Merkel und Macron – eine Restauratio imperii?

Lesezeit: 3:00

Der Vertrag von Aachen, geschlossen in einer karolingischen Kaiserpfalz zwischen den späteren Teilreichen des karolingischen Reichs, hat zu viele historische Anknüpfungspunkte, um als Zufall durchgehen zu können. Er wurde ganz bewusst von den zwei Hauptdarstellern als symbolische Neu-Gründung dieses Reichs gefeiert. Auch dieser Vertrag wurde übrigens bis kurz vor Abschluss der parlamentarischen Diskussion der Öffentlichkeit vorenthalten, was möglicherweise ebenfalls dem kaiserlichen Vorbild entspricht. Die bei Vertragsabschluss beiden Darstellern entgegengebrachten Missfallensäußerungen des Publikums unterschieden sich vom historischen Vorbild, fielen daher medial weitgehend unter den Tisch.

Bei der versuchten Rekonstruktion des karolingischen Reiches übersieht man geflissentlich, dass zeitgleich im Norden Europas ein gefährlicher Gegner in Form der Normannen an seinen Grenzen lauerte, das arabisch/moslemische Spanien an der Südwestgrenze eine weitere Bedrohung darstellte, im Südosten das byzantinische Kaiserreich gerade seine neu gewonnene Stärke feierte und der slawisch/magyarische Osten eine weitere Bedrohung des Reiches bildete. Heute sind fast alle diese Randvölker freiwillig und nicht durch Eroberung Teil der EU und damit de jure gleichberechtigt. Der Anspruch von Frankreich und Deutschland auf Führung in der EU beruht also auf keinem zutreffenden historischen Vorbild, keiner Eroberung und keinem Vertragswerk, ist also angemaßt und muss angesichts der inneren Probleme beider Staaten als obsolet angesehen werden.

Was könnte an die Stelle der deutsch/französischen Führung treten? Wenn man Europa in verschiedene Gruppierungen zerlegt, wären da einmal die drei großen Sprachgruppen der Germanen, Romanen und Slawen zu nennen. Sie lassen allerdings die kleinen fremden Sprachinseln wie zum Beispiel Finnland, Ungarn und Griechenland unberücksichtigt. Ein ähnliches Ergebnis zeigt eine Gruppierung nach Religionen, katholisch, evangelisch und orthodox. Eine solche würde sich ganz grob mit Germanen, Romanen und Slawen decken, würde aber den Moslems einen eigenen Anspruch ermöglichen, der territorial kaum darzustellen ist.

Bisher ist der slawisch/byzantinisch/orthodoxe Raum jedenfalls noch nicht ausreichend vertreten, was innereuropäische Gräben sichtbar werden lässt, die sich leicht zu Bruchstellen auswachsen können. Große Teile der slawischen Welt stehen noch außerhalb der EU. Sie könnten auf Grund ihrer Größe und Stärke bei Eintritt einen begründeten Führungsanspruch stellen. Solange sie selbst außerhalb bleiben müssen, haben sie Interesse an der Einflussnahme auf die slawischen Staaten innerhalb der EU. Von der Türkei als Kernland des byzantinischen Reiches und ihrem Einfluss auf die Moslems innerhalb der EU spreche ich hier noch gar nicht. Keine der dargestellten Einteilung in Gruppen ergibt eine ausreichende Abdeckung der europäischen Staaten, lässt daher Mitglieder verschiedener Durchsetzungsfähigkeiten entstehen.

Dringend notwendig wäre vorerst, der slawisch/byzantinisch/orthodoxen Gruppierung eine gleichberechtigte Stellung gegenüber Romanen und Germanen einzuräumen und ihre teils sehr unterschiedliche Kultur zu akzeptieren. Weiters muss dem Führungsanspruch Deutschlands und Frankreichs entgegengetreten werden, solange beide Staaten durch innere Schwäche Probleme aufwerfen, die mit den erkennbar vorhandenen Problemen der EU Interferenzen erzeugen können, die für die EU tödlich sein können. Bei einer allfälligen tiefgreifenden Renovierung der EU müsste man daher allen Staaten gleiches Gewicht beimessen, was in Form einer zweiten Kammer, in der die Staaten unabhängig von ihrer Größe dasselbe Gewicht hätten, geschehen könnte. Die Nachbildung des fränkischen Reichs ist jedenfalls kein brauchbares Modell, das einige Stabilität sicherstellen könnte.

