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Was für uns zählt, hat keinen Preis!

„Satanische Verse“ wider die „reine“ Ökonomie des Mainstreams, vorgetragen von Tomáš Sedlacek. Es gehört zu der bitteren Wahrheit des schleichenden Kulturverfalls, dass auch in der Wirtschaftswissenschaft Vorlesungen über die Entwicklungsgeschichte der Haupttheorien der Volkswirtschaftslehre kaum noch gehalten werden. An die Stelle der Dogmengeschichte ist die „reine“ Ökonomie getreten mit ihrem „ökonomischen Kalkül“ von Nutzen und Aufwand, Kosten und Ertrag, „pleasure and pain“ (W. St. Jevons). Mathematik, Ökonometrie, Modelltischlerei haben sich derart verselbständigt, dass der Verlust ihres Bezugs zur Realität nun schon von den Klagemauern der Massenmedien widerhallt.

Als Musterbeispiel dürfen hier die Voraussagen der hochkarätigen Experten der „Troika“ (IWF, EZB, EU) über die Entwicklung von Griechenlands Wirtschaft angeführt werden, die, kaum veröffentlicht, gleich wieder revidiert werden mussten. Die Versuche, die Entwicklung des Bruttosozialprodukts auf zehntel Prozentpunkte genau vorauszusagen, ruft heute nur noch Kopfschütteln hervor.

Ist Ökonomie Wissenschaft? Nicht im naturwissenschaftlichen Sinn!

Angesichts dieser Leerstelle, den der universitäre Lehrbetrieb offen lässt, darf es uns nicht wundern, dass sich das Buch eines jungen Ökonomen (Jg. 1972) zum Bestseller mausern konnte, welches die herkömmlich gelehrte und praktizierte „reine“ Theorie in Frage stellt oder, wenn wir noch deutlicher werden dürfen, als Humbug entlarvt. Wenn nämlich nach Auguste Comte „der Zweck aller Wissenschaften die Voraussage ist“, dann ist die Ökonomie keine Wissenschaft. „Die letzte Wirtschaftskrise hat erneut gezeigt, dass die Ökonomen die Zukunft einfach nicht vorhersagen können“. (S. 379).

Der Autor, der sich nach dem Urteil vieler seiner Kollegen zu solchen Aussagen „erfrecht“, der Tscheche Tomáš Sedlácek, ist kein meckernder „misfit“ (Ungustl), sondern Chefökonom der größten tschechischen Bank. Er ist Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrates. Er hält Vorlesungen an der Prager Karls-Universität und wird laufend zu Gastvorlesungen an namhaften Universitäten in den USA, der Schweiz und sogar Österreich eingeladen. In Yale, Oxford, Cambridge oder London gilt er gar als Kanone („big gun“) und Popstar unter den Ökonomen. Während der Amtszeit von Vaclav Havel war er Berater des Präsidenten, und ihm hat er auch das Vorwort zu seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ zu verdanken.

In der deutschen Edition ist der Untertitel weggeblieben, der in der tschechischen Originalausgabe und auch in der englischen Übersetzung angeführt ist: „Die Frage nach dem Sinn und nach der Bedeutung des Wirtschaftens vom Gilgameschepos bis zur Finanzkrise“. Mit Fug und Recht darf Tomáš Sedlácek behaupten, er habe mit diesem Buch eine „Kulturgeschichte der Ökonomie“ für gebrannte Kinder geschrieben, die mit der Krise von heute nicht fertig werden. Und dass er das auch noch auf kreative, einfallsreiche und humorvolle Weise getan hat, macht sein Buch zu einer ernsten, bedenkenswerten und zugleich amüsanten Lektüre.

Die falsche Auffassung der Ökonomie als Grund für die Krise

„Einer guten Theorie hält die Wirklichkeit nicht stand“, hat uns Hegel gelehrt. Leider gilt sein Satz auch für schlechte Theorien. In ihnen erkennt Tomáš Sedlácek den eigentlichen Grund für unsere Misere. Unsere Wirtschaftsauffassung ist einfach falsch. Wir betrachten Wirtschaft nicht mehr als Teil unserer Kultur und Zivilisation, sondern glauben, wir könnten sie sich selbst überlassen, irgendeine mystische, geheimnisvolle „unsichtbare Hand“ sorge dafür, dass die Bäume des Eigennutzes in den Himmel des Gemeinwohls wachsen. Wir glauben, die Wirtschaft funktioniere wie ein Mechanismus, nach Regeln der Physik.

Wie bei der Konstruktion eines Automotors ethische Vorschriften nichts zu suchen haben, so verhielte es sich auch mit dem „Wirtschaftsmotor“, der, wenn richtig konstruiert, nach den Mechanismen des Marktes abläuft. Ethische Normen oder „Werte“, so die Auffassung der meisten Ökonomen von Adam Smith bis zu den „Austrians“ (Mises, Hayek etc.), könnten den reibungslosen Ablauf nur stören. Doch, so die These von Sedlacek, in jeder wirtschaftlichen Entscheidung, ob sie nun ein Manager trifft oder der Käufer einer Banane, ist Moral mit im Spiel. „In every purchase, every managerial decision there is moral impact on others”, schärfte er den „Leaders of Tomorrow” in St. Gallen (Schweiz) ein.

Was ist eigentlich ist „wertvoll“ oder „gut“?

Wie konnte es dazu kommen, fragt sich Tomáš Sedlácek, dass eine Wissenschaft, in der „Werte“ eine so große Rolle spielen, „Werte außen vor lässt“, wie man heute neudeutsch sagt? Es ist für ihn geradezu „paradox, dass ein Gebiet (Anm.: gemeint ist die Ökonomie als Wissenschaft), das sich vorwiegend mit Werten beschäftigt, wertfrei sein will“. Er kann Milton Friedman nicht verstehen, für den die Ökonomie eine „positive Wissenschaft“ zu sein hat, „wertneutral“, „die Welt so beschreiben(d) wie sie ist, nicht wie sie sein sollte“ (S. 18). „Im wirklichen Leben“, wendet Tomáš Sedlácek ein, „ist die Ökonomie keine positive Wissenschaft“, die meisten Wissenschafter versuchen sie nur dazu zu machen, um „lästigen Grundfragen – das heißt der Metaphysik – aus dem Wege zu gehen“ (S. 19).

Ein schwerer, doch treffender Vorwurf! Indem wir die Grundfragen nicht mehr stellen, wissen wir auch nicht, ob das, was wir tun, verlangen, veranlassen, eigentlich „gut“ oder „böse“ ist. Ist hohes Wachstum des BIP gut oder sollten wir uns bescheiden mit dem, was wir bereits haben und die ständige Unzufriedenheit aufgeben (vgl. . 400)? Sollen wir Konkurrenz anheizen oder runinöse und halsabschneiderische Konkurrenz dämpfen? Müssen wir über Monopole und hohe Preise, wie Friedrich August von Hayek es vertritt, sub specie aeternitatis froh sein, weil sie den verschwenderischen Umgang mit nichterneuerbaren Rohstoffen hintanhalten oder sollen wir die Rohstoffkonzerne zwingen, sie billig auf den Markt zu bringen, um unsere gegenwärtigen Lebenshaltungskosten zu Lasten der Versorgung künftiger Generationen zu senken? Dürfen wir (ethisch gesehen) alles machen, was wir (technisch) machen können, z.B. die Gene von Pflanzen manipulieren, Tiere oder gar Menschen klonen? Was ist eigentlich überhaupt der Zweck der Ökonomie? Wofür nehmen wir die ganzen Anstrengungen auf uns? Doch wohl nur, um ein gutes Leben zu führen. Doch was ist das, das „gute Leben“?

Die Ökonomie und das gute Leben

Die Antwort geben uns nicht Graphiken, Tabellen, ökonomische Kalküle von Nutzen und Aufwand oder mathematische Modelle, mit denen unsere Lehrbücher voll gestopft sind. Wir finden die Antworten viel eher in unseren Annahmen, Vor-Urteilen, Überzeugungen, Ideologien, Welt-Anschauungen, philosophischen Erkenntnissen und zuletzt sogar in unseren religiösen Überzeugungen. Wirtschaft ist nämlich, so die triviale, doch wahre Aussage von Tomáš Sedlácek, eine kulturelle Erscheinung, ein Produkt unserer Zivilisation.

Dem sollten Ökonomen Rechnung tragen, sie sollten die Grenzen ihres Fachs überschreiten, fordert er. Die Ökonomie kann nämlich nicht verstanden werden ohne „Einbettung“ in die Gesellschaft, also in ihre Gestaltung durch Religion, Philosophie, Wissenschaft, Kunst, Ethik, Moral, Recht, Politik, Machtverhältnisse, staatliche Strukturen, bildungsmäßige Voraussetzungen der Bevölkerung, Arbeitsauffassung, demographische Entwicklung, Stand der Technik, Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen.

Der Mensch, ein unnatürliches Wesen

Das war schon immer so. Im Gilgamesch-Epos wird vor mehr als viertausend Jahren das beschrieben, was wir heute „Stadtwirtschaftspolitik“ nennen. Der Held des Epos, Gilgamesch, will das Leben in der Stadt Uruk für die Bewohner sicherer und angenehmer gestalten. Um sie gegen die Bedrohung von außen zu schützen, umgibt er sie mit einer Mauer und zieht so eine Grenze gegen die drohende, unheimliche, von Dämonen und bösen Geistern beherrschte Umgebung, den undurchdringlichen „Wald“. Gilgamensch scheut den Wald nicht, er holzt ihn ab und zeigt uns Späteren, dass „die Natur existiert, um den Städten und Menschen Rohstoffe und Produktionsmittel zu liefern“ (S. 40).

Hier werden wir Zeugen einer wichtigen geschichtlichen Veränderung: Die Menschen fühlen sich in einem unnatürlichen, künstlichen Konstrukt, in der von ihnen gebauten Stadt, wohl. Gilgamesch lehrte uns, uns als Geschöpfe zu begreifen, „für die es natürlich ist, unnatürlich zu sein“ (S. 342). „Die Natur ist nicht mehr der Garten, … in den er (der Mensch) gesetzt wurde, um den er sich kümmern und in dem er wohnen sollte, sondern nur noch ein Reservoir natürlicher Ressourcen“ (S. 41). Sie liefert Bauholz. Innerhalb der Stadtmauern können sich Reichtum und Wohlstand entwickeln, die Bewohner können sich spezialisieren, Handwerk und Handel blühen auf, durch Erziehung und Zivilisation wird der Mensch aus der Abhängigkeit von der Natur oder, wie Marx schrieb, „aus der Idiotie des Landlebens“ befreit, er gewinnt an „Menschsein“.

Doch das hat seinen Preis: Je mehr Zivilisation, desto abhängiger wird der Mensch von der Gesellschaft (vgl. S. 46). So wie Gilgamesch verhalten wir uns gegenüber der Natur: Wir beuten sie nur noch aus. Und das auf Kosten künftiger Generationen. In „Global 2000“ haben im Auftrage des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter tausende Experten eindrücklich beschrieben, wie wenig nachhaltig wir mit unseren Lebensgrundlagen umgehen.

Was uns die Juden lehren

Zu einem der interessantesten Kapitel des Buches gehört jenes über den Einfluss der Juden, welchen sie seit dem Alten Testament bis zum heutigen Tage auf unsere ökonomischen Auffassungen ausüben. „Die Juden“, so gleich der erste Satz des relevanten zweiten Kapitels, „haben bei der Entwicklung der heutigen europäisch-amerikanischen Kultur und ihrer Wirtschaftssysteme eine Schlüsselrolle gespielt – doch weder die führenden Fachbücher zu ökonomischen Ideen noch andere Wirtschaftstexte haben ihnen viel Platz eingeräumt“ (S. 65). Dabei „können wir den Einfluss des jüdischen Denkens auf das gegenwärtige Stadium der freien Marktwirtschaft gar nicht überbewerten“ (S. 121). Der Autor, so sei hier eingeschoben, verwendet die Bezeichnungen Jude, Hebräer oder Israeli synonym. Mit den führenden Köpfen, die wirtschaftsgeschichtliche Fragen diskutieren, ist er sich über die ausschlaggebende „Bedeutung des Beitrags des jüdischen Denkens und seiner Rolle bei der Entwicklung der modernen kapitalistischen Ökonomie“ einig. Die Juden sind es, die den Himmel auf die Erde holten: „Die hebräische Religion ist also stark mit dieser Welt verbunden, nicht mit irgendeiner abstrakten Welt“ (S. 67).

Die Juden bringen uns die Idee des Fortschritts, ihr Zeitverständnis ist linear, nicht, wie für Gilgamesch, zyklisch, Zeit hat für sie Anfang und Ende. Am Ende kommt der Messias, bringt allen Völkern das „gute Leben“, das Paradies auf Erden, Wohlstand und ewigen Frieden. Mit dem Kommunismus hat Marx diese religiöse Vorstellung in eine säkularisierte Form gebracht.

Reichtum ist keine Schande

Für Juden ist Reichtum keine Schande, ihre Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, die Begründer des Judaismus, waren alle reich. Reichtum, auch wenn er nur der Befriedigung durch und durch irdischer Bedürfnisse diente, betrachteten die Hebräer als Ausdruck der Gnade Gottes. Sich an äußeren Gütern zu erfreuen und leibliche Bedürfnisse zu befriedigen, ist für Juden keine Sünde, ist doch auch die materielle Welt von einem guten Gott erschaffen. Askese und Armut gehören nicht zu den von Juden gepflegten Tugenden.

„Die Religion des Alten Testaments agierte nicht als asketische Religion, sie untersagte irdische Freuden nicht. Ganz im Gegenteil“ (S. 97). Die Helden der Juden sind keine Heiligen, sondern eher „Trickster“ (S. 75) und manches Mal heroisch Leidende wie Ijob und Jesaja. Sie machten aus ihren Königen und Herrschern keine Götter, sondern wiesen ihnen ihre Fehlbarkeit nach und unterwarfen sie scharfer Kritik. Sie verließen sich lieber auf die Richter, die weniger Exekutivmacht hatten. Politik konnte hinterfragt werden, sie ist alles andere als unfehlbar.

Heute wird Politik und Politikern kaum noch Vertrauen entgegengebracht oder Kompetenz zugetraut. Und was die Ablehnung von Askese für den Konsum bedeutet, braucht hier nicht besonders hervorgehoben zu werden, haben wir doch die Konsum-Ankurbelei und das Güterwachstum zu einer säkularen Religion gemacht.

Wir sind in die Wachstumsfalle hineingetappt und glauben, Güterfülle bedeute mehr Glück und Zufriedenheit. Wir merken gar nicht, wie teuer sie oft erkauft ist. Manchmal nämlich durch Schulden, die uns zu Sklaven machen.

Nur noch Arbeitstier?

Nicht weniger bedeutsam ist die Einstellung zur Arbeit. Anders als bei den Griechen, ist für Juden Arbeit ursprünglich nicht mit Erniedrigung verbunden. Arbeit im Paradies sollte Adam Spaß machen, ihm war die ganze Schöpfung zur Pflege anvertraut, er „herrschte über die Fische des Meeres über die Vögel des Himmels, die Tiere, die sich auf dem Lande regen“, sie alle folgten ihm aufs „Wort“. Der Mensch sollte als Vollender der Schöpfung fungieren. Leider hat sich das mit dem Sündenfall geändert. Vertrieben aus dem Paradies, muss er nun „sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen“. Arbeit wurde zum Fluch, der Mensch zum „Roboter“. Robotnik ist das slowakische Wort für „Arbeiter“.

Doch nach jüdischer Auffassung soll der Mensch nicht zum Arbeitstier werden, noch soll die Ökonomie die Gemeinschaft zerstören. Wie Gott bei seiner Schöpfungsarbeit, so sollte auch der Mensch am siebenten Tage ruhen, nachdenken und sich sammeln. Im siebenten Jahr sollte der Boden ausruhen und nicht bebaut werden. Alle sieben Jahre sollten auch die Hebräer, die durch hohe Schulden in die Sklaverei gefallen waren, von ihren Herren aus der Sklaverei und in die Freiheit entlassen werden. Alle sieben mal sieben, also nach 49 Jahren sollten alle Schulden erlassen werden und das Land an die ursprünglichen Stammesfamilien zurückgegeben werden.

Das Wachstum des BIP war also nicht das letzte Ziel aller wirtschaftlichen Aktivitäten, die „Sabattökonomie“ beschränkte es, sogar auf Grund strikter göttlicher Gebote. Gesetzliche Ruhetage, Bodenbrache, Forderungsverzicht, Restitution, ist das ökonomisch vernünftig? Sicher nicht. Ökonomen würden ja zwecks Optimierung am liebsten die Pausen in einer Sinfonie streichen, spottet Vaclav Havel im Vorwort, Pausen „ sind ja schließlich zu nichts gut, sie halten nur den Lauf der Dinge auf, und die Mitglieder des Orchesters können doch nicht dafür bezahlt werden, dass sie nicht spielen…“ (S. 10).

Glück lässt sich nicht messen

Für die Wirtschaftsauffassung der Griechen haben Poesie und Philosophie größte Bedeutung. Zur Arbeit sind wir Menschen nach Hesiod verdammt durch die Strafe, welche die Götter über den „krummgesinnten Prometheus“ verhängten, der ihnen das Feuer raubte. Tiere brauchen kein Feuer, wir brauchen es zum Leben. Manches Mal verbrennt es uns. So wie in Sodom und Gomorra, Hirsoshima, Nagasaki, Fukushima, Tschernobyl.

Pythagoras lehrte uns Zahlen („numbers“) zu schätzen, aber Zahlengläubigkeit kann man auch übertreiben. Das, worauf es im Leben ankommt, „Glück“, messen sie nicht. Was Glück ist, haben uns Sokrates, Platon und Aristoteles beizubringen versucht – nämlich ein fortwährendes Streben nach dem „Guten“ im persönlichen Leben wie in der Gesellschaft.

Sie räumten jeden Zweifel aus über das, was denn das Gute sei, nämlich das Göttergleiche, ewig Wahre, Schöne und Gerechte. Es sollte Menschsein und Ordnung im Staate bestimmen. Doch das Gute, so lehrten sie es uns, wird einem nicht geschenkt. Zu erreichen ist es nur durch große Anstrengung, Führung und Erziehung zur Tugend. Weisheit, Gerechtigkeitssinn, Klugheit, Tapferkeit, Maßhalten und die überschießenden Triebe zähmen, das gelte es zu entwickeln und dazu müsse auch der Staat, die ganze Politik und selbst die Wirtschaft in die Pflicht genommen werden.

Es gibt kein gutes Leben im falschen

Den Griechen war bewusst, dass der Mensch, dieses „zoon politicón“, dieses auf die „polis“, die Gemeinschaft oder Gesellschaft angewiesene „Tier“, den gut geführten Staat braucht, um ein gutes Leben führen zu können. Die Staatsführung sollte deshalb den „Weisen“ vorbehalten werden, denn „bevor nicht die Philosophen Könige werden oder die Könige Philosophen“, sei an ein Ende der ärgsten Übel im Staate nicht zu denken.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wo Demagogen herrschen – Platon nennt sie „Volksverführer“ – ist mit dem guten Leben Schluss. Bald zweieinhalb Jahrtausende nach Platon und Aristoteles findet Theodor Adorno für die Einsicht dieser beiden griechischen Meisterdenker in die Notwendigkeit einer rechtgestalteten und -geführten „Polis“ (= Stadt, Gesellschaft, Gemeinschaft, Staat) die prägnante Formulierung: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Für manche Güter gibt es keinen Markt

Allergrößten Einfluss auf die Entwicklung der modernen Ökonomie hat das Christentum genommen. „Ohne das Christentum“, so die gewagte These von Tomáš Sedlácek, „wären die heutigen westlichen Demokratien mit ihrer freien Marktwirtschaft kaum denkbar“ (S. 170). Dem Christentum ist es gelungen, wesentliche Elemente des jüdischen und griechischen Denkens aufzunehmen, mit seinem Erlösungsglauben eine neue Dimension hinzuzufügen und so zur „Entwicklung der europäisch-amerikanischen Zivilisation“ (S. 170) wesentlich beizutragen.

Zumindest lehrte es uns, den weltlichen Dingen nicht Priorität zuzuerkennen, denn hier auf Erden haben wir keine ewige Heimstätte. Zum Unterschied zum Judentum wird Armut gepriesen. Für das Heil der Seele gibt es keinen Markt, was für uns von wirklichem Wert ist – Freundschaft, Liebe, Selbstzufriedenheit – kann man nicht kaufen. Reichtum öffnet keine Tür zum Himmelreich, der Reiche kommt nicht durchs Nadelöhr.

Gerechtigkeit ist in der Welt nicht zu haben

Neunzehn von dreißig Gleichnisreden Jesu schneiden ökonomische Fragen in einer Weise an, die Ökonomen vor den Kopf stößt. Die Arbeiter im Weinberg erhalten abseits jeder Form von Gerechtigkeit gleichen Lohn für ungleiche Leistungen. Die Verschwendung des Verlorenen Sohnes wird vom Vater dem Fleiß seines Bruders vorgezogen. Der barmherzige Samariter verzichtet auf Kompensation. Die wieder gefundene Drachme wird sogleich verfeiert. Die zwei Münzen, welche die arme Witwe in den Opferkasten wirft, sind mehr wert als die vielfach größere Spende des Wohlhabenden. Die überreiche Ernte einzulagern, wird als wenig sinnvoll bezeichnet. Sich um die Nahrung für den nächsten Tag zu sorgen, erscheint überflüssig, die Sperlinge, für die der Herr sorgt, tun es ja auch nicht (S. 180).

Von überragender Bedeutung ist die Streichung von Schulden. Der Betende bittet den Herrn um die Vergebung seiner Schuld und verspricht auch seinen Schuldigern zu vergeben. Die Schuldner werden von Christus „losgekauft“, und das sogar unter Opferung des eigenen Lebens. Heute halten wir das Versprechen der Schuldvergebung ein, indem wir unsoliden Staaten und Banken ihre Schulden erlassen und sie mit Unsummen loskaufen, die umso größer sind, je mehr sie versagt und je unökonomischer sie gehandelt haben.

Den Gestrauchelten aufzuhelfen, gehört zum Liebesgebot. Unsere ganze moderne Gesellschaft, so Tomáš Sedlácek, „kann ohne die ungerechte Vergebung von Schulden nicht funktionieren“ (S. 174). Marktwirtschaft und Wettbewerbsregeln werden in der Krise ohne Hemmung außer Kraft gesetzt.

