Frontal finnisch

Lesezeit: 2:30

Wenn „Experten“ vom finnischen Schulsystem schwärmen, „vergessen“ sie penetrant zwei Bereiche – einen wohl aus Ignoranz, den anderen wahrscheinlich aus ideologisch motivierter Absicht:

  • Finnische Kinder lesen beim Fernsehen, und zwar nicht, weil sie begeisterte „Multi-Tasker“ wären, sondern zwangsweise. Die US-Massenware an mehr oder weniger dümmlichen TV-Serien wird in Finnland nämlich nicht synchronisiert, sondern mit finnischen Untertiteln versehen.
  • Finnische Lehrer sind Weltmeister im „Frontalunterricht“.

Allein das Wort „frontal“ löst bei vielen kalte Schauer aus, kommt es doch in der Alltagssprache häufig in negativem Zusammenhang vor (Frontalzusammenstoß, Frontalangriff etc.). Seit den Sechziger-Jahren kursiert der Begriff, der von Haus aus darauf angelegt war, der Gruppenarbeit ein Monopol auf pädagogische Fortschrittlichkeit und Sinnhaftigkeit zu sichern. Ich bevorzuge daher seit langem den nicht abwertenden Begriff „direkte Instruktion“.

Auch hierzulande ist die direkte Instruktion seit Jahrzehnten verpönt. Insbesondere in der Aus- und Fortbildung werden alle möglichen anderen didaktischen Konzepte gepriesen. „Das Image des Frontalunterrichts ist so schlecht, dass Lehrer nur mit schlechtem Gewissen auf diese Weise Stoff vermitteln“, stellt der Bildungsökonom Guido Schwerdt vom Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo fest.

Guido Schwerdt hat sich zusammen mit seiner Kollegin Amelie Wuppermann von der Ludwig-Maximilians-Universität München auf ideologisch spiegelglattes Parkett gewagt und „den Frontalunterricht rehabilitiert“. In einer groß angelegten Analyse wurde nachgewiesen, „dass Schüler in Tests umso besser abschneiden, je mehr Zeit der Lehrer für die frontale Vermittlung des Stoffs aufgewendet hat“. Die Neue Zürcher Zeitung zitiert Guido Schwerdt weiter: „Wenden Lehrer nur zehn Prozent mehr Zeit für Frontalunterricht auf, zeigen die Schüler einen Leistungsvorsprung, der einem Wissenszuwachs von ein bis zwei Monaten Schulbildung entspricht.“

Die Analyse räumte auch mit einer weiteren Mär auf: „Mehr Frontalunterricht verbessert die schulische Leistung sowohl von schwächeren als auch von begabteren Schülern.“ Endgültig schwarz vor Augen wird manchem Schreibtisch-„Experten“ wohl bei der Lektüre des folgenden Satzes: „Von den modernen Ansätzen profitierten vor allem die Schüler aus bildungsnahen Gesellschaftsschichten.“ Die direkte Instruktion verhilft also besonders Kindern mit benachteiligendem sozio-ökonomischen Hintergrund zu besseren Lernerfolgen.

Im Gegensatz zu den „Experten“ wundern uns Lehrer diese Erkenntnisse wohl wenig. Wir haben längst erkannt, dass ein sinnvoller Methodenmix, angepasst an die jeweilige Klasse, den optimalen Lernerfolg sichert.

Wir werden Finnland nicht blind hinterherlaufen, beim Unterricht Marke „brutal frontal“ ebenso wenig wie bei der Gesamtschule. Für sinnvoll eingesetzte direkte Instruktion genieren müssen wir Lehrer uns aber sicher nicht.

Dr. Eckehard Quin ist AHS-Lehrer für Chemie und Geschichte sowie Vorsitzender der AHS-Gewerkschaft.

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die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorArundo.donax
    6x Ausgezeichneter Kommentar
    27. Januar 2013 14:10

    Das österreichische mit dem finnischen Schulsystem zu vergleichen, funktioniert aus verschiedenen Gründen nicht so einfach. Ich darf hier aus dem in der Zeitschrift "Freiheit der Wissenschaft" 2/2002 erschienenen Artikel von Th. v. Freymann zitieren:

    "Erklärungen für die guten Ergebnisse der finnischen PISA-Probanden

    Warum können finnische Jugendliche so viel besser lesen als deutsche, wenn doch finnische Lehrkräfte nicht besseren Unterricht geben als die hiesigen? (Ich beschränke mich hier auf den Aspekt "Lesen", aber dass viele der folgenden Punkte auch für andere Fächer gelten, liegt auf der Hand.)
    - Dank bestimmter soziokultureller Bedingungen, die es anderswo so nicht gibt, und
    - Dank bestimmter innerschulischer Faktoren.

    1. Soziokulturelle Bedingungen

    1.1 Finnland hat lange, kalte und dunkle Winter und darum von alters her eine Lesetradition, für die südlich der Ostsee keine Entsprechung existiert. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Analphabetenrate Finnlands die niedrigste der Welt, 3,8 %. Es wird einfach sehr viel mehr gelesen als in Deutschland. Der hohe gesellschaftliche Stellenwert des Lesens färbt auf die Wahrnehmung von Kindern ab und trägt zu ihrer Motivation bei.

    1.2 Finnisch liest sich unvergleichlich viel leichter als Deutsch, denn die Orthographie ist vollkommen phonetisch. Daß da s - i - e - b steht, man aber "siip" lesen muß, kommt nicht vor. Jedem Laut entspricht ein und nur ein Buchstabe. Niemals kann ein und derselbe Buchstabe einmal diesen, einmal jenen Laut bezeichnen wie im Deutschen (Vase - Vater). Einen 15jährigen Schüler, der viel liest, stört die deutsche Orthographie natürlich nicht mehr, sehr wohl aber dürfte sie bei der Leseleistung jener Probanden eine Rolle spielen, die die PISA-Studie als "Risikogruppe" bezeichnet. (Das sind diejenigen, die die unterste Lesekompetenzstufe des Tests nicht überschreiten oder gar nicht erst erreichen.)

