Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik

Lesezeit: 3:30

Vermeidung von Toten oder wirtschaftliches Desaster? Überlastung der Intensivstationen oder gesundheitliche Kollateralschäden? Der Public-Health-Experte Martin Sprenger (MedUni Graz) stellt in seinem Blog kürzlich fest: Die entscheidende Frage lautet: "Wie viel Schaden nehmen wir bei Ungeborenen, Babies, Kindern, Jugendlichen und allen anderen in Kauf, um Hochrisikogruppen zu schützen. Ich will nicht, dass das Virologen und Intensivmediziner entscheiden, ich will, dass das so breit und offen wie möglich diskutiert wird. Das müssen wir als Gesellschaft diskutieren! Das dürfen wir keiner Partei und auch keiner Wissenschaft überlassen!"

Für Juristen ist die Antwort auf die Frage nach der gesellschaftlichen Organisation von Diskurs und Entscheidung selbstverständlich: Verbindliche Entscheidungen werden nach unserer Verfassung in den demokratisch legitimierten Gremien getroffen.

In der Realität mischen allerdings de facto immer auch andere Instanzen mit: Sozialpartner, Experten, Zivilgesellschaft, Medien, Pressure-groups. Damit wird die Entscheidungsfindung im Dilemma der Auswirkungen auf und damit der Akzeptanz durch die von den Entscheidungen Betroffenen immer schwieriger, je mehr multidisziplinäre Implikationen die Entscheidungen haben (zumal, wenn deren Relevanz sogar innerhalb der jeweiligen Disziplinen kontrovers ist), und je vielfältiger die von den Entscheidungen betroffenen Interessen sind (zumal, wenn sie zum Teil diametral konträr sind).

Eine wichtige Aufgabe haben dabei Wissenschaftler zu erfüllen: Sie leisten einen zentralen Beitrag zur Aufbereitung der Entscheidungsgrundlagen mit möglichst großer Rationalität und spielen eine wichtige Rolle sowohl bei der Vermittlung von Entscheidungsgrundlagen als auch der kritischen Erklärung von Entscheidungen: Einerseits gegenüber der Politik, andererseits auch gegenüber der Zivilgesellschaft.

Dabei stehen Wissenschaftler allerdings ihrerseits vor mehreren Dilemmata: Zumal, wenn Fragen innerdisziplinär oder auch interdisziplinär kontrovers sind, müssen sie ihrerseits eine Relativierung ihres "Wissens" kommunizieren und können sie die Erwartungen einer Gesellschaft nicht erfüllen, die sich größtmögliche Eindeutigkeit wünscht. Und gleichzeitig müssen sie sich nicht nur als "Gegenüber" von Zivilgesellschaft und Politik begreifen, sondern sind (manchmal) selbst Politiker oder (meist) Teil der Zivilgesellschaft. In dieser Mehrfachrolle liegen strukturell geradezu zwangsläufige Versuchungen der Rollenvermischung ebenso wie Defizite zwischen wissenschaftlichem Anspruch und seiner Realisierung.

Und schließlich ist noch zu akzeptieren, dass in demokratischen Gesellschaften nicht nur rationale, sondern auch emotionale Aspekte berücksichtigt werden müssen, in denen sich subjektive Präferenzen gesellschaftlicher Akteure widerspiegeln, und die für die Entscheidung im Wahlakt oft eine größere Rolle spielen als Sachfragen. Will man den Wähler deshalb vor der Wissenschaft entmündigen?

Allerdings – und damit kehren die Überlegungen zum Ausgangspunkt zurück: Unter Berücksichtigung dieser Punkte ist eine demokratische Entscheidung zur Lösung hochkomplexer Fragen in diametral entgegenstehenden Interessenlagen gleichsam ex definitione unter jeweils gewählten konkreten Blickwinkeln in einem hohen Grad unbefriedigend, je mehr rationale und emotionale Interessen berücksichtigt werden.

Demokratisch legitimierte Entscheidungen in pluralistischen Gesellschaften können daher in seltenen Fällen Partikularinteressen komplett zufrieden stellen. Oder positiv formuliert: das ex definitione Befriedigende an demokratischen Entscheidungen ist, dass sie im Idealfall versuchen, einer Vielzahl von Interessen in möglichst großem Ausmaß Rechnung zu tragen und sich nicht nur auf die Seite bestimmter Interessen zu schlagen. Letztlich realisiert sich die Annäherung an eine gesamthaft zu sehende Sachgerechtigkeit in einer relativ großen Bandbreite aus der Berücksichtigung zahlreicher Partikularsichten.

