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Die überlieferte Messe – Rezension zu einem umkämpften Thema

Wie vor einigen Wochen anlässlich der Rezension eines kritischen Buches zum Zweiten Vatikanischen Konzil auf diesem Tagebuch aufgrund der Leserzahlen und der Subkommentare ersichtlich geworden ist, werden religiöse und theologische Themen hier mit erheblichem Interesse aufgenommen.

Was das letzte Konzil und seine Auswirkungen betrifft, so besteht offensichtlich ein großes Unbehagen. Viele haben das Gefühl, dass mit dem Konzil etwas Entscheidendes verlorengegangen ist. Noch stärker ist das vermutlich der Fall bei der sogenannten „Liturgiereform“. Das Terrain ist ein Minenfeld. Zum diesem Thema erschien vor wenigen Monaten bereits die dritte Auflage eines bahnbrechenden Buches von 2011: Michael Fiedrowicz, Die überlieferte Messe – Geschichte, Gestalt, Theologie.

Dazu hier etwas ausführlicher – und passend zum Beginn der vorösterlichen Fasten- und Besinnungszeit.

Eine Vorbemerkung

Ich bin mir dessen bewusst, dass man in der Behandlung eines sakralen Themas bei manchen Lesern auch „Perlen vor die Säue“ wirft, wie es in der Bergpredigt heißt - also, dass man das nicht tun soll (Mt 7,6). Diese Anweisung bestätigende Stänkereien tauchen im Forum ja immer wieder auf. Ich kann damit gut leben.

Denn die große Mehrheit der Leserschaft nimmt ein solches Thema eben mit Interesse auf und ich will es dieser nicht vorenthalten.

Andererseits zeigen mir gerade solche Reaktionen, dass ein katholisches Thema dem Spötter ganz offensichtlich nicht egal ist. Wer mit Spott reagiert, zeigt, dass er im Innersten angesprochen ist, vielleicht sogar mit uneingestandenem Angezogensein. Daher ergeht diesmal die Spezialeinladung an genau diese Leser, die folgenden Ausführungen gut auf sich wirken zu lassen und dann in aller Unbefangenheit nach Herzenslust zu kommentieren.

Der Autor und sein Ansatz

Michael Fiedrowicz, geb. 1957 in Berlin, ist Priester des Erzbistums Berlin, Theologe, Philosoph und Philologe und derzeit Lehrstuhlinhaber für Kirchengeschichte, Patrologie und Christliche Archäologie an der Universität Trier.

Er ist offensichtlich gläubiger Katholik.

Darauf würde ich heute nicht bei jedem Priester wetten. Schon gar nicht bei einem Theologieprofessor.

Er greift die im Gefolge des Konzils unterbrochene Tradition wieder auf und wendet sich dem zu, was von den Anfängen der Kirche bis 1969 gegolten hat. Er nähert sich dem Ehrfurchtgebietenden mit Ehrfurcht und hebt sich so wohltuend von gewissen Pseudo-Theologen ab, deren Name Legion ist.

Er bekennt sich damit auch zum hermeneutischen Grundsatz des hl. Augustinus, demgemäß man sich heilige Texte nicht von denjenigen erklären lassen darf, „die ihren Verfassern aus irgendeinem Grunde den erbittertsten Kampf angesagt haben“ (10). (Für unheilige, lügenhafte Texte wäre natürlich der gegenteilige Ansatz erforderlich.)

Das Buch wird von der Einsicht getragen, dass der volle Glaube nur in der traditionellen Liturgie bewahrt ist: „Unmissverständlich und unverkürzt bekundet die überlieferte Form der Messfeier, was die Kirche glaubt, seit jeher geglaubt hat und stets glauben wird“ (289).

Der Ansatz des Autors besteht also in der Einsicht, dass die wahre Wissenschaft den althergebrachten, katholischen Glauben immer fördert.

Das Buch teilt sich in drei Hauptteile.

Der erste behandelt die Geschichte der Entwicklung von den (historisch greifbaren) Anfängen im 2. und 3. Jahrhundert bis zu den (sehr behutsamen) Reformen („in die rechte Form zurückbringen“) des römischen Messbuchs 1570 und später (zuletzt 1962).

In der Konfusion unserer Zeit ist derjenige Unterabschnitt von größter Bedeutung, der ganz bescheiden mit „Terminologie“ betitelt ist. Er klärt präzise die Ausdrücke „Alte Messe“, „Tridentinische Messe“, „usus antiquior“ und dergleichen und deckt deren allfällige ideologische Implikationen auf.

