Martin Rhonheimer, der einsame Rufer in der kirchlichen Wüste

Lesezeit: 3:00

Die katholische Kirche hat – vorsichtig ausgedrückt – ein gespanntes Verhältnis zum Kapitalismus. Mehrere päpstliche Enzykliken widmen sich seit dem Jahr 1891 ("Rerum Novarum", Leo XIII.) der "sozialen Frage" und fordern Unternehmer und Manager auf, mehr Augenmerk aufs Gemeinwohl zu richten. Dass Unternehmer nur dem Profit hinterherjagen und darüber die Interessen der Gesellschaft als Ganzes übersehen, wird von der Kirche – speziell von den zuletzt extrem weit nach links gedrifteten katholischen Sozialakademien und der Caritas – scharf kritisiert (von der evangelischen Kirche ganz zu schwiegen, die sich mittlerweile völlig unverhüllt als Vorfeldorganisation der Sozialisten positioniert).

Wer seine Urteile vom Elfenbeinturm aus und von jeder ökonomischen Sachkenntnis ungetrübt spricht, neigt dazu, in die Sirenengesänge sozialistischer Gerechtigkeits- und Umverteilungsapologeten einzustimmen, wie man bei Auftritten von Klerikern mit schöner Regelmäßigkeit erleben kann.

Doch noch ist Polen nicht verloren! Es gibt zumindest eine Ausnahme: Martin Rhonheimer, seines Zeichens Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom und Gründungspräsident des Austrian Institute of Economics and Social Philosophy in Wien, ist ein überzeugter Anhänger der "Österreichischen Schule der Nationalökonomie propagiert den freien Markt und steht damit in wirtschaftlichen Fragen in scharfer Opposition zum kirchlichen Hauptstrom.

In einem aktuellen Interview mit der "Wirtschaftswoche" erklärt er, dass die Wurzel vieler einschlägiger Missverständnisse in der unter Klerikern verbreiteten Ahnungslosigkeit in Fragen der Ökonomie liegt. So wird etwa meist übersehen, dass die Erzielung von Gewinnen einen Beitrag der Unternehmen zum Gemeinwohl voraussetzt, weil dieser ansonsten nicht zustande gekommen wäre. Nur ein Unternehmer, der die Bedürfnisse der Menschen mit den von ihm gelieferten Gütern und Dienstleistungen zu einem günstigen Preis befriedigt, kann langfristig erfolgreich Werte schaffen, von denen die Allgemeinheit profitiert. Ein Unternehmen, das keine Gewinne erwirtschaftet, vernichtet dagegen Werte und vermindert den gesellschaftlichen Wohlstand.

Die im System einer freien Marktwirtschaft entscheidende Anreizfunktion des Gewinns gereicht der gesamten Gesellschaft zum Vorteil – wie der schottische Moralphilosoph Adam Smith schon anno 1776 schrieb: "It´s not from the benevolence of the butcher (…) that we expect our dinner, but from their regard to their own self-interest…".

Jede staatlich erzwungene Umverteilung aber reduziert Leistungsanreize und schafft Anspruchsberechtigte, die nichts zum Gemeinwohl beitragen. Der zu verteilende Kuchen wird dadurch kleiner. Mit Steuern zu steuern erweist sich demnach als Schuss in den Ofen: Wird Leistung beispielsweise durch ein progressives Einkommensteuerstem pönalisiert, wird weniger davon erbracht. Keiner lässt sich aus freien Stücken zum Sklaven von Trittbrettfahrern und Sozialparasiten erniedrigen.

Und weil der Mensch auf gebotene Anreize prompt reagiert, treten oft unerwünschte Folgen politischen – also nicht auf Verträgen, sondern auf Zwang gestützten – Handelns ein. Warum wohl stößt man, wohin man auch blickt, unentwegt auf Politikversagen, während freie Märkte dagegen stets problemlos funktionieren?