Damit ist für mich auch das Verhältnis von Wissenschaft und Politik bestimmt, das in der Realität ein Verhältnis von Wissenschaftlern und Politikern ist. Politische Entscheidungsträger sollten Wissenschaftler in die Aufbereitung der Entscheidungen einbinden; inadäquat wäre jedoch, wenn Politik ihre Entscheidungen an eine gleichsam als abstrakte Autorität begriffene Wissenschaft bindet. Wissenschaftler – und mit ihnen die Zivilgesellschaft – sollten jedoch akzeptieren, dass Politiker auch anderen Entscheidungsdeterminanten unterliegen.

Hier liegt die Chance auf einen kontinuierlichen Dialog: Getragen von der Verschiedenheit der Aufgaben und vom Respekt vor der jeweiligen Rolle im gesellschaftlichen Willensbildungsprozess, getragen aber auch vom Verständnis dafür, dass jedes Erkennen Stückwerk und jede Entscheidung unvollkommen ist.

Dr. Wolfgang Mazal ist Universitätsprofessor an der Uni Wien. Dieser Text wird demnächst auch in der Fachzeitschrift ecolex erscheinen.

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die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorNeppomuck
    4x Ausgezeichneter Kommentar
    10. Mai 2020 13:20

    Dass Wissenschaft und Politik ein "Verhältnis" haben, und zwar ein äußerst schlampertes, ist wohl jedem klar.
    Und "Experten sind Leute, die andere am Gebrauch ihres gesunden Menschenverstandes hindern" (© Hannes Messemer), bzw. "hindern wollen", meist damit sich ihre "Ertragslage" verbessert.

    Also eine höchst fragwürdige Allianz, die nicht nur vom Bürger zu finanzieren ist, sondern auch seine Lebensqualität empfindlich verschlechtert, jedenfalls im Regelfall.

    Da spielt natürlich auch das "Sendungsbewusstsein" eine dominierende Rolle, zumal beide Teile von einem verblüffenden Selbstbewusstsein getragen sind, deren Grundlage vorwiegend in Minderwertigkeitskomplexen zu finden ist.

    Dabei gibt es ein hervorragendes Mittel gegen solche "Komplexe":
    Man sieht ein, tatsächlich minderwertig zu sein.
    Das ändert zwar nichts an der Wertigkeit, aber der Komplex ist weg.

    Was ja der Sinn der Übung wäre.

  2. Ausgezeichneter Kommentatorpressburger
    3x Ausgezeichneter Kommentar
    10. Mai 2020 16:28

    Wissenschaftler haben noch immer den Ruf objektiv und rational zu denken, bzw. handeln. Diesen Ruf sind "Wissenschaftler" dabei zu verspielen.
    Die letzten zwei Epidemien, die nicht statt gefundenen Menschen gemachte Klima Katastrophe und die Virus Katastrophe, haben die Eitelkeit und Käuflichkeit der "Wissenschaftler" der Öffentlichkeit präsentiert.
    Zugegeben, auch ein Wissenschaftler ist nur ein Mensch. Wie jeder Mensch ist auch der Wissenschaftler eitel, strebt nach Anerkennung, nicht nur in seiner peer group, nicht nur unter seinesgleichen. Der Wissenschaftler möchte auch in der Öffentlichkeit präsent sein. Schmeichelt seinem Selbstwertgefühl.
    Deswegen sagt er den Medien von denen er genau weiss, was sie hören wollen, dass, das sie von ihm erwarten.
    Die Krise wird Opfer fordern, die Massnahmen der Regierung sind alternativlos, die einzige Möglichkeit zu überleben, ist gehorsam sein.
    So wird Stimmung gemacht. Das Triumvirat, Politik, Medien, Wissenschaft.


alle Kommentare

  1. Christian Peter (kein Partner)
    17. Mai 2020 12:41

    Ich fürchte, es existiert kein ,Verhältnis von Wissenschaft und Politik', zumindest nicht in Österreich, anders lassen sich die völlig überzogenen und großteils unangemessenen Corona - Maßnahmen nicht erklären.