    1.3 Ausländische Fernsehbeiträge und Kinofilme werden nicht synchronisiert, sondern untertitelt. Gerade diejenigen, die am wenigsten Bücher lesen, aber am meisten vor dem Fernseher sitzen, absolvieren also ein tägliches Training schnellen, sinnerfassenden Lesens. Da sie das freiwillig tun - sie wollen ja fernsehen! - ist der Effekt erheblich.

    1.4 Die Ausländerquote liegt in Finnland bei knapp 2 %; im Binnenland gibt es in den Schulen praktisch keine Kinder ausländischer Muttersprache. Außerdem wird jedem Kind, das aus dem Ausland kommt, von Staats wegen eine Landessprache beigebracht, ehe es in eine normale Klasse gesetzt wird. Schüler, die dem Unterricht aus sprachlichen Gründen nicht folgen können, gibt es also nirgends.

    1.5 Die Bevölkerung Finnlands ist, von der Ballungsregion an der Südküste abgesehen, noch immer in hohem Maße homogen. Die Differenz zwischen den höchsten und den niedrigsten Einkommen "nach Steuern" ist die geringste aller entwickelten Länder ("vor Steuern" liegen auf Platz 1 die Schweden), Reichtum der Größenordnung, für die in Mitteleuropa jahrhundertealte Namen wie etwa Thurn und Taxis stehen, existiert im 1917 erst selbständig gewordenen Finnland überhaupt nicht. Jede normale Schulklasse im finnischen Binnenland setzt sich aus Kindern zusammen, deren soziales und mentales Erbe ein weitgehend gemeinsames ist. Selbstverständlich gibt es auch in einer mittelfinnischen Kleinstadt Ärzte und Apotheker, Lehrer und Juristen einerseits - und andererseits Busfahrer, Hausmeister und Briefträger. Aber ein Proletariat gibt es nicht, nicht einmal ländliches. Jede Lehrkraft kann sich darauf verlassen, daß das Werte- und Normengefüge, das von frühester Kindheit an in den Köpfen der Schüler verankert ist, im Prinzip intakt ist, auch wenn - selbstverständlich! - Kinder in Finnland wie überall auf der Welt nicht von morgens bis abends einfach "artig" sind. Keine binnenfinnische Lehrkraft hat es mit dem grellbunten Flickenteppich der Mentalitäten zu tun, auf dem ihre deutschen Kollegen sich bewegen müssen, und das eben nicht nur in Großstädten, sondern - zumindest in Westdeutschland - praktisch überall. Was das für das Arbeitsklima und damit für die Effektivität von Lernprozessen bedeutet, macht im wahrsten Sinne des Wortes "unermesslich" viel aus. Finnische Lehrkräfte, die aus der Ballungsregion ins Binnenland umziehen und dort unterrichten, wissen davon ein Lied zu singen, und der Refrain lautet: "Hier ist gut sein! Hier kann man noch richtig Schule halten!".
    Daß nicht mehr als 1,5 Millionen Einwohner Finnlands unter "mitteleuropäischen Bedingungen" leben und alle übrigen unter traditionell finnischen, dürfte ein wesentlicher Erklärungsfaktor für die PISA-Ergebnisse sein. Die hohe Plausibilität dieser These wird auch im Zentralamt für Unterrichtswesen gesehen, im Gespräch mit ausländischen Besuchern jedoch meist nicht hervorgehoben, weil man ihnen dann zu viel Erklärungen zu Finnlands Geographie, Demographie, Kultur und Sozialgeschichte zumuten müßte. So bleibt der Zusammenhang den deutschen Rechercheuren meist verborgen.

    2. Innerschulische Faktoren

    2.1 Die durchschnittliche Klassenfrequenz beträgt in Finnland 19,5 - in Deutschland 24,1.

    2.2 Es gibt keinen nennenswerten Unterrichtsausfall. Jeder Schulträger hat eine "Vertretungsreserve": Voll ausgebildete Lehrkräfte, die sofort einspringen, wenn eine Lehrkraft erkrankt. Dies schlägt besonders in Bezug auf die schwächeren Schüler zu Buche, denn sie sind es ja, die durch Unterrichtsausfall besonders benachteiligt werden.

    2.3 Lehrkräfte können ihre ganze Kraft in den Unterricht investieren, denn anders als hierzulande ist es ja nicht ihre Aufgabe, sich nebenher ganz anderen Dingen zu widmen. Psychologin und Kuratorin sind selbst in kleinen Schulen niemals "Gäste von außerhalb", sie gehören auch dann zum Kollegium, wenn sie nicht täglich in gerade dieser Schule sind, sondern an verschiedenen Wochentagen an verschiedenen (kleinen!) Schulen. Diese beiden Fachkräfte für außerunterrichtliche Probleme in der Schule entlasten die Lehrkräfte ganz enorm und tragen so dazu bei, daß in den Stunden effektiv gearbeitet werden kann.

    2.4 Wenn die Schule große Klassen hat - d. h. solche mit mehr als 18 - 20 Schülern - stellt sie Assistentinnen auf Stundenbasis ein. Diese haben keine einschlägige Ausbildung (es sind z.B. Mütter oder Abiturientinnen, die auf einen Studienplatz warten) und dürfen nicht selbständig arbeiten. Sie gehen aber mit einer Lehrkraft in die Klasse und betreuen dort nach ihrer Anweisung Schüler, die dem Unterricht nicht folgen können oder wollen. Sie können sich z.B. neben einen Störer setzen und mit ihm arbeiten oder mit einer kleinen Gruppe in einen anderen Raum gehen. Auf keinen Fall soll die Lehrkraft von ihrer Aufgabe, der ganzen Klasse etwas beizubringen, dadurch abgelenkt werden, daß einzelne Schüler ihre Aufmerksamkeit voll für sich in Anspruch nehmen.