Glück ist ein Geschenk

Das Schenken und die „Gnadengabe“ gehören zum Christentum wie das Amen zum Gebet. Die Erlösung ist kostenlos, wir können sie uns nicht „verdienen“, weder durch gute Werke noch Taten (S. 174f). Für Menschen, die sich nahe stehen oder in einer Gemeinschaft zusammenleben, spielt Geld und Bezahlung gar keine oder höchstens eine sehr untergeordnete Rolle.

„Freunde sind Menschen, die sich gegenseitig so viel schulden, dass sie vergessen wie viel“ (S. 178). Ihre Beziehung in Geld oder Preisen auszudrücken, gilt als „vulgär“. Der Vorwurf der „Profitgier“ wird als kränkend empfunden. Privateigentum ist kein absolutes Recht, „die Erde gehört allen gemeinsam“, die Ausübung von Besitzrechten steht unter dem Gemeinwohlvorbehalt (vgl. S. 193).

In den frühchristlichen Gemeinschaften „nannte keiner von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam“ (S195, unter Bezug auf Apostelgeschichte 2, 44 – 4, 35). Tomáš Sedlácek ist der Ansicht, dass die Kommunisten den Christen die Idee des Gemeineigentums verdanken, fügt allerdings hinzu, die Geschichte zeige, „dass die marxistische Vision vom Kommunismus keine funktionierende Alternative zum Kapitalismus bieten konnte“ (vgl. S. 195).

Den idealen Staat gibt es nicht

Mit der Verurteilung der irdischen Welt als „civitas diaboli“ durch Augustinus wurde uns für immer eingeprägt, dass es auf dieser Erde weder den idealen Staat geben, noch den Bürgern der „civitas terrena“ Gerechtigkeit zuteil werden kann. Das Böse kann nicht ausgerottet werden, Unkraut und Weizen gedeihen nur gemeinsam. Das „laissez faire, laissez passé, le monde va de lui même“ der Liberalen findet nach Tomáš Sedlácek hier einen seiner Ursprünge. Noch ältere hat er bei den Stoikern und Aristophanes entdeckt (vgl. S. 203).

Mehr Wirklichkeitssinn als von Augustinus erhielt das Christentum erst durch Thomas von Aquin (1225-1275) und die von ihm vorgenommene „Taufe“ des Aristoteles. Statt Weltverneinung erfolgt jetzt Weltbejahung. „Gott ist in allen Dingen“ (Summa theologica, I, 8, Art. 1), alles was Dasein hat, ob lebendig oder nicht, ob materiell oder geistig, ob vollkommen oder armselig, ja, ob gut oder böse, ist „heilig“ (S. 199), „denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut“ (S. 200).

Ontologisch gesehen, ist jedes Phänomen (Ding, Tatsache), wenn auch noch so unvollkommen und verzerrt, Ausdruck seines „Wesens“ (Noumenon), und dieses ist immer „gut“. „Es existiert kein Böses an (und für) sich“, es gibt kein Heil ohne Unheil, kein Licht ohne Dunkel, „selbst Satan, die Verkörperung des Bösen, spielt eine Doppelrolle: In seiner bösen Rolle hat er die Funktion zu etwas Gutem beizutragen“ (S. 204), er ist „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ (S. 205).

Kein Böses ohne das Gute: Gott pflügt mit dem Teufel

Hier wagt sich Tomáš Sedlácek außerordentlich weit vor. Die größten Gräueltaten wurden, wenn auch irrtümlich, in dem Bemühen begangen, irgendetwas Gutes zu bewirken (S. 202). „Selbst die großen Übel (wie der Holocaust und die Hexenverbrennungen) werden unter dem Vorwand (rhetorisch, aber auch aus Überzeugung vieler heraus) begangen, dass hinter diesem Bösen ein größeres Gutes steht (die Nazis führten an, das deutsche Volk brauche einen größeren Lebensraum, die Inquisitoren, sie würden die Welt durch ihr Handeln vom Bösen befreien).“ Die Einfügungen in Klammer finden sich im Original!

Diese Passage hat Tomáš Sedlácek den Vorwurf des Antisemitismus eingetragen, doch damit wird er wohl fertig werden. Seine zugespitzte Aussage entspricht nicht nur katholischer Lehre, sondern der Logik. „Es ist unmöglich, Böses zu tun, ohne dass es etwas Gutes gäbe, um dessentwillen man das Böse tut“ (S. 201, unter Berufung auf Thomas v. Aquin, Summa contra gentiles, III. Buch, Kapitel 4, 6-7).

Der Vernunft eine Gasse, doch ohne Vorfahrt

Durch Thomas von Aquin wurden Vernunft und Logik gegenüber dem Glauben ihr Recht eingeräumt. Eine Tat, die für die spätere, „wissenschaftlich“ geprägte Zivilisation und ihre Ökonomie ausschlaggebend wurde. Anders als für Martin Luther, für den die Vernunft „des Teufels Braut“ und eine „Metze“ ist (S. 209), besteht der Aquinate darauf, dass natürliche Vernunft und rechter Glaube sich niemals widersprechen können, denn Gott, der ja selbst Geist ist und sich im Logos der Schöpfung offenbart, täuscht weder sich noch uns. Auflehnung gegen die Vernunft ist gleichbedeutend mit der Auflehnung gegen Gott.

Der „Vernunft als Vertretung Gottes im Menschen“ kommt es zu, zu herrschen, nicht auf sie zu hören und entsprechend zu handeln ist für Thomas „Sünde“ (S. 210). Eine höhere Anerkennung kann der Vernunft nicht zuteil werden, sie ist Ausgangspunkt für den „Rationalismus“, der in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft bald triumphieren sollte. Durch übertriebene Rationalisierung wurden Großbetriebe, Verwaltungen und Büros für viele Arbeitnehmer zu frustrierenden, „stählernen Gehäusen der Hörigkeit“ (Max Weber), die ihnen die Lebensfreude nahmen und sie zu Eskapisten machten.

Der Mensch, das gesellige Wesen, braucht Ordnung und Führung

Besondere Beachtung verdient das Hohelied der Gemeinschaft, mit dem Tomáš Sedlácek, gestützt auf Thomas von Aquin, jede individualistische Gesellschaftsauffassung, wie sie heute in liberalen Kreisen gang und gäbe ist, in die Schranken weist. „Es ist aber die natürliche Bestimmung des Menschen, das für gemeinschaftliches und staatliches Leben erschaffene Geschöpf zu sein, das gesellig lebt“, weil es anders seinen Zweck nicht erreicht und auch nicht an den Kulturgütern teilnehmen kann, welche die Gesellschaft ihm bietet. „Wenn er (der Mensch) jedoch in einer Gesellschaft lebt und deren Vorteile nutzen will, muss er Teil der Ordnung sein, die es der Gesellschaft ermöglicht, ein gemeinsames Ziel anzustreben“ (S. 212). Als Teil der Ordnung muss er sich der Führung der Gesellschaft, die auf das gemeinsame Wohl Bedacht nimmt, unterordnen, denn „wo kein Regent ist, zerstreut sich das Volk“ (S. 209, unter Berufung auf Buch der Sprüche 11, 14).

Die Gesellschaft braucht also einen „Steuermann, der am Ruder steht“ (S. 209). Wenn jeder nur auf das bedacht ist, was ihm nützt, würde die Gesellschaft auseinander geraten, „falls nicht eben jemand da wäre, der für das Sorge trägt, was das Wohl der Gesellschaft betrifft“ (S. 209).

Was bleibt außer dem Zweifel?

Die auf die lutherische Verneinung der Autorität von Vernunft und Kirche folgenden politischen Wirren, der dreißigjährige Glaubenskrieg (1618-1648), ließen Zweifel an allem aufkommen, was bis dahin durch Offenbarung, Dogma, Sitte, Recht, Brauchtum oder breiten Konsens als gesicherte Wahrheit galt. Diesen Zweifel griff einer der schärfsten Denker jener Zeit auf, René Descartes (1596 – 1650).

Er ließ nur eine einzige Gewissheit zu, dass er – wie auch jeder andere Mensch – es nämlich selbst ist, der da zweifelte und nach Erkenntnis des Wahren ringt: Cogito ergo sum.

Das „Ich“ oder „Subjekt“, ausgesetzt einer Vielfalt von äußeren Eindrücken, Erfahrungen und Einflüssen unterschiedlichster Art und Stärke, wie konnte es da zu einer allen gemeinsamen und von allen anerkannten Wahrheit gelangen, einem Wissen, dass jedem zugänglich sein sollte? Mit der Stellung dieser Frage leitete Descartes das bis heute andauernde „wissenschaftliche Zeitalter“ ein. Ab nun setzte sich wissenschaftliches Denken zum Ziel, „eine Methode zur Untersuchung der Welt durchzudrücken, die keinen Zweifel zuließ und frei von jeder subjektiven, disputablen Dimension war“ (S. 215).

Das war nur möglich durch Beschränkung auf die „körperlichen“ Teile der Welt, die mit den Sinnen erfasst, gezählt, gemessen und gewogen, deren Bewegungen im Raum beobachtet und zueinander in Beziehung gesetzt werden konnten. Wissenschaft war von nun an nur das, was beobachtet und durch Experiment bewiesen werden konnte. „Unsichtbaren Dingen“, von denen im Credo die Rede ist, oder „Werte“, die auf subjektiven Empfindungen und Urteilen beruhen, waren von da an keine Gegenstände der „science“ mehr.

Die Gegenstände oder „Objekte“ der Wissenschaft, die physischen Körper, zerlegte die Atomistik in ihre kleinsten Teile, die Mechanistik erfasste ihr Zusammenwirken, die aufgefundenen Regelmäßigkeiten wurden als Naturgesetze formuliert und ausgedrückt in einer kulturunabhängigen, allen gemeinsamen Sprache: der Mathematik.

Das ökonomische Kalkül

Tomáš Sedlácek sieht in dieser kartesianischen Beschränkung und Methode „den großen Durchbruch, besonders für Ökonomen“. Der kleinste Teil der Wirtschaft ist das Individuum, das nicht mehr teilbare „Atom“ der Gesellschaft, das so gut es nur kann, seinen „Nutzen“ sucht, mithin der berühmte „homo oeconomicus“. Seine hedonistische (A-)Moral stammt von Epikur. Seine mathematische und mechanistische Seite verdankt er Descartes. Der homo oeconomicus „ist ein mechanisches Konstrukt, das gemäß unfehlbaren mathematischen Prinzipien und durch reine Mechanik funktioniert“ (S. 218).

Das Individuum, „der Mensch wird nicht im Kontext der Gesellschaft definiert“ (S. 226), er wird reduziert „auf ein mechanisch-mathematisches Kalkül“, auf „eine mathematische Gleichung: kalt, distanziert, für alle gleich, historisch und räumlich konstant“ (S. 226). Für eine Rechenmaschine ist es gleich, ob sie in China oder in der Schweiz ihre ökonomischen Kalküle von Nutzen und Aufwand, Ertrag und Kosten, Lust und Unlust, ausführt. „Das einheitliche, fundamentale und alles erklärende Prinzip, zu dem die Ökonomie bei nahezu jeder Gelegenheit neigt, ist verständlicherweise das Selbstinteresse“ (S. 219), der Egoismus, die Selbstsucht.

In allem sein Selbstinteresse zu verfolgen, gehört seit Descartes zum Prinzip der Wirtschaftstheorie des Mainstreams. Die herkömmliche Theorie besteht darauf, keine ethische Wissenschaft zu sein und daher zwischen Gut und Böse nicht zu unterscheiden. Moralische „Werturteile“ verbannt sie in die subjektive Sphäre.

Die Verwandlung von Amoral in Moral

Der Zynismus dieses Systems findet eine kaum überbietbare Darstellung in der berühmten „Bienenfabel“ des Bernhard von Mandeville, durch welche private Unmoral und Laster („private vices“) als Beitrag zum Gemeinwohl („public benefits“) gefeiert werden. Als sie 1723 in zweiter Auflage erschien, rief sie eine riesige Kontroverse hervor, denn alle Gutmenschen und Moralprediger der damaligen Zeit sahen sich der Heuchelei angeprangert und überführt.

„Mandeville begründete die Auffassung, dass der materielle Wohlstand umso größer ist, je mehr Laster es gibt. Das ursprünglich universelle Konzept des Zusammenhangs zwischen Ethik und Ökonomie, dem wir schon im Alten Testament begegnen, wird auf den Kopf gestellt“ (S. 230). Er „war derjenige, der das Konzept in das westliche Mainstream-Denken einführte, dass moralische Laster des Einzelnen dem Ganzen wirtschaftlichen Wohlstand bringen können“ (S. 231).

Er, „nicht Smith, muss als erster moderner Ökonom gelten“ (S. 231). Seine These: „Es gibt keinen Handel ohne Betrug, keine Obrigkeit ohne Bestechung und Korruption“ (S. 232). Sie sind Bedingung für eine florierende Gesellschaft. Wenn der Luxus zusammen mit den oberen, lasterhaften Gesellschaftsschichten schwindet, haben die „kleinen Leute – Bauern, Diener und Dienstmädchen, Schuhmacher und Schneider – unter der gesunkenen Nachfrage zu leiden“ (S. 233).

„Stolz, Luxus und Betrügerei
Muss sein, damit das Volk gedeih …
Mit Tugend bloß kommt man nicht weit;
Wer wünscht, dass eine goldene Zeit
Zurückkehrt, sollte nicht vergessen:
Man musste damals Eicheln essen“.

Mit der Pflege der Kardinaltugenden wird kein Suppentopf gefüllt und kein Rock genäht (vgl. S. 235). Auf welches Wirtschaftssystem haben wir uns da eigentlich eingelassen? Wagen wir es, diese Frage überhaupt noch zu stellen?

Durch die unsichtbare Hand wird aus Gier Fortschritt

Die Wandlung oder Transsubstantiation von Selbstinteresse in Gesamtinteresse, Eigennutz in Gemeinnutz, Eigenwohl in Gemeinwohl geschieht, so unser neuer Glaube, durch eine mystische, geheimnisvolle, „unsichtbare Hand“ („invisible Hand“), deren wunderbares Wirken Mandeville einige Jahre vor Adam Smith wiederentdeckt hat. Und auch dem Markt ordnet er hohe Bedeutung zu. „Nach Ansicht von Mandeville sind die Märkte nicht nur Koordinatoren der menschlichen Interaktionen, sondern (sie) können auch persönliche Laster in öffentliche Vorteile verwandeln“ (S. 239).

Selbst Gier, dargebracht auf dem Altar des Marktes, wird zum „Heilsgut“ oder „Sakrament“: Gier ist „notwendige Bedingung für den Fortschritt einer Gesellschaft“ (S. 238).

„Mandeville war eindeutig ein Befürworter des hedonistischen Programms“. Ja „er ging sogar noch weiter als die Hedonisten: Unsere Nachfrage muss immer weiter wachsen, denn das ist … der einzige Weg zum Fortschritt. In dieser Hinsicht ist die moderne Ökonomie aus seinem Denken erwachsen“ (S. 238). Nie mehr sollten wir zufrieden sein mit dem, was wir haben, denn das würde Stillstand bedeuten. Der „Bliss Point“ (Sättigungspunkt) wird umso schneller höher geschraubt, je mehr wir uns ihm nähern. Massen arbeiten in Jobs, „die sie hassen, nur damit sie kaufen können, was sie gar nicht wirklich brauchen“ (S. 299).

Ist Ziel der Wirtschaft mehr Wirtschaft? Wie kann mehr Wirtschaft ökonomisch sein? Hängt Ökonomie nicht mit dem richtigen Haushalten zusammen, dem Kräftesparen, dem „Optimieren“? „Wenn die Ökonomie ihr Ziel verliert, bleibt uns nur noch eines – ein Wachstum, das nichts kennt als sich selbst, da es kein Ziel als Maßstab hat“ (S. 301). Ist Ziellosigkeit unser Ziel? „Die ganze Produktion scheint eine Leere zu füllen, die sie selbst erzeugt“ (S. 303).

Der schizophrene Adam Smith

Joseph Schumpeter, der in seinem Leben der größte Don Juan, der größte Herrenreiter und der größte Nationalökonom werden wollte (und bedauerte, die beiden ersten Ziele nicht erreicht zu haben), hatte für einen Hagestolz wie Adam Smith, der nie mit einer anderen Frau als seiner Mutter verkehrte, und die Schönheiten und Leidenschaften des Lebens nur aus Literatur kannte, nichts übrig. Er sprach ihm auch als Nationalökonom jede Originalität ab, „denn keine einzige analytische Idee oder Methode und kein analytisches Prinzip“ hätte er neu hervorgebracht (S. 263). Er war sich darin mit Friedrich August von Hayek einig, der sich weigerte, in Adam Smith einen großen Ökonomen zu sehen (ebenda).

Der Historiker Norman Davis hält den kauzigen Schotten gar für einen „chaotischen Mann“, der in Edinburgh zu wiederholten Malen halb nackt auf den Straßen herumlief und schwadronierte, mit seltsam affektierter Stimme und wie in Trance hitzig mit sich selbst debattierend, bei seiner Mutter wohnte und nie eine Chance hatte, eine Frau zu finden (vgl. S. 243). Tomáš Sedlácek – und mit dieser Ansicht ist er keineswegs allein – hält ihn gar für schizophren (vgl. S. 253). Lehnt Smith doch in seinem Buch über die Theory of Moral Sentiments Selbstsucht und Eigeninteresse als verwerflich ab, während er sie in den Wealth of Nations als „die einzige, offenbar ausreichende Verbindung zwischen den Menschen“ ansieht und zur Notwendigkeit von Sympathie, gegenseitigem Wohlwollen und moralischen Gefühlen als Kitt der Gesellschaft „kein einziges Wort sagt“ (S. 252). 

Für Sedlácek kann Smith als Moralphilosoph gelten, „nicht als Ökonom“. Zum „Vater der klassischen Nationalökonomie“ wurde Smith nur bei Freunden der kartesianischen Engführung dieser Wissenschaft, welche bis heute in der Nutzenmaximierung des Egoisten ihr einigendes und einziges Prinzip sehen.

Die Entleerung des Nutzenbegriffs macht die meisten Lehrbücher zur Makulatur

Diesen Freunden wirft Tomáš Sedlácek vor, den Nutzenbegriff derart von allem Inhalt entleert zu haben, dass er jede Bedeutung verlor. Johan Hus maximiert seinen Nutzen, indem er lieber die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen in Kauf nimmt, als seine „ketzerischen“ Überzeugungen zu widerrufen. Ob die Tschechen je diese Tragödie als Verletzung ihres Nationalstolzes überwunden haben und was sie für ihren Sonderweg durch die europäische Geschichte auch wirtschaftlich bedeutete, interessiert Nationalökonomen nicht. Für sie hat Johan Hus seinen Nutzen genauso selbstsüchtig maximiert wie Judas, der seinem Herrn untreu wurde und ihn um 30 Silberlinge verriet.

Den Trick, Selbstsucht moralisch als Laster zu verurteilen und sie in das eher salonfähige, neutralere und weniger anstößige Eigeninteresse „umzutaufen“ (vgl. S. 251), gelang bereits Adam Smith, dem „Moralphilosophen“. Seine Moralphilosophie, so sei nebenbei bemerkt, basierte er im Übrigen, ganz ähnlich wie sein Freund David Hume, auf „Gefühlen“ („sentiments“), ohne zu erkennen, dass irrationale Gefühle niemals imstande sind, eine verbindende und verbindliche Form von Gesellschaftsethik hervorzubringen.

Für Thomas Hobbes war dieses Unvermögen der Grund, nach dem Leviathan zu rufen, der festlegt, was als Gut oder als Böses gilt und der das mit dem Monopol auf Gewalt im Staat auch durchsetzt: auctoritas facit legem.

Gary S. Becker bekam 1992 seinen Nobelpreis für die absurde These, dass alle menschlichen Entscheidungen, seien es wichtige wie die Ehe, oder auch nebensächliche wie der Kauf einer Kinokarte, durch den ökonomischen Ansatz abgedeckt werden. Wie alle Ökonomen des Mainstreams brachte er damit die Ansicht zum Ausdruck, „dass jeder – ganz egal was er macht – seinen Nutzen maximiert“ (S. 279).

Doch was bedeutet das Wort „Nutzen“? „In der Flut der ganzen mathematischen Definitionen haben unsere >strengen< Lehrbücher aber leider vergessen, zu definieren, was der Begriff >Nutzen< eigentlich bedeutet“.

Das geschah ganz mit Absicht, denn wenn ihre Verfasser „eine Definition des Nutzens liefern würden, würden die Studenten schnell das Interesse an ihren Büchern verlieren“ (S. 280). Sie wären bloß noch Makulatur. Die Jahre, die sie Studenten zwingen, sich mit tausenden von Optimierungsrechnungen zu befassen, täuschen darüber hinweg, dass ihr Erkenntnisgewinn auf tautologischen Leerformeln beruht, nach dem Muster „TautoUtlity, MaxU“ (S. 279).

Ob der Homo oeconomicus untätig herumsitzt, mit seinen Kindern plaudert, schläft oder arbeitet, er kann gar nicht anders, als in allem, was er macht, seinen Nutzen zu maximieren. Damit tappen die Ökonomen in die poppersche Falle der Unüberprüfbarkeit ihrer Modelle: Wenn es für den homo oeconomicus ausgeschlossen ist, seinen Nutzen nicht zu maximieren, sind Theorie und Modelle, die sein Verhalten erklären wollen, „de facto sinnlos“ (S. 283), sie können nicht „falsifiziert“ werden.

Heute macht sich sogar der Nobelpreisträger Paul A. Samuelson – nach Sedlácek der „orchestrator of the orchestration“ des uniformen Mainstream-Denkens ganzer Generationen von Studenten aller Kontinente – über den tautologischen Inhalt des „Gesetzes von Angebot und Nachfrage“ lustig: Warum ist der Preis von Schweinefleisch so hoch? Weil der Preis für Futtermais so hoch ist. Und warum ist Preis für Futtermais so hoch? Weil der Preis von Schweinefleisch so hoch ist!

