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Die Ökonomie von Gut und Böse

Der Autor, Tomáš Sedlácek, Chefökonom einer tschechischen Großbank, lehrt an der Universität Prag Wirtschaftswissenschaften und fungierte während der Amtszeit von Präsident Václav Havel als dessen Berater. Kein ausschließlich im Elfenbeinturm sitzender Gelehrter also, sondern vielmehr ein Mann mit praktischem Zugang zu den in seinem Buch behandelten Fragen.

Der von John Stuart Mill (dem „Vater“ des Utilitarismus), später auch von F. A. Hayek, formulierte Gedanke „Wer nichts anderes ist, wird wahrscheinlich kein guter Volkswirt sein“, charakterisiert die Arbeit Sedláceks. Hier schreibt eher der Philosoph, weniger der Ökonom. Sein zentrales Anliegen ist es, der Frage nachzugehen, ob es sich auszahlt, gut zu sein, oder ob das Gute außerhalb jedes Nutzenkalküls liegt.

Zu diesem Behufe schlägt der Autor – nicht ohne Witz und mit scharfem Blick fürs Wesentliche – einen weiten Bogen von den Anfängen aller schriftlichen Überlieferungen, dem Gilgamesch-Epos, über das Alte und Neue Testament (letzteres hat er akribisch auf seine erstaunlich zahlreichen wirtschaftlich relevanten Aussagen untersucht) und die „Klassiker“ der Ökonomie, bis in unsere von einer langjährigen Schulden- Währungs- und Demokratiekrise gekennzeichneten Tage.

Sedlá?ek geht mit seiner eigenen Zunft durchaus hart ins Gericht. So kritisiert er etwa scharf deren Reduzierung des Menschen auf den Homo oeconomicus und dessen rein mathematische Funktionen. Die moderne Ökonomie lege seiner Meinung nach „zu viel Gewicht auf die Methode anstatt auf die Substanz.“ In der Tat: Moderne Lehrbücher der Ökonomie sind – seit Paul Samuelsons „Economics: An Introductory Analysis“ – anders als die der Klassiker, voll mit Formeln und Diagrammen. Man meint, es mit Werken zur Physik zu tun zu haben…

Betrachtungen der Phänomene Geld, Zinsen, Wert und Bedeutung der Arbeit (die dem Menschen erst mit seiner Vertreibung aus dem Garten Eden zum Fluch wurde) bilden ebenso Bestandteile seiner Ausführungen, wie solche zum Unterschied von Tausch- und Gebrauchswert von Gütern und die Beschäftigung mit der Spieltheorie.

Der heutzutage so gut wie ausschließlichen Festlegung von Studenten der Wirtschaftswissenschaften auf die total mathematisierte „Neoklassik“ steht Sedlácek kritisch gegenüber: „Obwohl wir am stärksten an die menschliche Entscheidungsfreiheit glauben, erlauben wir es den Stundenten ja nicht, ihre eigene ökonomische Denkschule auszuwählen – wir lehren sie nur noch den Mainstream.“ Man meint, den Befund eines Protagonisten der „Austrian Economics“ vor sich zu haben.

Bilanz des Autors: „Wir haben zu viel Weisheit gegen Exaktheit getauscht, zu viel Menschlichkeit gegen Mathematisierung.“ Mein Fazit: Erhellende Sommerlektüre!

Die Ökonomie von Gut und Böse
Tomáš Sedlácek (Carl Hanser Verlag, München 2012
ISBN 978-3-446-42823-2
447 Seiten, gebunden, € 24,90,-

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist Kaufmann in Wien.

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die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter Kommentatorphaidros, aus gutem Grund
    4x Ausgezeichneter Kommentar
    02. August 2013 11:03

    »Man meint, es mit Werken zur Physik zu tun zu haben…«

    Das ist ein Grundproblem der »weichen Wissenschaften« (gilt analog in der Psychologie genauso - siehe Tagebuchblatt zu PISA). Nur, weil irgendwo eine Formel steht, hat man noch kein exaktes Ergebnis. Denn was den weichen Wissenschaften fehlt, sind die Erhaltungsgrößen (wie Energie, Moment, Ladung etc.), die es den physikalischen Gesetzen ermöglichen, so exakte Beschreibungen zu liefern. Daher: alles »pseudo«.