    2.5 Der entscheidende Faktor ist das Fördersystem. Innerhalb der Regelschule erfaßt es pro Jahr 16 % - 17 % aller Schüler, und das Zentralamt für Unterrichtswesen beklagt, daß die finanziellen Ressourcen diesen Prozentsatz begrenzen. Er deckt den Bedarf nicht. Wenn schwache Schüler sofort erfaßt und einzeln zielgenau unterrichtet werden, brauchen sie auch im schlimmsten Fall - d.h. wenn sie solche Hilfe im Lauf des Schuljahres mehrfach und in verschiedenen Fächern benötigen - nicht ein ganzes Jahr länger in der Schule herumzuhängen.
    Übrigens ist Sitzenbleiben nicht nur für das betroffene Kind in vielen Fällen dysfunktional. Es ist auch für die Gesellschaft unökonomisch.

    Konsequenzen

    Wenn man bedenkt, daß in Deutschland nur rund 4 % der Schüler die Sonderschule L besuchen und den restlichen schwachen Schülern - nach finnischen Maßstäben also mindestens 12 %! - keinerlei besondere didaktische Fürsorge zu Teil wird, braucht man sich über die Größe der von PISA ausgemachten Risikogruppe nicht zu wundern. Keine finnische Klassenlehrerin begreift, daß von ihrer deutschen Kollegin erwartet wird, dem Problem schlicht durch "binnendifferenzierten Unterricht" beizukommen. Daß das im Rahmen des Klassenverbandes, noch dazu ohne Spezialkompetenz in Diagnostik und Methodik (!), nicht geht, versteht sich in Finnland von selbst.

    Prinzipiell könnte man das finnische Förderverfahren, mindestens aber Stellen für Speziallehrkräfte, in Deutschland einführen, ohne das gesamte Schulsystem umzubauen. An einzelnen Versuchsschulen wäre es sogar relativ schnell zu machen, und der Erfolg ließe sich auch binnen weniger Jahre schon messen. Was fehlt, ist der politische Wille zu solchen Maßnahmen. Den Lehrkräften den Schwarzen Peter zuzuschieben, ist bequemer und billiger.

    Aber es bringt nichts. Wenn Deutschland in Sachen Bildung international aufholen will, muß es
    - allen Immigrantenkindern Deutsch beibringen und
    - allen schwachen Schülern systematisch helfen.

    Daß das nicht aus dem Stand heraus flächendeckend möglich ist, versteht sich. Aber an welcher Stelle eine neue Schulpersonalpolitik ansetzen müßte, sieht jeder Pädagoge: in der Grundschule. Dort werden die Fundamente für den künftigen Bildungsgang eines jeden Kindes gelegt. Es ist die personelle Besetzung der Schule, von der alles andere abhängt. Nur Lehrkräfte, die sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren dürfen, den Unterricht also, können diese Aufgabe auf die Dauer mit professioneller Effizienz erfüllen. Wer Sozialarbeiterin, Psychologin, Klassenlehrerin und Speziallehrerin in einer Person sein soll, kann keines davon so sein, daß das Resultat die Bedürfnisse der Schüler und der Gesellschaft befriedigt. Das burn-out syndrom bedroht jede Lehrkraft, die einen solchen Spagat versucht."

    Würden sich die Lehrer in Österreich mehr auf ihre eigentliche Kernaufgabe, das Unterrichten, konzentrieren können und nicht so viel Zeit aufwenden müssen, erst einmal die Bedingungen, um überhaupt vernünftig arbeiten zu können, herzustellen, wäre schon einiges getan. Zunehmend mehr verhaltensauffällige Schüler, fehlender Rückhalt von Seiten der Eltern und und so gut wie keine Möglichkeiten, Fehlverhalten zu sanktionieren erschweren die Arbeit wesentllich. Zusätzliches Personal hierfür, wie in Finnland üblich, würde allerdings einiges kosten - woran es wahrscheinlich bisher auch gescheitert ist.

  2. Ausgezeichneter KommentatorSchani
    6x Ausgezeichneter Kommentar
    27. Januar 2013 06:15

    Herr Doktor Quin,
    Sie rennen bei mir offene Türen ein. Noch heute, ich zähle 55 Lenze, bin ich meinen Lehrern für ihren Frontalunterricht dankbar! Ich schätze auch die von mir besuchten medizinischen Fortbildungsveranstaltungen, welche als "Frontalunterricht" stattfinden, sehr. Denn nur so kann man Expertenwissen, sei es in der Schule oder im Beruf, erfahren und aufnehmen. Fragen und diskutieren über das dabei Vermittelte kann und soll man im Anschluß.

  3. Ausgezeichneter KommentatorS.B.
    4x Ausgezeichneter Kommentar
    28. Januar 2013 20:40

    "Sinnvoller Methodenmix"
    Damit ist alles gesagt in der Debatte Gruppenarbeit versus Frontalunterricht.

  4. Ausgezeichneter Kommentatordssm
    4x Ausgezeichneter Kommentar
    27. Januar 2013 13:44

    Und so hat auch das Dritte Reich funktioniert.
    Fast alle wissen um den Wahnsinn, fast alle wissen wie es besser gehen könnte, fast alle wissen wie unmoralisch die aktuelle Situation ist.
    Aber gleichzeitig handeln alle (es gibt allerdings Ausnahmen) streng nach Befehl, obwohl sie wissen, daß es falsch ist!

    Mit anderen Worten: Mit meinen Steuergeldern zahle ich Leute (und zwar sehr gut), welche wissentlich die Kinder schlecht ausbilden und damit ebenfalls wissentlich die Zukunft des ganzen Landes gefährden.

    Eine verbrecherische Regierung braucht verbrecherische Menschen um ihre Verbrechen in die Tat umzusetzen.

    Lieber Herr Quin, so rührig ihr persönlicher Aufschrei auch ist, Sie sind ein Mittäter, denn das Gehalt, welches ich zwangsweise(!) co-finanziere, nehmen Sie ja doch.

