Die stille Wanderung nach rechts

Die Herrschaft der Linken über die Köpfe und Seelen der Menschen scheint in Österreich, Deutschland und ganz (West-)Europa heute total. So gibt es hierzulande keine Tageszeitung und kaum ein Magazin, das gesellschaftspolitisch von der linken Leitmeinung abweicht. Die schreibende Zunft wirkt von außen wie ferngesteuert, so, als dürfte sie nur bestimmte Dinge ansprechen und andere nicht. In den meinungsrelevanten Studienfächern an der Universität sieht die Lage vielfach noch schlimmer aus: Staatliche Förderungen und universitäre Cliquenbildung haben dort ein illiberales Klima entstehen lassen.

Die in peinlicher Strichmännchen und -weibchenart so oft beschworene „Buntheit“ fehlt dort vollkommen, wo sie am nötigsten wäre – in der Analyse von Fakten und im Bereich Meinung. Dafür wird peinlich genau auf das „Gendern“ von Texten geachtet und bei Stellenbesetzungen fragt man eher nach ideologischer Linientreue und passendem Geschlecht als nach Eignung und originellen Gedanken des Kandidaten.

Die ideologisch auf links getrimmte Ausbildungsstätte produziert damit genau das, was sie seit Jahrzehnten selbst beklagt: Ausgebildete statt Gebildete. Jene Publizisten, Polito- und sonstigen -logen, die diese Studienfächer ohne innere Krisen hinter sich gebracht haben, die das dort Gelehrte vollinhaltlich unterstützen, bilden das Reservoir, aus dem sich die neuen Meinungs-Blockwarte rekrutieren. Sie dürfen zumindest hoffen, im staatlich besoldeten Kampf „gegen Rechts“ ein für sie innerlich befriedigendes Tätigkeitsfeld zu finden.

Der Meinungs-Gleichklang in den Medien hat – nebst Versuchen direkter Einflussnahme – ähnliche Gründe: In den Redaktionen umgeben sich Gleichgesinnte mit Gleichgesinnten. Die mittlerweile tonangebenden Post-68er suchen sich ihren Nachwuchs aus dem gleichen Milieu. Man bestätigt sich gegenseitig und schwelgt im Gefühl der eigenen moralischen Sauberkeit.

Fundamentale Kritik an den Zuständen wird kaum mehr geübt. Die von Subventionen abhängige Presse empfindet ähnlich wie die Polit-Elite. So werden Euro- und EU-Kritiker zu nationalistisch verbohrten „Europafeinden“, ihre Argumente finden in den „seriösen“, weil vermeintlich anständigen Medien kein Gehör, und seien sie noch so richtig. Dem Falschmeiner darf im „herrschaftsfreien Diskurs“ (Habermas) „keine Bühne geboten“ werden. Kein Fleckchen soll die sorgsam polierte Meinungs-Tischplatte trüben.

Der Glaube, dass das „Problem“ damit gelöst sei, indem man den bösen Kritiker ausgrenzt und ihn aus der offiziellen Welt entfernt, ist indes ein Irrglaube. Der Falschmeiner mit seinen Ansichten ist nicht verschwunden, nur verdrängt – aus der offiziellen in die inoffizielle Welt. Diese inoffizielle Welt, die vor allem im Internet in Erscheinung tritt, ist in den letzten Jahren rasant gewachsen – ebenso rasant, wie der Absturz der Mainstream-Presse bei den Leserzahlen vonstatten ging.

Neben zahlreichen Internetseiten von manchmal mangelhafter, manchmal guter Qualität haben sich in Deutschland in den letzten Jahren auch einige Zeitschriften für dieses konservative Untergrund-Milieu etabliert.

  • Etwa die libertäre Zeitschrift „eigentümlich frei“, die für einen konsequenten Liberalismus steht und einem breiten Meinungsspektrum Raum gibt.
  • Deftiger und inhaltlich anders ausgerichtet ist die russlandfreundliche Zeitschrift „Compact“ des ehemaligen Linken Jürgen Elsässer, der insbesondere die Merkel'sche Migrationspolitik unter Beschuss nimmt.
  • Wer's gern intellektuell hat – und dem Liberalismus eher kritisch gegenüber steht –, ist bei der rechtskonservativen „Sezession“ des Publizisten Götz Kubitschek gut aufgehoben. Kubitschek leitet den „Antaios“-Verlag, der sich zu einem Zufluchtsort für andernorts Verdrängte entwickelt und der im Vorjahr unter anderem auch Jean Raspails 1972 erschienenen Roman „Das Heerlager der Heiligen“ herausgegeben hat – in neuer Übersetzung. Das Buch, das eine Invasion von Migranten in ein ermüdetes, wehrloses Abendland schildert, das sich im Willkommensrausch befindet, erinnert frappant an unsere Tage.

