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Covid-19-verdächtig ist man besser nicht in Wien: ein Erfahrungsbericht

Rekordzuwächse an Covid-19-Erkrankungen wurden am 12. August in Österreich gemeldet – doch diesmal ist alles halb so wild. Diesen Eindruck vermittelt einem zumindest die ZIB 1 am Mittwochabend, was möglicherweise daran liegt, dass der größte Anstieg diesmal weder in Ischgl, noch in St. Wolfgang stattgefunden hat, sondern in Wien. Während die oberösterreichische Behörden wegen eines "Clusters" am Wolfgangsee tagelang gegrillt wurden, ist der jüngste, deutlich höhere Zuwachs nach Ansicht der ZIB-1-Moderatoren völlig unproblematisch: Die hohen Zahlen seien ja vor allem auf die so zahlreich durchgeführten Tests in Wien zurückzuführen, wie sie einem allen Ernstes erklären. Doch spätestens hier steigt einem Zuseher wie mir, der seine eigenen Erfahrungen mit Covid-19-Tests in Wien gemacht hat, die Grausbirn auf.

Ich selbst war schon einmal "Corona-Verdachtsfall", und ebenso zwei Personen aus meinem Freundeskreis. Im Folgenden eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse:

Fall Nummer 1

Anfang März reist eine italienische Bekannte buchstäblich in letzter Sekunde aus Mailand nach Wien zurück, einen Tag bevor die Grenzen zu Italien wegen der zahlreichen dortigen Corona-Erkrankungen geschlossen werden. Wenig später erkrankt sie an Fieber und leidet unter Bauchschmerzen und Erbrechen. Nun gilt sie als Verdachtsfall und wird von einem zweiköpfigen Team in ihrer Wohnung getestet. Es folgt das Warten auf die Testergebnisse. Es vergehen ein, zwei, drei, vier Tage. Die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern fragt schließlich nach und wird vertröstet. Nach einer Woche (!) endlich erhält sie ein Schreiben, in dem bei genauem Lesen allerdings nur steht: Höchstwahrscheinlich sei sie mit am Corona-Virus erkrankten Menschen in Kontakt gekommen und möge daher in den kommenden zwei Wochen weiterhin nicht ihre Wohnung verlassen. Vom Testergebnis selbst steht – gar nichts. Wurde es etwa verschlampt?

Fall Nummer 2

Es ist Ende Juni und diesmal hat es mich erwischt. Nicht nur Halsschmerzen, Grippe und eine hartnäckige Erkältung machen mir zu schaffen, sondern auch Geschmacksverlust. Vor allem letzteres gilt als klares Indiz für eine Covid-19-Erkrankung, auch wenn mir das nicht als allzu ungewöhnlich erscheint, schließlich kenne ich dieses Symptom von früheren Erkrankungen. Das Problem ist nur: Diesmal lässt mich kein Arzt in seine Ordination, denn der vorübergehende Geschmacksverlust macht mich "Covid-19-verdächtig", und zwar in höchstem Maße.

Nun, nicht zuletzt im Interesse meines Umfelds beschließe ich, der Sache auf den Grund zu gehen und Gewissheit über meine Erkrankung bzw. Nicht-Erkrankung an dem berühmtberüchtigten Coronavirus zu erhalten. Im Übrigen haben mir sämtliche Freunde aus ganz Österreich – sie leben großteils im ländlichen Raum – erzählt, dass es mittlerweile nicht länger als einen Tag dauert, bis man ein Testergebnis erhält. Das ist auch glaubhaft. Von zwei Personen, die kürzlich aus London nach Wien gereist sind und sich auf eigene Kosten hier testen ließen, weiß ich: Wer sich privat für mehr als 100 Euro auf eine Testung einlässt, erfährt binnen weniger als 24 Stunden – also noch am selben Tag oder spätestens am darauffolgenden Morgen –, ob er an Covid-19 erkrankt ist oder nicht. Also was soll’s: Mittlerweile wird man ja auch in Wien alles endlich im Griff haben, oder?

Es folgt der Anruf bei der bekannten Hotline. Am anderen Ende der Leitung reagiert man besorgt, teilt mir aber mit: Voraussichtlich werde ich nicht mehr heute – es ist bereits Nachmittag – getestet werden, sondern morgen. Bis dahin möge ich das Haus nicht verlassen, das gelte aber nur für mich, nicht für meine Ehefrau und alle Familienangehörigen im selben Haushalt, sowie für sämtliche andere Menschen, mit denen ich in den vergangenen 48 Stunden engen Kontakt hatte.

Tja, am selben Tag trifft dann tatsächlich niemand ein, nur am darauffolgenden Tag ebenfalls nicht. Ganze zwei Tage muss ich warten, bis schließlich am übernächsten Tag der in einen Schutzanzug eingehüllte "Tester" meine Wohnung betritt. Zwei weitere Tage vergehen, bis ich über das – erfreulicherweise – negative Testergebnis informiert werde.

Diese fünf Tage des Wartens bedeuteten nicht nur für mich Ungewissheit, sondern ebenso für sämtliche Personen in meinem Umfeld, die nicht wussten, ob sie aufgrund des Umgangs mit mir nun auch zu den Corona-Verdachtsfällen zählen oder nicht, sprich: Ob auch sie sich bald testen lassen werden müssen oder nicht, und ob auch sie daher ebenfalls den Umgang mit anderen Menschen besser reduzieren. Hier zeigt sich: Die soziale Dimension dieses Virus ist meistens die eigentlich verheerende. Als Covid-19-Verdachtsfall fühlt man sich ein wenig wie ein Aussätziger, vor allem wenn die Wartezeit so lange dauert und sämtliche andere Menschen unter diesem Zustand der Ungewissheit leiden.