  5. Ausgezeichneter KommentatorWertkonservativer
    2x Ausgezeichneter Kommentar
    28. Januar 2013 17:16

    Die finnischen Youngsters sind im Durchschnitt sicher nicht intelligenter als unsere: die langen und finsteren Winter, weniger Asylantenkinder, bessere Lehrer und weniger Ablenkung, all das wird sicher mitspielen, dass sie bei Pisa meist vorne sind.

    Bei uns gibt's halt, durch rothäutige Lehrerscharen bedingt, wesentlich mehr Augenmerk auf gute, oft geschenkte Schulnoten, doch das nützt bei echten Wissens-Abfragen dann halt doch nicht viel!
    Ganz wesentlich ist natürlich für den Leistungsdurchschnitt im Lesen der bei uns wesentlich höhere Anteil an Kindern bzw. Jugendlichen mit ausländischer Herkunft!
    Da muss jeder Vergleich hinken!

    (mail to: gerhard@michler.at)

  6. Ausgezeichneter KommentatorArundo.donax
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    28. Januar 2013 09:10

    Dass der klassische Frontalunterricht besser ist als sein Ruf und nicht alle als zeitgemäß, innovativ und erfolgversprechend angesehenen Lehrmethoden bei allen Schülern zu besten Ergebnissen führen, erläutert folgender Artikel, der vor kurzem in der ZEIT erschienen ist:

    http://www.zeit.de/2013/02/Paedagogik-John-Hattie-Visible-Learning

  7. Ausgezeichneter KommentatorFrancois Villon
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    28. Januar 2013 07:45

    Wenn man bedenkt, daß jede Aufgabe ja Mittel zu ihrer Durchführung benötigt und diese immer beschränkt sind, ist klar, daß man sich „nach der Decke strecken muß“.
    In Österreich und Deutschland hatte diese „Optimierungsaufgabe“ im Bereich Schule und (Berufsaus-)Bildung dazu geführt, daß hier die meisten und besten Wissenschaftler, die dafür auf der ganzen Welt bewunderten Facharbeiter, die den Ruf von „Made in Germany“ begründeten, hatte. Dies alles mit dem noch zu meiner Schulzeit üblichen „Frontalunterricht“.

    Der heute mit der Zahl der Nobelpreisträger „gemessene“ Stand von Wissen und Wissenschaft in einem Land hatte sich nach dem Krieg einerseits durch die Drainage (= zwangsweise und bedingt freiwillige „Emigration“ von Wissenschaftlern nach der UdSSR und USA) ergeben, aber vor allem auch dadurch, daß der Vorschlagsrecht für Nobelpreis-Kandidaten als Kriegsbeute von den Universitäten Deutschlands vor allem nach den USA wanderte. Das war wohl der durchsichtige Grund, daß der Weihrauch vermehrt deren Wissenschaftlern und nicht mehr so oft unseren zuwehte.

    Wenn man als historisches Beispiel die (international gebilligte) Annexion Bosnien-Herzegowinas an die Österreichische Monarchie betrachtet, so herrschte 1880 dort vordem ein 97-%iger Analphabetismus. Dieser Zustand wurde in der kurzen Zeit bis 1914 auf 3% geändert.

    Alles mit den „Frontal-Methoden“ wie damals üblich.

    Soweit ich anläßlich einer Studienreise nach Bosnien-Herzegowina nach dem Überfall der NATO/USA auf Jugoslawien feststellen konnte, ist man heute wieder auf dem Weg zu „vor-österreichischen“ Zuständen.

    Ich glaube natürlich, daß ein (guter) Lehrer für eine kleine Gruppe noch mehr erreichen kann, aber dies kann kaum die Methode der Wahl sein, wenn die Mittel beschränkt sind.

    Wenn dies von den USA immer behauptet wird, so wundert es mich natürlich, wieso dann die Masse der Amerikaner so schwach sind (nämlich die grundlegenden Kulturtechniken wie lesen, schreiben und rechnen nicht zu beherrschen), daß sich die großen Unternehmen ja gezwungen sahen firmeninterne Ausbildung zu betreiben.

    Die Beschäftigten dort waren/sind ja oft nicht in der Lage die einfachsten Arbeits- und Sicherheitsanweisungen zu lesen und zu verstehen.

    Welche Ursache die Verschlechterung der Leistungen bei uns hat, trotz kleinerer Klassen, Stützlehrer, Gruppen-Unterricht und „moderner“ Lehrmittel, etc. wird wohl andere Ursachen als den Frontalunterricht haben. Vermutlich nicht zuletzt eine politisch motivierte Absicht eine nicht zu gebildete Bevölkerung zu schaffen, denn vVerblödete Massen sind leichter zu manipulieren.

die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorFrancois Villon
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    28. Januar 2013 07:45

    Wenn man bedenkt, daß jede Aufgabe ja Mittel zu ihrer Durchführung benötigt und diese immer beschränkt sind, ist klar, daß man sich „nach der Decke strecken muß“.
    In Österreich und Deutschland hatte diese „Optimierungsaufgabe“ im Bereich Schule und (Berufsaus-)Bildung dazu geführt, daß hier die meisten und besten Wissenschaftler, die dafür auf der ganzen Welt bewunderten Facharbeiter, die den Ruf von „Made in Germany“ begründeten, hatte. Dies alles mit dem noch zu meiner Schulzeit üblichen „Frontalunterricht“.

    Der heute mit der Zahl der Nobelpreisträger „gemessene“ Stand von Wissen und Wissenschaft in einem Land hatte sich nach dem Krieg einerseits durch die Drainage (= zwangsweise und bedingt freiwillige „Emigration“ von Wissenschaftlern nach der UdSSR und USA) ergeben, aber vor allem auch dadurch, daß der Vorschlagsrecht für Nobelpreis-Kandidaten als Kriegsbeute von den Universitäten Deutschlands vor allem nach den USA wanderte. Das war wohl der durchsichtige Grund, daß der Weihrauch vermehrt deren Wissenschaftlern und nicht mehr so oft unseren zuwehte.

