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Zinsen und Zombies

In einem kürzlich publizierten Papier weist die "Agenda Austria" darauf hin, dass die von der Republik zu tragende Zinslast trotz steigender Verschuldung seit vielen Jahren sinkt. Von 1995 bis 2016 sind die Staatsschulden um beachtliche 170 Milliarden Euro gewachsen und belaufen sich gegenwärtig auf rund 290 Milliarden; Die Zinslast ist aber dennoch, nach einem im Jahr 2009 erreichten Gipfel – damals waren über neun Milliarden an Zinsen fällig –, auf unter sieben Milliarden Euro pro Jahr gefallen. Was wir hier sehen, ist die Konsequenz der anhaltenden Nullzinspolitik der EZB, die auf ständige Geldmengenausweitung durch billige (Staats-)Verschuldung gerichtet ist.

Eine tolle Sache, nicht wahr? Ist es nicht herrlich, sich faktisch zum Nulltarif und theoretisch unbegrenzt, Geld leihen zu können? Nein, ist es nicht.

Denn einerseits sinkt dadurch die Bereitschaft der Regierungen, eine im Sinne der Steuerzahler maßvolle Ausgabenpolitik zu betreiben: Wenn das Schuldenmachen "nichts kostet", warum sollte das Politbüro dann davon lassen? Der lockenden Versuchung, mit geborgtem Geld Stimmen zu kaufen, kann bekanntlich so gut wie kein Politiker widerstehen.

Andererseits bedeuten die heute vom Staat eingegangenen Verpflichtungen aber auch eine gewaltige Hypothek für die Jungen, deren materielles Wohl von den im Besitz der Mehrheit befindlichen Alten gegenwärtig rücksichtslos verfrühstückt wird. Denn der Staat verwendet das Geld ja nicht etwa dafür, um den Standort aufzuwerten, zukunftssicher aufzustellen und wohlstandsmehrende Investitionen zu begünstigen, sondern er verpulvert es zum Großteil für Konsumausgaben – unter welchen Titel auch immer die firmieren mögen. Mittel die verkonsumiert werden, sind aber nun einmal perdu – was sie von solchen unterscheidet, die investiert werden. "Ins System der sozialen Sicherung investieren" kann man folgerichtig nur in Absurdistan. Dennoch kennen die Sozialisten in allen Parteien kaum ein anderes Ziel.

In den USA wurde bereits eine Zinswende vollzogen. Eben kam es dort zu einer weiteren – wenn auch moderaten – Anhebung des Leitzinses, der sich jetzt zwischen 1,5 und 1,75 Prozent bewegt. Die amerikanischen Notenbank-Geldalchemisten haben sich von der Nullzinspolitik verabschiedet. In Euroland ist es noch nicht soweit. Mario Draghi & Genossen, setzen weiterhin auf eine ungebremste Geld- und Kreditexpansion.

Dass aber auch in der EU früher oder später die Politik der finanziellen Repression, die für alle Sparer eine kalte Enteignung mit sich bringt, beendet werden muss und die Zinsen wieder steigen werden, gilt als sicher. In diesem Fall wird der Schuldendienst der Republik explosionsartig zunehmen und den Budgetspielraum der Regierung drastisch einschränken. Unschwer auszurechnen, was bei 290 Milliarden Miesen ein Zinsanstieg um nur einen halben Prozentpunkt ausmachen würde. Aber welche Rolle spielen derlei Überlegungen für eine politische Klasse, die ausschließlich im Hier und Jetzt lebt, von der Wirtschaft keine Ahnung hat und daher alles glaubt, was ihnen linke Staatsökonomen erzählen?

Schlimm genug, wenn Regierungen dank der verheerenden Geldpolitik der Notenbanken, immer tiefer in die Schuldenfalle tappen. Leider aber setzt die Markverzerrung durch den Einsatz des planwirtschaftlichen Instruments der Zinsmanipulation nicht nur für Regierende falsche Anreize. Denn selbstverständlich sind auch private Haushalte und Unternehmen davon betroffen. Das zu Niedrigzinsen auf Pump angeschaffte, viel zu teure Auto und der kreditfinanzierte Urlaub können sich in dem Moment zum veritablen Problem auswachsen, da die Bank aufgrund steigender Zinsen die Raten erhöht.

