Poster des Monats Beiträge

Die Hunderttausenden bisher erschienenen Kommentare sind zum unverzichtbaren Teil des Tagebuchs geworden. Um den Autoren einen kleinen Dank für diesen wesentlichen Beitrag abzustatten, werden nicht nur die jeweils meist-belobigten Kommentare zu jedem Blog, sondern auch jeden Monat die drei erfolgreichsten Kommentatoren ausgezeichnet. Dadurch sollen alle Autoren zu einem Wetteifern in der Qualität ihrer Texte ermutigt werden. Das Ranking erfolgt nach der Zahl der im Laufe eines Monats von anderen Abonnenten vergebenen Dreifach-Sterne. Als zusätzliches Dankeschön werden dem Monatssieger jeweils drei Monate Partnerschaft gutgeschrieben. Zusätzlich wird jetzt immer auch der bestbewertete Blog-Eintrag eines Nicht-Partners hervorgehoben.

die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorFranziska Malatesta
     
    21x Ausgezeichneter Kommentar
    25. August 2012 13:25 - Die Geschäfte des Robert Menasse

    Aus der Serie: "Laßt sie selber reden".
    Mein Briefwechsel mit Robert Menasse auf Facebook: Erkundungen in einem fremden Mindset
    27. Oktober 2011

    Robert Menasse hat mich entfernt aus seiner Freundesliste.

    Das kam so: Robert Menasse fühlt sich, wie die meisten von uns, von der Lutz-Werbung mit dieser unsäglichen Familie Putz genervt. Um seine Abneigung treffend zu charakterisieren, stellte er zwischen der Familie Putz und der FPÖ eine Verbindung her. FPÖ-Sympathisanten seien so wie die Familie Putz, geschmacklos, kleinbürgerlich, mit verklemmten Kindern, die Werbung hätte im Dienste der FPÖ entstehen können und verkörpere die Zielgruppe des H.C. Strache.

    Ich fand das nicht besonders stichhaltig bzw. paranoid. Ich schrieb, daß bei diesen Spots seit zwölf Jahren Harald Sicheritz, der Regisseur von "Kaisermühlenblues" und "Muttertag" Regie führe, daß diesem sicher keine FPÖ-Nähe zu unterstellen sei, daß eine Assoziation von beliebig Nervtötendem mit dem politischen Gegner auf mich zwanghaft bzw. neurasthenisch wirke und daß Herr Menasse sich möglicherweise einfach von Kleinbürgern, Proleten und deren Geschmack, auf den diese Werbung zielte, belästigt fühle. Nicht geschrieben, aber gedacht habe ich, daß ich ebenfalls nicht unter Kleinbürgern, Proleten und in Wohnzimmern mit entsprechender Einrichtung leben möchte, daß ich mir aber nicht das Recht herausnähme, sie in ihrer Gesamtheit zu diffamieren und in der Öffentlichkeit vorzuführen. (1)

    Ich erhielt von Robert Menasse die Antwort, daß wir in einer besseren Welt lebten, wenn Harald Sicheritz sich diesem Auftrag als Regisseur verweigerte, daß er ein Mitläufer sei, daß alle, die nicht rechtzeitig nein sagten zu derartigen Aufträgen und Entwicklungen, an deren Ende das Böse stünde, sich schuldig machten. (Ich gebe diesen Dialog jetzt mit eigenen Worten wieder, da ich nicht mehr darauf zugreifen kann.) Und ob ich vielleicht auch so feig sei, niemals nein zu sagen, sondern bei Dingen mitzumachen, die nicht in Ordnung seien, und ich solle mich bloß nicht später beschweren.

    Eine Gelegenheit zur Entgegnung wurde mir nicht mehr gegeben, zwei Minuten später hat Herr Menasse mich zu meiner Verblüffung "entfriendet". Dies fand ich umso erstaunlicher, als er von mir eine Wortmeldung gefordert hatte auf seine Gretchenfragen: wie ich es denn hielte mit dem Bekennen, dem Widersagen, dem Kopf-Hinhalten. Also habe ich per persönlicher Nachricht geantwortet, und zwar so:

