Ein gescheitertes Experiment: Der „Historische Kompromiss“ in Italien

In der modernen europäischen Geschichte waren – zumindest für die Zeitspanne bis zum Fall des Eisernen Vorhangs – die Berührungspunkte zwischen Kommunisten bzw. weit linksstehenden Parteien mit jenen des katholisch-bürgerlichen Spektrums eher selten bis unbekannt. Vor etwas mehr als fünfzig Jahren allerdings führte eine Annäherung zwischen Katholiken und Kommunisten zu einer Entwicklung, die vor allem auf Seite des katholischen und bürgerlichen Spektrums eine verhängnisvolle Entwicklung in Italien in Gang setzte, die die nationale Parteienlandschaft bis in die heutige Zeit nachhaltig prägen sollte.

Der "Historische Kompromiss" (compromesso storico) war die Bezeichnung für eine strategische politische Linie in Italien, die 1973 vom damaligen Sekretär des Partito Comunista Italiano (PCI), Enrico Berlinguer, entwickelt und von Aldo Moro auf der Seite der Democrazia Cristiana (DC) stark befürwortet wurde. Diese Situation war geschaffen worden, durch eine sozialistische Dominanz in den meisten europäischen Staaten in den 1970er Jahren, die gleichzeitig bürgerliche, christdemokratische Parteien unter Zugzwang brachte und im Sinne eines angestrebten Machterhalts zu Alternativen drängte. Während bis dahin in den meisten europäischen Ländern eine Zusammenarbeit zwischen Kommunisten und Katholiken schwierig bis undenkbar war, war Italien hier Mitte des Jahrzehnts anders.

Was waren die Voraussetzungen, die überhaupt erst diese Situation ermöglichte? Zunächst wäre eine Selbstüberschätzung des linken Einflusses auf die Gestaltung einer Gesellschaft hier zuallererst zu nennen. Der Trend ging zweifellos gesellschaftspolitisch nach links, wenngleich im historischen Rückblick gesehen damals der Höhepunkt sozialistischer Politik sich langsam dem Ende zuneigte. Im Rahmen des "Historischen Kompromisses" entschloss sich der PCI zur Zusammenarbeit mit den bedeutendsten im Parlament vertretenen demokratischen Parteien (Democrazia Cristiana, Partito Socialista Italiano). Bei dieser Kollaboration sollte nach einem möglichst breiten Konsens innerhalb der demokratischen Institutionen gesucht und durch die Verwirklichung einer Reformpolitik autoritären Tendenzen vorgebeugt werden.

Die italienischen Christdemokraten hatten Italien seit dem Zweiten Weltkrieg entscheidend geprägt, doch dabei war die alt-ehrwürdige Partei eines Alcide de Gaspari immer starrer und bequemer geworden. Die Partei hatte seit Beginn der siebziger Jahre mit erheblichem Wählerschwund zu kämpfen und zahlreiche Provinzwahlen gingen selbst in DC-Hochburgen verloren. Hinzu kam, dass sich die Christdemokraten zunehmend in Skandale und Korruptionsfälle verwickelt sahen, die zu einer weiteren Erosion ihrer Glaubwürdigkeit führten. Das spätere Schicksal eines ihrer prominentesten Vertreter, Giulio Andreotti, der zum Abbild einer sich überholten und korrumpierten Politik wurde, kann heute als Menetekel dieser Entwicklung gesehen werden.

Doch beim angestrebten Modell des "Historischen Kompromisses" ging es auch um Ausschließung rechter, also aus der Warte der DC konkurrierender Parteien und Gruppierungen. Zweifellos gab es in der Tat Splittergruppen auf der rechten Seite (Neofaschisten) und auf der linken Seite (Autonome, Linkssozialisten), die offen ein Ende der parlamentarischen Demokratie in Italien anstrebten oder zumindest Forderungen nach einer radikalen Abänderung der Verfassung in ihren jeweiligen Programmen hatten.

Klar definiertes Ziel des "Historischen Kompromisses" war darüber hinaus die Einzäunung (Ausgrenzung) jeglicher rechter und bürgerlicher Politik, die sich bewusst einer sozialistischen Vereinnahmung entziehen wollte. Auch solcher Gruppen, die sich keinesfalls einer autoritären Politik verbunden fühlten, aber dennoch von der DC als direkte Konkurrenten empfunden worden waren. Die katholische DC war weniger von den gemeinsamen inhaltlichen Programmpunkten zwischen ihr und den Kommunisten überzeugt, sondern verfolgte vielmehr das Ziel, damit einen Koalitionspartner gefunden zu haben, der das politische Überleben als Regierungspartei sichert. Dass ein Übereinkommen mit den Kommunisten als politisch "billiger" angesehen wurde als bürgerliche, gemäßigte Sozialisten und andere Rechtsparteien, war schließlich eine taktische Fehlleistung.

Doch nun war ein Prozess losgetreten, der Italien unumkehrbar verändern sollte, und mit weitreichenderen Folgen, als man es in der christdemokratischen Parteizentrale überhaupt für möglich gehalten hatte. Schließlich schwächte sich die Christdemokratie von innen. Was den politischen Gegnern nicht gelang, "schaffte" die Partei selbst. Sie zerstörte sich nach und nach und erodierte letztlich. Als eine direkte Folge des "Historischen Kompromisses" führte die strategische Linie zu einer Duldung der Minderheitsregierung unter Ministerpräsidenten Giulio Andreotti 1978.

Eine Konsequenz des "Historischen Kompromisses" war die weitere Radikalisierung von sowohl linken als auch rechten militanten Gruppen. Es begannen für Italien Jahre des Terrors, denn linksextreme Gruppen sahen sich einerseits einer größeren gesamtgesellschaftlichen Aufmerksamkeit ausgesetzt, die "zum Handeln aufforderte". Zum anderen sahen extreme Kräfte auf der linken Seite die "reine marxistische Lehre" in Gefahr. Die politische Mitte verschwand. Die Wähler der Sozialisten hatten mehrheitlich ihre Partei für diese Entwicklung nicht abgestraft. Das Modell einer "Volksfront" beherrschen Linksparteien allemal besser. Die christdemokratischen Wähler allerdings versagten zunehmend ihre Gefolgschaft.

Als Folge dieser Radikalisierung und Verhinderungsstrategie wurde einer der beiden Hauptakteure des "Historischen Kompromisses", der ehemalige Ministerpräsident und Vorsitzende der Democrazia Cristiana, Aldo Moro, von der kommunistischen Terrororganisation Rote Brigaden (BR) 1978 ermordet. Der von Berlinguer und Moro angestrebte "Historische Kompromiss" kam dadurch in der gesamtitalienischen Politik nie zustande. Doch selbst das taktische Planspiel führte Italien für Jahre an den Abgrund. Und dies bedeutete – im Verbund mit anderen Faktoren – das Ende der traditionsreichen italienischen Christdemokratie in Form der DC. Schließlich konnten die italienischen Wähler der Partei weder die Skandale noch die Anbiederung an weit linksstehende Positionen verzeihen. Eine historische Erkenntnis.

 

Dr. Hannes Schönner, Geschäftsführer des Karl von Vogelsang-Instituts.







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