    Empirischer Beweis: wenn Wirtschaft so exakt zu betreiben wäre, wie die Formeln es uns glauben machen wollen, gäbe es weder Konkurse im Kleinen noch Krisen im großen Maßstab.

    Danke für die Rezension.

  2. Ausgezeichneter KommentatorCollector
    2x Ausgezeichneter Kommentar
    04. August 2013 11:50

    Herr Tögel hat das Buch überhaupt nicht verstanden. Es ist ein einziges Plädoyer gegen die Schule der "Austrian Economics", ihre staatsfeindliche,"libertäre", individualistische Gesellschaftslehre und ihre "katallaktische" (tauschwirtschaftliche) Wirtschaftstheorie. Vehement wendet sich Tomáš Sedlá?ek gegen die "marktwirtschaftliche" Auffassung der meisten Ökonomen von Adam Smith bis zu den „Austrians“ (Mises, Hayek etc.), ethische Normen oder „Werte“ oder Eingriffe des Staates in den Markt könnten den reibungslosen Ablauf nur stören. Für S. ist unsere ganze Wirtschaftpolitik mit ihrer Wachstumshysterie und ihrem Marktvertrauen grundfalsch, jedenfalls so wie sie heute praktiziert und gelehrt werde. Die Ökonomie, so S., könne nämlich nicht verstanden werden ohne „Einbettung“ in die Gesellschaft, also in ihre Gestaltung durch Religion, Philosophie, Wissenschaft, Kunst, Ethik, Moral, Recht, Politik, Machtverhältnisse, staatliche Strukturen, bildungsmäßige Voraussetzungen der Bevölkerung, Arbeitsauffassung, demographische Entwicklung, Stand der Technik, Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen. Dem sollten Ökonomen Rechnung tragen, sie müßten die Grenzen ihres Fachs überschreiten, denn jede wirtschaftliche Handlung, ob der Kauf einer Banane oder die Disposition eines Managers habe ethische Implikationen: „In every purchase, every managerial decision there is moral impact on others”, so Tomáš Sedlá?ek wörtlich. Der "Markt" sorge nicht - und schon gar nicht "automatisch" durch die Mystik der "invisible hand - für die Unterscheidung von Gut und Böse.

    Die geradezu "kopernikanische Wende" der ökonomischen Auffassung, die Tomáš Sedlá?ek vorträgt, wird von Tögel nicht erfaßt. Für Sedlá?ek ist im Gegensatz zu den "Austrians" oder Leuten wie Samuelson oder Milton Friedman (Chikago-Schule) "die Ökonomie keine positive Wissenschaft“, die meisten Wissenschafter versuchen sie nur dazu zu machen, um „lästigen Grundfragen – das heißt der Metaphysik – aus dem Wege zu gehen“ (S. 19). Was sie produzierten, sei nicht Wissenschaft, sondern weitgehend Humbug. Ihre ökonometrischen Modelle für die Projektion der wahrscheinlichen Ergebnisse verschiedener politischer Entscheidungen bildeten die Hauptursache der Probleme, die in letzter Zeit aufgetreten sind (S. 366, unter Berufung auf Jeffrey Sachs, Christopher Sims und Stephen Goldfeld: Policy Analysis with Econometric Models, Cambridge 1997).

    Wer das Buch liest, dem kommen gerade jetzt praktisch alle Wahlkampfaussagen zu Wirtschafts- und Sozialfragen wie die Töne aus einer Welt vor, die es längst nicht mehr gibt.

  3. Ausgezeichneter Kommentatorterbuan
    2x Ausgezeichneter Kommentar
    01. August 2013 15:01

    Danke Herr Tögel für diese Rezension.
    Wenn ich mir die diversen Prognosen der Wirtschaftsforscher betrachte, mit ihren auf Zehntel oder sogar Hunderstel "genauen" Prognosen, oder die nicht nachvollziehbaren, komplizierten Formeln, wie der der VPI von der Statistik Austria berechnet wird, dann mache ich mir auch so meine Gedanken, die scheinbare Mathematisierung ersetzt wahrlich keinesfalls die Menschlichkeit!

  4. Ausgezeichneter KommentatorFrancois Villon
    2x Ausgezeichneter Kommentar
    02. August 2013 06:25

    Sg. Herr Tögel,

    Sie sind ein fleißiger Leser interessanter Bücher – und erfreulicherweise jemand, der sich dazu auch gleich Anmerkungen beim Lesen macht und somit andere mit den Buchbesprechungen auf Lesenswertes hinweisen kann.

