Euroland: Interessante Zeiten

Lesezeit: 7:00

Die europäische Politik steht dieser Tage zwei akuten Herausforderungen gegenüber: Im Osten Europas tobt ein unerklärter Krieg. Das „Minsker Abkommen“ ist Makulatur. Bei aller Fragwürdigkeit der intendierten Absicht ist immerhin eines sicher: Die von den USA und der EU-Nomenklatura ins Auge gefassten zusätzlichen Wirtschaftssanktionen gegen Russland werden den Staaten der Europäischen Union weiteren schweren ökonomischen Schaden zufügen. Schließlich ist die wirtschaftliche Verflechtung Europas mit Russland etwa sechsmal größer als jene der Russen mit den USA.

Die verhängten Sanktionen wirken ja dummerweise nicht einseitig zum Nachteil Russlands, sondern bedeuten für die daran beteiligten Staaten Europas Akte der Selbstgeißelung. Jeder der begreift, wie internationale Arbeitsteilung funktioniert (nämlich zum beiderseitigen Vorteil), versteht das. Jeder, der begreift, welche friedenssichernde Wirkung von grenzüberschreitenden Handelsaktivitäten ausgeht, wird in einer nachhaltigen Störung derselben erkennen, worauf sie am Ende hinauslaufen kann: auf Krieg.

Falls darüber Unklarheit bestehen sollte: Euroland ist militärisch nahezu impotent! Trotz seiner in Summe beachtlichen Militärausgaben existiert keine schlagkräftige europäische Streitmacht. Wenn es den Russen gefiele (was derzeit hoffentlich nicht der Fall ist), stünden sie vermutlich in wenigen Wochen am Ärmelkanal. Wie gescheit kann es daher sein, jemandem mit einem Kapselrevolver zu drohen, der einem mit einer scharf geladenen AK-47 gegenübersteht – und der dazu noch weiß, wie man damit umgeht und notfalls auch nicht zögern wird, sie einzusetzen?

Wer Weltmacht spielen will, der muss auch über die dazu nötigen militärischen Ressourcen verfügen. Die Europäische Union ist davon indes weiter entfernt als jemals zuvor. Die Panzerarmeen und Luftflotten, die nötig wären, um den russischen Bären in die Schranken zu weisen, existieren nicht einmal auf dem Papier.

Und allein mit Regenbogenparaden und ein paar Regimentern von Genderbeauftragten dürfte es der EU schwerlich gelingen, die Politik Wladimir Putins in ihrem Sinne zu beeinflussen. Auf nichts als heiße Luft gegründete Großmannssucht geht offensichtlich mit Blindheit Hand in Hand.

Viele auf Geschäfte mit russischen Partnern spezialisierte Betriebe, sowie deren Mitarbeiter und Kreditoren, kommen dank der Politik einer dem Cäsarenwahn verfallenen EU-Nomenklatura unverschuldet zum Handkuss. Dass Präsident Putin seine Ukraine-Politik unter dem Druck autodestruktiv wirkender Wirtschaftssanktionen ändern wird, glauben nur jene Träumer, die die Leidensfähigkeit der Russen krass unterschätzen.

Die hier auf die Politik der Europäischen Union konzentrierte Kritik drückt aber keinesfalls Sympathie für die offene russische Aggression in der Ostukraine aus. Gewalt als Mittel der Gefahrenabwehr einzusetzen, ist in jedem Fall gerechtfertigt. Der Einsatz aggressiver Gewalt dagegen ist stets ein Unrecht.

Die in die nächste Runde gehende Konkursverschleppung Griechenlands, hat das Potential, ein politisches Erdbeben auszulösen. Dass die vom alleinigen Ziel des Erhalts der Eurozone verblendeten EU-Granden vor dem professionell und mit höchstem Einsatz pokernden Hasardeur Varoufakis in die Knie gehen würden, war zu erwarten. Letztlich wird damit nicht nur die Zukunft der Gemeinschaftswährung, sondern auch die der gesamten Union aufs Spiel gesetzt. Denn wer eine bereits gestellte, kleine Schar räuberischer Gauner ungestraft mit ihrer Beute abziehen lässt und/oder offenen Vertragsbruch auch noch belohnt, muss mit den daraus folgenden Konsequenzen leben.