Rhonheimer: "Non-Profit-Organisationen bewirken nicht mehr, sondern entschieden weniger für das Gemeinwohl als profitorientierte Unternehmen." Mit Aussagen wie dieser steuert der unerschrockene Kirchenmann, der auch mit Kritik am gegenwärtigen Bischof Roms nicht hinter dem Berg hält, hart am Wind.

Dass die Kirche sich – auch in Fragen der Caritas – immer stärker dem Staat anbiedert, sieht Rhonheimer ebenfalls kritisch. Sie verliert dadurch an Eigenständigkeit und verweltlicht mehr und mehr. In der Tat sind aus Kirchenkreisen in letzter Zeit so gut wie ausschließlich Kommentare zur Tagespolitik – etwa in der Migrationsdebatte – und kaum noch Stellungnahmen zu spirituellen Fragen zu hören.

Dass der Kapitalismus in der katholischen Kirche meist kritisch gesehen wird, liegt nach Ansicht Rhonheimers zu einem guten Teil an ihrer fatalen Einbindung in den Sozial- und Steuerstaat. Doch wie er bei einer anderen Gelegenheit einmal hellsichtig und korrekt feststellte: "Barmherzigkeit kann nicht mit Zwangsmaßnahmen realisiert werden."

Die Kirchen würden gut daran tun, sich mehr ums Seelenheil ihrer Schafe und weniger um tagespolitische Fragen zu kümmern, für deren Beantwortung ihnen jedes Verständnis fehlt.

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die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorAbaelaard
    18x Ausgezeichneter Kommentar
    06. August 2019 08:33

    Endlich spricht jemand aus was die meisten Gläubigen denken. Wenn ich politisch indoktriniert werden möchte gehe ich zu einer Partei deren Geschäftsmodell es ist, und sicher nicht in die Kirche.

    Die hat dann nämlich ausgespielt, zumindest bei mir.

  2. Ausgezeichneter KommentatorPeter Kurz
    13x Ausgezeichneter Kommentar
    06. August 2019 11:47

    Ich habe Hrn. Landau (Direktor der Caritas) auf Twitter öfters aufgefordert, entweder eine Partei zu gründen oder sich aus der Tagespolitik herauszuhalten.
    Resultat: Er hat mich blockiert.

  3. Ausgezeichneter KommentatorSandra
    8x Ausgezeichneter Kommentar
    08. August 2019 19:12

    Vielen Dank für diesen hervorragenden und lange fälligen Artikel !
    Ich erhalte die news-letters des Austrian Institute und bin froh und dankbar dafür.
    Es ginge der Katholischen Kirche wohl besser, wenn es mehr Menschen wie
    Martin Rhonheimer und weniger Landaus in ihr gäbe ...

  4. Ausgezeichneter Kommentatorriri
    7x Ausgezeichneter Kommentar
    06. August 2019 11:43

    Moderne Unternehmer bieten ihren Mitarbeitern eine finanzielle Beteiligung, einen Bonus für den gemeinsamen Erfolg, sowie weitere freiwillige Unterstützungen.
    Dort wo dem Profit hinterher gejagt wird, wo das Gemeinwohl und die Interessen des Landes hintangestellt sind, sind die Parteien mit ihren NGO's und Caritas.
    Wollten die Angestellten vom 'Roten Kreuz' nicht streiken?
    Möglicherweise stimmen die Kleriker zum Aufruf eines sozialistischen Großdenkers für Raub und Diebstahl zu, holt euch was euch zusteht.
    Und der Papst als Kapitalistenfeind - küsst dem obersten Rothschild die Hände.
    Das passt aber.

  5. Ausgezeichneter KommentatorPoliticus1
    2x Ausgezeichneter Kommentar
    06. August 2019 18:52

    Kirchenaffinen Reichengegnern habe ich gerne nur eine Frage gestellt:
    Wer trägt mit Kirchenbeiträgen mehr zu den Finanzen der Diözesen bei - die Reichen oder die Armen?