Glücklicherweise kann ich übrigens meiner Arbeit auch im Home Office nachgehen. Nur bei anderen Berufen ist das nicht so. Wer zum Beispiel als Installateur, Elektriker oder in einem Transportunternehmen arbeitet, hätte an meiner Stelle fünf Arbeitstage verloren, als Strafe dafür, die Hotline angerufen zu haben.

Fall Nummer drei

Ende Juli: Nun ist eine über 70-jährige Wiener Bekannte in der Nacht von Freitag auf Samstag erkrankt, und zwar an starken Halsschmerzen und Schnupfen. Allerdings hat sie in der Nähe Wiens übernachtet, nicht in ihrer eigenen Wohnung. Samstagvormittag ruft auch sie die Hotline an, um dort ihre Symptome zu schildern. Die Dame am anderen Ende der Leitung erklärt ihr eigentlich für Wien zuständig zu sein und fragt, ob sie die "Kollegen in Niederösterreich" mit dem Test beauftragen soll. Die Bekannte entscheidet sich für Wien (Fehler!), denn hierhin kehrt sie ja bald zurück. In Ordnung, sie möge sich, sobald sie in ihre Wiener Wohnung zurückgekehrt ist, nochmals unter der Hotline melden. Alle Daten über sie seien auf jeden Fall bereits festgehalten, versichert ihr die Dame.

Angekommen in Wien ruft die Bekannte ein zweites Mal – wie vereinbart – bei der Hotline an, nun meldet sich auf der anderen Seite ein junger Mann, der jedoch von ganz genau gar nichts weiß und keine Daten über sie finden will. Er könne "nicht eruieren, ob Ihre Daten bereits festgehalten sind", erklärt er schließlich, "ansonsten bricht der Computer zusammen" (wörtliches Zitat). Also muss die Bekannte ihm von Neuem alle Daten und Informationen übermitteln, was sie jedoch nur ungern tut, schließlich befürchtet sie, nun zurückgereiht zu werden und noch länger auf einen Test warten zu müssen. Kein Grund zur Sorge, versichert ihr der junge Mann, an ihrer Reihung werde sich nichts ändern. Noch am selben Tag, bis spätestens 21 Uhr, werde das Team zum Testen eintreffen.

Dem ist aber wieder nicht so. Selbst am darauffolgenden Tag kommt niemand. Am Nachmittag wird es der Bekannten, der es mittlerweile gesundheitlich gut geht, zu dumm, und sie ruft ein weiteres Mal bei der Hotline an. Beim dritten Anruf befindet sich wieder eine Frau in der Leitung, die auch beide Einträge in der Datenbank vorfindet, allerdings fehlt bei beiden, wie sich nun zeigt, eine wichtige Information, nämlich die, dass die Bekannte auch getestet werden soll. Mit anderen Worten: Ein Team zum Testen wurde noch nicht einmal losgeschickt. Selbst nach einer Woche wäre keines eingetroffen.

Wien ist anders

Einzelfälle dürften das nicht sein. Wiener, denen ich von meinem Erlebnis (Fall 2) berichtet habe, antworteten prompt: "Da hast du noch Glück gehabt." Sie wissen von Betroffenen, die in Wien vergeblich auf Test wie Testergebnis warten mussten.

Es ist schlicht schleierhaft, weshalb in der ZIB 2 wegen eines Infektionsanstiegs in St. Wolfgang die gesamte Organisation und Durchführung der Tests in Oberösterreich in Frage gestellt wurde und sich der oberösterreichische Landeshauptmann minutenlang von kritischen Fragen buchstäblich durchlöchern lassen musste, während man in Wien dem ORF zufolge alles bestens im Griff hat. Gesundheitsstadtrat Peter Hacker darf sich ohnehin regelmäßig über Gratis-Werbe-Einschaltungen freuen, selbst wenn die Anlässe gar nicht so erfreulich sind. Die ein oder andere Panne ist ja schon an die Öffentlichkeit gedrungen ...

Mit Sicherheit bin ich auch nicht der einzige, dessen Erfahrungen nicht der Darstellung des ORF entsprechen. Eine Feldforschung über sämtliche Corona-Tests in Österreich habe ich nicht durchgeführt (wäre interessant, eigentlich). Ich weiß nur von sämtlichen Freunden in den Bundesländern, die alle von in kürzester Zeit abgeschlossenen Tests berichten – ganz im Gegensatz zu Wien.

Dass man in Wien in der Corona-Anfangszeit organisatorische Probleme überwinden musste, ist nachvollziehbar. Dass sich daran nach einem halben Jahr noch immer nichts geändert hat, nicht. Aber gewiss wird uns Gesundheitsstadtrat Hacker auch hier wortreich erklären können, weshalb das alles nur belegt, warum Wien alles in Wahrheit besser macht. Wir können dann wohl beruhigt sein: Wien ist anders – noch immer ...

Mag. Stefan Beig,  Jahrgang 1978, lebt und arbeitet als Journalist in Wien.

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