    Es gibt ja eine Reihe von Büchern, die an wirtschaftliche oder Geldthemen „historisch“ herangehen und damit viel mehr beitragen, als zahlreiche heute übliche mathematisierten Theorien.

    Da Sie den US-„Nobel“-preisträger Samuleson erwähnen, dessen Lehre ja in der „westlichen“ Welt – also überall – zum „Standard“ wurde, erlaube ich mir auf ein kleines Büchlein von Friedrich Romig hinzuweisen, das schon in den 1970-er Jahren erschienen ist, und dessen Thesen als tautologisch bzw. überhaupt falsch zertrümmerte. Es ist dies: „Die ideologischen Elemente der neoklassischen Theorie“, im Duncker es geht um möglichst großen Beifall. Das eine findet sich eher selten, das andere ist Meinung, ein Massenartikel, und somit eigentlich das Gegenteil von Wissenschaft.
    Was Chicago also auszeichnet ist die Tatsache, daß hier der ideologische Überbau für das beherrschende US-amerikanische, kapitalistisch-neoliberale „Industriesystem” bereitgestellt wird. Hier dreht es sich aber um Macht- und Herrschaftsfragen, nicht jedoch um die „Wahrheit oder Erkenntnis der Wissenschaft”, am wenigsten um das bonum commune, das Allgemeinwohl.

die besten Kommentare

  1. Ausgezeichneter Kommentatorphaidros, aus gutem Grund
    4x Ausgezeichneter Kommentar
    02. August 2013 11:03

    »Man meint, es mit Werken zur Physik zu tun zu haben…«

    Das ist ein Grundproblem der »weichen Wissenschaften« (gilt analog in der Psychologie genauso - siehe Tagebuchblatt zu PISA). Nur, weil irgendwo eine Formel steht, hat man noch kein exaktes Ergebnis. Denn was den weichen Wissenschaften fehlt, sind die Erhaltungsgrößen (wie Energie, Moment, Ladung etc.), die es den physikalischen Gesetzen ermöglichen, so exakte Beschreibungen zu liefern. Daher: alles »pseudo«.

    Empirischer Beweis: wenn Wirtschaft so exakt zu betreiben wäre, wie die Formeln es uns glauben machen wollen, gäbe es weder Konkurse im Kleinen noch Krisen im großen Maßstab.

    Danke für die Rezension.


alle Kommentare

  1. Nerice (kein Partner)
  2. Aguss (kein Partner)
  3. Leonardo (kein Partner)
  4. Andrea (kein Partner)
    21. Januar 2015 05:02

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  5. Jennifer (kein Partner)
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    19. Januar 2015 16:34

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  8. Dr. Endre Attila Bárdossy
    16. August 2013 13:20

    Also, ich habe das Buch auf Grund von Andreas Tögels lobenswerter Rezension gekauft und es hat sich bezahlt gemacht. Das Lesen hat etwas gedauert, weil die Aussagen des Buches zwar gut, aber etwas langatmig dargeboten werden (447 Seiten)! Anregend für die Bildung eigener Gedanken sind sie jedoch alleweil. Hätte der sehr gesprächsbereite Autor seine dichtbelaubte Sprache etwas konzentrierter dargeboten, wäre die Kürze wahrscheinlich zu seinem Vorteil ausgefallen. Meines Erachtens sind seine Schlüsse nicht unpassend zu Hayeks Tenor, freilich weit abseits von den »Hardlinern unter den Austrians« wie Mises oder Hoppe. Die ehemalige »Österreichische Schule der Nationalökonomie« hat sich ja bereits aufgelöst, da eine breite Skala von gemäßigten »Liberalen« bis zu den wildesten »Libertären« zu ihr gezählt wird. Die »American Austrians« ähneln mehr einer pseudoreligiösen Sekte als den österreichischen Altmeistern am XX. Jahrhundertsbeginn zu Kaisers Zeiten. Diese selbsternannten Enkelschüler übertreffen einander mit einer stets erneuerten intellektuellen Akrobatik.