Ökonomie ist keine wertfreie und empirische, sondern eine normative Sozialwissenschaft

„Blasphemische Gedanken“ überschreibt Tomáš Sedlácek den zweiten und letzten Teil seines Buches. Blasphemisch sind die geäußerten Gedanken, weil sie allen wesentlichen Annahmen und Methoden der herkömmlichen Wirtschaftstheorie und ihren prominentesten Vertretern widersprechen. Wir fassen hier seine wichtigsten Aussagen zusammen.

Für Tomáš Sedlácek ist die Ökonomie keine empirische Wissenschaft. Es gibt in ihr keine „Gesetzmäßigkeiten“, die sich aus Erfahrungen, Beobachtungen oder Zeitreihen ableiten ließen. Mit ökonometrischen Methoden lassen sich keine Kausalverhältnisse feststellen, z. B. lässt sich die Inflation nicht immer durch die Geldmenge erklären. „Die Benutzung ökonometrischer Modelle für die Projektion der wahrscheinlichen Ergebnisse verschiedener politischer Entscheidungen … gilt weithin als nicht zu rechtfertigen oder sogar als Hauptursache der Probleme, die in letzter Zeit aufgetreten sind“ (S. 366, unter Berufung auf Jeffrey Sachs, Christopher Sims und Stephen Goldfeld: Policy Analysis with Econometric Models, Cambridge 1997, S 107).

 „Mathematik ist eine reine Tautologie.“ (S. 363). „Numerische Einheiten … tragen ihre Existenz in sich, beziehen sich auf nichts, verweisen auf nichts, repräsentieren nichts, stehen für nichts, zeigen nichts an und bedeuten nichts außer sich selbst“ (S. 361). Mathematik hat zur äußeren Welt von sich aus keine Verbindung, die entsteht erst in unserem Kopf. Mathematik benutzen wir als Sprache zur sehr eingeschränkten Beschreibung der Welt.

Wir können die Sonne als Kreis beschreiben, doch sie ist für uns weit mehr. So ist es auch mit mathematischen Modellen. Sie bilden die Realität, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt ab. Ihre Ergebnisse sind nur logische Ableitungen aus getroffenen Annahmen. Ändern sich die Annahmen – und die ändern sich im Zeitverlauf immer – dann auch die Ergebnisse. Mathematische Modelle eignen sich daher auch nicht für Prognosen. Kein mathematisches Modell konnte vor dem Zusammenbruch von Märkten schützen (S. 356).

Die Ökonomie ist keine wertfreie, positivistische Wissenschaft. Sie trifft Aussagen über das, was „ist“ (Analyse), was sein „soll“ (angestrebter Zustand, Ziel) und über die Wege (Maßnahmen, Politik), wie das „Soll“ erreicht werden kann. Urteile über „wirtschaftlich“ und „unwirtschaftlich“, „produktiv“ oder „unproduktiv“, „effizient“ oder „ineffizient““, „exzellent“ oder „dürftig“, „gut oder böse/schlecht“, sind grundsätzlich normativ oder „value loaded“ (Nobelpreisträger Gunnar Myrdal), sie orientieren sich an „Vollkommenheitszuständen“.

Der kartesianische Ansatz der herkömmlichen Ökonomie ist nicht zu halten. Das isolierte, an allem zweifelnde „Ich“ existiert nicht. Die individualistische Gesellschaftsauffassung, derzufolge die Gesellschaft nur eine Summe von Individuen ist, entspricht nicht der Realität.

Der Mensch ist von seiner Natur her ein Gemeinschaftswesen, er wurde „geschaffen als Mann und Frau“ (Genesis 1, 27), er existiert nur als „geselliges Wesen“, als animal culturalis et socialis. Er ist kein „Individuum“, sondern „Person“, in welcher der Geist der Gemeinschaft „tönt“, durchklingt und Ausdruck findet.

Die einzelne Person handelt daher immer nur als „Gemeinschaftswesen“, als „Organ“ einer Gemeinschaft, in deren Auftrag und für diese. Auch das Individuum, der einzelne Mensch, ist kein Homo oeconomicus, der selbstsüchtig seinen Nutzen abwägt, sondern er ist eine Person, die ihre Aufgaben und Pflichten gegenüber der Gemeinschaft mehr oder minder gut erfüllt und dafür von dieser entsprechend geachtet und gesellschaftsüblich (z.B. Beamtengehaltsschema, Kollektivvertrag, im Familienverband häufig auch nichtmonetär!) belohnt wird.

Wie die einzelne Person, so steht auch die ganze Wirtschaft im Dienst des Gemeinwohls, des Bonum commune. Wirtschaftlich primär ist darum nicht das Wohl des Einzelnen, sondern des „Ganzen“. Das „Ganze“, die Gemeinschaft, hat den Vorrang vor den Teilen, den „Angehörigen“, den „Mitgliedern“. Ihre Aktivitäten und Besitztümer stehen unter Gemeinwohlvorbehalt. Den Nachweis für diesen Vorrang bringt Tomáš Sedlácek im kulturgeschichtlichen Teil seines Buches (Gilgamesch, Judentum, Griechentum, Christentum).

In den Bereich der Wirtschaft fällt die Bereitstellung der äußeren Mittel, welche für die Erreichung der von der Gemeinschaft oder „Gesellschaft“ vorgegebenen Ziele notwendig sind. Obwohl betroffen, entscheidet über diese Ziele nicht das einzelne Individuum, es nimmt höchstens Teil an diesen Entscheidungen und beeinflusst sie als mitbestimmendes Glied der Gemeinschaft.

Alle wesentlichen, wirtschaftlich relevanten Entscheidungen werden nicht nach Nutzenkalkülen getroffen, sondern „politisch“ nach den Zielen oder Bedürfnissen der jeweiligen Gemeinschaft (der Nutzen von „to put a man on the moon“ ist keine Rechengröße!). Entschieden wird von den Repräsentanten der Gemeinschaft darüber, welcher Aufwand oder welche Kosten vertretbar erscheinen, und welche nicht. Politische Entscheidungen werden gefällt im politischen „Prozess“. „Die“ Wirtschaft kann in diesem Prozess nur ihren Sachverstand einbringen, der sich auf die Bereitstellung der Mittel bezieht.

Mit Paul Feyerabend warnt Tomáš Sedlácek vor den „Irrwegen der Vernunft“. Der Versuch, die Realität an falsche Denkansätze und Modelle anzupassen und zu vergewaltigen, ist nicht nur für die Wirtschaft von Nachteil, er kann ganze Kulturen und Völker „abschaffen“. Beide fordern auf, die Spanischen Stiefel auszuziehen, die uns an Grenzüberschreitungen hemmen und wieder mehr auf unsere innere Stimme zu hören, welche neue Wege weist: „Farewell to reason“, „anything goes.“ (vgl. S. 396).

Ein Plädoyer für „wildes Denken“

Mainstream-Ökonomen werden sich damit abfinden müssen, dass sie von Fachkollegen herausgefordert werden, welche mit Tolkiens „Herr der Ringe“ oder dem Film „Matrix“ die Ökonomie neu interpretieren.

Solche Fachkollegen warnen vor einem Volk wie die „Orks“, dessen Angehörige wie verrückt daran arbeiten, das Bruttoinlandsprodukt zu steigern und dunklen Mächten als willige Vollstrecker dienen. Die Vertreter dieser neuen Generation von Fachkollegen halten es lieber mit den Elben, jenen Zauberwesen, die in ihren Träumen, Geschichten und Mythen leben und vieles, was sie an Wertvollem besitzen, aus der Vergangenheit schöpfen. Sie schätzen immaterielle Güter höher als materielle und wissen, dass geistiges Kapital der wichtigste Produktionsfaktor ist, um, wie Tomáš Sedlácek meint, „alles nach oben zu ziehen“.

Er und seine Freunde sympathisieren mit den „Auserwählten“ im Film, die Widerstand gegen die „Matrix“ leisten, die die Menschen durch eine hochkomplexe Computersimulation in einer virtuellen Welt gefangen hält, welche Realität suggeriert und von den Gefangenen als „Energielieferanten“ auch noch erhalten wird. Sie loben den Hacker „Neo“ – heute Assange, Manning, Snowden – der das System knacken will, jedoch verfolgt und vom Agenten des Systems, (Adam?) Smith, erschossen wird. Im Film wird der Tote durch den Kuss seiner Komplizin und Freundin „Trinity“ wieder auferweckt. Er fängt dann an, ein paar Menschen aus der „Matrix“ zu befreien, um dann bald nach Art des Superman in den Lüften zu entschwinden. Die biblische Geschichte wird so den Kindern von heute nahe gebracht, freut sich Tomáš Sedlácek, und auch darüber, dass die Zahl seiner Hörer in der Welt von Tag zu Tag wächst.

Vielleicht hängt mit dem Durchbruch, den er durch sein Buch erzielt hat, zusammen, dass nun auch „The Other Austrians“ (T. Ehs, 2011), sehr zum Missfallen der Linken und Liberalen, neues Interesse erwecken. Diese „anderen Österreicher“ – schon 1953 hat F. A. Graf von Westphalen für die Kongressbibliothek der USA einige von ihnen gewürdigt – haben nie aufgehört, eine „ganzheitliche“ oder christlich-naturrechtliche Nationalökonomie zu vertreten, welche größten Wert auf die „Einbettung“ von Mikro- und Markroökonomie in Kultur, Politik und Soziales gelegt hat.

Erinnert sei hier nur an Johannes Messner, Anton Orel, Leopold Kohr, Ferdinand Graf von Degenfeld-Schonburg, Othmar Spann, Walter Heinrich, Wilhelm Andreae, Ferdinand A. Graf von Westphalen, Anton Tautscher, Fritz Ottel, Erich Hruschka, Erich Loitlsberger, Joseph Kolbinger, Michael Hofmann, Hans Bach, J. H. Pichler, Anton Schöpf, Adolf H. Malinsky, Geiserich E. Tichy, Ernest Kulhavy, Walter Sertl u. v. a.

Obwohl nach 1945 zu einer „unerwünschten Forschungsrichtung“ zählend, haben sie sich nicht davon abhalten lassen, sich vielfach mit äußerster Schärfe gegen die individualistisch-liberale Gesellschaftsauffassung, die naturwissenschaftlichen Methoden in den Sozialwissenschaften und die neoklassischen Theoreme zu wenden. Im Unterschied zu Tomáš Sedlácek, haben sie ihr eigenes „wildes Denken“, mit dem sie zahlreiche Durchbrüche schafften, durch Ringen um System in geordnete Bahnen gezwungen. Ihre unzähligen Schüler danken es ihnen noch heute.

Tomáš Sedlácek: Die Ökonomie von Gut und Böse, Carl Hanser, München 2012, 447 Seiten. (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Ingrid Proß-Gill), ISBN 978-3-446-42823-2, Euro 24,90

Friedrich Romig lehrte Politische Ökonomie in Wien, Graz und Aachen. Er verfasste u.a. „Wirtschaft der Mitte“ (Salzburg), „Die Theorie der wirtschaftlichen Zusammenarbeit“ (Berlin), „Die ideologischen Elemente der neoklassischen Theorie – eine Auseinandersetzung mit Paul A. Samuelson“ (Berlin), „Vier Traktate über das Wesen des Konservativismus“ (Wien), „Die Rechte der Nation“ (Graz), „Der Sinn der Geschichte“ (Kiel).

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die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorDr. Endre Attila Bárdossy
    5x Ausgezeichneter Kommentar
    20. August 2013 23:49

    Sedláceks Buch wurde bereits vor kurzem in diesem Blog rezensiert:
    Cf. Andreas Tögel am 4. VIII. 2013
    http://www.andreas-unterberger.at/2013/08/die-okonomie-von-gut-und-boese/

    TÖGELS lobenswerter Beitrag wurde nur sparsam diskutiert, da im breiten Publikum nur wenige imstande sind, ein so schwieriges, immer wieder deformiertes Thema sachgerecht zu kommentieren.

    In meinem Diskussionsbeitrag wies ich darauf hin, dass die »Geschichten und Portraits« des Buches zwar gut, aber etwas langatmig dargeboten werden (447 Seiten). Jedenfalls bis zum Schluss wurden keine präzisen philosophischen Konsequenzen gezogen. Hätte der sehr gesprächsbereite Autor seine dichtbelaubte Sprache etwas konzentrierter dargeboten, wäre die Kürze wahrscheinlich zu seinem Vorteil ausgefallen. Diese Kürze vermisse ich auch beim zweiten Rezensenten ROMIG, der sich breitspurig über mehr als zehn A4-Seiten zur Darstellung anschickt und geschickt das selektiert, was seiner eigenen Philosophie zuspricht.

    Der HOLISMUS als Ganzheitliche Schule der Nationalökonomie von Othmar Spann war ein christlich-naturrechtlich inspirierte Lehre, in der der Mensch keine Individualität mehr haben darf. Seine politische Formierung kam in Österreich im Ideal des Ständestaates zur Hochblüte, das freilich sowohl vom Marxismus wie auch vom Faschismus auf Lichtjahre entfernt, aber dennoch eine Art platonisch geadelter Kollektivismus war. Das Menschenwesen wäre nach Platons »Zoon politikon« ein nichtiges Corpusculum – ein Nichts – da seine Gruppe (Volk, Klasse, Partei, im Extremfall die Humanität selber) alles ist. Der Pendel schlägt somit häufig vom Liberalismus in eine Variante des Totalitarismus über. Platons Res publica über Hegels Staatslehre samt allen Utopisten der Geistesgeschichte sind die leuchtenden Beispiele dafür.

    Sedlácek, der sich lieber mit der »postmodernen« Anarchie eines Feyerabends zieren möchte, endet freilich in der Ratlosigkeit der Filmemachers und Hackers – heute also in guter Geselligkeit mit den »Assange, Manning, Snowden...« – die das System knacken wollen.

    Nach kat‘holischer Lehre der päpstlichen Enzykliken gibt es kein Gemeinwohl ohne das Wohl des Einzelnen. Um letzten Endes das zu verstehen, brauchen wir weder Paul Feyerabend noch Otto Spann. Die Kat‘holische Wahrheit ist nämlich weder eine »Holistik« noch eine »Ganzheitliche Schule«.

    José Ortega y Gasset – wie die Philosophen lateinischer und romanischer Muttersprache im allgemeinen – waren dessen noch bewusst, dass das altgriechische Adjektiv »kat-holikos« ein Compositum ist, das sich aus der abschwächenden Vorsilbe KATA (unterwegs zum..., in Richtung von...) und HOLON (lat. totum, dem Ganzen) zusammensetzt. Es ist als »universal« (und somit nicht als totalitär/holistisch/ganzheitlich) zu übersetzen. Der Kat‘holizismus wäre demnach weder ein liberal entfesselter Individualismus noch eine kollektive Ganzheits- oder Gesamtschule, sondern stellt die goldene Mitte dar, ohne einseitige Prioritäten.

    Der Rezensent wird an diesem Punkt bis zur Platonischen Brutalität deutlich: »Wie die einzelne Person, so steht auch die ganze Wirtschaft im Dienst des Gemeinwohls, des Bonum commune [der Polis]. Wirtschaftlich primär ist darum nicht das Wohl des Einzelnen, sondern des "Ganzen". Das "Ganze", die Gemeinschaft, hat den Vorrang vor den Teilen, den "Angehörigen", den "Mitgliedern". Ihre Aktivitäten und Besitztümer stehen unter Gemeinwohlvorbehalt.«

    Diese Konsequenz wird vom Rezensenten F. Romig gezogen – sie steht nicht in Sedláceks Buch. Im Gegensatz des hebräisch-christlichen Begriffes des Privateigentums, das im Dekalog bis heute unter den Schutz des Allerhöchsten gestellt worden ist. Plinio Correa de Oliveira ist einer der letzten Thomisten, bei dem diese Begriffe noch geordnet nachzulesen sind.

    Ich muss wiederholen, was ich bereits in der ersten Besprechung gesagt habe: Tomáš Sedlácek rührt die Trommel nicht für einen neuen Bildersturm gegen »Kapitalismus, Marktwesen und Mathematik«, sondern lediglich etwas verschwommen gegen ihre unangebrachte Verunstaltung (d. h. Verabsolutierung, Vereinfachung oder Verkomplizierung).

    Wenn wir auf dem Markt nicht mehr (oder wieder) auf Beuten jagen, sondern schlicht und einfach Güter, Dienste und Rechte vermitteln wollen, dann wird sich der Markt weiterhin als bleibende Errungenschaft der Zivilisation behaupten können. Der Dritte Weg wäre nach F. A. von Hayek, dass wir ohne Tauschwirtschaft atavistisch wieder zu »Grünen BeerensammlerInnen« mausern oder verhungern müssten.

  2. Ausgezeichneter KommentatorFrancois Villon
    4x Ausgezeichneter Kommentar
    21. August 2013 06:13

    Eine – wieder – vortreffliche Buchbesprechung, die in Wahrheit natürlich viel mehr ist: eine fundamentale Kritik an der gegenwärtigen Woodoo-Ökonomie, aber darüber hinaus eine Orientierung, wie Wirtschaft gesehen und gestaltet werden muß, sollten wir nochmals die Füße auf den Boden bringen (wollen).

    Es ist hoffentlich nicht vermessen, zu so einem gewaltigen Kommentar, dem ich ja völlig zustimme, noch Anmerkungen zu machen, aber ich wage es, denn wo bliebe sonst die Diskussion und Vertiefung des Verständnisses.

    „Den Gestrauchelten aufzuhelfen, gehört zum Liebesgebot. Unsere ganze moderne Gesellschaft, so Tomáš Sedlácek, „kann ohne die ungerechte Vergebung von Schulden nicht funktionieren“ (S. 174). Marktwirtschaft und Wettbewerbsregeln werden in der Krise ohne Hemmung außer Kraft gesetzt.“

    Ich glaube, daß dieses „Vergeben der Schulden“ im Falle ESM, ... weniger auf die christliche Botschaft zurückzuführen ist, als auf den Betrug der in Wahrheit atheistischen Mächtigen.

    „Privateigentum ist kein absolutes Recht, „die Erde gehört allen gemeinsam“, die Ausübung von Besitzrechten steht unter dem Gemeinwohlvorbehalt (vgl. S. 193).“

    Wie wahr; aber hier im UTB, wird immer wieder gerade dies bestritten, nämlich a. daß Eigentum verpflichtet und b. daß das exorbitante Vermögen Weniger doch in Wahrheit unsittlich ist.

    „Durch Thomas von Aquin wurden Vernunft und Logik gegenüber dem Glauben ihr Recht eingeräumt. Eine Tat, die für die spätere, „wissenschaftlich“ geprägte Zivilisation und ihre Ökonomie ausschlaggebend wurde. Anders als für Martin Luther, für den die Vernunft „des Teufels Braut“ und eine „Metze“ ist (S. 209), besteht der Aquinate darauf, dass natürliche Vernunft und rechter Glaube sich niemals widersprechen können, denn Gott, der ja selbst Geist ist und sich im Logos der Schöpfung offenbart, täuscht weder sich noch uns. Auflehnung gegen die Vernunft ist gleichbedeutend mit der Auflehnung gegen Gott.“

    Ist damit nicht der Protestantismus als christliche Religion erledigt? Man lese dazu auch den Essay über den Katholizismus, den Liberalismus und den Sozialismus von Juan Donoso Cortes. – Die Sache ist also klar.

    „Die Gesellschaft braucht also einen „Steuermann, der am Ruder steht“ (S. 209).“

    Wie wahr! – Gestern (19. 8.) war auf 3sat ein Gespräch/Interview mit dem Präsidenten des Zentralkomitees dt. Katholiken, Alois Glück, einem langjährigen Landtagsabgeordneten, -präsidenten und Fraktionsführer der CSU. Im Unterschied zu den geistlosen Politfiguren eine wahre Lichtgestalt mit jenem Fundament, das man sich von wirklichen Führungspersönlichkeiten und Staatsmännern wünschte.
    Er diskutierte über alle Schlüsselfragen aus Kirche und Staat sine ira et studio, und selbst die üblichen „heiklen“ Themen behandelte er weder aus einer Defensive noch falschen Aggressivität, sondern stellte sie in einen größeren Zusammenhang und sein Urteil war in jedem Augenblick auf den ewigen Normen des Naturrechts gegründet bzw. er zeigte von einem festen Standpunkt die Defizite und damit inhärenten Probleme mancher (neuerer) Positionen etwa der evangelischen Kirchen auf, die mit der „Gleichstellung“ die für Staat und Gesellschaft doch viel wichtigere Rückgewinnung des Stellenwerts der (ehelichen) Familie aus den Augen verloren hätten. In keinem Augenblick hörte man Konservensätze, billige Zustimmung oder Zurückweisung oder ausweichende Antworten, die sich im nächsten als Widersprüche entlarvten.
    Sehr im Unterschied zum Interview Spindeleggers und der schönen Lou zuvor in der ZIB2.

    „Wissenschaft war von nun an nur das, was beobachtet und durch Experiment bewiesen werden konnte.“

    Die Fragwürdigkeit dieses „Dogmas“ wird ja nicht nur von Romig, der Kirche/Religion immer wieder betont, sondern auch von modernen Philosophen/Naturwissenschaftler, u. a. Hugo Dingler.(1)

    Es wird nicht bestritten, daß etwa in den Wirtschaftswissenschaften Modelle nützlich zur Analyse von Teilvorgängen sind, aber es wird mit Vehemenz bezweifelt, daß irgend eines der bisherigen Modelle - A. SMITH´s invisble hand, KEYNES, FRIEDMAN, VON HAYEK, ...- Wahrheit beanspruchen könne. Sie sind aus einer Zeit und aus bestimmten Umständen geboren und enthalten daher eine vorgeprägte Sicht der Dinge; das ist natürlich Ideologie, ohne daß diese Feststellung allein schon etwas Abwertendes bedeutet.

    Man muß aber erkennen, daß z. B. eine Chicagoer Schule der Wirtschaftswissenschaften auf den spezifischen US-amerikanischen Bedingungen aufsetzt und hier Theorien sich entwickeln mußten, die den besonderen Verhältnissen der USA entsprechen: "public companies" (shareholder value), große "global enterprises", Finanzierung hauptsächlich über die Börse (financial markets), u. a. Es ist unbestreitbar, daß diese Theorien, indem sie die USA-Bedingungen "abbilden", vor allem dieser Art Wirtschaftsstruktur und dem besonderen US-amerikanischen Machtstreben - Washingtons Neuer Weltordnung - dienen (man könnte auch sagen ihr die "Räuberleiter" machen). Aber das muß man aus unserer anderen Lage weder wünschen, noch für eine unbezweifelbare "Wahrheit" der Wirtschaftswissenschaften halten.

