Was die EZB von Simbabwe lernen kann

Simbabwe bzw. Rhodesien, wie es früher hieß, war die Kornkammer Afrikas. Das Binnenland gehörte zu den reichsten des Kontinents. Verantwortlich dafür waren vor allem weiße Farmer. Die rund 4000 Großgrundbesitzer produzierten und exportierten im großen Stil Weizen, Mais, Baumwolle, Rindfleisch, Tabak, Rosen und Zucker. Zur Jahrtausendwende wurden sie von Machthaber Robert Mugabe vertrieben und enteignet. Dieser verteilte das Farmland an seine Parteifreunde, um seine damals angeschlagene Machtposition zu stärken.

Nach seiner brutalen "Landreform" kollabierte die Wirtschaft Simbabwes. Die Agrarproduktion brach innerhalb weniger Monate auf weniger als 10 Prozent der ursprünglichen Leistung ein. Aus dem erfolgreichen Agrarexporteur mit gut ausgebauter Infrastruktur (vier Flughäfen, asphaltiertes Straßennetz etc.) wurde ein Land, das auf Lebensmitteimporte angewiesen war. Um eine Hungerkatastrophe zu verhindern, musste Mugabe Nahrungsmittel importieren. Das leerte die Staatskassen in Rekordgeschwindigkeit, weshalb die Zentralbank begann, immer mehr Geld zu drucken.

Das war der Anfang vom Ende. Mugabe versuchte nicht nur mit seiner expansiven Geldpolitik die Regeln und Gesetze der Ökonomie und des Marktes außer Kraft zu setzen. Auf die einsetzende Inflation reagierte er auch mit staatlich festgesetzten Lebensmittelpreisen, ausländische Geldreserven verschaffte er sich, indem er die Exporteure zwang, ihre Devisen abzugeben, die Guthaben der Bevölkerung kassierte er per Dekret ein etc.

Solche Maßnahmen verschlimmerten die Situation im Land kontinuierlich. 2007 war die Inflation so hoch, dass die Zentralbank mit dem Drucken neuer Geldscheine nicht mehr nachkam, Engpässe bei der Versorgung mit Cash waren die Folge. Deshalb wurden sogenannte Inhaberschecks, eine Art Notgeld, zu 1, 5 und 10 Millionen Simbabwe-Dollar ausgegeben, wenige Monate später zu 25 und 50 Millionen, im Mai 2008 neue zu 100 und 250 Millionen.

Mitte Juli wurde eine 100-Milliarden-Dollar-Banknote ausgegeben. Es folgten Geldscheine im "Wert" von "One Hundred Trillion Dollars". Laut Berechnung des Cato-Instituts betrug die Inflationsrate damals 89,7 Trilliarden Prozent. Die damalige Hyperinflation in Simbabwe war die höchste jemals beobachtete.

Nun musste auch Mugabe einsehen, dass seine Geldruckpolitik gescheitert war. Der alte Simbabwe-Dollar hatte keinerlei Wert mehr, war nur noch bedrucktes Papier. Im April 2009 wurde er von der Regierung suspendiert, ausländische Währungen wie Euro, US-Dollar und der Südafrikanische Rand als Zahlungsmittel eingeführt. 2015 wurde der Simbabwe-Dollar auch offiziell komplett entwertet und verlor damit seinen Status als offizielles Zahlungsmittel. Zuvor konnte die Bevölkerung ihre Banknoten noch in US-Doller umwechseln, Für 35 Billiarden Simbabwe-Dollar bekam man einen US-Dollar.

Auch der erzwungene Rücktritt Mugabes im Jahr 2017 hat an der katastrophalen Situation im Land wenig geändert. In dem fruchtbaren und rohstoffreichen Land herrschen nach wie vor Hunger, Not und Elend, die Arbeitslosenrate liegt bei rund 90 Prozent. Nur die Goldproduktion konnte deutlich gesteigert werden. Vergangenes Jahr waren es 30 Tonnen.

Auch der 2019 eingeführte neue Simbabwe-Dollar (ZWD) ist zu keiner stabilen und vertrauenswürdigen Währung geworden. 2020 lag die offizielle Inflationsrate bei knapp 1000 Prozent. Im April 2021 musste die Regierung in Harare eingestehen, dass auch der neue Simbabwe-Dollar gescheitert ist. Diverse Maßnahmen zu seiner Rettung, wie etwa ein vorübergehendes Verbot der Kreditvergabe durch Banken und die Einführung eines Interbankenwechselkurses verpufften ohne jeden positiven Effekt. Allein in diesem Jahr hat der Simbabwe-Dollar zwei Drittel an Wert gegenüber dem US-Dollar verloren.