  6. Ausgezeichneter KommentatorCollector
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    15. August 2019 22:02

    Martin Rhonheimer und die Ausrian Economics entsprechen in keiner Weise der im "Kompendium der katholishen Soziallehre" enthaltenen Auffassung der Kirche. Beide
    vertreten viel eher die in der "Geheimen Offenbarung des Johannes" verurteilten Wirtschaft der "Hure Babylon", die "zur Ware hat Leiber und Seelen der Menschen". Dazu Walter Heinrich: Adamitische und kainitische Wirtschaft - Über die letzten Fragen im Wirtschaftsgeschehen" in: Gloria Dei, Zeitschrift für Theologie und Geistesleben, 4. Jg. Heft 3 (vielfach nachgedruckt und leicht zugänglich).

die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorSandra
    8x Ausgezeichneter Kommentar
    08. August 2019 19:12

    Vielen Dank für diesen hervorragenden und lange fälligen Artikel !
    Ich erhalte die news-letters des Austrian Institute und bin froh und dankbar dafür.
    Es ginge der Katholischen Kirche wohl besser, wenn es mehr Menschen wie
    Martin Rhonheimer und weniger Landaus in ihr gäbe ...


alle Kommentare

  1. Collector
    15. August 2019 22:02

    Martin Rhonheimer und die Ausrian Economics entsprechen in keiner Weise der im "Kompendium der katholishen Soziallehre" enthaltenen Auffassung der Kirche. Beide
    vertreten viel eher die in der "Geheimen Offenbarung des Johannes" verurteilten Wirtschaft der "Hure Babylon", die "zur Ware hat Leiber und Seelen der Menschen". Dazu Walter Heinrich: Adamitische und kainitische Wirtschaft - Über die letzten Fragen im Wirtschaftsgeschehen" in: Gloria Dei, Zeitschrift für Theologie und Geistesleben, 4. Jg. Heft 3 (vielfach nachgedruckt und leicht zugänglich).

  2. Sandra (kein Partner)
    08. August 2019 19:12

    Vielen Dank für diesen hervorragenden und lange fälligen Artikel !
    Ich erhalte die news-letters des Austrian Institute und bin froh und dankbar dafür.
    Es ginge der Katholischen Kirche wohl besser, wenn es mehr Menschen wie
    Martin Rhonheimer und weniger Landaus in ihr gäbe ...

  3. Politicus1
    06. August 2019 18:52

    Kirchenaffinen Reichengegnern habe ich gerne nur eine Frage gestellt:
    Wer trägt mit Kirchenbeiträgen mehr zu den Finanzen der Diözesen bei - die Reichen oder die Armen?

  4. Peter Kurz
    06. August 2019 11:47

    Ich habe Hrn. Landau (Direktor der Caritas) auf Twitter öfters aufgefordert, entweder eine Partei zu gründen oder sich aus der Tagespolitik herauszuhalten.
    Resultat: Er hat mich blockiert.

  5. riri
    06. August 2019 11:43

    Moderne Unternehmer bieten ihren Mitarbeitern eine finanzielle Beteiligung, einen Bonus für den gemeinsamen Erfolg, sowie weitere freiwillige Unterstützungen.
    Dort wo dem Profit hinterher gejagt wird, wo das Gemeinwohl und die Interessen des Landes hintangestellt sind, sind die Parteien mit ihren NGO's und Caritas.
    Wollten die Angestellten vom 'Roten Kreuz' nicht streiken?
    Möglicherweise stimmen die Kleriker zum Aufruf eines sozialistischen Großdenkers für Raub und Diebstahl zu, holt euch was euch zusteht.
    Und der Papst als Kapitalistenfeind - küsst dem obersten Rothschild die Hände.
    Das passt aber.

  6. Abaelaard
    06. August 2019 08:33

    Endlich spricht jemand aus was die meisten Gläubigen denken. Wenn ich politisch indoktriniert werden möchte gehe ich zu einer Partei deren Geschäftsmodell es ist, und sicher nicht in die Kirche.

    Die hat dann nämlich ausgespielt, zumindest bei mir.





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