  2. Christian Peter (kein Partner)
    12. Mai 2020 18:52

    Mit ,Wissenschaftlichkeit' hat es nicht die Bohne zu tun, was Politiker momentan machen. Weder ist es erwiesen, dass Sars-Cov-2 tatsächlich ein neuer Virus ist (neueste Untersuchungen französischer Wissenschaftler deuten auf das Gegenteil hin), noch weiß man mangels Daten über die Gefährlichkeit des Virus Bescheid, noch gibt es wissenschaftliche Belege, dass Shutdown - Maßnahmen wie Grenzkontrollen, Schul- und Geschäftsschließungen bei der Eindämmung von Epidemien nutzen. Es gibt noch nicht einmal verlässliche Tests, mittels PCR - Tests wurden mittlerweile verschiedenste Tiere wie Ziegen, Hunde, Katzen, Tiger, Affen und sogar Pflanzen wie Papayas und Jackfrüchte positiv auf Corona getestet.

    • Christian Peter (kein Partner)
      12. Mai 2020 18:58

      Ganz richtig - es ist ein Blindflug, was Politiker in Sachen Corona momentan praktizieren.

  3. Zraxl (kein Partner)
    12. Mai 2020 17:58

    Ich erwarte mit von einem Wissenschaftler, der in seiner Autorität als Wissenschaftler spricht, nicht Allwissenheit, aber ich erwarte mir Wahrhaftigkeit. Das Zusammenführen der einzenen Aussagen von Wissenschafltern und daraus eine Entscheidung zu treffen, obligt der Politik. Die vielbeschworene Interdisziplinarität besteht oftmals ja nur darin, Gewichtsfaktoren für die Aussagen der Vertreter der einzelnen Wissenschaften zu finden.
    Besonders mies finde ich es, wenn eine Parteichefin ihren Vertrauensbonus als Wissenschaftlerin missbraucht, um parteipolitisch opportune Aussagen zu machen, die offenbar falsch, also Lügen sind.

    • Zraxl (kein Partner)
      12. Mai 2020 18:06

      Disclaimer: Meine Deutschlehrer trifft absolut keine Schuld an meinem Text!

  4. Peregrinus
    10. Mai 2020 23:57

    Zum Kommentar: Weder Fisch noch Fleisch

  5. pressburger
    10. Mai 2020 16:28

    Wissenschaftler haben noch immer den Ruf objektiv und rational zu denken, bzw. handeln. Diesen Ruf sind "Wissenschaftler" dabei zu verspielen.
    Die letzten zwei Epidemien, die nicht statt gefundenen Menschen gemachte Klima Katastrophe und die Virus Katastrophe, haben die Eitelkeit und Käuflichkeit der "Wissenschaftler" der Öffentlichkeit präsentiert.
    Zugegeben, auch ein Wissenschaftler ist nur ein Mensch. Wie jeder Mensch ist auch der Wissenschaftler eitel, strebt nach Anerkennung, nicht nur in seiner peer group, nicht nur unter seinesgleichen. Der Wissenschaftler möchte auch in der Öffentlichkeit präsent sein. Schmeichelt seinem Selbstwertgefühl.
    Deswegen sagt er den Medien von denen er genau weiss, was sie hören wollen, dass, das sie von ihm erwarten.
    Die Krise wird Opfer fordern, die Massnahmen der Regierung sind alternativlos, die einzige Möglichkeit zu überleben, ist gehorsam sein.
    So wird Stimmung gemacht. Das Triumvirat, Politik, Medien, Wissenschaft.

  6. Neppomuck
    10. Mai 2020 13:20

    Dass Wissenschaft und Politik ein "Verhältnis" haben, und zwar ein äußerst schlampertes, ist wohl jedem klar.
    Und "Experten sind Leute, die andere am Gebrauch ihres gesunden Menschenverstandes hindern" (© Hannes Messemer), bzw. "hindern wollen", meist damit sich ihre "Ertragslage" verbessert.

    Also eine höchst fragwürdige Allianz, die nicht nur vom Bürger zu finanzieren ist, sondern auch seine Lebensqualität empfindlich verschlechtert, jedenfalls im Regelfall.

    Da spielt natürlich auch das "Sendungsbewusstsein" eine dominierende Rolle, zumal beide Teile von einem verblüffenden Selbstbewusstsein getragen sind, deren Grundlage vorwiegend in Minderwertigkeitskomplexen zu finden ist.

    Dabei gibt es ein hervorragendes Mittel gegen solche "Komplexe":
    Man sieht ein, tatsächlich minderwertig zu sein.
    Das ändert zwar nichts an der Wertigkeit, aber der Komplex ist weg.

    Was ja der Sinn der Übung wäre.





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