Verschwiegenheit": Warum schreddern, genügt nicht auch löschen?
    Zur Betonung sub aquá: wird auch in der Prosa so betont, da der Ablativ ein langes a hat.

  6. Ausgezeichneter KommentatorPoliticus1
    1x Ausgezeichneter Kommentar

die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorDr. Hans Christ
    2x Ausgezeichneter Kommentar
    16. August 2019 23:55

    Unter dem Titel "Geheime Information" lässt sich die Lüge, sei es von Politikern oder Medien, leicht verbreiten.


alle Kommentare

  1. Dr. Hans Christ (kein Partner)
    16. August 2019 23:55

    Unter dem Titel "Geheime Information" lässt sich die Lüge, sei es von Politikern oder Medien, leicht verbreiten.

  2. pressburger
    13. August 2019 23:16

    " Der parteipolitische Schlamm", ist ein Ergebnis aus vielen Jahren von Desinformation, Lügen und Betrug. Auf diesen Misthaufen, glaubt der Wählerin steht die Gokelin, die den Weg in die edle Zukunft vorgibt.

  3. Konrad Hoelderlynck
    13. August 2019 16:56

    Eine entsprechende Kern-Reaktion setzt ein Mindestmaß an Intelligenz voraus. Diese dürfte im konkreten Fall nicht gegeben sein.

  4. steinmein
    13. August 2019 14:32

    Ich ware schon einmal in Letoon, habe aber keine Frösche mehr bemerkt. Meine Folgerung: auch die Blabla-isten sehen einem Ende entgegen.

    @Romana: Löschen kann man auch nur temporär den Durst, aber eine Datei dauerhaft löschen geht nur durch totale Zerstörung. Deshalb war das Schredderrn 3 fach.

    • phaidros, mit gutem Grund
      15. August 2019 15:08

      Mein Bruder sagt, dass das ein völliger Blödsinn ist, was Sie hier verzapfen.

      Mit speziellen Programmen kann man die Festplatte nach dem Formatieren mehrmals überschreiben und dann ist nichts mehr auffindbar.

      Da wird z.B. mit einem einfachen Linux Befehl mehrfach mit Zufallszahlen überschrieben.

      "shred -vfz -n 10 /dev/sda"

      Es war also nicht notwendig, Bundeseigentum zu zerstören, um Daten dauerhaft zu löschen.

  5. Politicus1
    13. August 2019 12:19

    Köstliche Abwechslung! Danke!

  6. Romana
    13. August 2019 09:37

    "Zwang zur Verschwiegenheit": Warum schreddern, genügt nicht auch löschen?
    Zur Betonung sub aquá: wird auch in der Prosa so betont, da der Ablativ ein langes a hat.

    • efrinn
      14. August 2019 01:48

      >Romana zu schreddern - löschen: der Inhalt einer Festplatte kann - auch nach mehrmaligem Löschen - durch geeignete Software oftmals rekonstruiert werden. Daher hilft nur Schreddern, denn dann ist sie wirklich kaputt ;-)





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