    „Mathematik hat zur äußeren Welt von sich aus keine Verbindung, die entsteht erst in unserem Kopf. Mathematik benutzen wir als Sprache zur sehr eingeschränkten Beschreibung der Welt.“

    Eben das hatte Dingler über „das Experiment“ schon vor eine halben Jahrhundert gesagt. Aber es ist sehr gut, daß dies nun Sedlacek konkret für die Wirtschaft klar machte. Damit fällt es jenen leichter dies zu begreifen, die abstrakte Ableitungen nicht auf andere Felder übertragen können.

    „Erinnert sei hier nur an Johannes Messner, ....u. v. a.“

    ... u.v.a. ...Hier hat Dr. Friedrich Romig in Bescheidenheit darauf verzichtet sich einzureihen, aber er ist auch einer der wahren „Türme in der Schlacht“(2) in dieser Reihe. Für jene, die noch nicht sehen (wollen): es ist die „Schlacht“ um das Überleben als Mensch und Volk!

    Herzlichen Dank für diesen Gastbeitrag!

    (1) Hugo DINGLER, geb. 1881, studierte nach dem Abitur in Erlangen und München, später Göttingen, Mathematik und Physik. Er hörte auch bei Felix KLEIN und Edmund HUSSERL Vorlesungen. 1906 promovierte er an der Universität München in Mathematik, Physik und Astronomie. 1912 venia legendi. Im ersten Weltkrieg diente H. DINGLER als Hauptmann an der Front. 1920 ao. Professor an der Universität München. 1932 oö. Professor für Philosophie an der Techn. Hochschule Darmstadt. 1934 mußte DINGLER wegen weltanschaulicher Gründe den Lehrstuhl verlassen. Er starb am 29. Juni 1945 an einem Herzleiden viel zu früh. - Dies und die kurze akademische Karriere haben leider das Werk DINGLERS wenig bekannt gemacht, aber er ist zu den klarsten Denkern zu zählen und sein Ansatz, das Handeln in die Erkenntnistheorie einzubeziehen, machen seinen Ansatz besonders fruchtbar.
    Werke u.a.: Das physikalische Weltbild, Beiheft z. Ztschr. f. phil. Forschung, 1951; Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, hsgb. von Dr. W. KRAMPF, Eidos Verl. München.

    (2) In Anlehnung an Carl Schmitt: Die Besetzung der Begriffe, und damit des Denkens, ist in der politischen Auseinandersetzung so bedeutsam, wie die Eroberung einer Festung in der Schlacht.

  3. Ausgezeichneter Kommentatordiko
    3x Ausgezeichneter Kommentar
    20. August 2013 07:41

    DANKE für den Literaturhinweis und die mehr als treffliche Rezession!

  4. Ausgezeichneter KommentatorScipio
    2x Ausgezeichneter Kommentar
    20. August 2013 13:11

    Hier wird die Grundfrage gestellt: "Auf welches Wirtschaftssystem haben wir uns eigentlich eingelassen"?

    Ist alles nur noch ver-rückt? Gibt es kein gutes oder "richtiges Leben mehr im falschen"? Müssen wir demnächst alle zu Chinesenlöhnen uns abstrampeln?

    Gestern (20.08) war im ARD ein Bericht über Dortmund. Import von Leihkräften aus Bulgarien (oft Zigeuner), die zu Hungerlöhnen (3 Euro/Stunde) arbeiten, für Schlafplätze in überbelegten Räumen (4m2/Person) 300,- Euro im Monat zahlen müssen, nicht sozialversichert sind, ganze Staßenzüge unsicher machen, wo es geht einbrechen und klauen. Man kann sich das Elend kaum vorstellen, das die "Entfesselung der Wirtschaft", Gemeinsamer Markt, Kapital- und Personenfreizügigkeit in der EU gebracht hat.

    Anschließend wurde informiert, wie Großkonzerne mit Hilfe einer riesigen, hochqualifizierten Steuerberatrungsindustrie ihre Gewinne in Steueroasen verschieben Die Politik gibt nur Lippenbekenntnisse von sich und sieht machtlos zu, wie Volksvermögen verschwindet und geht trotz der Sparprogramme, die der Jugend die Zukunft nehmen, pleite. Gleichzeitig werden Sparer, Pensionskassen, Mittelstand "geschröpft".

    Ist das das Wirtschaftssystem, das wir wollen?

  5. Ausgezeichneter KommentatorWaltraut Kupf
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    23. August 2013 12:20

    So geistreich die Abwägung von Wirtschafts- und sonstigen Theorien gegeneinander auch sein mag, - mir erscheint das Ganze ein wenig wie Bridgespielen, das zwar sicher große Intelligenz erfordert, nur nicht ganz frei ist von dem Angriffspunkt, wofür denn das Ganze gut sein solle, außer daß es manchen Leuten Spaß macht. Das allgemeine Übel besteht darin, daß Postulate erstellt werden, von denen man aus Erfahrung oder auch im Wege psychologischer Betrachtung wissen müßte, daß sie nicht umsetzbar sind, weil der Mensch so ist, wie er eben ist. Ich kann z.B. die Forderung erheben, daß doch wieder die Moral, namentlich die christliche, die Grundlage aller politischen Maßnahmen sein sollte. Goldrichtig, und die Abspaltung ethischer Normen von allen übrigen Bereichen der öffentlichen Aktivität macht die Gesellschaft zu einer Art Spirituspräparat, wobei sich indoktrinierte Zombis willig in Rexgläser einlegen lassen. Der Haken bei der angestrebten Re-Etablierung moralischer Werte: diejenigen Leute, die hier vielleicht die richtigen Absichten hätten, werden nie ans Ruder kommen, weil das Anforderungsprofil dafür im Vorhandensein ebenjener Eigenschaften besteht, deren Auswirkungen man bekämpfen sollte. Was die Wirtschaftstheorien betrifft, so wären sie nach ihrem nachhaltigen Funktionieren zu beurteilen. Würde bedeuten, daß die Gesellschaft insgesamt zufrieden ist. Das hat man aber, wenn überhaupt, bisher nur in sehr eingeschränktem Maß beobachten können. Gewinner auf der ganzen Linie gibt es nicht, und das Wohl bestimmter Gruppen geht auf Kosten des Wohls anderer Gruppen. Ganz abgesehen davon, daß unter Wohl meist das materielle Wohl verstanden wird. Das Wohl ideeller Natur ist zu wenigen Leuten ein Anliegen, denn „erst kommt das Fressen, dann die Moral“. Und so ist die Moral auf demokratischem Wege praktisch abgeschafft. Sie wird, überspitzt ausgedrückt, durch masonische Werte wie z.B. Toleranz ersetzt, wobei die Leute mit dem Holzhammer dazu bewegt werden sollen, das bisher unmoralisch Gewesene nicht nur zu tolerieren, sondern sogar zur Norm zu erheben. Wettbewerb (um wieder zur Wirtschaft zurückzukehren) galt früher in der chinesischen Philosophie als unmoralisch, da man ja ständig damit beschäftigt sein muß, Mitbewerber auszutricksen und auf die Plätze zu verweisen. Jetzt ist der Wettbewerb zur legitimen Existenzgrundlage erklärt worden, ja nachgerade zur Pflicht. Das alles eingebettet in die sogenannte Solidargemeinschaft, in der allerdings jeder sein eigenes Süppchen kocht. Den globalen Exorzismus wird man wohl nicht zuwege bringen.

  6. Ausgezeichneter Kommentatorterbuan
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    21. August 2013 15:09

    Danke Friedrich Romig für Ihren großartigen Gastkommentar, mein Dank gilt auch allen Postern für ihre wertvollen Diskussionsbeiträge.
    Wenngleich schon vieles über das Werk von Tomas Sedlacek hier erörtert und diskutiert wurde, werde ich es mir auch besorgen und studieren!

  7. Ausgezeichneter KommentatorMarkus Theiner
    1x Ausgezeichneter Kommentar
    20. August 2013 16:11

    Der Begriff "normative Sozialwissenschaft" jagt mir kalte Schauer den Rücken hinunter. Hier wird nämlich die Wissenschaft mit Politik vermischt.

    Wissenschaft muss wertfrei bleiben.

    Natürlich ist die Moral ein wesentlicher Teil des Sozialverhaltens und muss daher von jeder Sozialwissenschaft berücksichtigt werden. Es mag sein, dass die moderne Ökonomie das zu wenig tut.
    Aber die Auseinandersetzungen mit Werten muss selbst nicht wertend sein.

    Der Nutzenbegriff ist entscheidend, kann aber von den Ökonomen nicht definiert werden, weil er gerade etwas individuelles ist. Moralische Überlegungen des Einzelnen fließen in seinen persönlichen Nutzenbegriff ein - und dann werden sie Teil der Marktmechanismen.
    Wenn "Bio" für die Konsumenten einen Nutzen haben, dann entsteht damit Nachfrage. Wenn Konsumenten bereit sind für Bio-Joghurt mehr zu zahlen als für normalen Joghurt, dann ist das moralische Element sogar messbar. Der Ökonom kann damit wissenschaftlich arbeiten (wenn auch nur sehr ungenau prognostizieren), ohne aber beurteilen zu müssen ob Bio-Joghurt tatsächlich gut oder böse ist. Die Wissenschaft berücksichtigt die Wertung, wertet aber selbst nicht.

    Die Frage wie man als Individuum oder der Staat insgesamt handeln soll ist keine wissenschaftliche Frage. Die Wissenschaft kann mir (wenn überhaupt) sagen, wie sich eine gewisse Handlung auswirkt, aber ob das gut oder schlecht ist hängt eben davon ab wie gut dieses (wahrscheinliche) Ergebnis zu meinem definierten Nutzensbegriff passt.
    Diese Trennung findet aber heute nicht mehr wirklich statt. Die Wissenschaftler übernehmen immer öfter die Wertung auch gleich mit.
    Siehe auch das IPCC mit seiner normativen Naturwissenschaft. Auch dort wird ja zu wenig zwischen dem wissenschaftlich erforschbaren Sein und dem politisch-moralisch wertenden Sollen unterschieden.

die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter KommentatorFrancois Villon
    4x Ausgezeichneter Kommentar
    21. August 2013 06:13

    Eine – wieder – vortreffliche Buchbesprechung, die in Wahrheit natürlich viel mehr ist: eine fundamentale Kritik an der gegenwärtigen Woodoo-Ökonomie, aber darüber hinaus eine Orientierung, wie Wirtschaft gesehen und gestaltet werden muß, sollten wir nochmals die Füße auf den Boden bringen (wollen).

    Es ist hoffentlich nicht vermessen, zu so einem gewaltigen Kommentar, dem ich ja völlig zustimme, noch Anmerkungen zu machen, aber ich wage es, denn wo bliebe sonst die Diskussion und Vertiefung des Verständnisses.

    „Den Gestrauchelten aufzuhelfen, gehört zum Liebesgebot. Unsere ganze moderne Gesellschaft, so Tomáš Sedlácek, „kann ohne die ungerechte Vergebung von Schulden nicht funktionieren“ (S. 174). Marktwirtschaft und Wettbewerbsregeln werden in der Krise ohne Hemmung außer Kraft gesetzt.“

    Ich glaube, daß dieses „Vergeben der Schulden“ im Falle ESM, ... weniger auf die christliche Botschaft zurückzuführen ist, als auf den Betrug der in Wahrheit atheistischen Mächtigen.

    „Privateigentum ist kein absolutes Recht, „die Erde gehört allen gemeinsam“, die Ausübung von Besitzrechten steht unter dem Gemeinwohlvorbehalt (vgl. S. 193).“

    Wie wahr; aber hier im UTB, wird immer wieder gerade dies bestritten, nämlich a. daß Eigentum verpflichtet und b. daß das exorbitante Vermögen Weniger doch in Wahrheit unsittlich ist.

    „Durch Thomas von Aquin wurden Vernunft und Logik gegenüber dem Glauben ihr Recht eingeräumt. Eine Tat, die für die spätere, „wissenschaftlich“ geprägte Zivilisation und ihre Ökonomie ausschlaggebend wurde. Anders als für Martin Luther, für den die Vernunft „des Teufels Braut“ und eine „Metze“ ist (S. 209), besteht der Aquinate darauf, dass natürliche Vernunft und rechter Glaube sich niemals widersprechen können, denn Gott, der ja selbst Geist ist und sich im Logos der Schöpfung offenbart, täuscht weder sich noch uns. Auflehnung gegen die Vernunft ist gleichbedeutend mit der Auflehnung gegen Gott.“

    Ist damit nicht der Protestantismus als christliche Religion erledigt? Man lese dazu auch den Essay über den Katholizismus, den Liberalismus und den Sozialismus von Juan Donoso Cortes. – Die Sache ist also klar.

    „Die Gesellschaft braucht also einen „Steuermann, der am Ruder steht“ (S. 209).“

    Wie wahr! – Gestern (19. 8.) war auf 3sat ein Gespräch/Interview mit dem Präsidenten des Zentralkomitees dt. Katholiken, Alois Glück, einem langjährigen Landtagsabgeordneten, -präsidenten und Fraktionsführer der CSU. Im Unterschied zu den geistlosen Politfiguren eine wahre Lichtgestalt mit jenem Fundament, das man sich von wirklichen Führungspersönlichkeiten und Staatsmännern wünschte.
    Er diskutierte über alle Schlüsselfragen aus Kirche und Staat sine ira et studio, und selbst die üblichen „heiklen“ Themen behandelte er weder aus einer Defensive noch falschen Aggressivität, sondern stellte sie in einen größeren Zusammenhang und sein Urteil war in jedem Augenblick auf den ewigen Normen des Naturrechts gegründet bzw. er zeigte von einem festen Standpunkt die Defizite und damit inhärenten Probleme mancher (neuerer) Positionen etwa der evangelischen Kirchen auf, die mit der „Gleichstellung“ die für Staat und Gesellschaft doch viel wichtigere Rückgewinnung des Stellenwerts der (ehelichen) Familie aus den Augen verloren hätten. In keinem Augenblick hörte man Konservensätze, billige Zustimmung oder Zurückweisung oder ausweichende Antworten, die sich im nächsten als Widersprüche entlarvten.
    Sehr im Unterschied zum Interview Spindeleggers und der schönen Lou zuvor in der ZIB2.

    „Wissenschaft war von nun an nur das, was beobachtet und durch Experiment bewiesen werden konnte.“

    Die Fragwürdigkeit dieses „Dogmas“ wird ja nicht nur von Romig, der Kirche/Religion immer wieder betont, sondern auch von modernen Philosophen/Naturwissenschaftler, u. a. Hugo Dingler.(1)

    Es wird nicht bestritten, daß etwa in den Wirtschaftswissenschaften Modelle nützlich zur Analyse von Teilvorgängen sind, aber es wird mit Vehemenz bezweifelt, daß irgend eines der bisherigen Modelle - A. SMITH´s invisble hand, KEYNES, FRIEDMAN, VON HAYEK, ...- Wahrheit beanspruchen könne. Sie sind aus einer Zeit und aus bestimmten Umständen geboren und enthalten daher eine vorgeprägte Sicht der Dinge; das ist natürlich Ideologie, ohne daß diese Feststellung allein schon etwas Abwertendes bedeutet.

    Man muß aber erkennen, daß z. B. eine Chicagoer Schule der Wirtschaftswissenschaften auf den spezifischen US-amerikanischen Bedingungen aufsetzt und hier Theorien sich entwickeln mußten, die den besonderen Verhältnissen der USA entsprechen: "public companies" (shareholder value), große "global enterprises", Finanzierung hauptsächlich über die Börse (financial markets), u. a. Es ist unbestreitbar, daß diese Theorien, indem sie die USA-Bedingungen "abbilden", vor allem dieser Art Wirtschaftsstruktur und dem besonderen US-amerikanischen Machtstreben - Washingtons Neuer Weltordnung - dienen (man könnte auch sagen ihr die "Räuberleiter" machen). Aber das muß man aus unserer anderen Lage weder wünschen, noch für eine unbezweifelbare "Wahrheit" der Wirtschaftswissenschaften halten.

    „Mathematik hat zur äußeren Welt von sich aus keine Verbindung, die entsteht erst in unserem Kopf. Mathematik benutzen wir als Sprache zur sehr eingeschränkten Beschreibung der Welt.“

    Eben das hatte Dingler über „das Experiment“ schon vor eine halben Jahrhundert gesagt. Aber es ist sehr gut, daß dies nun Sedlacek konkret für die Wirtschaft klar machte. Damit fällt es jenen leichter dies zu begreifen, die abstrakte Ableitungen nicht auf andere Felder übertragen können.

    „Erinnert sei hier nur an Johannes Messner, ....u. v. a.“

    ... u.v.a. ...Hier hat Dr. Friedrich Romig in Bescheidenheit darauf verzichtet sich einzureihen, aber er ist auch einer der wahren „Türme in der Schlacht“(2) in dieser Reihe. Für jene, die noch nicht sehen (wollen): es ist die „Schlacht“ um das Überleben als Mensch und Volk!

    Herzlichen Dank für diesen Gastbeitrag!

    (1) Hugo DINGLER, geb. 1881, studierte nach dem Abitur in Erlangen und München, später Göttingen, Mathematik und Physik. Er hörte auch bei Felix KLEIN und Edmund HUSSERL Vorlesungen. 1906 promovierte er an der Universität München in Mathematik, Physik und Astronomie. 1912 venia legendi. Im ersten Weltkrieg diente H. DINGLER als Hauptmann an der Front. 1920 ao. Professor an der Universität München. 1932 oö. Professor für Philosophie an der Techn. Hochschule Darmstadt. 1934 mußte DINGLER wegen weltanschaulicher Gründe den Lehrstuhl verlassen. Er starb am 29. Juni 1945 an einem Herzleiden viel zu früh. - Dies und die kurze akademische Karriere haben leider das Werk DINGLERS wenig bekannt gemacht, aber er ist zu den klarsten Denkern zu zählen und sein Ansatz, das Handeln in die Erkenntnistheorie einzubeziehen, machen seinen Ansatz besonders fruchtbar.
    Werke u.a.: Das physikalische Weltbild, Beiheft z. Ztschr. f. phil. Forschung, 1951; Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, hsgb. von Dr. W. KRAMPF, Eidos Verl. München.

    (2) In Anlehnung an Carl Schmitt: Die Besetzung der Begriffe, und damit des Denkens, ist in der politischen Auseinandersetzung so bedeutsam, wie die Eroberung einer Festung in der Schlacht.


alle Kommentare

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    23. August 2013 12:20

    So geistreich die Abwägung von Wirtschafts- und sonstigen Theorien gegeneinander auch sein mag, - mir erscheint das Ganze ein wenig wie Bridgespielen, das zwar sicher große Intelligenz erfordert, nur nicht ganz frei ist von dem Angriffspunkt, wofür denn das Ganze gut sein solle, außer daß es manchen Leuten Spaß macht. Das allgemeine Übel besteht darin, daß Postulate erstellt werden, von denen man aus Erfahrung oder auch im Wege psychologischer Betrachtung wissen müßte, daß sie nicht umsetzbar sind, weil der Mensch so ist, wie er eben ist. Ich kann z.B. die Forderung erheben, daß doch wieder die Moral, namentlich die christliche, die Grundlage aller politischen Maßnahmen sein sollte. Goldrichtig, und die Abspaltung ethischer Normen von allen übrigen Bereichen der öffentlichen Aktivität macht die Gesellschaft zu einer Art Spirituspräparat, wobei sich indoktrinierte Zombis willig in Rexgläser einlegen lassen. Der Haken bei der angestrebten Re-Etablierung moralischer Werte: diejenigen Leute, die hier vielleicht die richtigen Absichten hätten, werden nie ans Ruder kommen, weil das Anforderungsprofil dafür im Vorhandensein ebenjener Eigenschaften besteht, deren Auswirkungen man bekämpfen sollte. Was die Wirtschaftstheorien betrifft, so wären sie nach ihrem nachhaltigen Funktionieren zu beurteilen. Würde bedeuten, daß die Gesellschaft insgesamt zufrieden ist. Das hat man aber, wenn überhaupt, bisher nur in sehr eingeschränktem Maß beobachten können. Gewinner auf der ganzen Linie gibt es nicht, und das Wohl bestimmter Gruppen geht auf Kosten des Wohls anderer Gruppen. Ganz abgesehen davon, daß unter Wohl meist das materielle Wohl verstanden wird. Das Wohl ideeller Natur ist zu wenigen Leuten ein Anliegen, denn „erst kommt das Fressen, dann die Moral“. Und so ist die Moral auf demokratischem Wege praktisch abgeschafft. Sie wird, überspitzt ausgedrückt, durch masonische Werte wie z.B. Toleranz ersetzt, wobei die Leute mit dem Holzhammer dazu bewegt werden sollen, das bisher unmoralisch Gewesene nicht nur zu tolerieren, sondern sogar zur Norm zu erheben. Wettbewerb (um wieder zur Wirtschaft zurückzukehren) galt früher in der chinesischen Philosophie als unmoralisch, da man ja ständig damit beschäftigt sein muß, Mitbewerber auszutricksen und auf die Plätze zu verweisen. Jetzt ist der Wettbewerb zur legitimen Existenzgrundlage erklärt worden, ja nachgerade zur Pflicht. Das alles eingebettet in die sogenannte Solidargemeinschaft, in der allerdings jeder sein eigenes Süppchen kocht. Den globalen Exorzismus wird man wohl nicht zuwege bringen.

    • F.V. (kein Partner)
      23. August 2013 13:29

      Sg. Frau Kupf,

      Sie haben sicherlich mit Ihrer Diagnose des Ist-Zustandes nicht unrecht, aber es gibt nur zwei Möglichkeiten damit – dem heutigen Zustand - umzugehen:

      1. sich damit abzufinden oder
      2. nach „besseren“ Alternativen zu suchen.

      Natürlich ist „besser“ immer etwas, das man an einer idealen Norm orientiert, wie sonst könnte man ein Werturteil fällen, also bleibt einem nicht erspart zuerst diese festzumachen, wiederzufinden oder als „Religion“ neu zu begründen.