Und für viele Unternehmen, die sich seit Jahren nur dank leicht verfügbaren, "billigen Geldes" über Wasser halten können, droht im Fall einer Zinswende das sofortige Aus. Die Banken wiederum könnten serienweise Kreditausfälle in ihren Bilanzen gar nicht unterbringen und sind deshalb zur Symbiose mit maroden Unternehmen gezwungen, denen sie unter normalen Umständen (also in Abwesenheit marktverzerrender Interventionen von Regierungen und Notenbanken) niemals Kredit gewähren würden. Ein sich selbst verstärkendes Dilemma.

Nicht wenige Fachleute kritisieren daher seit Jahren die durch die anhaltende Geldschwemme angestoßene Scheinkonjunktur. Der Unternehmensberater Daniel Stelter warnt, gestützt auf Daten der Bank of America im "Manager Magazin" vor "Zombie-Unternehmen", die ihre Existenz ausschließlich der inflationistischen Geldpolitik verdanken und beziffert deren Zahl auf rund neun Prozent aller europäischen Betriebe. Die sind de facto insolvent und nur deshalb noch nicht abgewickelt, weil sie eben gerade noch die Zinsforderungen bedienen können. In den USA und in China liegen die Dinge nicht viel anders.

Eine gesunde Wirtschaftsstruktur sieht indes anders aus. Der Konkurs unwirtschaftlich geführter Betriebe macht nämlich Mittel für bessere Investments frei. Der österreichische Ökonom Josef Schumpeter sprach in diesem Zusammenhang von einer "schöpferischen Zerstörung". Die bleibt derzeit aber aus, weil der Tod unrentabler Betriebe unterbunden (oder zumindest verzögert) wird. "Zombie-Unternehmen" künstlich am Leben erhalten, ist also nur scheinbar eine gute Sache. In Wahrheit überwiegt der Schaden den Nutzen. Der volkswirtschaftliche Saldo hoheitlicher Marktinterventionen ist stets negativ.

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist Kaufmann in Wien.

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die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorBob
    9x Ausgezeichneter Kommentar
    25. März 2018 10:23

    In der EU werden Sparer still und heimlich enteignet. Und diese Lemminge halten still, und schauen vergnügt zu wie ihr Erspartes den Besitzer wechselt. Das Geld verschwindet ja nicht, es hat halt jetzt ein Anderer.

  2. Ausgezeichneter Kommentatorpressburger
    4x Ausgezeichneter Kommentar
    25. März 2018 16:32

    Eine Null-Zins kann und wird zu einer Überblähung der Wirtschaft führen. Platzt die Blase, und sie wird platzen, wird die Reihe von Konkursen die Folge sein.
    Für die EU Politiker ist die Null-Zins Politik, die einzige Möglichkeit der Bevölkerung vorzugaukeln, dass der Staat in dem sie leben eigentlich reich ist. Ein Staat, der sich die Wohlfahrt an alle und für alle, unbegrenzt leisten kann.

  3. Ausgezeichneter KommentatorOMalley
    2x Ausgezeichneter Kommentar
    25. März 2018 11:42

    Bis zu den Leuten für die als Paradigma Sign. Draghi steht hat sich noch nicht herumgesprochen, dass es das perpetuum mobile nirgends gibt, also auch nicht in der Wirtschaft gibt.

  4. Ausgezeichneter Kommentatoroberösi
    2x Ausgezeichneter Kommentar
    25. März 2018 17:10

    Wo ist das Problem? Eine gerechte Erbschaftssteuer für die unanständigen Superreichen, und alle Probleme sind gelöst...

  5. Ausgezeichneter KommentatorBürgermeister
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    26. März 2018 07:33

    Es ist schon ein Wunder, dass es der Bericht von Daniel Stelter überhaupt in die Medien geschafft hat - gibt es doch gerade dort besonders viele Zombies, die ohne staatliche Zuwendung längst pleite wären.