Das neuerliche Einknicken vor der griechischen Regierung (deren nebulöse „Zugeständnisse“ sich, wie alle bisher von Athen gemachten Zusagen, spätestens in wenigen Monaten als neuerliche Finte herausstellen werden), stellt einen Akt flagranter Untreue gegenüber den Nettosteuerzahlern der Union dar.

Anstatt auf die Einhaltung bestehender Vereinbarungen zu dringen und notfalls über die Entsendung von Kanonenbooten nachzudenken, um dem einwandfrei rechtmäßigen Begehren auf diese Weise ein wenig Nachdruck zu verleihen, wirft man ohne Not schlechtem Geld noch gutes hinterher. Jeder kleine Kaufmann würde bei einer derartigen Gebarung nach kurzem Prozess für lange Zeit hinter schwedische Gardinen wandern.

Deutschland einerseits zu beschuldigen, mit seiner überlegenen Exportkraft die übrigen Eurostaaten zu „schädigen“, andererseits aber zu erwarten, dass es den geballten Sozialkitsch des ganzen Kontinents – insbesondere den der kollektiv übergeschnappten Phäaken – dauerhaft finanziert, hat schon etwas Groteskes an sich.

In der großartigen Liednummer „Die Unterentwickelten“ aus einem Wiener Kabarett der 60er-Jahre (interpretiert von Helmut Qualtinger und El Fats Edwards), beklagt ein etwas zurückgebliebener Älpler:

„Wenn uns die Banken Gelder leih´n,
Ist´s ein Tropfen auf den heißen Stein,
aber damit ist´s noch nicht genug,
sie wolln´s auch z´ruck!"

Wegen der politischen Unkorrektheit der Nummer, ist der Titel, im Gegensatz zu vielen anderen aus dieser Zeit, auf Youtube „leider nicht verfügbar“.

Der Text klingt dieser Tage jedem leidgeprüften „Nordländer“ der EU vertraut in den Ohren. Denn: Kredite sind weder Geschenke, noch Dauerleihen, die man nicht refundieren müsste. So wie Verträge einzuhalten sind, müssen Schulden beglichen werden. So oder so.

Jahrelang haben die Griechen – auf unsere Kosten – Party gemacht, Legionen überflüssiger Beamter gemästet, Geld ins Ausland verschoben, Steuern hinterzogen, Milliardenbeträge an Renten an bereits Verstorbene ausbezahlt und im Übrigen den Herrgott einen guten Mann sein lassen. Jetzt, wo der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, beschuldigen sie plötzlich ihre Kreditoren, „unfaire“ Forderungen zu erheben.

Indem sie – nur weil sie sich eine neue Regierung erwählt haben und ohne dass sich an den übrigen Umständen etwas geändert hätte – eine Neuverhandlung vertraglich festgelegter Vereinbarungen fordern, haben sie endgültig den Gipfel der Unverschämtheit erklommen.

Frei nach Roland Baader: Was diese Leute im Konsumrausch vorausgefressen haben, das werden sie jetzt eben nachhungern müssen! So ergeht es am Ende schließlich jedem, der dauerhaft über seine Verhältnisse lebt.

Während man in anderen Balkanländern wirtschaftlich voranschreitet (in Rumänien etwa eine gut gehende Automobilindustrie aufbaut oder in Bulgarien wenigstens international konkurrenzfähigen Rotwein produziert), setzt man in Griechenland so gut wie ausschließlich auf den Tourismus. Der aber zeichnet sich, und das ist keine neue Erkenntnis, durch eine geringe Wertschöpfung aus.

Waren „made in Greece“ sind außerhalb des südlichen Balkans kaum zu finden. Und so konsumiert Griechenland seit Jahrzehnten mehr, als es produziert. An diesem Umstand wird sich weder durch einen Schuldenschnitt noch durch erstreckte Rückzahlungsfristen etwas ändern.