      Nun meinte Nietzsche ganz richtig, daß jener der sich anschickt die alten (Gesetzes-)Tafeln umzustürzen als Verbrecher gilt, wenn es ihm nicht gelingt, aber er wird zum Heiligen oder gar Religionsstifter wenn er Erfolg haben sollte. Wir müssen daher damit beginnen die zB von Dr. Romig und den meisten Diskutanten als richtig angesehenen christlichen Grundlagen a. als solche zu erkennen, b. als solche zu bezeichnen und c. deren Wiedereinsetzung zu wünschen und zu betreiben. Die oft zitierte „renovatio spiritualis“.

      Da „uns“ die Machtmittel, das Geld, die Medien, der Einfluß auf die Justiz und Legislative de facto fehlen, ist das einzige Mittel der Geist und die Wahrheit. Und das Vertrauen, daß die Wahrheit am Ende immer obsiegen wird.

      Es mag sein, daß wir im Augenblick keine konkreten Ansatzpunkte sehen bzw. haben, um willentlich und planvoll eine Änderung der Lage herbeizuführen. Wir müssen auf die Hilfe Gottes hoffen, bzw. konkret auf den absehbaren Kollaps des Systems. Dann ist es aber entscheidend, daß es auch Menschen gibt, die noch in hinreichender Zahl (und voneinander wissend) da sind, die neue (möglicherweise ur-alte) Ordnung wiederherzustellen. Und diese müssen sich hinsichtlich der „Marschzahlen“ einig sein, weil es gilt aus dem zu erwartenden Chaos wieder die Ordnung herzustellen.

      Natürlich wissen sie als kluge und hochgebildete Frau das auch, darum glaube ich, daß Ihr Kommentar nur die gedrückte Stimmung über die aktuelle Lage ausdrückt. Aber an den Analysen Romigs und den zustimmenden Kommentaren führt kein Weg vorbei.

      Das Tröstliche ist, was Ernst Jünger im Waldgänger ja so eindringlich beschrieben hat: der Despot kann nicht ruhig schlafen, solange er weiß, daß es „im Wald“ noch jemand gibt, der das Knie noch nicht vor ihm gebeugt hat. Auch darum sind diese Diskussionen wichtig.

    • Waltraut Kupf (kein Partner)
      24. August 2013 01:05

      Antwort an F.V.: Sehr geehrter F.V., Sie haben recht mit der Vermutung, daß mein Kommentar aus einer Stimmung der Frustration heraus abgefaßt wurde. Ich schließe mich im Prinzip mit kleinen Einschränkungen Romigs Meinung an, sehe aber die Diskrepanz zwischen den Erfordernissen und der Chance ihrer Erfüllung als fast unüberwindlich an. Vielleicht sollte ich die göttliche Tugend der Hoffnung mehr kultivieren und an die mögliche Wirkung von Imponderabilien in der Geschichte denken.

    • omi (kein Partner)
      24. August 2013 13:21

      Waltraut Kupf (kein Partner)
      Sg. Frau Kupf
      Ich kann ihnen nur zustimmen, auch mir ist das Herz so schwer, wenn ich die Zustände in denen wir uns befinden betrachte. Oft schwindet die Hoffnung, aber der Glaube an die Schöpfung richtet mich dann wieder auf. Die Natur wird alles wieder in Ordnung bringen. Das tat sie immer. Man denke an das alte Rom, Sodom & Gomorra, Babylon etc.
      Wahrscheinlich muss der Mensch erst sehr tief fallen bis er das wahre Leben begreift. Dass wir nur glücklich sein können, wenn wir im Einklang mit der Natur leben, so wie das unsere Ahnen früher taten.
      Mir fällt immer das Sprücherl ein: "siehe die Vögel haben kein Geld und der himmlische Vater ernährt sie doch" Die Natur gab uns alles, was wir zum Überleben brauchten. Uns muss nur endlich bewusst werden, dass wir niemanden benötigen, der uns befiehlt wie wir zu leben haben. Wir sind eigenständige Wesen, mit einem Herz und einer Seele. Wir sollten mehr auf unsere innere Intuition hören, anstatt auf Fremde, die des Profites wegen unseren Lebensraum zerstören.

    • Waltraut Kupf (kein Partner)
      26. August 2013 11:06

      Antwort an omi: Sie haben völlig recht, nur steht zu befürchten, daß die Situation eine Eigendynamik entwickelt hat, welche die Dinge irreversibel macht, was möglicherweise bereits der Fall ist. Das wird erst später beurteilt werden können, wahrscheinlich erst von den Generationen nach uns. LG

  13. terbuan
    21. August 2013 15:09

    Danke Friedrich Romig für Ihren großartigen Gastkommentar, mein Dank gilt auch allen Postern für ihre wertvollen Diskussionsbeiträge.
    Wenngleich schon vieles über das Werk von Tomas Sedlacek hier erörtert und diskutiert wurde, werde ich es mir auch besorgen und studieren!

  14. Susanna (kein Partner)
    21. August 2013 08:31

    Danke für die Vorstellung dieses Buches und die damit verbundenen Gedanken!

  15. Francois Villon (kein Partner)
    21. August 2013 06:13

    Eine – wieder – vortreffliche Buchbesprechung, die in Wahrheit natürlich viel mehr ist: eine fundamentale Kritik an der gegenwärtigen Woodoo-Ökonomie, aber darüber hinaus eine Orientierung, wie Wirtschaft gesehen und gestaltet werden muß, sollten wir nochmals die Füße auf den Boden bringen (wollen).

    Es ist hoffentlich nicht vermessen, zu so einem gewaltigen Kommentar, dem ich ja völlig zustimme, noch Anmerkungen zu machen, aber ich wage es, denn wo bliebe sonst die Diskussion und Vertiefung des Verständnisses.

    „Den Gestrauchelten aufzuhelfen, gehört zum Liebesgebot. Unsere ganze moderne Gesellschaft, so Tomáš Sedlácek, „kann ohne die ungerechte Vergebung von Schulden nicht funktionieren“ (S. 174). Marktwirtschaft und Wettbewerbsregeln werden in der Krise ohne Hemmung außer Kraft gesetzt.“

    Ich glaube, daß dieses „Vergeben der Schulden“ im Falle ESM, ... weniger auf die christliche Botschaft zurückzuführen ist, als auf den Betrug der in Wahrheit atheistischen Mächtigen.

    „Privateigentum ist kein absolutes Recht, „die Erde gehört allen gemeinsam“, die Ausübung von Besitzrechten steht unter dem Gemeinwohlvorbehalt (vgl. S. 193).“

    Wie wahr; aber hier im UTB, wird immer wieder gerade dies bestritten, nämlich a. daß Eigentum verpflichtet und b. daß das exorbitante Vermögen Weniger doch in Wahrheit unsittlich ist.

    „Durch Thomas von Aquin wurden Vernunft und Logik gegenüber dem Glauben ihr Recht eingeräumt. Eine Tat, die für die spätere, „wissenschaftlich“ geprägte Zivilisation und ihre Ökonomie ausschlaggebend wurde. Anders als für Martin Luther, für den die Vernunft „des Teufels Braut“ und eine „Metze“ ist (S. 209), besteht der Aquinate darauf, dass natürliche Vernunft und rechter Glaube sich niemals widersprechen können, denn Gott, der ja selbst Geist ist und sich im Logos der Schöpfung offenbart, täuscht weder sich noch uns. Auflehnung gegen die Vernunft ist gleichbedeutend mit der Auflehnung gegen Gott.“

    Ist damit nicht der Protestantismus als christliche Religion erledigt? Man lese dazu auch den Essay über den Katholizismus, den Liberalismus und den Sozialismus von Juan Donoso Cortes. – Die Sache ist also klar.

    „Die Gesellschaft braucht also einen „Steuermann, der am Ruder steht“ (S. 209).“

    Wie wahr! – Gestern (19. 8.) war auf 3sat ein Gespräch/Interview mit dem Präsidenten des Zentralkomitees dt. Katholiken, Alois Glück, einem langjährigen Landtagsabgeordneten, -präsidenten und Fraktionsführer der CSU. Im Unterschied zu den geistlosen Politfiguren eine wahre Lichtgestalt mit jenem Fundament, das man sich von wirklichen Führungspersönlichkeiten und Staatsmännern wünschte.
    Er diskutierte über alle Schlüsselfragen aus Kirche und Staat sine ira et studio, und selbst die üblichen „heiklen“ Themen behandelte er weder aus einer Defensive noch falschen Aggressivität, sondern stellte sie in einen größeren Zusammenhang und sein Urteil war in jedem Augenblick auf den ewigen Normen des Naturrechts gegründet bzw. er zeigte von einem festen Standpunkt die Defizite und damit inhärenten Probleme mancher (neuerer) Positionen etwa der evangelischen Kirchen auf, die mit der „Gleichstellung“ die für Staat und Gesellschaft doch viel wichtigere Rückgewinnung des Stellenwerts der (ehelichen) Familie aus den Augen verloren hätten. In keinem Augenblick hörte man Konservensätze, billige Zustimmung oder Zurückweisung oder ausweichende Antworten, die sich im nächsten als Widersprüche entlarvten.
    Sehr im Unterschied zum Interview Spindeleggers und der schönen Lou zuvor in der ZIB2.

    „Wissenschaft war von nun an nur das, was beobachtet und durch Experiment bewiesen werden konnte.“

    Die Fragwürdigkeit dieses „Dogmas“ wird ja nicht nur von Romig, der Kirche/Religion immer wieder betont, sondern auch von modernen Philosophen/Naturwissenschaftler, u. a. Hugo Dingler.(1)

    Es wird nicht bestritten, daß etwa in den Wirtschaftswissenschaften Modelle nützlich zur Analyse von Teilvorgängen sind, aber es wird mit Vehemenz bezweifelt, daß irgend eines der bisherigen Modelle - A. SMITH´s invisble hand, KEYNES, FRIEDMAN, VON HAYEK, ...- Wahrheit beanspruchen könne. Sie sind aus einer Zeit und aus bestimmten Umständen geboren und enthalten daher eine vorgeprägte Sicht der Dinge; das ist natürlich Ideologie, ohne daß diese Feststellung allein schon etwas Abwertendes bedeutet.

    Man muß aber erkennen, daß z. B. eine Chicagoer Schule der Wirtschaftswissenschaften auf den spezifischen US-amerikanischen Bedingungen aufsetzt und hier Theorien sich entwickeln mußten, die den besonderen Verhältnissen der USA entsprechen: "public companies" (shareholder value), große "global enterprises", Finanzierung hauptsächlich über die Börse (financial markets), u. a. Es ist unbestreitbar, daß diese Theorien, indem sie die USA-Bedingungen "abbilden", vor allem dieser Art Wirtschaftsstruktur und dem besonderen US-amerikanischen Machtstreben - Washingtons Neuer Weltordnung - dienen (man könnte auch sagen ihr die "Räuberleiter" machen). Aber das muß man aus unserer anderen Lage weder wünschen, noch für eine unbezweifelbare "Wahrheit" der Wirtschaftswissenschaften halten.

    „Mathematik hat zur äußeren Welt von sich aus keine Verbindung, die entsteht erst in unserem Kopf. Mathematik benutzen wir als Sprache zur sehr eingeschränkten Beschreibung der Welt.“

    Eben das hatte Dingler über „das Experiment“ schon vor eine halben Jahrhundert gesagt. Aber es ist sehr gut, daß dies nun Sedlacek konkret für die Wirtschaft klar machte. Damit fällt es jenen leichter dies zu begreifen, die abstrakte Ableitungen nicht auf andere Felder übertragen können.

    „Erinnert sei hier nur an Johannes Messner, ....u. v. a.“

    ... u.v.a. ...Hier hat Dr. Friedrich Romig in Bescheidenheit darauf verzichtet sich einzureihen, aber er ist auch einer der wahren „Türme in der Schlacht“(2) in dieser Reihe. Für jene, die noch nicht sehen (wollen): es ist die „Schlacht“ um das Überleben als Mensch und Volk!

    Herzlichen Dank für diesen Gastbeitrag!

    (1) Hugo DINGLER, geb. 1881, studierte nach dem Abitur in Erlangen und München, später Göttingen, Mathematik und Physik. Er hörte auch bei Felix KLEIN und Edmund HUSSERL Vorlesungen. 1906 promovierte er an der Universität München in Mathematik, Physik und Astronomie. 1912 venia legendi. Im ersten Weltkrieg diente H. DINGLER als Hauptmann an der Front. 1920 ao. Professor an der Universität München. 1932 oö. Professor für Philosophie an der Techn. Hochschule Darmstadt. 1934 mußte DINGLER wegen weltanschaulicher Gründe den Lehrstuhl verlassen. Er starb am 29. Juni 1945 an einem Herzleiden viel zu früh. - Dies und die kurze akademische Karriere haben leider das Werk DINGLERS wenig bekannt gemacht, aber er ist zu den klarsten Denkern zu zählen und sein Ansatz, das Handeln in die Erkenntnistheorie einzubeziehen, machen seinen Ansatz besonders fruchtbar.
    Werke u.a.: Das physikalische Weltbild, Beiheft z. Ztschr. f. phil. Forschung, 1951; Die Ergreifung des Wirklichen, 1955, hsgb. von Dr. W. KRAMPF, Eidos Verl. München.

    (2) In Anlehnung an Carl Schmitt: Die Besetzung der Begriffe, und damit des Denkens, ist in der politischen Auseinandersetzung so bedeutsam, wie die Eroberung einer Festung in der Schlacht.

  16. Dr. Endre Attila Bárdossy
    20. August 2013 23:49

    Sedláceks Buch wurde bereits vor kurzem in diesem Blog rezensiert:
    Cf. Andreas Tögel am 4. VIII. 2013
    http://www.andreas-unterberger.at/2013/08/die-okonomie-von-gut-und-boese/

    TÖGELS lobenswerter Beitrag wurde nur sparsam diskutiert, da im breiten Publikum nur wenige imstande sind, ein so schwieriges, immer wieder deformiertes Thema sachgerecht zu kommentieren.

    In meinem Diskussionsbeitrag wies ich darauf hin, dass die »Geschichten und Portraits« des Buches zwar gut, aber etwas langatmig dargeboten werden (447 Seiten). Jedenfalls bis zum Schluss wurden keine präzisen philosophischen Konsequenzen gezogen. Hätte der sehr gesprächsbereite Autor seine dichtbelaubte Sprache etwas konzentrierter dargeboten, wäre die Kürze wahrscheinlich zu seinem Vorteil ausgefallen. Diese Kürze vermisse ich auch beim zweiten Rezensenten ROMIG, der sich breitspurig über mehr als zehn A4-Seiten zur Darstellung anschickt und geschickt das selektiert, was seiner eigenen Philosophie zuspricht.

    Der HOLISMUS als Ganzheitliche Schule der Nationalökonomie von Othmar Spann war ein christlich-naturrechtlich inspirierte Lehre, in der der Mensch keine Individualität mehr haben darf. Seine politische Formierung kam in Österreich im Ideal des Ständestaates zur Hochblüte, das freilich sowohl vom Marxismus wie auch vom Faschismus auf Lichtjahre entfernt, aber dennoch eine Art platonisch geadelter Kollektivismus war. Das Menschenwesen wäre nach Platons »Zoon politikon« ein nichtiges Corpusculum – ein Nichts – da seine Gruppe (Volk, Klasse, Partei, im Extremfall die Humanität selber) alles ist. Der Pendel schlägt somit häufig vom Liberalismus in eine Variante des Totalitarismus über. Platons Res publica über Hegels Staatslehre samt allen Utopisten der Geistesgeschichte sind die leuchtenden Beispiele dafür.

    Sedlácek, der sich lieber mit der »postmodernen« Anarchie eines Feyerabends zieren möchte, endet freilich in der Ratlosigkeit der Filmemachers und Hackers – heute also in guter Geselligkeit mit den »Assange, Manning, Snowden...« – die das System knacken wollen.

    Nach kat‘holischer Lehre der päpstlichen Enzykliken gibt es kein Gemeinwohl ohne das Wohl des Einzelnen. Um letzten Endes das zu verstehen, brauchen wir weder Paul Feyerabend noch Otto Spann. Die Kat‘holische Wahrheit ist nämlich weder eine »Holistik« noch eine »Ganzheitliche Schule«.

    José Ortega y Gasset – wie die Philosophen lateinischer und romanischer Muttersprache im allgemeinen – waren dessen noch bewusst, dass das altgriechische Adjektiv »kat-holikos« ein Compositum ist, das sich aus der abschwächenden Vorsilbe KATA (unterwegs zum..., in Richtung von...) und HOLON (lat. totum, dem Ganzen) zusammensetzt. Es ist als »universal« (und somit nicht als totalitär/holistisch/ganzheitlich) zu übersetzen. Der Kat‘holizismus wäre demnach weder ein liberal entfesselter Individualismus noch eine kollektive Ganzheits- oder Gesamtschule, sondern stellt die goldene Mitte dar, ohne einseitige Prioritäten.

    Der Rezensent wird an diesem Punkt bis zur Platonischen Brutalität deutlich: »Wie die einzelne Person, so steht auch die ganze Wirtschaft im Dienst des Gemeinwohls, des Bonum commune [der Polis]. Wirtschaftlich primär ist darum nicht das Wohl des Einzelnen, sondern des "Ganzen". Das "Ganze", die Gemeinschaft, hat den Vorrang vor den Teilen, den "Angehörigen", den "Mitgliedern". Ihre Aktivitäten und Besitztümer stehen unter Gemeinwohlvorbehalt.«

    Diese Konsequenz wird vom Rezensenten F. Romig gezogen – sie steht nicht in Sedláceks Buch. Im Gegensatz des hebräisch-christlichen Begriffes des Privateigentums, das im Dekalog bis heute unter den Schutz des Allerhöchsten gestellt worden ist. Plinio Correa de Oliveira ist einer der letzten Thomisten, bei dem diese Begriffe noch geordnet nachzulesen sind.

    Ich muss wiederholen, was ich bereits in der ersten Besprechung gesagt habe: Tomáš Sedlácek rührt die Trommel nicht für einen neuen Bildersturm gegen »Kapitalismus, Marktwesen und Mathematik«, sondern lediglich etwas verschwommen gegen ihre unangebrachte Verunstaltung (d. h. Verabsolutierung, Vereinfachung oder Verkomplizierung).

    Wenn wir auf dem Markt nicht mehr (oder wieder) auf Beuten jagen, sondern schlicht und einfach Güter, Dienste und Rechte vermitteln wollen, dann wird sich der Markt weiterhin als bleibende Errungenschaft der Zivilisation behaupten können. Der Dritte Weg wäre nach F. A. von Hayek, dass wir ohne Tauschwirtschaft atavistisch wieder zu »Grünen BeerensammlerInnen« mausern oder verhungern müssten.

    • F.V. (kein Partner)
      21. August 2013 06:32

      Soweit ich Spann verstanden habe, betont dieser, daß der Einzelne und das Ganze – also die (Volks-)Gemeinschaft aufeinander bezogen sind und die höhere Ganzheit keinesfalls den Einzelmenschen aufhebt oder gar negiert.

      Der Staat stellt die Ordnung dar und indem er den Einzelnen gegen innere und äußere Bedrohungen schützt, sichert er den Frieden.

      Wo KRIEG zwischen Einzelnen, Gruppen oder Mächten geführt, die ORDNUNG vernichtet wird, stellt sich als Folge die ARMUT ein. Mit dem FRIEDEN wird daher die materielle ORDNUNG des Staatsganzen und damit die WOHLFAHRT beabsichtigt. Diese ist nicht von der Einzelexistenz des Bürgers losgelöst, weil eine WOHLFAHRT bei der der Einzelne auf Dauer der äußersten NOT ausgesetzt ist, eine Fiktion wäre. Allgemeines und einzelnes Wohl stehen in einem dialektischen Verhältnis, und ohne identisch zu sein, hat das eine SINN und MÖGLICHKEIT nur durch das andere. (1)

      Ich denke, die Unterstellung daß Spann auch nur eine Art Kollektivismus befördert, ist ein Missverständnis.

      (1) GEORG WILHELM FRIEDERICH HEGEL, Grundlinien der Phil. d. Rechts § 130. Hier liegt das Mißverständnis des extremen Kollektivismus jeder Prägung: Das Gesamtwohl wird stets verabsolutiert, wobei das Einzelwohl notwendig geopfert (negiert) wird. Desgleichen das des extremen Individualismus: Dieser verabsolutiert die Selbstsucht und das Glücksstreben des Einzelnen, indem er der Kollektivität oder gar dem Nächsten gegenüber keine „Bindungen“ anerkennt. Dadurch untergräbt er aber die Voraussetzung seiner eigenen „Wohlfahrt“: Denn durch den bindungslosen Libertinismus jeder Prägung wird das allgemeine Wohl vernichtet.

    • Romig
      21. August 2013 09:49

      @Dr. E. Bardóssy

      "Der HOLISMUS als Ganzheitliche Schule der Nationalökonomie von Othmar Spann war ein christlich-naturrechtlich inspirierte Lehre, in der der Mensch keine Individualität mehr haben darf."

      Tut mir Leid, Herr vererter Herr Dr. Bardóssy, aber der zweite Halbsatz ist einfach unrichtig. Im Hauptwerk Othmar Spanns, "Die Kategorienlehre", behandelt ein großer Abschnitt das Wesen der Persönlichkeit (§ 23), und zwar, wie sie mit Recht betonen, auf christlich-naturrechtlicher Basis. Ich zitiere: "Persönlichkeit ist die Krone des Seins, sie wird durch Rückverbindung (Anm.: =religio, zuletzt in Gott) geschaffen". Es entspricht dies der Lehre der Kirchenväter: "Factus est Deus homo, ut homo fieret Deus" - Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott würde, d. h. heißt, sich ganz mit Gott erfülle. Genauso Paulus im Brief an die Galater (2, 20): "Nicht ich lebe, Christus lebt in mir". Spann bezeichnet diese Selbstüberhöhung, durch die der Mensch erst seine Individualität und "Eigenleben" gewinnt, als "Ziel alles geistigen Werdens." Sie können, diese in der Gottesliebe gipfelnde Hingabe ja als "platonisch geadelten Kollektivismus" bezeichnen, doch solche polemische Etikettierung ändert nichts an der Wahrheit der Aussage.