    Wenn man als historisches Beispiel die (international gebilligte) Annexion Bosnien-Herzegowinas an die Österreichische Monarchie betrachtet, so herrschte 1880 dort vordem ein 97-%iger Analphabetismus. Dieser Zustand wurde in der kurzen Zeit bis 1914 auf 3% geändert.

    Alles mit den „Frontal-Methoden“ wie damals üblich.

    Soweit ich anläßlich einer Studienreise nach Bosnien-Herzegowina nach dem Überfall der NATO/USA auf Jugoslawien feststellen konnte, ist man heute wieder auf dem Weg zu „vor-österreichischen“ Zuständen.

    Ich glaube natürlich, daß ein (guter) Lehrer für eine kleine Gruppe noch mehr erreichen kann, aber dies kann kaum die Methode der Wahl sein, wenn die Mittel beschränkt sind.

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    07. Februar 2015 06:02

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  8. byrig
    07. Februar 2013 01:36

    in finnland gibt es praktisch keine ausländer.wichtiger punkt!
    ausserdem:den wettstreit zwischen österreischen-gegen finnischen oberstufengymnasiasten würde österreich locker gewinnen.
    das ärgert ja radikalsozialistische lesben wie diese claudia schmidt so sehr.
    ergebnis:die jugendarbeitslosigkeit in österreich ist trotz pisa halb so gross wie in finnland.
    ausserdem:wie dr.quin nicht wirklich überraschend studien zitiert,ist der frontelunterricht,verbunden mit lernaufgaben(nicht zwangsläufig) mit den besten lerenergebnissen verknüft.
    zusammenfassend ist eines klar:
    die linken(sozis,grünmarxisten ala pilz) wollen aus rein ideologischen gründen die gesamtschule.aber auch sogenannte moderate wie dieser komische androsch wollen das.warum?dieser kerl ist im grunde seines herzens marxist!
    nur dann nicht,wenns um seine eigenen einnahmen geht.

  9. cmh (kein Partner)
    30. Januar 2013 16:50

    Früher hat man gewusst, dass man Pferde zwar zur Tränke bringen muss, dass die aber selber saufen müssen.

    Das ist heute in Vergessenheit geraten. Und ist doch so simpel.

    Bei den Schülern meint man heute, mann müsse auch noch dafür Sorge tragen, dass die "Bildung" möglichst nicht mehr zu kauen ist, von alleine die Speiseröhre hinabgleitet und dem Verdauungstrakt keine Probleme verursacht.

    Dann wundern sich alle, wenn Schüler, die als für das Alleinelernen, Alleinedenken und Alleineplanen zu dumm angesehen werden, als Erwachsene dann immer noch Konsumentenschutz, Tierschutz und die Frau NR Glawischnik (für die Musik) benötigen, um verletzungsfrei durchs Leben zu kommen.

    Kinder freuen sich an Problemen, an den von ihnen gefundenen Lösungen und über den Trost, wenn einmal ein anderer schneller die Lösung gefunden hat.

    Im heutigen Schulsystem wird ihnen nur nachhaltig beigebracht, dass man es sich in jedem Fall richten kann und dass die Lehrer dafür verantwortlich sind, dass jeder Schüler gute Noten bekommt.

  10. Maigret
    29. Januar 2013 17:37

    Den wichtigsten Grund für das gute Abschneiden der finnischen Kinder beim PISA Test hat Herr dr. Quin (aus ideologiaschen Gründen?) vergessen:
    Die Klassenzusammensetzung. Finnland hat nämlich so gut wie keine Migrantenkinder (erster, zweiter oder dritter Generation) aus dem Orient.

    Das gilt im übrigen auch für die guten Test-Werte der Chinesen oder südkoreaner..

  11. kpax (kein Partner)
    28. Januar 2013 21:23

    Ich habe selbst Biologie und Chemie Lehramt an der Uni Wien studiert (bin aber dann nicht in die Schule gegangen; mir war es mit dem Lehrerbashing und dieser unsäglichen Ministerin einfach zu viel), und in den (wenigen) guten pädagogischen Seminaren, die ich absolvieren musste, wurde eines von einer sehr intelligenten Lehrerin gehalten. Die Message war, was eigentlich eh alle wissen, außer den hysterischen "Projekt!"-Schreiern: Das Beste, was Schülern passieren kann, ist ein gut gemachter Frontalunterricht.

    Auch wenn es mich in meiner beruflichen Laufbahn nicht mehr viel berühren wird: gut zu wissen, dass mit Dr. Quin eine Kapazität an einer wichtigen Stelle sitzt.

  12. S.B.
    28. Januar 2013 20:40

    "Sinnvoller Methodenmix"
    Damit ist alles gesagt in der Debatte Gruppenarbeit versus Frontalunterricht.

  13. Wertkonservativer
    28. Januar 2013 17:16

    Die finnischen Youngsters sind im Durchschnitt sicher nicht intelligenter als unsere: die langen und finsteren Winter, weniger Asylantenkinder, bessere Lehrer und weniger Ablenkung, all das wird sicher mitspielen, dass sie bei Pisa meist vorne sind.

    Bei uns gibt's halt, durch rothäutige Lehrerscharen bedingt, wesentlich mehr Augenmerk auf gute, oft geschenkte Schulnoten, doch das nützt bei echten Wissens-Abfragen dann halt doch nicht viel!
    Ganz wesentlich ist natürlich für den Leistungsdurchschnitt im Lesen der bei uns wesentlich höhere Anteil an Kindern bzw. Jugendlichen mit ausländischer Herkunft!
    Da muss jeder Vergleich hinken!