Unter diesen Umständen wäre daher die sofortige Beschlagnahme und Verwertung aller greifbaren griechischen Vermögen das Mittel der Wahl – und nicht die neuerliche Gewährung von Krediten! Immerhin haben alle Griechen über Jahre von der in ihrem Land herrschenden Lotterwirtschaft profitiert. Und all ihre Schulden wurden mittlerweile europaweit sozialisiert und somit den Steuerzahlern umgehängt.

Ohne wettbewerbsfähige Industrieproduktion kann es auf Dauer keinen Wohlstand auf Westniveau geben. Denn der Lebensstandard in einer Volkswirtschaft hängt nun einmal von deren Produktivität ab. So einfach ist das – auch wenn es linken Sozialromantikern nicht gefallen mag, die meinen, Reichtum entstünde in der Notenpresse.

Diese Lektion werden übrigens nicht nur die Griechen, sondern auch alle anderen Europäer noch lernen müssen, die ihre Industrien mit grotesk überzogenen Sozial- und Umweltstandards planmäßig nach Fernost vertreiben.

Im oben bereits zitierten Couplet heißt es weiter:

„Wenn wir was lernen, werden wir zwar gescheiter,
aber heut´ kommen wir mit der Blödheit viel weiter,
wenn wir unterentwickelt, unterentwickelt bleiben.“

Das dynamische Duo Tsipras/Varoufakis hat diese Lehre offenbar zutiefst verinnerlicht. Zum Unglück der Bürger der Union sind deren Führer sowohl für die beiden Radaubrüder vom Balkan als auch für Zar Putin an Dummheit und Harmlosigkeit nicht zu übertreffende Jausengegner. Die im Namen der EU handelnden Figuren vermitteln allesamt den Eindruck, dass sie – bewusst oder aus Inkompetenz – die Arbeit einer Fünften Kolonne zum Nachteil Eurolands effektiver erledigen, als eine solche das jemals tun könnte…

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist Kaufmann in Wien.

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die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorWolfgang Bauer
    8x Ausgezeichneter Kommentar
    25. Februar 2015 08:08

    Schade, aber Sie haben völlig recht!

  2. Ausgezeichneter KommentatorSandwalk
    6x Ausgezeichneter Kommentar
    25. Februar 2015 11:11

    Ein griechischer Reeder (einer der ganz wenigen echten Unternehmer mit Mehrwert in Griechenland) hat schon vor Jahren in einem Interview sinngemäß erklärt:
    "Wir produzieren nichts, wir exportieren nichts, wir konsumieren nur auf Kosten der europäischen Länder und glauben ein Recht zu haben, dass das ewig so weiter geht".

    Jou, Recht hat er. Es wird immer und immer wieder "Verhandlungen" mit diesen aufsässigen Faulpelzen und Polithooligans geben müssen - bis zum bitteren Ende.

  3. Ausgezeichneter KommentatorGandalf
    5x Ausgezeichneter Kommentar
    25. Februar 2015 08:22

    Danke, sehr geehrter Herr Tögel, für diese hervorragende Zusammenfassung der Lage in Europa zum Ende Februar 2015. Und was die Führer der Union betrifft: diese werden - leider - sehr wohl an Dummheit und Harmlosigkeit übertroffen, nämlich von einem grossen Teil unserer österreichischen "Spitzenpolitiker" und den Parteien, die sie hervorgebracht haben. Nichts gegen die, auch hier im Blog vertretenen idealistischen Kleingruppen (inklusive Team Stronach), die zum Teil durchaus realistische Ansichten, aber keinerlei Chance haben, sie zu verwirklichen. Aber: Wann wacht endlich eine der relevanten politischen Gruppierungen auf und sagt die Wahrheit: Ja, die EU und der EURO waren gut gemeinte Versuche, aber die sind schiefgegangen. Also: Fort damit, und versuchen wir, etwas Besseres zu beginnen!

  4. Ausgezeichneter Kommentatoroberösi
    4x Ausgezeichneter Kommentar
    25. Februar 2015 10:47

    Deutschland muß domestiziert und geschwächt werden, und mit Deutschland steht und fällt Europa. Und was wäre besser dazu geeignet, als die Preussen in eine Situation zu bringen, für den Rest der EUDSSR zahlen zu lassen.