      Auch mit diesem Abschnitt liegen Sie einfach falsch: "Der Rezensent wird an diesem Punkt bis zur Platonischen Brutalität deutlich: »Wie die einzelne Person, so steht auch die ganze Wirtschaft im Dienst des Gemeinwohls, des Bonum commune [der Polis]. Wirtschaftlich primär ist darum nicht das Wohl des Einzelnen, sondern des "Ganzen". Das "Ganze", die Gemeinschaft, hat den Vorrang vor den Teilen, den "Angehörigen", den "Mitgliedern". Ihre Aktivitäten und Besitztümer stehen unter Gemeinwohlvorbehalt.«

      Der Vorrang des Gemeinwohls der Gesellschaft vor dem Eigenwohl wird von dem Altmeister der Kath. Soziallehre, Oskar v. Nell-Breuning (Einzelmensch und Gesellschaft, S. 70) wie folgt begründet: "Dieser nicht nur an Wertfülle, sondern auch der Wertstufe nach den Einzelnen überragende Eigenwert (Anm. der Gesellschaft oder Gemeinschaft), sichert ihr eindeutig den wertmäßigen Vorrang vor dem Einzelnen". Offenbarung wie auch die öffentliche Huldigung, die die Gesellschaft durch den ganzen Reichtum ihrer Kulturgüter vollzieht, "stehen auf einer höheren Stufe als die Verherrlichung, die der auf sich gestellte Einzelmensch Gott zu erweisen vermöchte". Nach Nell-Breuning besteht dieser Vorrang in "zeitlicher, sachlicher, logischer und würdemäßiger Hinsicht". Für Johannes Messner (Naturrecht, Kap. 33) ist mit Berufung auf Thomas v. A. das Gemeimwohl sogar "göttlicher" als das Eigenwohl. Von "goldener Mitte" ist hier keine Spur!

      Um sich zu überzeugen, dass die Kath. Soziallehre "holistisch" oder "ganzheitlich" denkt, genügt ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis des "Kompendiums der Soziallehre der Kirche" (2006) oder wenigstens auf den Umschlag, der das Fresko von Ambrogio Lorenzo im Rathaus von Siena zeigt: "Die Allegorie einer guten Regierung". Es zeigt die Harmonie der Berufsgruppen unter dem Einfluß der in der Polis gepflegten Tugenden.

      Recht haben Sie damit, dass Sedlacek nicht zu einem Bildersturm gegen "Kapitalismus, Marktwesen und Mathematik" aufruft. Es geht ihm um die methodische "Einbettung" der Nationalökonomie in die gesellschaftlich-kulturellen Zusammenhänge, fernab vom homo oeconomicus. Auch eine gewisse "Verschwommenheit" bei Sedlacek konzediere ich Ihnen gerne. Doch abgesehen davon fällt es wohl auch niemandem ein, die "Tauschwirtschaft" abzuschaffen - für Christen steht allerdings auch sie unter "Gemeinwohlvorbehalt", eine Wendung, die sich u.a. auch gegen die "Globalisierung" richtet. Das ganze Buch von Sedlacek dreht sich um Konsequenzen aus der Einbettung der Ökonomie in das Gemeinwohl der Gesellschaft. Das haben übrigens auch andere Rezensenten so gesehen.

      Schlußendlich: Der auch von mir sehr verehrte Plinio Corrèa de Oliviera hat nie die "Sozialen Verpflichtung" des Privateigentums geleugnet (siehe dazu sein Buch "Noblesse et élites traditionelles analogues dans les allocutions de Pie XII", 1995).

    • F.V. (kein Partner)
      21. August 2013 10:02

      Darf ich noch etwas nachreichen:

      „Der Rezensent wird an diesem Punkt bis zur Platonischen Brutalität deutlich: »Wie die einzelne Person, so steht auch die ganze Wirtschaft im Dienst des Gemeinwohls, des Bonum commune [der Polis]. Wirtschaftlich primär ist darum nicht das Wohl des Einzelnen, sondern des "Ganzen". Das "Ganze", die Gemeinschaft, hat den Vorrang vor den Teilen, den "Angehörigen", den "Mitgliedern". Ihre Aktivitäten und Besitztümer stehen unter Gemeinwohlvorbehalt.“

      Spann legt außerordentlich breit dar, daß es immer des „Kapitals höherer Ordnung“ (KhO) bedarf, daß ein Einzelner (Unternehmer) überhaupt erfolgreich sein kann. Dieses KhO ist aber ausschließlich durch die Gemeinschaft/den Staat bereitgestellt: rechtsstaatliche Ordnung, ein Schulsystem bis zu den Universitäten, Marktplätze mit Handelsbräuchen, Infrastruktur, wie Straßen, Bahn, Energieversorgung, u.a.m.

      Aus diesem Grund funktioniert hier meist ein Unternehmen, das zB in Ländern der ehemaligen UdSSR nicht funktioniert, weil diese von der Gemeinschaft bereitgehaltenen Voraussetzungen dort eben nicht oder höchst unzureichend gegeben sind. Wir erlebten ja (und es ist noch nicht ausgestanden), wie die „Investitionen“ der österreichischen Großbanken dort – trotz des vielen Finanzkapitals über das sie verfügen (auch wenn es nur fiat-money ist) zu gigantischem „Abschreibebedarf“ führten (und noch führen werden), weil dort die Wirtschaft nicht im erwarteten Ausmaß „anspringt“.

      Jeder sieht auch unmittelbar ein, daß landwirtschaftlicher Grund in der Nähe der Stadtgrenze, der in Bauland umgewidmet wird, nicht wegen der Eigenleistung des Bauerns im Wert um das Zehnfache stieg, sondern weil hier die Gemeinschaft der Stadtbürger dies bedingte, die hier eben einen Wert als Gemeinschaft geschaffen haben - die Stadt -, der am flachen Land auch in hundert Jahren nicht dort wäre.

      Es ist also sehr berechtigt Eigentum unter Gemeinwohl-Vorbehalt zu betrachten.

      Da Sie den besonderen Schutz des Eigentums als in der Hl. Schrift verbürgt sehen, muß man aber auch dazu sagen, daß etwa die heute beobachtbare Form des Vermögenszuwachses durch Zins und Zinseszins in der Hl. Schrift (Moses an mehreren Stellen) ausdrücklich verboten ist. Wäre solches Eigentum auch geschützt?

      „... dann wird sich der Markt weiterhin als bleibende Errungenschaft der Zivilisation behaupten können.“

      Der wird ja nicht bestritten. Aber es ist erstens nicht alles „Markt“, was sich als solcher bezeichnet (zB die „finacial markets“ oder die computerisierten Börsen, bei denen Programme „real time“ virtuelle Transaktionen abwickeln, als ob sich die wirtschaftlichen Aussichten von Unternehmen in Bruchteilen von Sekunden änderten!). Und Märkte sind letztlich auch Ordnungen (Marktbräuchen) unterworfen und nicht, wozu sie die liberale Theorie machen: möglichst keine „Eingriffe“.

      Abgesehen davon sind die liberalen Vorstellungen erst einmal an der Wirklichkeit zu orientieren: es gibt keine allgemeine, allumfassende Information, es gibt keinen unbehinderten Zugang zu Märkten und die Idee, daß hier sich ein Gleichgewicht einstelle, ist angesichts der schnellen und ununterbrochenen Veränderungen auch nur eine theoretische Illusion.

    • Romig
      21. August 2013 10:08

      Korrekturen:

      "Tut mir leid, vereHrter Herr Dr. Bardóssy,..."

      Ambrogio LorenZETTI, statt Lorenzo.

    • J.Scheiber (kein Partner)
      21. August 2013 11:13

      Eine sehr spannende Diskussion. Aber auch wenn die Kritik von Dr. Bárdossy, der, wohl contre coeur, sehr hegelianisch argumentiert, etwas überzogen ist, ganz ausgeräumt sind die totalitären Tendenzen des Holismus noch nicht. Die Gemeinschaft ist nicht etwas Höheres als der Einzelne, sondern etwas ANDERES.

      Andererseits verweist Platons zoon politicon mitnichten auf einen Ameisenstaat, sondern gibt nur den Hinweis darauf, dass der Mensch ein Wesen ist, dass nur in der (staatlichen) Gemeinschaft die in ihm angelegte Teleologie entfalten kann.
      Der Glaube, die große Philosophie von Platon bis Hegel mit Popperchen einfach so wegbiegen zu können, ist ein wenig hochmütig.

      Was den Liberalen einfach nicht behagt, ist die Tatsache, dass es nicht ausreicht, das Recht des Einzelnen zu postulieren, sondern, dass es notwendig ist, gleichzeitig auch den Staat zu denken. Den Beweis dafür liefert der verehrte Herr Tögel mit jedem seiner Beiträge.

      Hegel hat in seiner Rechtsphilosophie, die eine Kritik des Liberalismus ist, es aber nicht verabsäumt, die Stärken des Liberalismus herauszustreichen. So hat er über Adam Smith gesagt, dass seine Wirtschaftstheorie eine ist, die dem Gedanken Ehre macht. Hegels Philosophie ist eben der große Vermittlungsversuch zwischen der antiken Substanz- und der modernen Subjektphilosophie.
      So gesehen würde ich die Antwort auf Sedlaceks Kritik in der Deutschen Schule der Nationalökonomie, in der Linie Hegel, von Stein, List, Weber und Neoliberalismus sehen. Im Neoliberalismus allerdings nur bis zur feindlichen Übernahme durch die Austrians.

    • Andreas Tögel
      21. August 2013 15:34

      Verehrter Herr Scheiber,
      beinahe zuviel der Ehre, im Beitrag von Herrn Romig genannt zu werden...

      Was meine endenwollende Staatsbegeisterung angeht, darf ich Ihnen, falls Sie die knappe Stunde dafür erübrigen wollen, folgenden Vortrag von Robert Higgs (u. a. Senior Fellow am Ludwig von Mises Institue / Auburn USA) ans Herz legen: http://www.youtube.com/watch?v=RILDjo4EXV8 . Der Mann bringt die Staatskritik des radikalen Libertarianismus´ auf den Punkt.

      Was die "feindliche Übernahme" des Neoliberalismus durch die Austrians angeht: Keiner der von Sozialisten und Konservativen gleichermaßen attackierten "Neoliberalen" hat sich je selbst als einen solchen bezeichnet. "Neoliberal" ist - wie "kapitalistisch" - nichts weiter als ein gerne benutztes Synonym für alles, was man halt irgendwie für Teufelswerk hält. War denn Hayek ein "Neoliberaler" oder nicht? War er es mehr oder weniger als Eucken, Röpke oder Rüstow?

      Rezente Austrians, wie Hoppe, DeSoto, Higgs, Kinsella oder Hülsmann, lehnen einen "Neoliberalismus" jedenfalls entschieden ab, der dem Staat eine - sei es wofür auch immer - tragende Rolle zuerkennt. Das sind als ogewiß keine "feindlichen Übernehmer" des "Neoliberalismus".

      Wie Higgs es so schön auf den Punkt bringt: Nichts, was an einer staatenlosen Gesellschaft negativ wäre, würde nicht durch die Existenz des Staates noch weiter verschlimmert werden. Da können sich dessen Apologeten von Platon über Hobbes bis Hegel allesamt auf den Kopf stellen.

      Ihr Kommentar zu Higgs´Vortrag (falls Sie ihn sich tatsächlich antuen) würde mich jedenfalls sehr interessieren.
      Ich verbleibe mit freundlichem Gruß,
      A.- Tögel

    • Dr. Endre Attila Bárdossy
      21. August 2013 15:51

      Sehr geehrter Herr Kollege Romig!

      Wenn Sie mit Platon, Hegel, Othmar Spann, Oskar von Nell-Breuning und mit allen anderen Kollektivisten in einer erlauchten Genossenschaft behaupten, dass der überragende Eigenwert des Staates das Wohl des Einzelnen in den Schatten stellt, dann stehen Sie im Widerspruch zur Hl. Schrift, wo es klipp und klar heißt: »Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.« Das ist ein Gebot, das auch mit dem überlieferten Grundsatz »Jedem das Seine« korrespondiert. Das habe ich mit Goldener Mite gemeint. Diese ist freilich kein starres oder eifersüchtiges Proporzdenken. Denn das Meine, Deine und Seine muss mit flexibler Liberalität und im gegenseitigen Einvernehmen immer wieder neudefiniert, verhandelt oder verschenkt werden. Daran geht auch keine »Wertfülle oder Wertstufe« vorbei.

      Im übrigen habe ich die Wörter »Societas«, insbesondere in ihrer allerverfänglichsten Form der »Sozialen Gerechtigkeit« längst aus meinem Vokabular gestrichen – besser gesagt den Usus auf ihren ursprünglichen Sinn eingeschränkt: »Gesellschaft« entspricht lediglich dem Begriff einer »Handelsgesellschaft« (compañía), »Gesellschaft der Musikfreunde oder Philatelisten, etc.«

      »Gesellschaft« als Oberbegriff aller Gemeinschaften über Staat, Nation, Gemeinde oder Familie stehend… wurde erst durch J.-J. Rousseaus Contract Social zum Lieblingswort aller ganzheitlichen Kollektivisten geworden, wobei es euphemistisch die brutale Staatsgewalt und die misslungenen Staatsstreiche Platons verdecken soll. Cäsar (meinetwegen auch Hobbes’ Leviathan) gebührt zwar für die Erfüllung seiner Schutzfunktionen, »was des Cäsars ist«, aber damit wird keine besondere »Wertfülle« vor Gott begründet. Ein Glaube, der nicht mehr von den Einzelnen im Herzen getragen wird, ist kein Glaube mehr, sondern halbleere Tradition der Gemeinschaft.

      Ferdinand Tönnies war zwar ein glühender Kommunist, aber eine Besinnung auf sein Begriffspaar »Gemeinschaft und Gesellschaft« steht uns noch als unbewältigte Aufgabe bevor. »Gesellschaft« ist ein leeres Füllwort geworden, womit alle Ungerechtigkeiten gerechtfertigt werden können.

      Der verhängnisvolle und unbeweisbare Satz »das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile« ist nichts anderes als ein platonischer Mythos. Der Betriebserfolg eines erfolgreichen und selbstverständlich ethisch profilierten Unternehmers steht unter keinem sozialen Vorbehalt, dem alles konfisziert werden kann, was den anderen gefällt: »Deine Steuern sind mein Geld!« – habe ich einmal als Graffiti gelesen. Wenn die Holisten hier von goldener Mitte keine Spur sehen, und ein diskretes Maßhalten cht für angemessen halten können, dann zeugt das davon, dass sie in der »Kat’holischen Lehre« die abschwächende Vorsilbe kat-, kata- auch nicht wahrnehmen können.

      Wo die Triumphierende Kirche in der Tat »holistisch« (d. h. ganzheitlich-totalitär) denkt und handelt, erfüllt sie nicht ihren genuinen Auftrag. Nur Einzelne können wirklich bekehrt werden, nicht die Kollektivitäten, die zwar einen Resonanzboden, Hilfe und Wohltat darstellen, aber in das Kämmerlein der Seele nicht eindringen dürfen»Wertfülle«

      Schlussendlich (und damit beende ich meinerseits diese aneinander vorbei redende Diskussion): zwischen Hegel und Plinio Corrèa de Oliviera gibt es keine Kompatibilität, da der letztere den Hegelschen Ludus, wie kein anderer vor ihm, durchschaut und bloßgestellt hat.

    • Dr. Endre Attila Bárdossy
      21. August 2013 16:09

      Kleine Korrekturen:
      1)Im vorletzten Absatz das Wort "Wertfülle" ist unwillkürlich hängen geblieben.
      2) Noch ein Absatz weiter oben soll es heißen:
      diskretes Maßhalten [cht] für nicht angemessen...

    • Romig
      21. August 2013 18:33

      @Dr. Bardóssy, 21.08., 15:51

      Sehr geehrter Herr Doktor Bardossy,

      wir reden nicht aneiander vorbei, sondern versuchen Richtiges von Falschem und Wahrheit vom Irrtum zu unterscheiden.

      So gehören zu Ihren absolut falschen Aussagen, Annahmen oder Behauptungen die Sätze: "Wo die Triumphierende Kirche in der Tat »holistisch« (d. h. ganzheitlich-totalitär) denkt und handelt, erfüllt sie nicht ihren genuinen Auftrag. Nur Einzelne können wirklich bekehrt werden, nicht die Kollektivitäten, die zwar einen Resonanzboden, Hilfe und Wohltat darstellen, aber in das Kämmerlein der Seele nicht eindringen dürfen".

      Die Kirche, ob als Eccelsia triumphans oder Ecclesia militans, denkt immer "holistisch". Sie selbst ist zwar nicht "totalitär", aber "totus Christus" (Augustinus), gleichsam "ein zweiter Christus" oder wie es Paul II. in seiner grundlegenden Enzyklika "Mystici Corporis Christi" darlegt, "der mystische Leib Christi". Hier auf Erden ist es ihr Auftrag, das Evangelium nicht nur Einzelnen zu verkünden, sondern "den Völkern" (Matt 28, 19). Nach Lumen gentium (nr. 9) werden die Menschen auch nicht als einzelne gerettet, denn "Gott aber hat es gefallen die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volk zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll". Schon aus dem Alten Testament geht hervor, das Gott sich nicht an einen Einzelnenen wendete, sondern sich das ganze Volk Israel zu seinem Eigenvolk erwählt und mit ihm einen Bund geschlossen hat. Auch im Neuen Bund ist die Zugehörigkeit zum Gottesvolk, der communio sanctorum,Voraussetzung für die Rettung jedes Menschen. Es ist das tiefste, metaphysische Begründung jeder "Volkheit" oder "Nation". In seiner Rede vor der UNO 1945 hat Johannes Paul II. aus dieser Begründung die "Rechte der Nation" abgeleitet, insbesondere ihr Recht auf kulturelle Existenz, die dem einzelnen Menschen, wie er anderswo ausführte (Laborem exercens, n. 10.3), durch "Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft kulturelle Identität verleiht".

      Sie können da noch lange mit Begriffen wir "holistisch", "ganzheitlich", "totalitär" oer "kollektivistisch" herumwerfen, an der Lehre der Kirche und ihrem genuinen Auftrag wird das nichts ändern. Der besteht darin, "auch die so schwierige Welt der Politik, der Kultur, der Wirtschaft und des Sozialen" so umzugestalten, dass diese Lebenswirklichkeiten (also auch die Ökonomie!!) ihre transzendente, sprich "heilige", Dimension offenbaren und zu Bausteinen des Reiches Christi werden (Paul VI. Evangelii nuntiandi, n. 70). "Heilige Wirtschaft", für einen Liberalen sicher starker Tobak! Ihr hat Walter Heinrich in Gloria Dei unter dem Titel: "Adamitische und kainitische Wirtschaft. Über die letzten Fragen im Wirtschaftsgeschehen" ein unvergeßliches Denkmal gesetzt (Wiederabdruck in Gesammelte Schriften, hrsgg. v. J. H. Pichler, Berlin 1977). Sedlacek setzt mit seinem Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse" die der Tradition verpflichtete Aufrollung von Grundfragen der Wirtschaft auf zeitgemäße Weise fort.

    • F.V. (kein Partner)
      21. August 2013 19:13

      Dr. Bardossy schreibt:

      „»Gesellschaft« als Oberbegriff aller Gemeinschaften über Staat, Nation, Gemeinde oder Familie stehend… wurde erst durch J.-J. Rousseaus Contract Social zum Lieblingswort aller ganzheitlichen Kollektivisten geworden, ...

      Der verhängnisvolle und unbeweisbare Satz »das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile« ist nichts anderes als ein platonischer Mythos.“

      Er hat nicht unrecht Gesellschaft auf den Begriff einer »Handelsgesellschaft« (compañía), »Gesellschaft der Musikfreunde oder Philatelisten, etc. zu beschränken, denn er verdeckt in der Tat das W e s e n der Begriffe Familie, Sippe, Volk, die zu gebrauchen heute als politisch inkorrekt gilt.

      Wir faseln zwar noch vom „Willen des Volkes“, der sich idealtypisch am ehesten durch die direkte Befragung ausdrückt, also durch den Volksentscheid, womit dem heutigen Verständnis von „Staat“ und „Gesellschaft“ Genüge getan wäre. Das ist eine grundsätzliche Orientierung. Aber in diesem Satz ist alles, was wohl implizit die Kritik Dr. Bardossys verursacht, enthalten, auch wenn er selbst eine andere Begründung wählte. "Volk" ist hier k e i n organisches Ganzes, sondern die Menge aller Bürger: Jeder Einzelne soll mit seiner Stimme eine bestimmte Entscheidungsaussage kundgeben. Die Entscheidungsaussage, auf die die meisten Stimmen entfallen, ist nach dieser Definition "der Wille des Volkes".

      Das könnte aber nur dann richtig sein, wenn "Volk" nicht noch etwas ganz a n d e r e s als die Summe der Einzelnen - also seiner Teile - wäre. Gelegentlich hört man schon mal den Satz – und auch negierend von Dr. Bardossy: "Das Ganze ist m e h r als die Summe seiner Teile."

      Aber das wird meistens gedankenlos dahergesagt. Dementsprechend nachlässig ist dieser Satz formuliert. Das darin enthaltene Wort "mehr" legt es nahe, an eine nur quantitative Differenz zu denken. Richtig muß er lauten: Das Ganze ist etwas a n d e r e s als die Summe seiner Teile. Damit ist eine q u a l i t a t i v e Differenz angesprochen.

      Die Wahrheit dieses (um-)formulierten Satzes - und daß diese schlampige Aussage aber einseitig, also auch unwahr ist - erschließt sich allein dem logischen Nachdenken über die Begriffsmomente: Ganzes, Teil, Anderes, Unterschied, Totalität, Subjekt usw. Diese begriffliche Klärung findet im politischen Raum heute überhaupt nicht mehr statt mit der Folge, daß die Argumente beliebig sind und die Debattierenden ständig aneinander vorbei reden. Das gilt dann als "aufgeklärt", "pluralistisch", "tolerant" - oder schlicht als "modern". Standpunkte werden gesammelt und dann ausgezählt, aber nicht geklärt. Jeder darf mitreden, ohne nachgedacht zu haben.

      Dieses Treiben ist nur Spiel ohne Ernst. Was dabei herauskommt, sind - bezogen auf die Vorstellungen der Spieler - stets zufällige Resultate. Der „Zufall“ aber ist gesteuert (manipuliert) von gesellschaftlichen Interessenagenturen, die für die Spieler unerreichbar sind und von diesen nicht beeinflußt werden können. Jene Agenturen gestalten nicht konkret die Prozesse in den verschiedenen Gemeinwesen, aber sie beschränken deren Gestaltungsmöglichkeiten so, daß die gegängelte Bewegung des Ganzen ihren Interessen förderlich ist.