    Ich bekenne jetzt, daß ich jederzeit und in aller Öffentlichkeit und hundertprozentig unklug "nein" sage zum verrotteten Zustand der Demokratie, zur politischen Korrektheit, zum Euro-Rettungsschirm, der meine Enkel und Urenkel noch versklaven soll, sowie zum neuen §283. Ich habe keine Freunde unter den Obrigkeiten und Machthabern, ich habe nichts zu verlieren. Ich strebe - wie ich zugebe, auch mangels Netzwerken und Möglichkeiten, aber auch mangels der Bereitschaft zur Unterordnung unter die Wiener SPÖ (andere Machthaber sind in Wien vernachlässigbare Größen, ich eigne mich aber generell überhaupt nicht zur Unterordnung) - keine Karriere mehr an. Ich bin die einzige nicht linksstehende bildende Künstlerin Österreichs. Als solche bin ich einsam und unbedeutend. Ich bin konservativ, liberal (paläoliberal) und ich bin Christin (katholisch). Jeder in diesem Forum kann mich "rechts" schimpfen, mir die Freundschaft aufkündigen oder mit mir brechen, der das wünscht. Es ist, was es ist. Ich trete ein für Freiheit des Individuums, für Meinungsfreiheit und das Recht auf Privateigentum sowie für einen Staat, der das Privatleben der Untertanen (Bürger kann man ja wirklich nicht mehr schreiben, nennen wir die Dinge doch lieber beim Namen) nicht reguliert und bevormundet, einen Staat, der weder Propagandasender noch Autobusse, weder Revolverblätter noch Bildungsanstalten betreibt, die Analphabetismus und Gender-Ideologie produzieren. Ich möchte eigentlich gar keinen Staat, könnte mich aber mit einem Staat abfinden, in dem für alle diese sogenannten "Projekte" kein Geld da wäre, der sich auf äußere und innere Sicherheit beschränkte und die Untertanen wie Erwachsene behandelte. Sollte es zu Konflikten kommen, werde ich nicht die Seiten wechseln.

    Zugegeben, er hat auf seine Antwort viel Zeit verwendet. Ich hätte gar nicht gedacht, daß ich für einen staatstragenden Großschriftsteller so wichtig sein könnte, daß er diese Botschaft formulierte:

    Liebe Ingeborg! Mich erstaunt immer wieder, wie Menschen, die eindeutig und nachweisbar schlecht informiert sind, ihre Ahnungslosigkeit stolz als selbstbestimmten Konservativismus ausstellen. Ich habe Sie "entfriendet", weil es so unendlich mühsam ist, sich damit auseinanderzusetzen. Ein Beispiel: der Euro-Rettungsschirm, den Sie selbst als Beispiel dafür anführen, wie mutig Sie "Nein" sagen. Wenn Sie sich wirklich damit beschäftigen würden, wenn Sie ein wirkliches Interesse an Ihrer Zeitgenossenschaft hätten, wenn Sie bereit wären, als die "freie Bürgerin", als die SIe sich sehen, ein bisschen Lenbenszeit zu investieren, um sich da schlau zu machen, wüssten Sie natürlich, dass das ein Unsinn ist, was Sie schreiben - und das ist nicht "Ansichtssache" oder eben "meine Meinung", und Sie haben eben eine andere, und das ist eben so in einer freien Welt der Meinungsfreiheit, sondern ein objektives Faktum. Sie wiederholen, was in der Boulevard-Presse steht, das ist falsch, eben Boulevard, und Sie kommen sich noch kess vor, wenn Sie auf dem Boden, den die Boulevard-Medien aufbereiten, zornig aufstampfen! Jeder Krone-Leser hat genau dieses Lebensgefühl: "Ich sage zornig Nein, und ich merke nicht, dass ich Ja zu den Idioten sage!" Auch Ihr Katholizismus: es ist so unglaublich lächerlich, wie die Repräsentanten der katholischen Kirche so tun als wären sie Märtyrer, der Kardinal schreibt in der Kronenzeitung, dass es "Mut erfordert, Ja zu Christus zu sagen", er ist Repräsentant der STAATSKIRCHE und schreibt das in der KRONENZEITUNG, und die ohnehin nur von den wenigen aufgeklärten Österreichern belächelten Katholiken gehen mit der trotzigen Charaktermaske des ungefährdeten Märtyrers herum: es ist SO MUTIG, sich in einem katholischen Land, das durch das Konkordat eine Filiale des Vatikans ist, zum Katholizismus zu bekennen....