    Und solange die Europäer sich lustvoll mittels Sanktionen ins Knie schießen, schaden sie dem Euro zusätzlich. Was den USA mit ihren Billionen an Schulden und ihrem wertlosen Papier-Dollar ebenfalls zugute kommt. Und das ist ja wohl der Zweck der ganzen Sache.
    Ein paar Jahr Zeit gewonnen, um sich noch einmal ordentlich zu bereichern bis zum finalen Crash.

    Hat bisher funktioniert, und wird es auch künftig noch einmal tun!

  5. Ausgezeichneter Kommentatordssm
    3x Ausgezeichneter Kommentar
    25. Februar 2015 21:34

    Wir werden die Russen so lange drangsalieren, bis die in die Knie gehen - spätestens wenn sie unsere am Boden liegende Leiche wiederbeleben wollen ...

  6. Ausgezeichneter Kommentatorsocrates
    2x Ausgezeichneter Kommentar
    25. Februar 2015 15:16

    Die Russlandsanktionen - ein Erfolgsmodell des Westens? ................Christoph Jehle 25.02.2015
    Oder eher ein dramatischer Fehler mit Langzeitfolgen?
    Wann immer die russische Seite nicht so oder nicht so schnell reagiert, wie dies die USA und die EU wünschen, werden neue Sanktionen gegen einzelne Personen und Firmen verhängt, welchen man ein ganzes Bündel von Vergehen vorwirft - sei es nun, dass sie einen Nutzen aus der Angliederung der Krim an Russland hätten, für den ungeklärten Abschuss von MH17 verantwortlich seien oder die Rebellen in der Ostukraine unterstützten. Der Überblick über die Sanktionen ist längst verloren gegangen. Zudem sind die Sanktionen der USA und der EU nicht identisch.