    (mail to: gerhard@michler.at)

  14. Arundo.donax
    28. Januar 2013 09:10

    Dass der klassische Frontalunterricht besser ist als sein Ruf und nicht alle als zeitgemäß, innovativ und erfolgversprechend angesehenen Lehrmethoden bei allen Schülern zu besten Ergebnissen führen, erläutert folgender Artikel, der vor kurzem in der ZEIT erschienen ist:

    http://www.zeit.de/2013/02/Paedagogik-John-Hattie-Visible-Learning

  15. Francois Villon (kein Partner)
    28. Januar 2013 07:45

    Wenn man bedenkt, daß jede Aufgabe ja Mittel zu ihrer Durchführung benötigt und diese immer beschränkt sind, ist klar, daß man sich „nach der Decke strecken muß“.
    In Österreich und Deutschland hatte diese „Optimierungsaufgabe“ im Bereich Schule und (Berufsaus-)Bildung dazu geführt, daß hier die meisten und besten Wissenschaftler, die dafür auf der ganzen Welt bewunderten Facharbeiter, die den Ruf von „Made in Germany“ begründeten, hatte. Dies alles mit dem noch zu meiner Schulzeit üblichen „Frontalunterricht“.

    Der heute mit der Zahl der Nobelpreisträger „gemessene“ Stand von Wissen und Wissenschaft in einem Land hatte sich nach dem Krieg einerseits durch die Drainage (= zwangsweise und bedingt freiwillige „Emigration“ von Wissenschaftlern nach der UdSSR und USA) ergeben, aber vor allem auch dadurch, daß der Vorschlagsrecht für Nobelpreis-Kandidaten als Kriegsbeute von den Universitäten Deutschlands vor allem nach den USA wanderte. Das war wohl der durchsichtige Grund, daß der Weihrauch vermehrt deren Wissenschaftlern und nicht mehr so oft unseren zuwehte.

    Wenn man als historisches Beispiel die (international gebilligte) Annexion Bosnien-Herzegowinas an die Österreichische Monarchie betrachtet, so herrschte 1880 dort vordem ein 97-%iger Analphabetismus. Dieser Zustand wurde in der kurzen Zeit bis 1914 auf 3% geändert.

    Alles mit den „Frontal-Methoden“ wie damals üblich.

    Soweit ich anläßlich einer Studienreise nach Bosnien-Herzegowina nach dem Überfall der NATO/USA auf Jugoslawien feststellen konnte, ist man heute wieder auf dem Weg zu „vor-österreichischen“ Zuständen.

    Ich glaube natürlich, daß ein (guter) Lehrer für eine kleine Gruppe noch mehr erreichen kann, aber dies kann kaum die Methode der Wahl sein, wenn die Mittel beschränkt sind.

    Wenn dies von den USA immer behauptet wird, so wundert es mich natürlich, wieso dann die Masse der Amerikaner so schwach sind (nämlich die grundlegenden Kulturtechniken wie lesen, schreiben und rechnen nicht zu beherrschen), daß sich die großen Unternehmen ja gezwungen sahen firmeninterne Ausbildung zu betreiben.

    Die Beschäftigten dort waren/sind ja oft nicht in der Lage die einfachsten Arbeits- und Sicherheitsanweisungen zu lesen und zu verstehen.

    Welche Ursache die Verschlechterung der Leistungen bei uns hat, trotz kleinerer Klassen, Stützlehrer, Gruppen-Unterricht und „moderner“ Lehrmittel, etc. wird wohl andere Ursachen als den Frontalunterricht haben. Vermutlich nicht zuletzt eine politisch motivierte Absicht eine nicht zu gebildete Bevölkerung zu schaffen, denn vVerblödete Massen sind leichter zu manipulieren.

  16. Arundo.donax
    27. Januar 2013 14:10

    Das österreichische mit dem finnischen Schulsystem zu vergleichen, funktioniert aus verschiedenen Gründen nicht so einfach. Ich darf hier aus dem in der Zeitschrift "Freiheit der Wissenschaft" 2/2002 erschienenen Artikel von Th. v. Freymann zitieren:

    "Erklärungen für die guten Ergebnisse der finnischen PISA-Probanden

    Warum können finnische Jugendliche so viel besser lesen als deutsche, wenn doch finnische Lehrkräfte nicht besseren Unterricht geben als die hiesigen? (Ich beschränke mich hier auf den Aspekt "Lesen", aber dass viele der folgenden Punkte auch für andere Fächer gelten, liegt auf der Hand.)
    - Dank bestimmter soziokultureller Bedingungen, die es anderswo so nicht gibt, und
    - Dank bestimmter innerschulischer Faktoren.

    1. Soziokulturelle Bedingungen

    1.1 Finnland hat lange, kalte und dunkle Winter und darum von alters her eine Lesetradition, für die südlich der Ostsee keine Entsprechung existiert. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Analphabetenrate Finnlands die niedrigste der Welt, 3,8 %. Es wird einfach sehr viel mehr gelesen als in Deutschland. Der hohe gesellschaftliche Stellenwert des Lesens färbt auf die Wahrnehmung von Kindern ab und trägt zu ihrer Motivation bei.

    1.2 Finnisch liest sich unvergleichlich viel leichter als Deutsch, denn die Orthographie ist vollkommen phonetisch. Daß da s - i - e - b steht, man aber "siip" lesen muß, kommt nicht vor. Jedem Laut entspricht ein und nur ein Buchstabe. Niemals kann ein und derselbe Buchstabe einmal diesen, einmal jenen Laut bezeichnen wie im Deutschen (Vase - Vater). Einen 15jährigen Schüler, der viel liest, stört die deutsche Orthographie natürlich nicht mehr, sehr wohl aber dürfte sie bei der Leseleistung jener Probanden eine Rolle spielen, die die PISA-Studie als "Risikogruppe" bezeichnet. (Das sind diejenigen, die die unterste Lesekompetenzstufe des Tests nicht überschreiten oder gar nicht erst erreichen.)

    1.3 Ausländische Fernsehbeiträge und Kinofilme werden nicht synchronisiert, sondern untertitelt. Gerade diejenigen, die am wenigsten Bücher lesen, aber am meisten vor dem Fernseher sitzen, absolvieren also ein tägliches Training schnellen, sinnerfassenden Lesens. Da sie das freiwillig tun - sie wollen ja fernsehen! - ist der Effekt erheblich.