Rupert Wenger war Offizier des Bundesheeres als Kompanie- und Bataillonskommandant in der Panzertruppe und später Analyst in einer Dienststelle des Verteidigungsministeriums.

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die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter Kommentatorpressburger
    5x Ausgezeichneter Kommentar
    27. Januar 2019 21:15

    Danke für den Beitrag. Was soll dabei herauskommen, wenn sich zwei Feinde der europäischen Kultur, absprechen und ihr weiteres Vorgehen koordinieren ?

  2. Ausgezeichneter Kommentatorastuga
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    28. Januar 2019 14:01

    Wenn man sich auf aktuellen Fotos ansieht, wie sich Merkel zärtlich an Macrons Gesicht kuschelt (oder Macron an kriminelle schwarze Jugendliche), dann stellt man sich unwillkürlich die Frage, welch gestörtes Politpersonal da am Werke ist.

    Juncker kann sich wenigstens auf den Alk... äh, Ischias ausreden.

die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter Kommentatorastuga
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    28. Januar 2019 14:01

    Wenn man sich auf aktuellen Fotos ansieht, wie sich Merkel zärtlich an Macrons Gesicht kuschelt (oder Macron an kriminelle schwarze Jugendliche), dann stellt man sich unwillkürlich die Frage, welch gestörtes Politpersonal da am Werke ist.

    Juncker kann sich wenigstens auf den Alk... äh, Ischias ausreden.

alle Kommentare

  1. andreas.sarkis (kein Partner)
    30. Januar 2019 21:57

    "der Germanen, Romanen und Slawen..."

    Sehr simplifiziert. Was ist mit den Kelten? den Illyrern?
    Österreicher wollen nicht schon wieder vereinnahmt werden, so wie 1938.
    Herr Analyst, lernen Sie Geschichte.

    • Rupert Wenger
      31. Januar 2019 13:13

      Es ist genau meine Ansicht, dass wir uns nicht nochmals vereinnahmen lassen sollten (Letzter Absatz). Germanen, Romanen und Slawen sind als Sprachgruppen unmittelbar davor definiert. Kelten und Illyrer gibt es unter den heutigen großen Sprachgruppen nicht. Die kleineren Sprachinsel sind in vorletzten Absatz angeführt.
      Also nochmals: Die Vergabe politischer Machtpositionen kann und soll nicht nach Sprachgruppen oder Religionen erfolgen, weil sie immer Minderheiten als minder einflussreich zurücklässt. Nachdem andererseits jeder Bürger dasselbe Gewicht in die Demokratie einbringen sollte, müsste man also 2 Kammern schaffen, deren eine den Wähler, die andere seinen Staat repräsentiert.

  2. astuga (kein Partner)
    28. Januar 2019 14:01

    Wenn man sich auf aktuellen Fotos ansieht, wie sich Merkel zärtlich an Macrons Gesicht kuschelt (oder Macron an kriminelle schwarze Jugendliche), dann stellt man sich unwillkürlich die Frage, welch gestörtes Politpersonal da am Werke ist.

    Juncker kann sich wenigstens auf den Alk... äh, Ischias ausreden.

  3. pressburger
    27. Januar 2019 21:15

    Danke für den Beitrag. Was soll dabei herauskommen, wenn sich zwei Feinde der europäischen Kultur, absprechen und ihr weiteres Vorgehen koordinieren ?

    • glockenblumen
      28. Januar 2019 05:27

      auf den Punkt gebracht!!!

    • Rupert Wenger
      28. Januar 2019 13:02

      Völlig richtig. Wenn man auch nur ansatzweise europäische Geschichte als Teil der Kultur kennt, weiß man, dass Obertanen nach langer unbestrittener Herrschaft zu imperialen Attitüden und/oder Unverständnis gegenüber den Bedürfnissen der Untertanen neigen, was meist zu unschönen Szenen auf der Straße oder zur "Aufarbeitung" nach Ende der Herrschaft führt, die wiederum dem postmortalen Image wenig zuträglich sind. Nur Macron hat es bisher geschafft, mit imperialen Gehabe bereits in 18 Monaten vom Jupiter bis zum Ludwig XVI. abzustürzen.
      Bei der Koordinierung ihres baldigen Rücktrittes wäre ihr Wirken durchaus noch segensreich!