Dieses in den letzten Jahren nach dem Graswurzel-Prinzip sich gefestigt habende konservative Gegenmilieu bietet auch den aus der offiziellen Welt Verdrängten Aufnahme: So wurden etwa die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman und Ex-SPD-Politiker Thilo Sarrazin nach ihren „Vergehen“, sich für die traditionelle Familie und gegen islamische Masseneinwanderung ausgesprochen zu haben, zwar aus der offiziellen Welt verbannt. Allein: Die Wirksamkeit des Bannfluchs ließ zu wünschen übrig. Selbst die Damnatio memoriae, die über den deutsch-türkischen Krawall-Autor Akif Pirinçci verhängt wurde, und welche die Vernichtung seiner schriftstellerischen Existenz billigend in Kauf nahm, wurde bei aller Wirksamkeit unterlaufen.

Kein Wunder: Denn die Zeit der 68er ist vorbei. Vom optimistischen Lebensgefühl der damaligen Zeit, als sich Wohlstandskinder ein wenig Rebellionssimulation leisten konnten, ohne dass ihre Karrieren Schiffbruch erlitten, ist im Zeitalter von exorbitanter Verschuldung, Euro-Krise, Massenmigration, Arbeitslosigkeit und Terrorgefahr wenig geblieben. Und während „geborene“ Konservative älteren Semesters heute häufig immer noch glauben, sie müssten sich nach links bewegen, um mit der neuen Zeit Schritt halten zu können, sind es heute oftmals ehemalige Linke, die die Seiten wechseln – unter dem Druck der Wirklichkeit, wie einer von ihnen, der Publizist und Islamkritiker Manfred Kleine-Hartlage, betont:

„Als Gorbatschow seine Perestroika verkündete, glaubte ich allen Ernstes, nun komme der demokratische Sozialismus, und nicht etwa das Ende des Sozialismus überhaupt. Dass die Mauer geöffnet werden würde, konnte ich mir noch vorstellen, aber nicht, dass deswegen die DDR zusammenbricht. Ich war völlig überrascht, dass die europäischen Vielvölkerstaaten, also Jugoslawien, die Tschechoslowakei und die Sowjetunion, sich in dem Moment in Nationalstaaten auflösten, als die sie zusammenhaltende Diktatur wegfiel. (…) Ich sah nicht vorher, dass Moslems, die in Deutschland leben, es dauerhaft ablehnen würden, sich in Deutschland anzupassen, zu assimilieren oder zu integrieren. Da die Kette der Fehlprognosen nicht abreißen wollte, musste ich mich fragen, warum eigentlich ständig Dinge passieren, die es nicht geben könnte, wenn das, woran ich glaubte, richtig wäre.“

Den Anspruch der Linken auf Intellektualität deutet Kleine-Hartlage als das möglichst spitzfindige Erklären, warum der Regen von unten nach oben fällt. Er ortet eine „stille Massenbewegung“ von links nach rechts unter den ehemaligen Linken, die – etwa als Sozialarbeiter, Pädagogen oder auch manche Mittelbau-Akademiker an der Universität – mit einer Wirklichkeit konfrontiert seien, die nicht in ihr Weltbild passe: „Ohne dass die Öffentlichkeit es bereits bemerkt hätte, beginnen am Grunde der Moldau die Steine zu wandern“.

In manchen Bereichen scheint sich das Meinungsbild bereits gedreht zu haben: War beispielsweise vor wenigen Jahren der Begriff „Gender“ nur Insidern bekannt – einzig die Katholikin Gabriele Kuby, auch eine Konvertitin, schrieb dagegen an – ist heute der Begriff des „Gender-Wahns“ oder „Gender-Unsinns“ unter politisch halbwegs Interessierten fast schon massentauglich geworden. Würde nun „der Stecker gezogen“ werden, fielen also die üppigen staatlichen Förderungen, Lehrstellen und Karrieremöglichkeiten fort – angesichts der bedrohlichen Wirtschaftslage ein durchaus realistisches Szenario –, wer würde sein akademisches oder sonstiges Leben noch diesem eher verstiegenen Thema widmen? Wohl nur wenige. Im Gegensatz zum quicklebendigen konservativen Graswurzel-Milieu, das gelernt hat, auf eigenen Beinen zu stehen, ist der späte Feminismus staatlich verfettet, steril, leer und uninteressant geworden.

Die linke Übermacht im meinungsbildenden Bereich ist also eine Scheinmacht – die freilich im Besitz aller staatlichen und Medien-Machtmittel ist. Dass gerade dann der Schuss aber auch nach hinten losgehen kann, zeigen die nervösen Reaktionen der deutschen Presse auf den Erfolg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern. In einem „Stern“-Artikel wird etwa der Kampf Merkels gegen AfD-Chefin Frauke Petry als ein Duell von „Verstand gegen Bauch“ und „Fakten gegen Emotionen“ bezeichnet.

Wer dabei Verstand und Fakten in der Sicht des „Stern“ wie selbstverständlich auf seiner Seite hat, dürfte klar sein: Die Frau, die „das Gefühlige“ nicht so gut beherrscht, der „Pathos fremd“ ist, und die schon gar nicht Massen aufpeitschen kann – „würde sie auch nie wollen“. In einer Zeit, in der „viele Wähler für Fakten oder komplizierte Zusammenhänge nur mehr schwer oder gar nicht mehr zugänglich sind“, sei das ein Nachteil.

Am Grunde der Moldau dürften wieder ein paar Steine gewandert sein.

„Pius Gregor” kann derzeit aus beruflichen Gründen nur unter Pseudonym schreiben.

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