    1.4 Die Ausländerquote liegt in Finnland bei knapp 2 %; im Binnenland gibt es in den Schulen praktisch keine Kinder ausländischer Muttersprache. Außerdem wird jedem Kind, das aus dem Ausland kommt, von Staats wegen eine Landessprache beigebracht, ehe es in eine normale Klasse gesetzt wird. Schüler, die dem Unterricht aus sprachlichen Gründen nicht folgen können, gibt es also nirgends.

    1.5 Die Bevölkerung Finnlands ist, von der Ballungsregion an der Südküste abgesehen, noch immer in hohem Maße homogen. Die Differenz zwischen den höchsten und den niedrigsten Einkommen "nach Steuern" ist die geringste aller entwickelten Länder ("vor Steuern" liegen auf Platz 1 die Schweden), Reichtum der Größenordnung, für die in Mitteleuropa jahrhundertealte Namen wie etwa Thurn und Taxis stehen, existiert im 1917 erst selbständig gewordenen Finnland überhaupt nicht. Jede normale Schulklasse im finnischen Binnenland setzt sich aus Kindern zusammen, deren soziales und mentales Erbe ein weitgehend gemeinsames ist. Selbstverständlich gibt es auch in einer mittelfinnischen Kleinstadt Ärzte und Apotheker, Lehrer und Juristen einerseits - und andererseits Busfahrer, Hausmeister und Briefträger. Aber ein Proletariat gibt es nicht, nicht einmal ländliches. Jede Lehrkraft kann sich darauf verlassen, daß das Werte- und Normengefüge, das von frühester Kindheit an in den Köpfen der Schüler verankert ist, im Prinzip intakt ist, auch wenn - selbstverständlich! - Kinder in Finnland wie überall auf der Welt nicht von morgens bis abends einfach "artig" sind. Keine binnenfinnische Lehrkraft hat es mit dem grellbunten Flickenteppich der Mentalitäten zu tun, auf dem ihre deutschen Kollegen sich bewegen müssen, und das eben nicht nur in Großstädten, sondern - zumindest in Westdeutschland - praktisch überall. Was das für das Arbeitsklima und damit für die Effektivität von Lernprozessen bedeutet, macht im wahrsten Sinne des Wortes "unermesslich" viel aus. Finnische Lehrkräfte, die aus der Ballungsregion ins Binnenland umziehen und dort unterrichten, wissen davon ein Lied zu singen, und der Refrain lautet: "Hier ist gut sein! Hier kann man noch richtig Schule halten!".
    Daß nicht mehr als 1,5 Millionen Einwohner Finnlands unter "mitteleuropäischen Bedingungen" leben und alle übrigen unter traditionell finnischen, dürfte ein wesentlicher Erklärungsfaktor für die PISA-Ergebnisse sein. Die hohe Plausibilität dieser These wird auch im Zentralamt für Unterrichtswesen gesehen, im Gespräch mit ausländischen Besuchern jedoch meist nicht hervorgehoben, weil man ihnen dann zu viel Erklärungen zu Finnlands Geographie, Demographie, Kultur und Sozialgeschichte zumuten müßte. So bleibt der Zusammenhang den deutschen Rechercheuren meist verborgen.

    2. Innerschulische Faktoren

    2.1 Die durchschnittliche Klassenfrequenz beträgt in Finnland 19,5 - in Deutschland 24,1.

    2.2 Es gibt keinen nennenswerten Unterrichtsausfall. Jeder Schulträger hat eine "Vertretungsreserve": Voll ausgebildete Lehrkräfte, die sofort einspringen, wenn eine Lehrkraft erkrankt. Dies schlägt besonders in Bezug auf die schwächeren Schüler zu Buche, denn sie sind es ja, die durch Unterrichtsausfall besonders benachteiligt werden.

    2.3 Lehrkräfte können ihre ganze Kraft in den Unterricht investieren, denn anders als hierzulande ist es ja nicht ihre Aufgabe, sich nebenher ganz anderen Dingen zu widmen. Psychologin und Kuratorin sind selbst in kleinen Schulen niemals "Gäste von außerhalb", sie gehören auch dann zum Kollegium, wenn sie nicht täglich in gerade dieser Schule sind, sondern an verschiedenen Wochentagen an verschiedenen (kleinen!) Schulen. Diese beiden Fachkräfte für außerunterrichtliche Probleme in der Schule entlasten die Lehrkräfte ganz enorm und tragen so dazu bei, daß in den Stunden effektiv gearbeitet werden kann.

    2.4 Wenn die Schule große Klassen hat - d. h. solche mit mehr als 18 - 20 Schülern - stellt sie Assistentinnen auf Stundenbasis ein. Diese haben keine einschlägige Ausbildung (es sind z.B. Mütter oder Abiturientinnen, die auf einen Studienplatz warten) und dürfen nicht selbständig arbeiten. Sie gehen aber mit einer Lehrkraft in die Klasse und betreuen dort nach ihrer Anweisung Schüler, die dem Unterricht nicht folgen können oder wollen. Sie können sich z.B. neben einen Störer setzen und mit ihm arbeiten oder mit einer kleinen Gruppe in einen anderen Raum gehen. Auf keinen Fall soll die Lehrkraft von ihrer Aufgabe, der ganzen Klasse etwas beizubringen, dadurch abgelenkt werden, daß einzelne Schüler ihre Aufmerksamkeit voll für sich in Anspruch nehmen.

    2.5 Der entscheidende Faktor ist das Fördersystem. Innerhalb der Regelschule erfaßt es pro Jahr 16 % - 17 % aller Schüler, und das Zentralamt für Unterrichtswesen beklagt, daß die finanziellen Ressourcen diesen Prozentsatz begrenzen. Er deckt den Bedarf nicht. Wenn schwache Schüler sofort erfaßt und einzeln zielgenau unterrichtet werden, brauchen sie auch im schlimmsten Fall - d.h. wenn sie solche Hilfe im Lauf des Schuljahres mehrfach und in verschiedenen Fächern benötigen - nicht ein ganzes Jahr länger in der Schule herumzuhängen.
    Übrigens ist Sitzenbleiben nicht nur für das betroffene Kind in vielen Fällen dysfunktional. Es ist auch für die Gesellschaft unökonomisch.