    Wie lange existiert denn ein ORF, wenn man die 600 Mio. an Zwangsförderung pro Jahr streicht?


alle Kommentare

  1. kiepura1902
    30. März 2018 13:43

    Sehr geehrter Herr Tögel, Sie müssen das den wirtschaftlichen Analphabeten, von denen es in unserer Politik nur so wimmelt, anders erklären; die kennen nämlich die Funktionsweise des Zinses (von Zinseszins ganz zu schweigen) nicht. Folgende Milchmädchenrechnung: bei 290 Mrd. Schulden entspricht der jährliche Zinsendienst von 6,5 Mrd. 2,24%. Steigt die Belastung auf 3%, sind wir bei 8,7 Mrd. Euro, also 2,2 Mrd. mehr; und das bei einem Anstieg von nur 0,76 Prozentpunkten. Bei 3,5% lägen wir bei 10,15 Mrd., und das wäre historisch gesehen immer noch ein sehr niedriger Satz. Wenn wir irgendwann bei 5% angelangt sind, zahlen wir 14,5 Mrd., immer den unrealistischen Fall vorausgesetzt, daß die Schulden nicht weiter steigen...

  2. Ausgebeuteter
    27. März 2018 19:29

    Durch die gezielte Inflation verliert aber das Geld an Wert, was nur den Schuldenrückzahlungen Vorteile verschafft. Genau genommen werden die Staatsschulden zwar immer am Fälligkeitstag beglichen, aber gleichzeitig noch höhere Kredite (Wertausgleich plus Mehrbedarf) in Anspruch genommen.
    Andererseits haben alle Sparbuchinhaber sowie viele Wertpapierinhaber das Nachsehen, denn die Habenzinsen bzw. Erträge liegen meist unter den "gewünschten" Inflationsraten.
    Danke an die Kommunisten und Sozialisten für diese Sauerei.

  3. Dr. Faust
    27. März 2018 12:03

    Eine tiefschürfende Erörterung des Themas "Zombie-Firmen, EZB-Gelddruckfalle, Zinspolitik" bietet das Interview mit Dr. Markus Krall. EIN ECHTER AUGENÖFFNER.

    https://youtu.be/zXPEPzg3eSg

    Die Zeit, sich das in Ruhe und vollständig anzuhören ist gut investiert!

    • Mentor (kein Partner)
      27. März 2018 20:31

      Die Ausführungen von Dr. Krall sind stringent, die Interviewführung (Mission Money) nie langweilig.
      Krall setzt den Prozentsatz der Zombieunternehmen höher an (über 10%) mit jährlichem Wachstum von bis zu 1,5%.
      Seinen Ausführungen nach genügt ein Anstieg der Zinsen von 1 (EINEM!!) Prozent um diese Zombies in den Abgrund zu schicken.

    • Mentor (kein Partner)
      27. März 2018 20:40

      Zu den Zombies welche ihre Kredite NOCH bedienen kommen zusätzlich ca. 1000 Milliarden € bereits NICHT mehr einbringbarer Kredite.
      Zu den Zombies zählt ein nicht so kleiner Teil der österreichischen Hotelerie.

  4. Bürgermeister
    26. März 2018 07:33

    Es ist schon ein Wunder, dass es der Bericht von Daniel Stelter überhaupt in die Medien geschafft hat - gibt es doch gerade dort besonders viele Zombies, die ohne staatliche Zuwendung längst pleite wären.

    Wie lange existiert denn ein ORF, wenn man die 600 Mio. an Zwangsförderung pro Jahr streicht?

  5. oberösi
    25. März 2018 17:10

    Wo ist das Problem? Eine gerechte Erbschaftssteuer für die unanständigen Superreichen, und alle Probleme sind gelöst...

  6. pressburger
    25. März 2018 16:32

    Eine Null-Zins kann und wird zu einer Überblähung der Wirtschaft führen. Platzt die Blase, und sie wird platzen, wird die Reihe von Konkursen die Folge sein.
    Für die EU Politiker ist die Null-Zins Politik, die einzige Möglichkeit der Bevölkerung vorzugaukeln, dass der Staat in dem sie leben eigentlich reich ist. Ein Staat, der sich die Wohlfahrt an alle und für alle, unbegrenzt leisten kann.

  7. OMalley
    25. März 2018 11:42

    Bis zu den Leuten für die als Paradigma Sign. Draghi steht hat sich noch nicht herumgesprochen, dass es das perpetuum mobile nirgends gibt, also auch nicht in der Wirtschaft gibt.

  8. Bob
    25. März 2018 10:23

    In der EU werden Sparer still und heimlich enteignet. Und diese Lemminge halten still, und schauen vergnügt zu wie ihr Erspartes den Besitzer wechselt. Das Geld verschwindet ja nicht, es hat halt jetzt ein Anderer.





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