    Ob die russische Wirtschaft von den sanktionsbedingten Unterbrechungen der Handelsbeziehungen mit dem Westen wirklich in den Untergang getrieben wird, wie es sich so mancher Zeitgenosse auf der atlantischen Seite wünscht, oder ob (ganz im Gegenteil) die ehemaligen westlichen Partner sehr schnell und auf Dauer die Hauptleidtragenden sind, dürfte sich wohl noch in diesem Jahr herausstellen.
    Auch wenn die deutsche Landwirtschaft von den Sanktionen nur zu einem sehr geringen Umfang direkt betroffen zu sein scheint, wird sie wohl indirekt in einem höheren Umfang leiden, weil andere EU-Staaten ihre nicht mehr nach Russland lieferbaren Landwirtschaftsprodukte jetzt zu günstigeren Preisen in die Länder liefern, die bislang deutsche Produkte bezogen haben.
    Massiv wurde hier neben Finnland und den baltischen Staaten auch die griechische Landwirtschaft getroffen, wo ein Absatz in der Größenordnung von 400 Millionen Euro mit dem Verlust des russischen Marktes weggebrochen sein soll. Die gesteigerte Nachfrage nach griechischen Oliven wegen der Ernteausfälle in Italien und Spanien konnte den fehlenden Verkauf agrarischer Produkte nach Russland offensichtlich nicht ausgleichen.
    Automobil und Transport
    Die deutsche Automobilindustrie leidet unabhängig von den aktuellen Sanktionen unter dem schon 2013 zu beobachtenden Absatzrückgang auf dem russischen Automobilmarkt. Der schwindende Absatz führte in der Folge zu deutlichen Belastungen bei den russischen Autohändlern. Audi, BMW und Mercedes stellen in der Folge die Ersatzteil-Versorgung nach Russland ein. Ob diese Ersatzteile inzwischen in China eingekauft werden und der russische Markt von dort bedient werden kann, ist denkbar, lässt sich aber derzeit aus der Distanz nicht mit hinreichender Sicherheit klären.
    Wer die Sanktionen im Russlandgeschäft massiv spürt, sind die Mitarbeiter des zum Volkswagenkonzern zählenden LKW-Herstellers MAN. Ob bei MAN in Salzgitter, im österreichischen Steyr oder in München, der Einbruch der Nutzfahrzeugbestellungen aus Russland führte zur Kurzarbeit.
    Gasimport und Pipelinebau
    Was die Erdgasimporte aus Russland betrifft, war Russland seit 1973 unabhängig von allen politischen Querelen ein zuverlässiger Lieferant, solange die Kunden ihre Rechnung bezahlt haben. Hier droht nun aufgrund der aktuellen US-amerikanischen Gesetze das Problem, dass im Falle einer zahlungsbedingten Lieferunterbrechung in die Ukraine, alle Nato-Staaten keine Zahlungen mehr an Gazprom leisten dürfen. Dass die deutschen Gaslager derzeit weitgehend gefüllt sind, stellt nur eine kurzfristige Sicherheit dar. Es fehlt schlicht an der Infrastruktur, um dann Erdgas aus anderen Regionen beziehen zu können. Bis 4.000 Kilometer Leitungen nach Zentralasien gebaut sind, dürften mehrere kalte Winter vergangen sein.
    Mit der Beendigung des Pipeline-Projekts South Stream und dem Verzicht auf die beiden zusätzlichen Leitungsstränge für North Stream sieht es bei der Salzgitter Mannesmann Grobblech (MGB), dem Röhrenbauer Europipe in Mülheim an der Ruhr (einem Gemeinschaftsunternehmen der staatlichen Salzgitter AG und der Dillinger Hütte) und deren Tochter Pipecoatings ziemlich duster aus. Hatte man mit dem Auftrag für South Stream eine Phase der Kurzarbeit überwinden können, steht diese jetzt für mehrere hundert Mitarbeiter schon wieder an.
