Der Autor von "Für Gott und den Profit" hält einen Vortrag in Wien drucken

Lesezeit: 3:00

Seit 2008 ist Kapitalismus-Skepsis in vielen Kreisen wieder en vogue. Speziell die Finanzindustrie ist in den Fokus der Kritik geraten, verbunden mit dem Ruf nach strengeren staatlichen Regeln. Auch kirchliche Würdenträger sparen zuweilen nicht mit scharfen Vorwürfen gegen die Akteure des Finanzwesens. Doch sämtliche Vorwürfe basieren schlicht auf Unkenntnis der Funktionsweise des Finanzsektors. Allein schon wegen der engen Verflechtung unseres Wohlstands mit der Finanzwirtschaft ist es lohnend, sich mit ihrer Funktionsweise mehr auseinanderzusetzen. Das hilft auch beim besseren Verstehen der Ursachen der Finanzkrise.

Das Buch "Für Gott und den Profit" von Samuel Gregg füllt hier eine wichtige Lücke. Gregg, der am 29. Mai in Wien im Haus der Industrie einen Vortrag über "Finanzindustrie und Profitstreben im Dienst am Gemeinwohl" halten wird (siehe auch unten!), erzählt in diesem Buch "die faszinierende Geschichte des sich allmählich entwickelnden Verständnisses der produktiven und wohlstandsschaffenden Funktion des Geldes – der Einsicht darin also, wie Geld zu Kapital wird", wie der Herausgeber im Vorwort unterstreicht.

Die wenigsten wissen, dass das kapitalistische Finanzwesen im christlichen Mittelalters entstanden ist. "Für Gott und den Profit" – der Buchtitel – war ein Wahlspruch, der im 13. und 14. Jahrhundert auf den Kontobüchern florentinischer Bankiers stand. Damals wurde das vorchristlich-antike Misstrauen gegenüber Geldverleih, Spekulation und Handel überwunden.

Es waren christliche Theologen, Philosophen und Kirchenrechtler, die den Unterschied zwischen Wucher und der wichtigen Funktion des Zinses erstmals herausarbeiteten. Sie erkannten auch die Bedeutsamkeit des Bankwesens für die Ärmsten und Schwächsten. Eine zentrale Rolle spielten Franziskaner und Dominikaner, ab dem 16. Jahrhundert auch die Jesuiten. Die Reformatoren übernahmen später ihre Erkenntnisse.

Dass sich kirchliche Würdenträger mit Fragen des Geldes und ökonomischer Gerechtigkeit befassten, war nichts Ungewöhnliches. Viele kritisierten aber besonders die politischen Herrscher, etwa wenn diese den auch heute noch üblichen Weg der Geldentwertung beschritten, weil ihre eigenen finanziellen Ressourcen nicht ausreichten. Den scholastischen Denkern waren sich der inflationären Auswirkungen der Geldentwertung bewusst. Der französische Bischof und Theologe Nikolaus von Oresme (1320 – 1382) übte 1355 in einem Traktat scharfe Kritik an der Geldentwertungspolitik der französischen Regierung, die er für eine schlimmere Sünde als Wucher hielt. Geldentwertung ermögliche es den Herrschern, das Wirtschaftsleben mit Ungerechtigkeiten zu durchsetzen, die von den meisten Untertanen nicht sogleich bemerkt würden. Gewinn aus Geldabwertungen sei "tyrannisches Tun".

Auch in der heutigen Zeit hat das staatliche Geldmonopol, das Samuel Gregg grundsätzlich nicht in Frage stellt, zu verheerenden Folgen mit verursachten Fehlanreizen geführt. Man sieht: Nicht nur das Verhalten von Bankern muss sich einer moralischen Beurteilung stellen, sondern ebenso jenes von Staaten und der Politik.

Der Autor spannt den Bogen bis zur Gegenwart. Neben den christlichen Wurzeln des Kapitalismus widmet er sich auch brennenden ethischen Fragen der Gegenwart und zeigt auf, wie das Finanzwesen heute zur Überwindung von Armut auf globaler Ebene und zu Wirtschaftswachstum beitragen kann. Gregg, der an der Universität Oxford in Philosophie und Ökonomie promoviert hat, richtet sich mit seinem Buch an einen weiten Leserkreis. Große Leseempfehlung!

Am Dienstag, den 29. Mai 2018, wird Samuel Gregg im Haus der Industrie über zentrale Themen seines Buchs sprechen, auch mit Blick auf aktuelle ethische Herausforderungen. Mehr Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung befinden sich hier. Der Vortrag ist auf Englisch, der Zutritt gratis. Organisator ist das "Austrian Institute of Economics and Social Philosophy" (Wien), das auch die deutsche Ausgabe von Greggs Buch herausgebracht hat.

"Für Gott und den Profit" ist bei Herder erschienen.

Stefan Beig ist freischaffender Journalist und  Generalsekretär des Austrian Institute.

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  1. Hugo v. Hofmannsthal
    05. Juni 2018 13:53

    Was immer man unter Kapitalismus verstehen mag; Faktum ist, das das westliche Wirtschafts- und Finanzsystem zunehmend massive Probleme bekommt und die Bereitschaft, diese in üblicher Weise zu lösen, sinkt. Es ist wie beim Glücksspiel, es gibt nicht ein System oder eine Ideologie die immer gewinnt oder gar alle zu Gewinnern macht. Auch der Kapitalismus lebt von der moralischen und gerechten Haltung der Akteure. Der Kapitalismus ist nicht deswegen per se eine besser Weltanschauung nur weil er die tatsächlichen Wirkmechanismen bis zur Unkenntlichkeit verschleiern. Auf die geschichtlichen Zusammenhänge der Reformation, der Entstehung von Sozialreformen oder die Hintergründe des heutigen Finanzwesens einzugehen sprengt bei weitem den hier zur Verfügung stehenden Rahmen. Die einzige Frage, die letztlich auch wirklich interessiert, ist:

    Ist es Kapitalismus, wenn in US die FED viele Milliarden Dollar aus dem nichts erschafft; bei einem Warren Buffet 100 Milliarden Dollar landen, die dieser nicht zu investieren weiß und die gesamte amerikanische Infrastruktur der Allgemeinheit von Jahr zu Jahr schlechter wird ?
    https://diepresse.com/home/wirtschaft/boerse/5438762/Buffett-an-Uber-interessiert





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