      Ja, warum eigentlich? Müssen wir uns an der Realität nicht endlich die Beulen holen, ohne die der Verstand nicht zur Vernunft kommt? Es muß weh tun! Denn was schmerzt, ist der Verlust der Illusion, daß man mit seinem Denken schon auf der Höhe der Zeit sei. Ohne diesen Verlust aber ist für unser Land und unser Volk nichts zu gewinnen.

      Aus wohl richtigen Beobachtung, daß sowohl Minderheiten als auch Mehrheiten - gerade im Medienzeitalter - immer täuschbar und immer manipulierbar sind; ganz gleich, ob es sich dabei um politische Eliten und Regierungen handelt, oder um das gesamte Volk, ziehen wir fast nie den Schluß, daß eine Volksmenge als solche keinen vernünftigen Willen hat, diesen also auch nicht äußern oder gar betätigen kann.

      Die Volksmenge (die von Bardossy kritisierte Gesellschaft!) ist Trägerin von Stimmungen und Meinungen. Aus ihnen mag zwar ein Volkswille hervorgehen, der aber ist etwas ganz anderes, als das Ergebnis einer Stimmenauszählung.

      Die Menge der Bürger als Willensträger ist ein Abstraktum, etwas, was nur vorgestellt, aber nicht gedacht werden kann, also auch nicht wirklich ist. Die Wirklichkeit ist ein lebendiger Körper, dessen Seele mannigfaltige Organe und Glieder aus sich hervorbringt, durch die er handelt. Die Organe und Glieder sind selbst der Körper. Es macht daher keinen Sinn, Volk und Regierung getrennt zu sehen. Jeder Einzelne ist durch das Ganze vermittelt. Und dieses
      Ganze ist keine Rechengröße sondern ein Subjekt, so wie jeder Volksgenosse Subjekt ist. Der Mensch ist - wie Aristoteles es formulierte - ein Gemeinwesen (zoon politikon). Die Regierung als Willensorgan eines Volkes ist so unentrinnbar Teil jedes einzelnen Volksgenossen.

      Allgemein gilt:

      Das Ganze ist nur in seinen Teilen und durch die Teile.
      Jeder Teil ist immer auch das Ganze, von diesem zwar unterschieden aber nicht getrennt und auch nicht trennbar. Die vom Richtschwert abgeschlagene Hand ist nicht mehr Hand, sondern nur ein Haufen verwesenden Fleisches.

    • Komma
      22. August 2013 15:15

      Lieber Herr Tögel

      Sie haben völlig recht: "Keiner der von Sozialisten und Konservativen gleichermaßen attackierten "Neoliberalen" hat sich je selbst als einen solchen bezeichnet....Rezente Austrians, wie Hoppe, DeSoto, Higgs, Kinsella oder Hülsmann, lehnen einen "Neoliberalismus" jedenfalls entschieden ab, der dem Staat eine - sei es wofür auch immer - tragende Rolle zuerkennt. Das sind als gewiß keine "feindlichen Übernehmer" des "Neoliberalismus"."

      Sie haben recht, weil alle von Ihnen Genannten und Sie selbst Anarchisten, Paläoliberale oder Libertine sind. Mit denen ist bei Gott kein Staat zu machen. Sie liegen entweder schon auf dem Müllhaufen der Geschichte oder werden nicht mehr ernst genommen. Bei uns noch immer recht gesunden Österreichern ist dieses Nichternstnehmen der Liberalen ja schon lange der Fall: Liberale konnten sich hier nie durchsetzen. Und bei der nächsten Wahl werden die "Neos" eine Abfuhr erhalten, die sich gewaschen hat. Jede Wette!

      Trotzdem alles Gute!

    • Andreas Tögel
      22. August 2013 15:42

      Verehrtes Komma,
      wie Sie drauf kommen, daß ich mich für die "Neos" begeistern könnte, ist mir schleierhaft: http://www.ortneronline.at/?p=23857
      Ihre Feststellung, daß mit Leuten wie mir "kein Staat zu machen ist" werte ich allerdings als Kompliment!

      Wie Ihnen schon aufgefallen sein wird, beeindrucken mich Mehrheitsentscheide nicht - umso weniger, wenn ausschließlich verschieden schattierte Sozialisten zur Wahl stehen. Ich habe daher schon Jahrelang keine demokratische Bedürfnisanstalt (Wahlzelle) mehr von innen gesehen - und das wird auch so bleiben. Ich gebe meine Stimme nicht ab, sondern behalte sie lieber selbst ;-).
      mit freundlichen Gruß,
      A. Tögel

    • Collector
      26. August 2013 13:03

      @ J. Scheiber, 21. August 2013 11:13

      Ihr Zitat: "So hat er (Hegel) über Adam Smith gesagt, dass seine Wirtschaftstheorie eine ist, die dem Gedanken Ehre macht."

      Wenn ich Hegels Rechtsphilosophie recht verstehe, so hat er dem Marktmechanismus à la Smith (Ricardo, Say) im "System der Bürfnisse" der bürgerlichen Gesellschaft(§ 189) nur "ein Scheinen der Vernünftigkeit" zuerkannt, welches in "Unzufridenheit und moralische Verdießlichkeit" mündet. Die Gewerbefreiheit darf das allgemeine Beste (=Gemerinwohl) nicht gefährden (§ 236). Durch staatliche Regelungen sollte nicht nur das Herabsinken der großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise und die Konzentration riesiger Reichtümer in wenigen Händen (§ 244) verhindert werden, sondern sie müssen auch ermöglichen, dass durch die Organisation der Wirtschaftsttäigen in "Korporationen" deren Tüchtigkeit anerkannt und ihr Auskommen gesichert wird. Erst als Mitglied einer Korporation nimmt der arbeitende Bürger Teil an "einem Ganzen, das selbst ein Glied der allgemeinen Gesellschaft ist" (§ 253). Durch diese Teilnahme am Gemeinwohl des Ganzen findet der Wirtschaftstreibende seine "Ehre".

      Österreich hat in seiner segensreichen Kammerorganisation und der Zusammenarbeit der Sozialpartner nach 1945 Wege gefunden, welche das österreichische Wirtschaftswunder des Wiederaufstiegs ermöglichten. Seit den Freihandelsabkommen, dem Beitritt zur EU, dem "Gemeinsamen Markt" und durch die Globasierung findet derzeit eine Überbetonung des Wettbewerbs statt, welche Landwirtschaft, Nahversorgung, Kleingewerbe, Freiberufe, Mittelstand, Arbeiter und Angestellte in ihrer nichtprekären Existenz schwer gefährdet

    • J.Scheiber (kein Partner)
      27. August 2013 07:17

      Werter Collector, Hegels Bemerkung über Smith steht im Zusatz zum Parapraphen 189!

    • Collector
      02. September 2013 17:02

      Werter Herr Scheiber (27.08., 7:17)

      Eben: Aus § 189 habe ich zitiert und - hoffentlich - angedeutet, dass Smith, Say, Ricardo etc. mit "Marktgesetzen" nur das ""Scheinen der Vernünftigkeit" erreichen. "Vernünftig" wird der "Markt" erst durch seine Bindung der Wirtschaftstätigen an die "Korporation", ihre Standesregeln und Standespflichten. Sedlacek meint das wohl mit "Einbettung" der Wirtschaftstätigkeit in den kulturellen Kontext einer Gesellschaft.

  17. Markus Theiner
    20. August 2013 16:11

    Der Begriff "normative Sozialwissenschaft" jagt mir kalte Schauer den Rücken hinunter. Hier wird nämlich die Wissenschaft mit Politik vermischt.

    Wissenschaft muss wertfrei bleiben.

    Natürlich ist die Moral ein wesentlicher Teil des Sozialverhaltens und muss daher von jeder Sozialwissenschaft berücksichtigt werden. Es mag sein, dass die moderne Ökonomie das zu wenig tut.
    Aber die Auseinandersetzungen mit Werten muss selbst nicht wertend sein.

    Der Nutzenbegriff ist entscheidend, kann aber von den Ökonomen nicht definiert werden, weil er gerade etwas individuelles ist. Moralische Überlegungen des Einzelnen fließen in seinen persönlichen Nutzenbegriff ein - und dann werden sie Teil der Marktmechanismen.
    Wenn "Bio" für die Konsumenten einen Nutzen haben, dann entsteht damit Nachfrage. Wenn Konsumenten bereit sind für Bio-Joghurt mehr zu zahlen als für normalen Joghurt, dann ist das moralische Element sogar messbar. Der Ökonom kann damit wissenschaftlich arbeiten (wenn auch nur sehr ungenau prognostizieren), ohne aber beurteilen zu müssen ob Bio-Joghurt tatsächlich gut oder böse ist. Die Wissenschaft berücksichtigt die Wertung, wertet aber selbst nicht.

    Die Frage wie man als Individuum oder der Staat insgesamt handeln soll ist keine wissenschaftliche Frage. Die Wissenschaft kann mir (wenn überhaupt) sagen, wie sich eine gewisse Handlung auswirkt, aber ob das gut oder schlecht ist hängt eben davon ab wie gut dieses (wahrscheinliche) Ergebnis zu meinem definierten Nutzensbegriff passt.
    Diese Trennung findet aber heute nicht mehr wirklich statt. Die Wissenschaftler übernehmen immer öfter die Wertung auch gleich mit.
    Siehe auch das IPCC mit seiner normativen Naturwissenschaft. Auch dort wird ja zu wenig zwischen dem wissenschaftlich erforschbaren Sein und dem politisch-moralisch wertenden Sollen unterschieden.

    • Scipio
      20. August 2013 18:52

      @Markus Theiner

      "Wissenschaft muss wertfrei bleiben." Haben Sie nicht einen verengten, kartesianischen oder popperischen Wissenschaftsbegriff? Ist z.B. Theologie keine Wissenschaft? Oder Ethik? Ist nicht Sozialwissenschaft, Politologie oder Pädagogik immer "normativ"? Sind nicht schon die Fragestellung, wie es im Kommentar mit Bezug auf Gunnar Myradal, den Nobelpreistäger, heißt "value loaded"?

      Es geht nur in der Analyse um das individuelle "Verhalten". Aber ob dieses Verhalten "gut" oder "böse" ist, verlangt Orientierung an Normen. Seit Aristoteles wissen wir, das alle Dinge nach ihrer Vollkommenheit (Entelechie) streben, ihrer "Natur" oder ihrem "Wesen". Das gilt sogar für das "perfekte" Verbrechen (der Film "Rififi" handelte davon). Welche Auswirkungen das Verbrechen auf die Gesellschaft oder Gemeinschaft hat, darüber muss die Sozialwissenschaft Auskunft geben. Bei dieser Beurteilung steht die Norm einer societas perfecta mit ihrem vor Augen.

      Entscheidend scheint mir zu sein, dass Sedlacek deutlich macht, woher die verbindlichen oder geltenden Normen oder "Werte" einer Gemeinschaft zuletzt herkommen, nämlich aus den religiösen Vorstellungen.

      Günter Rohrmoser hat das einmal in einer einprägsamen Formulierung verdeutlicht:
      "Seit Auschwitz gibt es keine Politik mehr ohne Ethik. Ethik ist nicht zu haben ohne Philosophie. Die Aporetik der Philosophie wird überwunden durch die Religion. Daher ist keine Politik (Anm.: und auch keine Nationalökonomie!) mehr möglich ohne Religion".
      (siehe sein Buch: Religion und Politik in der Krise der Moderne", 1986). Damit ist das "Soll" der Politik sehr eindeutig bestimmt. Es geht (eben auch in der Politologie und Staatslehre) um das "Gemeinwohl" und die "Gerechtigkeit", niemals um "Wertfreiheit". Deutlich wird das in dem Satz Leo XIII.: "Von der Religion, mit der Gott verehrt wird, hängt das Wohl des Staates ab". Für jeden Liberalen schwer zu begreifen, aber wahr!

      Ganz einig bin ich mit Ihnen in der Frage des "Klimaschwindels" durch das IPCC.

    • Markus Theiner
      20. August 2013 20:19

      @ Scipio:
      Mayradal zählt drei Arten von Fragestellungen auf.
      Wie etwas ist, wie etwas sein soll und auf welchem Weg man den Sollzustand erreicht. Value-loaded ist nur eine der Fragestellungen, nämlich was denn der Sollzustand ist.
      Und genau diese Trennung ist entscheidend.
      Den Ist-Zustand kann man erforschen. Es geht um Fakten, die man wissen kann. Das ist auch für Veränderungen des Zustandes durch bestimmte Maßnahmen möglich, wenn auch deutlich schwieriger. Es sind daher Fragen der Wissenschaft, man schafft Wissen durch Forschung.
      Der Sollzustand ist aber reine Wertung. Welcher Zustand gut ist kann man nicht wissen, kann man nicht erforschen. Man kann darüber nachdenken, man kann sogar aus Wertungen (mehr oder weniger) logisch andere Wertungen ableiten. Aber man kann nicht aus dem Nichts Werte nachweisen. Man kann es nur glauben. Ethik ist daher nicht Wissenschaft, sondern Religion. Was ja auch sehr gut zu Ihrem Rohrmoser-Zitat passt.

      Nachzuweisen welche Wertvorstellungen es gibt, woher sie kommen, wie sie mit einander in Beziehung stehen, wie sie sich verändern - das ist alles Wissenschaft. Deswegen sind Politologie, Theologie, Philosophie und dergleichen durchaus wissenschaftliche Fächer.

      In der Politik geht es gerade darum den Soll-Zustand zu definieren, sie ist daher zwangsläufig value-loaded. Das heißt aber nicht, dass man die Wertung in die Wissenschaft bringen muss, sondern dass man die Politik eben nicht allein der Wissenschaft überlassen kann.

      Es mag sein, dass Ihnen dieser Wissenschaftsbegriff zu eng ist und zweifellos ist er sehr naturwissenschaftlich geprägt. Aber ich halte diese Unterscheidung für wesentlich. Religion und Wissenschaft sind zu verschieden. Auch wenn man ihre Ergebnisse am Ende wieder zusammen führen muss ist doch der Weg dorthin ein ganz anderer.

    • Dr. Endre Attila Bárdossy
      21. August 2013 00:06

      Auch mir jagt der Begriff "normative Sozialwissenschaft" kalte Schauer den Rücken hinunter. Hier wird nämlich die Wissenschaft mit Platonischer Politik und mit zweifelhafter "Sozialer Gerechtigkeit" vermischt.

    • Scipio
      21. August 2013 10:48

      @Markus Theiner, 20.08., 20:19

      Schön dass wir darin einig sind, dass Theologie, Politologie und Philosophie „wissenschaftliche Fächer“ sind. Üblicherweise rechnet man sie zu den „Geisteswissenschaften“. Für Sedlacek wie übrigens auch für Hayek, Mises und „The other Austrians“ zählen auch die Nationalökonomie und die Gesellschaftslehre zu den „Geisteswissenschaften“. Im Unterschied zu den Naturwissenschaften ist den Geisteswissenschaften nicht mit empirischen oder naturwissenschaftlichen Methoden beizukommen. Geisteswissenschaften beruhen ja nicht auf „Erfahrung“, sondern, so würde wohl Hegel sagen, auf Denknotwendigkeit. Erkenntnis liefert in den Geistswissenschaften nur das, was notwendig gedacht werden muss. Herbert Marcuse hat das in den paradox scheinenden Satz gefaßt: „Das, was ist, ist nicht wirklich, und das wirklich ist, ist nicht“. Er spielt damit auf die schon bei Platon und Parmenides zu findende Unterscheidung von Sein und (Da-)Seiendem an. Das empirische (Da-)Seinde liefert keine wahre Erkenntnis. Die Scholastik hat das aufgenommen und für den Nachweis der Objektivität von ethischen „Werten“ fruchtbar gemacht, indem sie „Werte“ aus dem Sein ableitete: „Ens et bonum (verum, pulchrum, iustum) convertuntur.“ Nach der Zerschlagung dieser Einheit von Sein und Gutem in der Aufklärung hat Hegel sich um ihre Wiederherstellung, besonders auch in seiner grandiosen „Religionsphilosophie“ angenommen. Für Hegel ist Religion „das Bewußtsein der absoluten Wahrheit“, von der alle Wahrheit in Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Recht, mithin das, was wir „Kultur“ nennen, ausgeht.
      Sedlacek, so verstehe ich ihn auf Grund der Rezension, bettet die Nationalökonomie in diesen kulturellen Zusammenhang wieder ein.

      Interessant der offene Briefwechsel zwischen einer Gruppe von rund 65 Nationalökonomen mit dem berühmten Verein für Socialolitik.

      www.plurale-oekonomik.de/projekte/offener-brief/

      http://www.socialpolitik.org/docs/Antwort_VfS.pdf

      Angesicht des „alarmierenden Zustands“ des Faches Nationalökonomie, verursacht durch „geistige Monokultur“ und die Schwerpunktsetzung auf „die neoklassischen Grundmodelle“ mit ihrem verfehlten „Glauben an die selbstregulierenden Kräfte des Marktes“, plädiert die Gruppe für „Methoden- und Theorienvielfalt“ und die stärkere Einbeziehung der „historischen und kulturellen Rahmenbedingungen“ in die Lehre vom wirtschaftlichen Handeln. Kritisert wird „die Verschleierung der Werturteile“ durch eine „vermeintliche Rationalisierung politischer Programme“ mit Hilfe der Mathematik. Volkswirtschaftslehre sei „keine Naturwissenschaft“, sondern „Sozialwissenschaft“.

      Wenn auch zugegeben werden muß, dass einige der Forderungen dieser „Gruppe“ überzogen sind (z.B. Ruf nach „feministischer Ökonomik“, „marxistischer Ökonomik“, „Glücksforschung“), kann die Antwort auf die Forderungen durch den Präsidenten des Vereins für Socialpolitik nur wenig überzeugen. Sie bewegt sich großteils auf vorgefahrenen Geleisen.

      Offensichtlich werden Sie und Herr Bardóssy wieder „kalte Schauer“ bekommen, wenn Sie die Forderungen der „Gruppe“ lesen. „Schauer“ überkommen einen manches Mal bei Erkenntnisgewinn. Diesen wünsche ich Ihnen gerne.

    • F.V. (kein Partner)
      21. August 2013 12:33

      Herr Theiner,

      "... drei Arten von Fragestellungen ...

      Wie etwas ist, wie etwas sein soll und auf welchem Weg man den Sollzustand erreicht. Value-loaded ist nur eine der Fragestellungen, nämlich was denn der Sollzustand ist.

      Und genau diese Trennung ist entscheidend.

      Den Ist-Zustand kann man erforschen. Es geht um Fakten, die man wissen kann. Das ist auch für Veränderungen des Zustandes durch bestimmte Maßnahmen möglich, wenn auch deutlich schwieriger. Es sind daher Fragen der Wissenschaft, man schafft Wissen durch Forschung."

      Um Aussagen mit "dogmatischem Charakter", d. h. "absoluter Sicherheit" machen zu können, müssen sie absolut gewiß sein und unmittelbar - aus sich selbst - sicher sein. Werden Aussagen von anderen abgeleitet, so muß die erste sichere Aussage eine unmittelbar sichere sein. Die zweite Bedingung für eine absolut sichere Aussage ist eine absolut eindeutige begriffliche Aussage. Sind diese beiden Voraussetzungen erfüllt, dann kann man von "wahren" Aussagen sprechen. Nur bei solchen handelt es sich um Wissenschaft.

      Von den Naturwissenschaften herrührend kommt die Überzeugung, daß die Prüfung der Sicherheit durch das "erfahrungsgemäß Gesicherte" beschränkt werden sollte. D. h. nur positive Aussagen der exakten Wissenschaften sollten gelten. Diese Einstellung bezeichnet man (nach Auguste COMTE) als Positivismus. Viele sind der (irrigen) Ansicht, daß nur den Naturwissenschaften, als alleinig gesichert, die erste Stelle im Aufbau der Weltauffassung zukäme. Diese Auffassung wird als Scientifismus bezeichnet. Die einzigen Mittel zur gewissen Sicherheit sind Mathematik und Experiment. Dabei ist festzuhalten, daß der Mathematik - vom Standpunkt der Erfahrung aus betrachtet - nur der Charakter einer Hypothese zukommen kann!

      Der Positivismus lehnt alle Metaphysik prinzipiell ab; sie gilt in den Naturwissenschaften als das schlechthin Unbeweisbare. Und aus "Unbeweisbarem" gibt es keine begründeten (= sicheren) Aussagen, also überhaupt Wissenschaft. Treten unbeweisbare Behauptungen mit dem Anspruch der Geltung - ohne den Mangel des Beweises klar zuzugeben - auf, so handelt es sich um Phantasmata. Der Beweis ist also von zentraler Bedeutung.

      Die meisten Beweislücken kommen aus der Ecke der Erkenntnistheorie. Die Aussage: "Alle Erkenntnis kann nur aus der Erfahrung gewonnen werden; über die Natur von Raum und Zeit können nur Messungen entscheiden, etc." entbehren jedes absoluten Beweises, und damit eines Beweises überhaupt! Praktische experimentelle Ergebnisse oder momentane Erkenntnislagen werden mit absoluten Beweisen verwechselt und bieten nur Schein-Sicherheit. Es ist ja auch ein Irrtum zu glauben, daß es Meßergebnisse mit "absoluter Genauigkeit" in Wirklichkeit gäbe.

      Der moderne Empirismus und Positivismus, der wegen seiner "certistischen Tendenz" alle Metaphysik ablehnt, wird so aber zum Träger einer neuen Metaphysik!

      Daß wissenschaftliche Aussagen nur solche über "das Gegebene" seien wird schon verunmöglicht (d. h. widerlegt), weil alle methodischen Aussagen gerade NICHT zum "Gegebenen" gehören. Diese sind reine Produkte des menschlichen Geistes!

      In den Naturwissenschaften (Theoretische Physik) hat sich die Haltung verbreitet und eigentlich durchgesetzt, nicht mehr eine Erklärung der Naturerscheinungen zu geben, sondern aus "beobachteter Erfahrung künftige zu prophezeien". Es bedarf also nicht mehr der (Welt-) Erklärung, sondern nur der Angabe eines praktisch-technischen Rezeptes; z. B. mathematischer Gleichungen.