    Maschinenbau
    Der Europäische Werkzeugmaschinenverband Cecimo befürchtet als Folge der Sanktionen gegen Russland den Verlust von Aufträgen im Wert von fast einer Milliarde Euro und fordert einen staatlichen Ausgleich der Verluste. Den russischen Bedarf an Werkzeugmaschinen decken jetzt Firmen aus Japan, Korea und Taiwan. Den Verlust tragen vorwiegend Firmen in den neuen Bundesländern, deren Exportanteil nach Russland 30 bis 40 % betrug.
    Weitere diskutierte Sanktionen
    Eine Sperre des russischen Luftraums für westliche Fluggesellschaften würde den Preis für Flüge nach China um bis zu 10.000 Euro verteuern. Da es in diesem Markt chinesische Wettbewerber gibt, benötigen die europäischen Fluggesellschaften dann mit Sicherheit staatliche Hilfen.

    Auch die jetzt ins Gespräch gebrachten russischen Sanktionen im Bereich der Textilindustrie könnten dazu führen, dass asiatische Marken, die durchaus einen europäischen Klang haben, den Europäern Marktanteile abjagen. Zudem besteht der Textilmarkt nicht nur aus Produkten der Bekleidungsindustrie, sondern auch aus sogenannten technischen Textilien, wie sie beispielsweise in der Reifenindustrie als Einlage eingesetzt werden. Bei technischen Textilien ist Deutschland einer der weltweit führenden Hersteller und wäre von einem von Russland angekündigten Importverbot durchaus in bedeutendem Umfang betroffen.
    Weitere Konsequenzen
    Der immer wieder aufgeflammte Vorschlag, Russland aus dem SWIFT-System des Interbankenhandels zu werfen, wie man das schon mit Iran praktiziert hat, hat inzwischen dazu geführt, dass Russland ein eigenes Handelssystem auf die Beine stellt, an das sich China und weitere BRICS-Staaten anschließen wollen und das grundsätzlich dollarfrei gehalten werden soll. Im Geschäft mit russischen Touristen haben sowohl die Türkei, als auch Ägypten die Fakturierung von Dollar auf Rubel umgestellt.
    Im Bereich der Technologien will man nicht mehr im Westen einkaufen, sondern nach Möglichkeiten suchen, von West-Importen unabhängig zu werden. Dies gilt in erster Linie für Rüstungsprojekte, die jetzt zur Chefsache erklärt wurden. Das schon fast traditionelle Versickern der Gelder in dunklen Kanälen dürfte zumindest im Rüstungsbereich nun deutlich erschwert werden.
    Die Hoffnungen, die westliche Konzerne wie Siemens auf die Modernisierung der russischen Bahnen gesetzt haben, dürften diese jetzt abschreiben. So hat Siemens den U-Bahnauftrag für Moskau nicht bekommen. Und weitgehend an der westlichen Presse vorbei ist kürzlich der amerikanische Präsident mit leeren Händen aus Indien zurückgekehrt. Es wurde kein einziger Auftrag unterschrieben.
    Geradezu geschäftsschädigend war für die französische Flugzeugindustrie das Zurückhalten von zwei Hubschrauberträgern. Mit dem Verweis auf die mangelnde französische Vertragstreue kauft Indien jetzt in Russland. Die langfristigen Konsequenzen der Sanktionen dürften für die westliche Welt noch lange nicht ausgestanden sein. Wahrscheinlich sind sie derzeit nicht einmal wirklich abschätzbar.
    Wer sich selbst ins Knie schießt, nur weil es die USA wünscht, wird hinken!