  4. Herby
    27. Januar 2019 00:11

    Die E.W.G. der 1950er & 1960er Jahre, die darauf folgende E.G. und die darauf folgende E.U. wurde zunächst durch die Römischen Verträge v. 1957 begründet.

    Die damaligen 6 Gründerstaaten: Frankreich, Belgien, Luxemburg, Niederlande, Deutschland u. Italien waren die historischen sowie geistesgeschichtlichen Erben des Fränkischen Reichs. Die Idee des vereinigten Fränkischen Reichs von Karl dem Großen war: Die Idee eines Vereinigten Christlichen Reichs das die größten Teile des damaligen Westeuropas umfasste. Zwei Fundamente & 2 Grundstrukturen hatte dieses vereinigte Reich von Karl dem Großen:

    1. Der unbestrittene Kaiser über das Vereinigte Christliche Reich: Karl der Große - der vom Papst im J.800 gekrönt worden war. Der Kaiser sicherte mit seinem Heer die politische, also die Äussere Struktur - sozusagen den Körper dieses Reichs.

    2. Die damalige vereinigte Röm.-Kath. Kirche mit dem Kirchenoberhaupt, dem Papst in Rom. Der Papst war der Eckstein & Garant für die Geistige Führung. Ein geistlicher u. spiritueller christlicher Kirchenführer (der für sich das geistliche Erbe v. Petrus u. damit v. Jesus beansprucht) der eine Kirchenorganisation quer über das gesamte Reich zur Verfügung hatte. Dies war die Innere Struktur des Reichs - sozusagen der Geist dieses Reichs.

    Also: Papst & Kaiser: Sie repräsentierten Geist & Körper des Vereinigten Christlichen Reichs bis ins 9. bzw. 10. Jahrhundert hinein.

    Siehe dazu diese Wiki-Animation die die Entwicklung des Frankenreichs über die Jahrhunderte zeigt: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/23/Franks_expansion.gif

    Gesamter Wikipedia-Artikel dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%A4nkisches_Reich

    Im Dom zu Aachen fand vor Kurzem diese feierliche Zeremonie mit der Deutschen Bundeskanzlerin und dem Franz. Präsidenten statt: Sie erneuerten einen Freundschaftsvertrag zwischen Frankreich und Deutschland - mitten im geschichtsträchtigen Dom zu Aachen!

    Es kann ganz einfach nichts falsch daran sein, diesmal und auch zu anderen Gelegenheiten sich zu besinnen auf welchen Fundamenten die Europäische Einigung steht, die jetzt bereits 27 Länder umfasst.

    Das ist nicht falsch:
    Sich besinnen und Nachdenken wie es Macron & Merkel taten, welch leidvolle Geschichte es gab und welche Irrungen und Wirrungen es gab bis die Idee eines Einigen Europas seit den 1950er-Jahren wieder Kraft und Energie gewann und seit damals einen kraftvollen Weg geht.

    • Hera
      27. Januar 2019 06:47

      Amen!
      und die dummen Schafe folgen willig ihren Schlächtern.

    • Wyatt
    • Rupert Wenger
      27. Januar 2019 09:40

      "Es kann ganz einfach nichts falsch daran sein, diesmal und auch zu anderen Gelegenheiten sich zu besinnen auf welchen Fundamenten die Europäische Einigung steht, die jetzt bereits 27 Länder umfasst." Natürlich sollte man sich auf die Geschichte besinnen, genau das versuche ich. Die Lösung des 9.Jahrhunderts kann aber nicht als Vorbild für das 21.Jahrhundert dienen. Ein "Kaiserreich" (Präsident und Kanzlerin, die sich gerne imperial geben) und gemeinsam über A-Waffen verfügen mit einem Kranz aus Vasallenstaaten rund herum, die zu gehorchen haben, kann aber nach den weiteren geschichtlichen Erfahrungen bis ins 21.Jahrhundert heute eher nicht las Leitbild dienen.

    • Wyatt
      27. Januar 2019 13:46

      Herr Wenger
      *************************
      *************************
      auch für den Gastbeitrag!





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