      Offenbar setzt das voraus, wenn die Prophezeiung eindeutig sein soll, daß dies auch die Erfahrungen sind. Die methodische Philosophie beweist aber, daß "eindeutige Erfahrung" nur durch die Anwendung apriorischer, ideeller Formen möglich ist. - Man kommt also der abgelehnten "Metaphysik" nirgends aus.

      Die positivistische Philosophie hält an der bedingungslosen Ablehnung jedes "Apriorismus" fest und sich an einen blinden Empirismus gebunden - bevor darüber irgend eine Untersuchung angestellt wurde! Sie lehnt damit nicht nur den KANT´schen Apriorismus - ein Vorherwissen unbewiesener Herkunft - ab, sondern ausdrücklich jeglichen, der eine, den Ereignissen vorhergehende und sie bindende Bestimmung bedeutete. Damit wird jedes planende und geplante Handeln aus der Betrachtung aber ausgeschlossen!

      Nur wie werden "Daten, Beobachtungen aus der `Wirklichkeit´" zusammengefaßt, gedeutet, erklärt - ohne einen Plan, eine - apriorische - Theorie über ihren, sie verbindenden, Sinn? Durch diese erhalten die "Punkte" überhaupt erst ihre "Koordinaten" und ihr Maß und ihre - vermutete - Beziehung! Aus diesem Grund sind Beweise von positivistischen Theorien im eigentliche Sinn natürlich keine, denn die sie beweisenden Daten erhalten (aus dem Apriori der Theorie) ihren Sinn und Zusammenhang gerade von der zu beweisenden Theorie!

      Der logistische Positivismus ist seinem Wesen nach der eigensinnige Wunsch die Möglichkeit der exakten Wissenschaft durch das Experiment zu erklären, ohne das Experiment selbst zu erforschen.

      Die Mathematisierung verführt auch sehr - wegen ihres sicheren Charakters in der Physik! - allein schon die Anwendung von mathematischen Formeln und Modellen als Beweis für die Richtigkeit von Aussagen zu halten. Es muß zum reinsten Blindflug werden, wenn man ungeprüft irgendwelche (mathematischen) Methoden auf etwas anwendet, wo allein wegen der Komplexität der Realität eine Aufstellung eines Modells oder die Entdeckung von kausalen Zusammenhängen kaum möglich ist.

      Die Mathematik, das Experiment und die symbolische Logik sind die einzigen Forschungs-mittel der exakten Naturwissenschaften. Das Experiment vermag niemals absolute Resultate zu liefern, sondern angenäherte. Die Logik und Semantik können nur geformte Gedanken kategorial umformen. Sie besitzen jedoch keinerlei Zugang zum Verhältnis des Denkens zur Wirklichkeit als methodischem Problem. Dies kann nur aus dem aktiven, freien und planenden Denken entschieden werden. Die rechnende Mathematik vermag als solche überhaupt nichts über Wirkliches auszusagen.

      Nach dem oben Gesagten kommen Sie wohl nicht umhin von der „wertfreien Wissenschaft“ Abstand zu nehmen.

    • Markus Theiner
      22. August 2013 00:34

      "Nach dem oben Gesagten kommen Sie wohl nicht umhin von der „wertfreien Wissenschaft“ Abstand zu nehmen."

      Doch, komme ich.

      Dass Wissenschaft nie ganz exakt sein kann, weil die Methode und der Mensch als Anwender nicht perfekt sind, ist richtig.
      Sie ist aber dennoch prüfbar und gerade deswegen gelingt ihr die Annäherung. Und zwar so gut, dass man Menschen auf den Mond schicken kann.
      Auch Geisteswissenschaften funktionieren im Wesentlichen empirisch. Der Ökonom setzt sich ja notwendigerweise damit auseinander wie Konsumenten und Produzenten reagieren, was aber immer Erfahrungswerte sind. Dass die Ergebnisse noch unsicherer sind als bei den Naturwissenschaften ändert an der grundlegenden Methode nicht viel.
      Im offenen Brief, den Scipio verlinkt hat, wird ja auch aufgezählt welche Mehtoden sich die rebellischen Ökonomen wünschen:
      "Fallstudien, Theorienvergleiche, Interviews, Fragebögen, teilnehmende Beobachtung, Simulationsmodelle und Diskursanalyse"
      Alles wertfreie Empirie. Kein Grund in irgend einer Weise zu schaudern. Außer wenn ich mir vorstelle, wie feministische Ökonomik wohl gelehrt werden würde, aber das ist ein Thema für sich.

      Also auch wenn die Ergebnisse der Wissenschaft nur Annäherungen sind und nie absolute Beweise: Für diese Annäherung braucht es keine Werturteile. Und umgekehrt schafft man mit Werturteilen auch nicht mehr als diese Annäherung, warum also sollte die Wissenschaft nicht ohne sie auskommen?

      Sicher, diesem Wissenschaftsbegriff liegt ein Axiom zugrunde, das man einfach aus sich selbst heraus postulieren muss. Nämlich dass unsere Wahrnehmung tatsächlich einen Bezug zur Wirklichkeit hat. An diesem Axiom kommt man aber ohnehin nicht vorbei, weil unsere Wahrnehmung uns nun einmal ausmacht. Wenn dieses Axiom falsch ist spielt das für uns keine Rolle, weil es keinen Einfluss auf uns hat.
      Der Rest sind Messungenauigkeiten.

      Bei Werturteilen gibt es aber nichts in der Art. Auch wenn bedeutende Philosophen der Meinung waren das Gute sei wahr, und nicht das Seiende, ändert das nichts daran dass man das Gute nicht ermitteln kann. Es gibt kein einfaches, naheliegendes Axiom auf das man aufbauen könnte. Es funktioniert daher notwendiger Weise völlig anders als Wissenschaft und liefert keine vergleichbare Annäherung. Daher ist es sinnlos diese beiden Dinge zu vermengen.

      Aber an der Stelle (zwischendurch?) ein herzlicher Dank für die angeregte Diskussion.

    • F.V. (kein Partner)
      22. August 2013 08:49

      Herr Theiner,

      ich glaube, Sie sehen nicht die Denknotwendigkeiten, die sich aus dem oben Gesagten ergeben. Und Sie haben bezüglich des Begriffs „Wert“/“wertfrei“ eine unzutreffende Vorstellung.

      Die Philosophie ist bezüglich des „Baumaterials der Welt“ der Ansicht, daß dies aus zwei verschiedenen Arten besteht: körperlichen und seelischen Bestandteilen. Die Ansicht, daß die Welt, das Gesamtwirkliche, nur aus körperlichem Baustoff besteht, ist die eines metaphysischen Materialismus. Aber es ist das uns gegenwärtig bewußte Seelische dasjenige Wirkliche, dessen Wirklichkeit im Prinzip allein absolut sicher ist.

      Wenn die heutige Physik zB im CERN einen gigantischen Teilchenbeschleuniger baute, um damit den inneren Aufbau der Welt zu ergründen, hat sie sich bereits festgelegt, daß dieser körperlich sei. Allein in dieser Beschränkung der Erforschung der Wirklichkeit hat sie eine Festlegung (Wertung) getroffen.

      Wobei ironischerweise die Körperlichkeit ihr zwischen den Fingern zerrinnt. Prof. Dürr sagte einmal in einem Vortrag in Wien (4. Kulturkongresses im Haus der Industrie am 10. Nov. 1998), daß seine Welt im subatoaren Bereich liege, und hier gäbe es nur noch Potentialität.

      „Nun will ich noch ganz kurz zu Gott, der Mensch und die Wissenschaft was sagen; wie es mit dem aussieht, was wir mit dem Göttlichen bezeichnen. Wie bindet sich da sein? Wir sehen der Weg ist eigentlich nicht sehr weit. Das was ich Potentialität genannt habe, was allem gemeinsam ist, ist das worauf wir alle aufsetzen. Der wichtigste Punkt ist aber, daß es nur Potantialität ist. Es ist nicht die Realität. Es ist nicht was ich begreifen kann, was ich in Form von Begriffen ausdrücken kann. Es ist etwas, das die Eigenschaft hat, daß, wenn ich zugreife, es weg ist. Weil es eine Beziehungsstruktur ist, - und Beziehungsstrukturen haben die Eigenschaft, daß wen ich es ganz genau wissen will, sie weg ist. Wenn ich nämlich zugreife zerstöre ich die Struktur, die die Beziehungen ausgemacht hat. Wir hängen alle in einer Beziehungsstruktur und hängen mit ihr zusammen. ...“

    • Scipio
      22. August 2013 11:42

      @Markus Theiner, 22.08, 00:34

      „Auch Geisteswissenschaften funktionieren im wesentlichen empirisch“.

      Das ist ganz sicher ein Irrtum. Die Behauptung gilt nicht einmal für die Sozialwissenschaften und ihre ""Fallstudien, Theorienvergleiche, Interviews, Fragebögen, teilnehmende Beobachtung, Simulationsmodelle und Diskursanalyse"

      Hier ein einfaches Beispiel für eine Fallstudie, das Gunnar Myrdal in seiner Untersuchung über "Die ideologischen Elemente in der Nationalökonomie" anführt: Die Negerfrage (damals hieß es noch so) in den USA.
      Allein schon für die "Frage" oder das "Problem" ist ein Werturteil notwendig, sonst stellt sich keine Frage. Die Negerfrage ergibt sich erst, wenn im Hinblick auf die Norm oder den "Wert": "the equality of opportunities", die Situation der Neger in Amerika untersucht und beurteilt wird. Erst dann schreit die Ungleichheit zwischen Weißen und Schwarzen (jedenfalls damals) zum Himmel.

      So steht es praktisch mit jedem sozialwissenschaftlichen Problem, eben z. B. auch in der Nationalökonomie. In einem Symposion wurde wurde Sedlacek gefragt, wie er denn nach seinen Kriterien von "Gut und Böse" die Europäische Währungsunion beurteilen würde, sei sie "gut" oder "Böse/schlecht"? Sein Ministerpräsident (damals war es das noch) Vaclav Klaus habe im Wallstreet Journal einen Artikel veröffentlicht unter dem Titel: The Eurozone has failed, und in diesem ausführlich begründet, warum sie versagt habe. Sedlacek meinte im Gegensatz zu seinem Ministerpräsidenten, die EWU sei "gut", seine Begründungen waren alle natürlich ebenfalls "value loded" und normativ (Förderung des Zusammenwachsens von Europa, Solidarität, Überwindung des Nationalismus, Friede, Wachstum etc.).

      Aus den Beispielen geht jedenfalls hervor, dass selbst die Nationalökonomie als Sozialwissenschaft durchaus "normativ" ist, was aber die empirische Analyse gegebener Zustände und ihre "Messung" an vorgegebenen Normen oder erwünschten Zuständen keinesfalls ausschließt.

      Auch wenn Sie sich noch immer nicht von ihren methodologischen Irrtümern verabschieden, so bleibt "mit Ihnen zu parlieren ehrenvoll und gewinnbringend" (frei nach Goethe).

  18. Scipio
    20. August 2013 13:11

    Hier wird die Grundfrage gestellt: "Auf welches Wirtschaftssystem haben wir uns eigentlich eingelassen"?

    Ist alles nur noch ver-rückt? Gibt es kein gutes oder "richtiges Leben mehr im falschen"? Müssen wir demnächst alle zu Chinesenlöhnen uns abstrampeln?

    Gestern (20.08) war im ARD ein Bericht über Dortmund. Import von Leihkräften aus Bulgarien (oft Zigeuner), die zu Hungerlöhnen (3 Euro/Stunde) arbeiten, für Schlafplätze in überbelegten Räumen (4m2/Person) 300,- Euro im Monat zahlen müssen, nicht sozialversichert sind, ganze Staßenzüge unsicher machen, wo es geht einbrechen und klauen. Man kann sich das Elend kaum vorstellen, das die "Entfesselung der Wirtschaft", Gemeinsamer Markt, Kapital- und Personenfreizügigkeit in der EU gebracht hat.

    Anschließend wurde informiert, wie Großkonzerne mit Hilfe einer riesigen, hochqualifizierten Steuerberatrungsindustrie ihre Gewinne in Steueroasen verschieben Die Politik gibt nur Lippenbekenntnisse von sich und sieht machtlos zu, wie Volksvermögen verschwindet und geht trotz der Sparprogramme, die der Jugend die Zukunft nehmen, pleite. Gleichzeitig werden Sparer, Pensionskassen, Mittelstand "geschröpft".

    Ist das das Wirtschaftssystem, das wir wollen?

    • F.V. (kein Partner)
      21. August 2013 15:58

      Entscheidungshilfe für Ihre Frage!

      Bundesbank fordert rasche Einführung einer Zwangsabgabe für Sparer

      Die Deutsche Bundesbank macht überraschend bei der Beteiligung der Sparer an der Rettung ihrer Bank Druck. Zugleich ist ein Schwenk zu erkennen, demzufolge die Bundesbank eine gemeinsame Haftung der Sparer für alle europäischen Banken nicht mehr ablehnt. Offenbar haben einige Banken ernsthafte Probleme mit der Liquidität.

      Deutsche Wirtschafts Nachrichten | 21.08.13, 06:20

      http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/autor/deutsche-wirtschafts-nachrichten/

    • F.V. (kein Partner)
      22. August 2013 17:42

      Ein konkreter Vorschlag!

      Die Presse schrieb zur Einvernahme des BM Dobusch im Linzer SWAP-Prozeß gegen die Bawag, er hätte den Dodel gespielt, und die Auswahlkriterien für einen Finanzstadtrat wären laut Dobusch gewesen: einer, der einen deutschen Satz sprechen und gerade sitzen zu könne. – Nun, auch wenn man beim Polemisieren gegen Parteien, Politiker, Beamte, ... das auch bestätigte, ist es natürlich nur Teil einer – wie ich an anderer Stelle ausführte – nicht wirklich zielführenden Strategie. Und wird wohl auch als nicht glaubhaftes Sich-dumm-stellen vom Gericht bewertet werden.

      Was aber – und damit möchte ich auf die aufgeworfene Frage „wollen wir so eine Wirtschaft?“ antworten – viel sinnvoller wäre, ist alle (geistigen) Kräfte zu mobilisieren, die den Nachweis erbringen könnten, daß nicht nur dieser konkrete Zins-Swap, sondern grundsätzlich a l l e derartigen Geschäfte von vorneherein fein eingefädelter Betrug waren bzw. sind.

      Es wäre demnach meiner Ansicht besser das Betrügerische und damit Unsittliche des Swap-Vertrags aufzuzeigen und mit Fakten zu unterlegen und hier ein grundsätzliches Urteil herbeizuführen zu versuchen.

      Im Zusammenhang mit der Pleite von Detroit hat Lyndon LaRouche (der auch ein international sehr angesehener Ökonom ist und von vielen Regierungen – China, Rußland,... eingeladen und gehört wird) dargelegt, daß diesen Zins-Swaps von vorneherein eine betrügerische Absicht zugrunde lag. Und zwar mit dem von den internationalen Großbanken inszenierten Betrug, der Manipulation der LIBOR-Zinssätze in London, die ja vor einiger Zeit aufgeflogen sind(1), deren wichtigster Zweck war, u.a. die Zins-Swaps und andere Derivat-Geschäfte immer zugunsten der Banken aufgehen zu lassen. Es hat dies Ähnlichkeit mit einem manipulieren Roulett, bei dem auch in bestimmter Weise gesetzt wird, weil man die richtigen Nummern eben kennt.

      Man müßte also jene Indizien, Prozesse und Urteile in diesem Kontext zusammenführen und ev. mithilfe des kenntnisreichen Insiders LaRouche versuchen, diese Geschäfte grundsätzlich als betrügerisch zu demaskieren und damit abzustellen. Allein dieser Ansatz müßte die ganze kriminelle Bankster-Bande aufschrecken, die – um so einen Prozeß noch dazu in der tiefsten Provinz zu verhindern - trachten würden jedem „Vergleich“ (= ein Verzicht auf die ergaunerte Casinobeute) zu erreichen.

      Diese Methoden sind ja weder neu, noch auf dieses spezielle Geschäftsfeld beschränkt. So hatte vor einigen Jahren der Vorsitzende der GATA (Gold Anti Trust Action Committee), Mr. Murphy, eine Klage gegen einige Großbanken, die FED und die BIZ wegen Manipulation des Goldpreises vor einem US-Gericht eingereicht. Zwar wurde der Klage nicht statt gegeben, aber seither ist es allen Beteiligten klar, daß und wie hier manipuliert wurde und wird.

      Wie sehr dieses und die vielen internationalen Auftritte Murphys die institutionellen Großbetrüger ins Herz traf, zeigt die Reaktion von Goldman-Sachs: sie reichten eine „Verleumdungsklage“ mit einer Klagssumme von 50,000.000.000,- Dollar(!) gegen GATA/Murphy ein.(2)

      Wir sind nicht mehr alleine, wenn wir uns wehren. Das wäre eine lohenswerte Aktion, die dem Steuerzahler – hoffentlich – eine halbe Milliarde Euro ersparte. Und da Linz nicht die einzige Kommune mit solchen Casino-Wetten ist, würden die Folgen im Erfolgsfall gewaltig sein.

      (1) Die Presse, 2. 7. 2013: ... Mehreren Instituten wird vorgeworfen, den sogenannten Libor j a h r e l a n g manipuliert zu haben. Einige Großbanken müssen die Zinsen... täglich an eine Zentrale melden, wo der Durchschnitt – der Libor – für mehrere Laufzeiten und Währungen errechnet wird. Er dient als Basis für zahlreiche Kredite, Sparprodukte und Derivate im Umfang von weltweit 360 B i l l i o n e n Dollar.

      Der Skandal hat am Montag den ersten Spitzenbanker den Job gekostet: Marcus Agius, Aufsichtsratschef der Großbank Barclays, erklärte seinen Rücktritt. In der Vorwoche war das Institut zu einer Strafe von knapp 400 Mrd. Euro verdonnert worden. ...

      Basler Zeitung (aktualisiert 20. 3. 2013) US-Hypothekenriese verklagt UBS und CS
      Freddy-Mac geht wegen Manipulation des Referenzzinssatzes LIBOR juristisch gegen mehr als ein Duzend Banken vor. Der US-Immobilienfinanzierer fordert Schadenersatz.
      ....

      Unter ihnen sind die Grossbanken UBS und Credit Suisse. Ebenfalls verklagt wurden unter anderem die Bank of America und JP Morgan Chase, wie aus der bereits Mitte März eingereichten Klage hervorgeht. ....

      (2) Sunday, September 23, 2007

      Goldman Sachs filed a $5,000,000,000 lawsuit vs GATA (daydream)
      GOLDMAN SACHS FILES MASSIVE DEFAMATION LAWSUIT

      By Peter Z. Parody
      Financial Freedom Wire Service
      Friday, September 21, 2007

      NEW YORK – Today Goldman Sachs filed a $5,000,000,000 lawsuit against Bill Murphy and the Gold Anti Trust Action Committee (GATA) he chairs. In its suit Goldman Sachs charges that Murphy and GATA have repeatedly and aggressively defamed it for years by accusing it of manipulating the price of gold and thereby stealing billions of dollars from unwary investors. ...

      http://real-wealth-society.blogspot.co.at/2007/09/goldman-sachs-filed-5000000000-lawsuit.html

    • Scipio
      23. August 2013 10:55

      F. V.

      "Man müßte also jene Indizien, Prozesse und Urteile in diesem Kontext zusammenführen und ev. mithilfe des kenntnisreichen Insiders LaRouche versuchen, diese Geschäfte grundsätzlich als betrügerisch zu demaskieren und damit abzustellen."

      Wer ist "man", der bereit wäre die "betrügerischen Bankgeschäfte abzustellen"? Es fehlt der politische Wille und an politischer Macht. Wenn sich Politiker und Finanzreferenten wie Dombusch selbst als Dodeln darstellen, Herr Spindelegger die "Wirtschaft entfesseln", d.h.von allen Bindungen befreien will und er mit Faymann in Übereinstimmung meint, Büssel solle Österreich regieren, dann kann man nur das Kreuz über unser "abgesandeltes" Land machen.

      Und selbst hier im Blog gibt es ja genug Stimmen, die ihrer Staatsphobie freien Lauf lassen und der Anarchie das Wort reden. Wer soll da noch begreifen, dass die Funktion des Staates darin besteht, "Hüter der Ordnung" zu sein? Manchen läuft ja schon beim Wort "Ordnung" der kalte Schauer über den Rücken! Wie soll dann irgendetwas "abgestellt" werden? Im Gegenteil, dem Betrug, der Lüge und der Korruption wird ja mit solcher Staatsphobie die Tür geöffnet.

      Auch Friedrich August von Hayek hat in diesem Blog ja viele Freunde, jenem Hayek, für den "soziale Marktwirtschaft keine Marktwirtschaft, ein
      sozialer Rechtsstaat kein Rechtsstaat, ein soziales Gewissen kein
      Gewissen, soziale Gerechtigkeit keine Gerechtigkeit – und ich fürchte
      auch, soziale Demokratie keine Demokratie ist.“ (( F.A.v.Hayek: Wissenschaft und Sozialismus. In: Gesammelte Schriften in deutscher Sprache: Abt. A, Aufsätze; Bd. 7. Mohr Siebeck, 2004,S. 61f). Hätte Hayek den Ausdruck gekannt, dann wäre wohl die Sozialökonomie keine Ökonomie und schon gar keine Wissenschaft.
      Manchen im Blog rasten ja schon bei dem Wort "sozial" aus.

      Nichtsdestoweniger beurteile ich es als äußerst positiv, das hin und wieder in diesem Blog, wie z.B. mit der Rezension zu Sedlacek, der Anstoß zu einer etwas gründlicheren und methodischen Rückbesinnung auf die Grundlagen unseres politischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Gemeinschaftslebens erfolgt, zu dem Sie, verehrter F. V., ja auch immer wieder interessante Anmerkungen beisteuern. Dafür besten Dank!

    • F.V. (kein Partner)
      23. August 2013 11:26

      Scipio,

      wer ist "man"? - kann "man" im UTB nicht diskutieren, aber Sie können sicher sein, daß ich längst dabei bin mir den Weg zu "man" zu bahnen.

      Ob es klappt ist eine andere Frage, aber es wäre unklug sich nicht am Sicherungsseil festzuhalten, wenn man bereits am Abrutschen ist.

  19. diko
    20. August 2013 07:41

    DANKE für den Literaturhinweis und die mehr als treffliche Rezession!





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