alle Kommentare

  1. dssm
    25. Februar 2015 21:34

    Wir werden die Russen so lange drangsalieren, bis die in die Knie gehen - spätestens wenn sie unsere am Boden liegende Leiche wiederbeleben wollen ...

  2. socrates
    25. Februar 2015 15:16

    Die Russlandsanktionen - ein Erfolgsmodell des Westens? ................Christoph Jehle 25.02.2015
    Oder eher ein dramatischer Fehler mit Langzeitfolgen?
    Wann immer die russische Seite nicht so oder nicht so schnell reagiert, wie dies die USA und die EU wünschen, werden neue Sanktionen gegen einzelne Personen und Firmen verhängt, welchen man ein ganzes Bündel von Vergehen vorwirft - sei es nun, dass sie einen Nutzen aus der Angliederung der Krim an Russland hätten, für den ungeklärten Abschuss von MH17 verantwortlich seien oder die Rebellen in der Ostukraine unterstützten. Der Überblick über die Sanktionen ist längst verloren gegangen. Zudem sind die Sanktionen der USA und der EU nicht identisch.

    Ob die russische Wirtschaft von den sanktionsbedingten Unterbrechungen der Handelsbeziehungen mit dem Westen wirklich in den Untergang getrieben wird, wie es sich so mancher Zeitgenosse auf der atlantischen Seite wünscht, oder ob (ganz im Gegenteil) die ehemaligen westlichen Partner sehr schnell und auf Dauer die Hauptleidtragenden sind, dürfte sich wohl noch in diesem Jahr herausstellen.
    Auch wenn die deutsche Landwirtschaft von den Sanktionen nur zu einem sehr geringen Umfang direkt betroffen zu sein scheint, wird sie wohl indirekt in einem höheren Umfang leiden, weil andere EU-Staaten ihre nicht mehr nach Russland lieferbaren Landwirtschaftsprodukte jetzt zu günstigeren Preisen in die Länder liefern, die bislang deutsche Produkte bezogen haben.
    Massiv wurde hier neben Finnland und den baltischen Staaten auch die griechische Landwirtschaft getroffen, wo ein Absatz in der Größenordnung von 400 Millionen Euro mit dem Verlust des russischen Marktes weggebrochen sein soll. Die gesteigerte Nachfrage nach griechischen Oliven wegen der Ernteausfälle in Italien und Spanien konnte den fehlenden Verkauf agrarischer Produkte nach Russland offensichtlich nicht ausgleichen.
    Automobil und Transport
    Die deutsche Automobilindustrie leidet unabhängig von den aktuellen Sanktionen unter dem schon 2013 zu beobachtenden Absatzrückgang auf dem russischen Automobilmarkt. Der schwindende Absatz führte in der Folge zu deutlichen Belastungen bei den russischen Autohändlern. Audi, BMW und Mercedes stellen in der Folge die Ersatzteil-Versorgung nach Russland ein. Ob diese Ersatzteile inzwischen in China eingekauft werden und der russische Markt von dort bedient werden kann, ist denkbar, lässt sich aber derzeit aus der Distanz nicht mit hinreichender Sicherheit klären.
    Wer die Sanktionen im Russlandgeschäft massiv spürt, sind die Mitarbeiter des zum Volkswagenkonzern zählenden LKW-Herstellers MAN. Ob bei MAN in Salzgitter, im österreichischen Steyr oder in München, der Einbruch der Nutzfahrzeugbestellungen aus Russland führte zur Kurzarbeit.
    Gasimport und Pipelinebau
    Was die Erdgasimporte aus Russland betrifft, war Russland seit 1973 unabhängig von allen politischen Querelen ein zuverlässiger Lieferant, solange die Kunden ihre Rechnung bezahlt haben. Hier droht nun aufgrund der aktuellen US-amerikanischen Gesetze das Problem, dass im Falle einer zahlungsbedingten Lieferunterbrechung in die Ukraine, alle Nato-Staaten keine Zahlungen mehr an Gazprom leisten dürfen. Dass die deutschen Gaslager derzeit weitgehend gefüllt sind, stellt nur eine kurzfristige Sicherheit dar. Es fehlt schlicht an der Infrastruktur, um dann Erdgas aus anderen Regionen beziehen zu können. Bis 4.000 Kilometer Leitungen nach Zentralasien gebaut sind, dürften mehrere kalte Winter vergangen sein.
    Mit der Beendigung des Pipeline-Projekts South Stream und dem Verzicht auf die beiden zusätzlichen Leitungsstränge für North Stream sieht es bei der Salzgitter Mannesmann Grobblech (MGB), dem Röhrenbauer Europipe in Mülheim an der Ruhr (einem Gemeinschaftsunternehmen der staatlichen Salzgitter AG und der Dillinger Hütte) und deren Tochter Pipecoatings ziemlich duster aus. Hatte man mit dem Auftrag für South Stream eine Phase der Kurzarbeit überwinden können, steht diese jetzt für mehrere hundert Mitarbeiter schon wieder an.
    Maschinenbau
    Der Europäische Werkzeugmaschinenverband Cecimo befürchtet als Folge der Sanktionen gegen Russland den Verlust von Aufträgen im Wert von fast einer Milliarde Euro und fordert einen staatlichen Ausgleich der Verluste. Den russischen Bedarf an Werkzeugmaschinen decken jetzt Firmen aus Japan, Korea und Taiwan. Den Verlust tragen vorwiegend Firmen in den neuen Bundesländern, deren Exportanteil nach Russland 30 bis 40 % betrug.
    Weitere diskutierte Sanktionen
    Eine Sperre des russischen Luftraums für westliche Fluggesellschaften würde den Preis für Flüge nach China um bis zu 10.000 Euro verteuern. Da es in diesem Markt chinesische Wettbewerber gibt, benötigen die europäischen Fluggesellschaften dann mit Sicherheit staatliche Hilfen.