Bei der Darstellung der lückenlosen Entwicklung der Liturgie von den Aposteln bis zur Zeit des Konzils wird auch gleichzeitig eine heute allgegenwärtige Propagandalüge widerlegt:

Der klassische römische Messritus hat sich in seinem Kernbestand über 1500 Jahre organisch und kontinuierlich entfaltet. Seine fortdauernde Lebenskraft zeigte sich nicht zuletzt darin, dass noch am Vorabend des Vatikanum II tiefgreifende Veränderungen der Liturgie weder vom Kirchenvolk noch vom Pfarrklerus oder von den Bischöfen verlangt wurden“ (63).

Der zweite Hauptteil behandelt in der Tradition älterer Messerklärungen detailreich die Gestalt der Messe und ihrer Teile, sowie den Aufbau des Kirchenjahres und Fragen der Gebetsrichtung, der Sakralsprache und von Ritualität und Sakralität im allgemeinen.

Sehr prägnant etwa Grundsätzliches zur Sakralsprache:

Die Forderung nach einer verständlichen Volkssprache verkennt zudem, dass sich in der hl. Messe unaussprechliche Geheimnisse vollziehen, die kein Mensch vollkommen verstehen kann. (…) Dagegen täuscht die Umgangssprache eine Verständlichkeit vor, die in dieser Weise gar nicht gegeben ist“ (162).

Überaus wertvoll ist auch der subtile Abschnitt über den Reichtum der liturgischen Symbolik und deren Herkunft (204ff.). Wir lernen aus ihm, dass jeder („rationalistische“) Versuch, die Geltung symbolischer Handlungen auf deren historische Genese zu reduzieren, ein Irrtum ist.

Der dritte Hauptteil geht auf die theologischen Implikationen der Messe ein, da die Liturgie „gefeiertes Dogma“ ist (was auch sonst?). Darlegungen zum theologischen Gehalt der Lesungen, des Offertoriums und des Römischen Kanon gehören somit zur Kernthematik des Buches.

Das ganze Buch wird durch die Betrachtungen zum Grundsatz lex orandi – lex credendi resümiert: „Die überlieferte Messe ist der in Jahrhunderten geformte Ausdruck und bewährte Garant dieses unversehrten Wissens der Gottesverehrung“ (293).

Tiefe Verwirrung bezüglich der „Abschaffung“ der Alten Messe

Interessant ist die Feststellung des Autors, dass das römische Messbuch nirgendwo ausdrücklich abrogiert wurde. Auch Papst Paul VI. hat offenbar keinen derartigen Rechtsakt gesetzt. Darum konnte Benedikt XVI. 2007 feststellen, dass die „Alte Messe“ niemals abgeschafft war. Viele, die die „Liturgiereform“ noch miterlebt haben, werden diese Aussage als Hohn empfunden haben, da ja die kirchlichen Autoritäten den klassischen Messritus tatsächlich verboten und traditionstreue Gläubige und Priester massiv schikaniert hatten, letztere bis zum Verlust ihrer Anstellung. Geschah also die „Liturgiereform“ von 1969/70 ohne tragfähige Rechtsgrundlage? So sieht es aus.

Warum eine neue Bibelversion? - Kämpfe hinter den Kulissen

Von großer Tragweite ist im Zusammenhang mit den Bibelübersetzungen des Missale Romanum der Hinweis des Autors auf die kirchliche Bevorzugung der Septuaginta, der im dritten vorchristlichen Jahrhundert entstandenen griechischen Übersetzung der Hebräischen Bibel, gegenüber dem viel späteren rabbinisch-masoretischen hebräischen Text.

Die Septuaginta spiegelt in der Auffassung des Autors (und übrigens auch von Papst Benedikt XVI.) „ein fortgeschrittenes Offenbarungsstadium wider“, „das eine ausgeprägte Messias-Erwartung, eine universale Heilsperspektive sowie eine vertiefte Eschatologie bzw. Auferstehungshoffnung besaß und daher eine Art ‚Vorbereitung des Evangeliums’ darstellte. (…) Vielfach lässt allein der Wortlaut der Septuaginta verstehen, warum und in welchem Sinne die Kirche einen bestimmten Text rezipiert und interpretiert hat. Nicht selten bildet gerade die Abweichung vom hebräischen Text den Grund für Verwendung eines Psalms an einer bestimmten Stelle der Liturgie“ (173f).

Es wäre lohnend, der Frage nachzugehen, warum um alles in der Welt die nachkonziliare Kirche in der neuen lateinischen Version von Bibel und Brevier den überlieferten Text geändert und sich an der masoretischen Textversion der „mittelalterlichen“ Rabbiner zulasten der Septuaginta (und der vom Konzil von Trient als „authentisch“ definierten Vulgata) orientiert hat. Diese bedeutungsschwere Änderung betrifft auch und besonders die aus der Liturgie bekannten und vertrauten Verse.

Offenbar wollte man hier bewusst die Kontinuität brechen.

Warum?

