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Warum westlich Ideologien im kalten Wind internationaler Transformation zerfallen

Die jüngste Militäroperation der USA in Venezuela hat in Europa und darüber hinaus eine erhebliche Irritation bestehender Wert- und Weltbilder ausgelöst. Wie ist damit umzugehen, dass jenes Land, das sich selbst als Hüter von Demokratie und Freiheit versteht, nun ohne umfassenden Dialog und auf Grundlage faktischer Machtverhältnisse militärisch interveniert? Ein Vorgehen, das bislang primär geopolitischen Rivalen wie Russland zugeschrieben wurde. Dort wurde die Operation mit erkennbarem Respekt hinsichtlich Effizienz und Effektivität der strategischen Durchführung zur Kenntnis genommen. 

Für Europa bedeutet dies mehr als eine außenpolitische Episode. Mit der Wahl Donald Trumps zum 47. Präsidenten der USA hat der Westen nicht nur militärisch, sondern vor allem ideologisch einen zentralen Rückhalt verloren. Tiefenpsychologisch wirksamer als jede Truppenbewegung ist der Verlust der Annahme, der Westen verfüge über eine moralisch überlegene, universell gültige Werteordnung. Die Vorstellung, innerhalb westlich geprägter Demokratien herrsche ein grundlegender moralischer Konsens, löst sich zunehmend auf.

Diese Entwicklung ist nicht erst seit der Intervention der USA in Venezuela sichtbar. Donald Trump, lange als bloßer Provokateur und Maulheld abgetan, schafft Fakten. Seine Politik folgt weniger rhetorischen Selbstvergewisserungen als dem Prinzip des Handelns. "Taking action" lautet die Devise, während Europa auf der geopolitischen Bühne zunehmend zum Zuschauer wird. Machtpolitische Realität ersetzt moralische Selbstbeschreibung. Umstrittene Influencer wie der Unternehmer Andrew Tate mögen diese Entwicklung verkürzt als "Masculine Guidance", auf Deutsch: "Maskuline Führung", deuten. Der dahinterliegende Strukturwandel ist jedoch real und weiterreichend. 

Zerfall des hypermoralischen Schutzwalls

Jenseits polemischer Zuspitzungen zeigt sich ein nüchterner Befund: Das bislang dominierende westliche Wertekonstrukt erodiert. Die lange gepflegte Annahme, moralische Überlegenheit könne fehlende materielle und strategische Substanz kompensieren, erweist sich als brüchig. Das alte Sprichwort "Wer das Gold hat, macht die Regeln" beschreibt eine Realität, die weder neu noch angenehm ist. Wer über Ressourcen, technologische Führungsfähigkeit und militärische Macht verfügt, bestimmt die Spielregeln – unabhängig von moralischen Bekenntnissen. 

Die Intervention der USA und die gleichzeitige Ausschaltung der venezolanischen Machtelite führten Europa deutlich vor Augen, dass reine Soft Power nicht mehr ausreicht. Erfolgreiche Machtprojektion erfordert die Kombination aus moralischem Anspruch und realer Durchsetzungsfähigkeit. Russland, China und nun auch die USA handeln nach diesem Prinzip. Die Europäische Union hingegen droht, als scheinmoralischer Akteur ohne substanzielle Machtmittel wahrgenommen zu werden. 

Weder technologisch – man denke an die globale Dominanz amerikanischer und chinesischer Tech-Konzerne – noch militärisch ist Europa derzeit führend oder auch nur ebenbürtig. Ohne Kurskorrektur besteht die Gefahr, langfristig sogar von aufstrebenden Regionen wie Afrika nicht nur in Bezug auf das Bevölkerungswachstum überholt zu werden. 

Differenzierte Doppelmoral und Europa in der Einbahnstraße

Europa, das sich gern als Wiege von Demokratie und Aufklärung versteht, sollte sich auf seine ursprünglichen Stärken besinnen. Statt ein zunehmend hohles, kapitalistisch-wokes Wertefundament zu reproduzieren, das maßgeblich aus den USA importiert wurde, bedarf es einer eigenständigen europäischen Selbstdefinition. Diese kann nur durch eine grundlegende Neuerfindung des europäischen Projekts gelingen. Ziel muss es sein, sich als autonomer, multidimensionaler Akteur zwischen den Machtzentren USA, China und Russland zu positionieren.

Eine solche Rolle erfordert strategische Offenheit, Interessenorientierung und die Fähigkeit zur Anpassung. Nicht moralische Absolutheit, sondern Handlungsfähigkeit entscheidet über Relevanz. In diesem Kontext ist der Gedanke des radikalen Konstruktivismus frei nach Ernst von Glasersfeld aufschlussreich. Er verweist darauf, dass es keinen objektiven Zugang zu einer "richtigen" Welt gibt, sondern lediglich konstruierte Wirklichkeiten, die sich in der Praxis bewähren müssen. Realität ist das, was funktioniert. Nach diesem Prinzip handeln die großen geopolitischen Akteure – ob in Washington, Moskau oder Peking. Ob ihre Strategien langfristig erfolgreich sind, wird sich im Modelltest zeigen. 

Warum es nicht nur eine richtige Welt geben kann

Der Versuch Europas, sein eigenes moralisches Selbstbild global zu verabsolutieren, war bereits in der kolonialen Vergangenheit folgenreich – und ist es bis heute. Die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen deuten auf eine Weltordnung hin, die nicht nur multipolar, sondern multidimensional ist. In einer solchen Realität scheitert, wer seine Macht falsch einschätzt oder auf moralische Symbolpolitik ohne substanzielle Mittel setzt.

Gefragt ist ein ausgewogenes Maß an Anpassung in Relation zur Eigenständigkeit. Reines Beobachten oder das Imitieren anderer Großmächte bleibt wirkungslos. Eine schwache Kopie ist stets die schlechteste Variante. In einer Welt vielfältiger Machtzentren und gegenseitiger Abhängigkeiten braucht es dynamische, mehrdimensionale Lösungsansätze – wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich. Moral bleibt wichtig, doch ohne strategische Handlungsfähigkeit verliert sie ihre Wirksamkeit.

 

Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.

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