    Konsequenzen

    Wenn man bedenkt, daß in Deutschland nur rund 4 % der Schüler die Sonderschule L besuchen und den restlichen schwachen Schülern - nach finnischen Maßstäben also mindestens 12 %! - keinerlei besondere didaktische Fürsorge zu Teil wird, braucht man sich über die Größe der von PISA ausgemachten Risikogruppe nicht zu wundern. Keine finnische Klassenlehrerin begreift, daß von ihrer deutschen Kollegin erwartet wird, dem Problem schlicht durch "binnendifferenzierten Unterricht" beizukommen. Daß das im Rahmen des Klassenverbandes, noch dazu ohne Spezialkompetenz in Diagnostik und Methodik (!), nicht geht, versteht sich in Finnland von selbst.

    Prinzipiell könnte man das finnische Förderverfahren, mindestens aber Stellen für Speziallehrkräfte, in Deutschland einführen, ohne das gesamte Schulsystem umzubauen. An einzelnen Versuchsschulen wäre es sogar relativ schnell zu machen, und der Erfolg ließe sich auch binnen weniger Jahre schon messen. Was fehlt, ist der politische Wille zu solchen Maßnahmen. Den Lehrkräften den Schwarzen Peter zuzuschieben, ist bequemer und billiger.

    Aber es bringt nichts. Wenn Deutschland in Sachen Bildung international aufholen will, muß es
    - allen Immigrantenkindern Deutsch beibringen und
    - allen schwachen Schülern systematisch helfen.

    Daß das nicht aus dem Stand heraus flächendeckend möglich ist, versteht sich. Aber an welcher Stelle eine neue Schulpersonalpolitik ansetzen müßte, sieht jeder Pädagoge: in der Grundschule. Dort werden die Fundamente für den künftigen Bildungsgang eines jeden Kindes gelegt. Es ist die personelle Besetzung der Schule, von der alles andere abhängt. Nur Lehrkräfte, die sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren dürfen, den Unterricht also, können diese Aufgabe auf die Dauer mit professioneller Effizienz erfüllen. Wer Sozialarbeiterin, Psychologin, Klassenlehrerin und Speziallehrerin in einer Person sein soll, kann keines davon so sein, daß das Resultat die Bedürfnisse der Schüler und der Gesellschaft befriedigt. Das burn-out syndrom bedroht jede Lehrkraft, die einen solchen Spagat versucht."

    Würden sich die Lehrer in Österreich mehr auf ihre eigentliche Kernaufgabe, das Unterrichten, konzentrieren können und nicht so viel Zeit aufwenden müssen, erst einmal die Bedingungen, um überhaupt vernünftig arbeiten zu können, herzustellen, wäre schon einiges getan. Zunehmend mehr verhaltensauffällige Schüler, fehlender Rückhalt von Seiten der Eltern und und so gut wie keine Möglichkeiten, Fehlverhalten zu sanktionieren erschweren die Arbeit wesentllich. Zusätzliches Personal hierfür, wie in Finnland üblich, würde allerdings einiges kosten - woran es wahrscheinlich bisher auch gescheitert ist.

    • dssm
      27. Januar 2013 14:19

      @Arundo.donax
      Zitat: „Finnisch liest sich unvergleichlich viel leichter als Deutsch“.
      Dem kann ich aus persönlicher Erfahrung nicht beipflichten.
      Ich habe bei einer Hochzeit einen Gottesdienst in finnischer Sprache erlebt. Dazu habe ich ein Gesangsbuch, mit den Worten der Pastorin: Finnisch liest sich genau so wie es da steht, bekommen.
      Mein Eindruck war aber ein komplett anderer!

      Dazu gibt es stets lokale Unterschiede in der Aussprache, in Österreich besonders gut zu beobachten. Daraus folgt aber zwingend, daß eine Hochsprache in Schriftform niemals(!) die daraus folgende sprachliche Wiedergabe vereinheitlicht – wobei alle Sprecher sicherlich auch behaupten, es genau so laut abzulesen, wie es eben dasteht.

  17. dssm
    27. Januar 2013 13:44

    Und so hat auch das Dritte Reich funktioniert.
    Fast alle wissen um den Wahnsinn, fast alle wissen wie es besser gehen könnte, fast alle wissen wie unmoralisch die aktuelle Situation ist.
    Aber gleichzeitig handeln alle (es gibt allerdings Ausnahmen) streng nach Befehl, obwohl sie wissen, daß es falsch ist!

    Mit anderen Worten: Mit meinen Steuergeldern zahle ich Leute (und zwar sehr gut), welche wissentlich die Kinder schlecht ausbilden und damit ebenfalls wissentlich die Zukunft des ganzen Landes gefährden.

    Eine verbrecherische Regierung braucht verbrecherische Menschen um ihre Verbrechen in die Tat umzusetzen.

    Lieber Herr Quin, so rührig ihr persönlicher Aufschrei auch ist, Sie sind ein Mittäter, denn das Gehalt, welches ich zwangsweise(!) co-finanziere, nehmen Sie ja doch.

  18. Schani
    27. Januar 2013 06:15

    Herr Doktor Quin,
    Sie rennen bei mir offene Türen ein. Noch heute, ich zähle 55 Lenze, bin ich meinen Lehrern für ihren Frontalunterricht dankbar! Ich schätze auch die von mir besuchten medizinischen Fortbildungsveranstaltungen, welche als "Frontalunterricht" stattfinden, sehr. Denn nur so kann man Expertenwissen, sei es in der Schule oder im Beruf, erfahren und aufnehmen. Fragen und diskutieren über das dabei Vermittelte kann und soll man im Anschluß.





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