Der Rückgriff auf den Text der Masoreten (von daher im deutschen Sprachraum die problematische Einheitsübersetzung) schwächt das Verheißungs-/Erfüllungsschema, also die Kontinuität zwischen Altem und Neuem Testament, gerade ab. Die Frage ist ja, was im ursprünglichen hebräischen Text wirklich geschrieben steht. Entgegen oberflächlichem Halbwissen oder ideologischer Voreingenommenheit haben wir diesen Text eben nicht. Wir haben nur den masoretischen Text (Biblia Hebraica Stuttgartensia) und einige Schriftrollen von Qumran, die aber die Septuaginta unterstützen.

Nachdem die Beweislast selbstverständlich der Veränderer trägt, würden wir also die kirchliche Obrigkeit um eine schlüssige Begründung für diese Neuerung ersuchen, zumal sie offenbar keine Verbesserung in Bibelkenntnis und Kirchenbesuch gebracht hat, ganz im Gegenteil. Warum hat man sich nicht an den Grundsatz gehalten: „Leave well enough alone“?

Klar ist, dass die Liturgie ein ideologisches Schlachtfeld ist, und zwar innerhalb wie auch außerhalb der Kirche. Die Einmischung in die Frage der Karfreitagsfürbitte für den „Außerordentlichen Usus“ im Jahr 2008 von jüdischer Seite machte das schlaglichtartig deutlich. Auch das zeigt, wie relevant die Messe von vielen empfunden wird.

Resümee

Das Buch ist ein Fachbuch, was aber nicht bedeutet, dass es nicht popularisierbar wäre. Mit über 900 Fußnoten und fremdsprachigen Zitaten setzt es beim Leser zwar Geläufigkeit in der Lektüre wissenschaftlicher Abhandlungen voraus. Andererseits ist es in gutem und flüssigem Deutsch gehalten, immer interessant und ohne unnötige Komplikationen.

Ein sehr sorgfältig gearbeitetes und umfangreiches Literaturverzeichnis sowie Personen- und Sachregister machen das Werk zum Handbuch und Nachschlagewerk.

Man wird das Buch allen empfehlen können, die gewillt sind, etwas Mühe auf sich zu nehmen, um sich das nötige Wissen über die wahre cultura bzw. den wahren cultus, über die von Gott selbst gestiftete und gewünschte, somit auch dem Menschen angemessene und ihn geistig erfüllende Gottesverehrung, zu verschaffen. Daher ist es auch Nicht-Glaubenden und Suchenden zu empfehlen, sowie nicht-katholischen Christen, die meist völlig falsche Vorstellungen zum gegenständlichen Thema haben.

Schließlich sei es den österreichischen Bischöfen ans Herz gelegt, in deren Diözesen Trivialisierung, Liturgiemissbrauch und nackte Apostasie nicht nur „von selbst“ wuchern, sondern von diözesanen Gruselkabinetten verbreitet und angeordnet werden. Vielleicht findet der eine oder andere Oberhirte doch noch auf den rechten Weg.

Dank und Anerkennung gebühren daher dem Autor, sowie dem Verleger und dem Lektorat, das wiederum hervorragend gearbeitet hat.

Schließlich muss festgehalten werden, dass kirchenoffizielle oder -offiziöse Seiten eine derartige Buchbesprechung erfahrungsgemäß nicht bringen würden. Dank daher auch dem Blogbetreiber, der vieles möglich macht.

Das Schlusswort geben wir dem Autor:

„Mit der klassischen Messe ist es wie mit dem Betreten eines alten Gotteshauses: wer einmal einige Stufen emporgestiegen ist, das schwere Eingangsportal geöffnet hat, d.h. wer trotz mancher Widerstände, Vorbehalte oder sonstiger Schwierigkeiten einen Zugang gesucht hat, wird sich in einem heiligen Raum wiederfinden, der mit dem Ebenmaß seiner Proportionen, mit der Kostbarkeit seiner Materialien, mit der zentralen Stellung von Hochaltar und Tabernakel den Beter einfügt in eine vorgegebene Ordnung, die Halt verleiht, ihn herausführt aus dem Bereich des Profanen und Banalen, um die Nähe des Heiligen verspüren zu lassen, schließlich den Blick zentriert auf den, dem alle Liturgie letztlich gilt, auf Gott, wie er sich im Kreuzesopfer seines Sohnes zu erkennen gibt und im Sakrament des Altares unter den Menschen gegenwärtig bleibt“ (67).

Michael Fiedrowicz, Die überlieferte Messe – Geschichte, Gestalt, Theologie des klassischen römischen Ritus, 3., aktualisierte Auflage, Carthusianus-Verlag, Mühlheim/Mosel 2014 (www.carthusianus.de), 312 S.; 38,- [A]

MMag. Wolfram Schrems, Linz und Wien, katholischer Theologe, Philosoph, kirchlich gesendeter Katechist

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