    Wissen Sie, Frau Knaipp, was unser Problem ist? Dass es keine Diskussionsgrundlage gibt, wenn Sie den mainstream nachbeten, und das zugleich subjektiv als "kritischen Standpunkt" empfinden.

    Sie schreiben in Selbstzuschreibung von Ihrem "aufrechter Gang"! Sie haben keine Ahnung, was das IN WIRKLICHKEIT ist. Was das bedeutet, wenn Sie NICHT mainstream und Mehrheit ohnehin hinter sich hätten. Ich glaube sogar, dass Sie nicht einmal wissen, welcher (linke) Philosoph diesen Begriff geprägt hat.

    Sie schreiben, dass Sie unbedeutend sind, weil Sie sich nicht der SPÖ unterordnen... Das ist ein Symptom von Verfolgungswahn. Ich kenne NICHT EINEN EINZIGEN bedeutenden Künstler, der zu Bedeutung gelangt ist, weil er sich an die Zitzen der SPÖ gehängt hat. Und ich rede jetzt nicht von der Welt - auch und selbst in Wien gibt es nicht einen Künstler von Bedeutung, der seine Bedeutung dadurch erlangt hat, dass er der SPÖ Weihrauch geschwenkt hat. Es war doch umgekehrt: Künstler haben Bedeutung erlangt, und die SPÖ hat ihnen Ehrungen nachgeworfen....

    Sie schreiben, Sie seien "die einzige nicht links stehende Künstlerin"! Wissen Sie, es gibt viele Gründe, warum ein Künstler/ eine Künstlerin missachtet oder schlicht nicht wahrgenommen wird. Es kann sein, dass Sie Ihrer Zeit voraus sind und deshalb unverstanden, es kann sein, dass Sie schlicht eine schlechte Künstlerin sind. POLITISCHE Gründe hat das nicht. Und wenn Sie Ihre Kunst wirklich unter politischen Bedingungen machen müssen, die zu Ihrer Verfolgung oder Unterdrückung führen - dann gratuliere! Solschenizyn war von seiner Regierung verfolgt, er bekam den Nobelpreis! In der DDR haben nur jene nachhaltige Karriere gemacht, die sich nicht auf SED-Seilschaften verlassen haben, Biermann wurde ausgebürgert - wie hießen jene Künstler, die von der SED gefördert wurden? Wissen Sie es? Na eben.

    Ich würde an Ihrer Stelle aufhören, Konservativismus als kritische Tugend auszustellen, ich würde mich als Künstler auf die Kunst konzentrieren, und wenn Sie sich, was für Künstler, also für buchstäblich vorbildliche freie Menschen ja angemessen ist, zu irgendwelchen gesellschaftlichen oder politischen Fragen äußern, dann würde ich mich versuchen zu informieren, statt einem Boulevard nachzuplappern, der Ihnen sagt, dass Sie "ein kritischer Wutbürger" sind, wenn sie nachplappern.

    Ich höre jetzt auf - ich bin schärfer und gemeiner, als ich sein möchte. Wenn Sie damit umgehen können, dann können wir gerne weiter diskutieren. Wenn nicht, dann verabschiede ich mich hier von unserer Freundschaft,

    Robert

    Man könnte auf diesen Text inhaltlich einiges antworten oder richtigstellen. Aber es ist die Form des Textes, die Wortwahl, die die weitere Kommunikation nicht ratsam erscheinen läßt. Daher habe ich mit dieser Kommunikation Schluß gemacht:

    Herr Menasse, ich war nicht unhöflich zu Ihnen. Ich möchte in diesem Ton mich nicht unterhalten. Von Freundschaft konnte nie eine Rede sein, ich ging von einer weltanschaulichen Verschiedenheit aus, die aber dennoch gegenseitigen Respekt ermöglicht.

    Ihr Text sagt viel über Sie aus und nichts über mich.

    Leben Sie wohl

    I.K.

    (1) Ich erinnere an die Werbung der Wiener Festwochen 2000 bis 2004, die eine derartige Taktik - Spießerverhöhnung auf großflächigen Plakaten - anwendete, was umso perfider erschien, als die gedemütigten Kleinbürger wahrscheinlich zu einem großen Teil SPÖ wählen.


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