    Auch die jetzt ins Gespräch gebrachten russischen Sanktionen im Bereich der Textilindustrie könnten dazu führen, dass asiatische Marken, die durchaus einen europäischen Klang haben, den Europäern Marktanteile abjagen. Zudem besteht der Textilmarkt nicht nur aus Produkten der Bekleidungsindustrie, sondern auch aus sogenannten technischen Textilien, wie sie beispielsweise in der Reifenindustrie als Einlage eingesetzt werden. Bei technischen Textilien ist Deutschland einer der weltweit führenden Hersteller und wäre von einem von Russland angekündigten Importverbot durchaus in bedeutendem Umfang betroffen.
    Weitere Konsequenzen
    Der immer wieder aufgeflammte Vorschlag, Russland aus dem SWIFT-System des Interbankenhandels zu werfen, wie man das schon mit Iran praktiziert hat, hat inzwischen dazu geführt, dass Russland ein eigenes Handelssystem auf die Beine stellt, an das sich China und weitere BRICS-Staaten anschließen wollen und das grundsätzlich dollarfrei gehalten werden soll. Im Geschäft mit russischen Touristen haben sowohl die Türkei, als auch Ägypten die Fakturierung von Dollar auf Rubel umgestellt.
    Im Bereich der Technologien will man nicht mehr im Westen einkaufen, sondern nach Möglichkeiten suchen, von West-Importen unabhängig zu werden. Dies gilt in erster Linie für Rüstungsprojekte, die jetzt zur Chefsache erklärt wurden. Das schon fast traditionelle Versickern der Gelder in dunklen Kanälen dürfte zumindest im Rüstungsbereich nun deutlich erschwert werden.
    Die Hoffnungen, die westliche Konzerne wie Siemens auf die Modernisierung der russischen Bahnen gesetzt haben, dürften diese jetzt abschreiben. So hat Siemens den U-Bahnauftrag für Moskau nicht bekommen. Und weitgehend an der westlichen Presse vorbei ist kürzlich der amerikanische Präsident mit leeren Händen aus Indien zurückgekehrt. Es wurde kein einziger Auftrag unterschrieben.
    Geradezu geschäftsschädigend war für die französische Flugzeugindustrie das Zurückhalten von zwei Hubschrauberträgern. Mit dem Verweis auf die mangelnde französische Vertragstreue kauft Indien jetzt in Russland. Die langfristigen Konsequenzen der Sanktionen dürften für die westliche Welt noch lange nicht ausgestanden sein. Wahrscheinlich sind sie derzeit nicht einmal wirklich abschätzbar.
    Wer sich selbst ins Knie schießt, nur weil es die USA wünscht, wird hinken!

  3. Sandwalk
    25. Februar 2015 11:11

    Ein griechischer Reeder (einer der ganz wenigen echten Unternehmer mit Mehrwert in Griechenland) hat schon vor Jahren in einem Interview sinngemäß erklärt:
    "Wir produzieren nichts, wir exportieren nichts, wir konsumieren nur auf Kosten der europäischen Länder und glauben ein Recht zu haben, dass das ewig so weiter geht".

    Jou, Recht hat er. Es wird immer und immer wieder "Verhandlungen" mit diesen aufsässigen Faulpelzen und Polithooligans geben müssen - bis zum bitteren Ende.

  4. oberösi
    25. Februar 2015 10:47

    Deutschland muß domestiziert und geschwächt werden, und mit Deutschland steht und fällt Europa. Und was wäre besser dazu geeignet, als die Preussen in eine Situation zu bringen, für den Rest der EUDSSR zahlen zu lassen.

    Und solange die Europäer sich lustvoll mittels Sanktionen ins Knie schießen, schaden sie dem Euro zusätzlich. Was den USA mit ihren Billionen an Schulden und ihrem wertlosen Papier-Dollar ebenfalls zugute kommt. Und das ist ja wohl der Zweck der ganzen Sache.
    Ein paar Jahr Zeit gewonnen, um sich noch einmal ordentlich zu bereichern bis zum finalen Crash.

    Hat bisher funktioniert, und wird es auch künftig noch einmal tun!

  5. Gandalf
    25. Februar 2015 08:22

    Danke, sehr geehrter Herr Tögel, für diese hervorragende Zusammenfassung der Lage in Europa zum Ende Februar 2015. Und was die Führer der Union betrifft: diese werden - leider - sehr wohl an Dummheit und Harmlosigkeit übertroffen, nämlich von einem grossen Teil unserer österreichischen "Spitzenpolitiker" und den Parteien, die sie hervorgebracht haben. Nichts gegen die, auch hier im Blog vertretenen idealistischen Kleingruppen (inklusive Team Stronach), die zum Teil durchaus realistische Ansichten, aber keinerlei Chance haben, sie zu verwirklichen. Aber: Wann wacht endlich eine der relevanten politischen Gruppierungen auf und sagt die Wahrheit: Ja, die EU und der EURO waren gut gemeinte Versuche, aber die sind schiefgegangen. Also: Fort damit, und versuchen wir, etwas Besseres zu beginnen!

  6. Wolfgang Bauer
    25. Februar 2015 08:08

    Schade, aber Sie haben völlig recht!





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