Trotz eines von der Regierung festgelegten Wechselkurses von 155 ZWD pro US-Dollar wird ein US-Dollar am Schwarzmarkt für rund 350 ZWD angeboten. Die Confederation of Zimbabwe Industries, der nationale Industrieverband, erhöhte angesichts der verfehlten Geldpolitik den Druck auf die Regierung, da ein stark überbewerteter Simbabwe-Dollar die Exportwirtschaft gefährdet. Die Abwertung des Simbabwe-Dollars auf den Schwarzmärkten hat dazu geführt, dass die Preise im Land wieder täglich nach oben schießen. Offiziell betrug die Inflation im vergangenen Monat 191 Prozent, laut Experten lag die reale Preissteigerung aber deutlich höher.

Die Regierung musste handeln, und hat vor wenigen Tagen mit einer neuen Maßnahme aufhorchen lassen. Um die Situation halbwegs in den Griff zu bekommen und das Vertrauen der Wirtschaft und Bevölkerung in die Geldpolitik des Landes wiederherzustellen, setzt Harare nun auf Gold als Rettungsanker. Die Zentralbank hat angekündigt, eine Goldwährung auszugeben, da der Simbabwe-Dollar aufgrund der galoppierenden Inflation seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel verloren hat und damit eine Kernfunktion einer Währung nicht mehr erfüllt. Zudem hofft man, dass dadurch die Nachfrage nach US-Dollar gedrosselt werden kann.

Die neue Goldwährung soll bereits Ende des Monats über Geschäftsbanken in Umlauf gebracht werden. Die "Mosi-oa-tunya"-Münze – benannt nach den Victoria-Wasserfällen – enthält eine Feinunze Gold und gilt als anerkanntes Zahlungsmittel im Land. Der Preis der Münze wird sich, so Zentralbankchef John Mangudya, am aktuellen internationalen Goldpreis und den Produktionskosten orientieren. Simbabwe ist damit zum Goldstandard zurückgekehrt, da sowohl die heimische wie auch ausländische Währungen gegen die neue Goldwährung eingetauscht werden können.

Parallel dazu hat die Zentralbank den Leitzins von 80 auf 200 Prozent angehoben, und der US-Dollar soll in den nächsten Jahren erneut als offizielles Zahlungsmittel anerkannt werden. Ob die Anpassung der Leitzinsen an die hyperinflationären Preissteigerungen lange durchgehalten werden kann, ist allerdings zu bezweifeln. Durch sie soll jedenfalls der Schattenmarkt ausgetrocknet werden.

Zentralbank und Regierung sind nach dem exzessiven Gelddrucken offensichtlich darum bemüht, das Vertrauen der Bevölkerung, der Wirtschaft und der Investoren in die nationale Geldpolitik und das staatliche Geldsystem zurückzugewinnen. Deshalb setzt man auf Gold und auf eine – im Vergleich zum Simbabwe-Dollar – stabile Währung, den US-Dollar. Für den Großteil der verarmten Bevölkerung bringt die neue Goldwährung kurzfristig aber wenig Vorteile. Sie haben kein Vermögen, das sie aufbewahren können, sie leben von der Hand in den Mund.

Trotzdem ist dieser Schritt eine längst notwendige Abkehr jener verantwortungslosen Politik, die das Land ruiniert und den Lebensstandard der Bevölkerung auf ein extrem niedriges Niveau abgesenkt hat, und die auch in der EU derzeit exzessiv betrieben wird. Simbabwe setzt ein Signal, dass man nun beginnt, sich den Realitäten des Marktes zu stellen, dass die Zeit des Gelddruckens und der staatlichen Eingriffe vorbei ist.

Dieser notwendige Paradigmenwechsel steht der EU noch bevor. Derzeit versuchen Brüssel und einige nationale Regierungen mit Voodoo-Ökonomie á la Robert Mugabe die aktuellen Krisen zu bewältigen und treiben damit unsere Volkswirtschaften noch schneller Richtung Abgrund. Daran hat auch die aktuelle Anhebung des Zinses nichts geändert, zumal die EZB nun auch unbegrenzt Anleihen von Schuldenstaaten wie Italien oder Griechenland kaufen darf.

Man hat in Europa noch nicht erkannt, dass diese Art der Politik nicht die Therapie, sondern die Krankheit ist. Dabei könnte Simbabwe der EZB, der EU, Rom und Berlin als abschreckendes Lehrbeispiel dienen. Auch in Europa kann eine die Realitäten und ökonomische Gesetzmäßigkeiten verleugnende Politik nicht lang gutgehen. Das hat man in Harare begriffen, in Brüssel noch nicht. Auch bei uns müssen erst die Wirtschaft kollabieren, die Inflationsraten zumindest dreistellig werden und die Menschen hungern und frieren, bis man zur Vernunft kommt.

Noch sind aber die Preissteigerungen, Lieferengpässe und staatliche Schuldenberge offenbar nicht dramatisch genug.

Werner Reichel ist Journalist und Autor. Sein aktuelles Buch "Die kinderlose Gesellschaft" ist im Frühjahr 2022 im Freilich-Verlag erschienen.

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