    Sedlá?eks Thesen sind diametral entgegengesetzt zur lästigen Formelsucht a la moda, vor allem aber ganz und gar nicht kompatibel mit Lord Keynes, dem Erzvater sowohl des modernen Inmoralismus, als auch des demokratischen Sozialismus und der inflationären Schuldenpolitik. Nach gründlichem Studium der Geschichte und Philosophie reißt der Autor die linken Stereotype genauso nieder wie die liberalen. So kommt die Frische seiner unverdorbenen Gedanken voll zur Wirkung.

    Die Formeln der reinen Ökonomen, – die sich auf Ökonometrie und sterile Ideologien beschränken, – entwerfen nämlich nichts anderes als Schattenbilder des Homo oeconomicus aus Platons Höhle (S. 138, 226): »Humbug« laut COLLECTORS Kommentar; »Glasperlenspiele« im Urteil FRANCOIS VILLONS (cf. oben). Dem kann ich spanisch nur beipflichten: In der »Obsolescencia planificada« (dt. in der Wegwerfgesellschaft) der ephemeren Ideen wird übersehen, dass die wirtschaftliche Kultur (oder Unkultur) tief in der allgemeinen Kultur (oder Unkultur) verwurzelt und daher nur langfristig anerzogen, jedoch ziemlich kurzfristig zerstört werden kann. Die sogenannte »Amerikanisierung« des Lebens (cf. McDonalds oder die U-Bahnstation Wien Mitte) bringt genau diese kurzfristige Zerstörung auf Schritt und Tritt fertig, zusammen mit der Glas- und Betonarchitektur der Hochhäuser. Dementsprechend müssten wir T. S. Eliots einprägsamer Definition, – wonach Kultur »die fleischgewordene Religion eines Volkes« sei – verstärkt Beachtung schenken.

    Im Mittelpunkt der lebensnahen Ökonomie müsste das sparsame Umgehen mit Zahlen auf die wirklichen Sorgen der Menschen hinweisen, weil sie nicht die trockenen Kalküle des englischen Utilitarismus oder gar den lasterhaften Solipsismus, sondern eine natürliche Ophelimität darzustellen haben. Da das transzendente Gute offensichtlich nur außerhalb des reinen Nutzenkalküls ausdrückt werden kann, verwende ich das ausgefallene Wort »Ophelimität« nicht aus Extravaganz. Der Ausdruck geht auf eine weit zurückliegende Lektüre von oder über Vilfredo Pareto (1848-1923) zurück und stammt aus meiner Jugendzeit, allerdings erinnere ich mich nicht mehr an die Stelle: wo?

    Um die utilitaristische Enge von John Stuart Mill (wie Eigennutz, Nutzbarkeit, Nutzenfunktion, benützen, abnützen, ausnützen etc.) zu vermeiden, oder zumindest etwas geselliger zu machen, erweist das Altgriechische, wie so oft, auch diesmal sehr brauchbare Dienste. Ophelia hieß in der Frühe unserer Zivilisation gleichwohl Beistand, Wohltat, Hilfe, Dienstbereitschaft, Nützlichsein für das Gute. Sie verweist nicht bloß auf die »Maximierung des Gewinnstrebens« der Kaufleute und Produzenten, die heute angeblich keine oberen Grenzen kennen. Diese werden von den allerdümmsten, linken Sozialromantikern noch immer als »egoistische Profitjäger« verrufen, und von den Liberalen als solche gelobt. Während dessen die unersättlich nachfragenden Massen ihre »Konsumentenrenten« in den Himmel schießen lassen möchten. Nicht nur die sogenannten »Kapitalisten« können von Gier getrieben sein: Der sogenannte kleine »Mann von der Straße« noch mehr und öfters auch gehässiger!

    Das spätlateinische Verb »clientare« bedeutete dagegen noch das Sich-begeben in den Dienst des Kunden, – der zwar wie ein König war, aber kein absolutistischer! Auch die Stammkundschaft (die clientela) hatte Loyalität zu seinem Betreuer zu bewahren, der Meister seines Standes geworden ist. Einst signalisierte also der Cournot’scher Punkt das Betriebsoptimum nicht desjenigen Monopolisten, der seine Klientel bis aufs Blut ausgebeutet hat. Die Vorzugsstellung der einzigartigen Könner zeigt auch heute noch Meisterbetriebe eines Faches oder auch nur eines Grätzels an, wohin die Stammkunden freiwillig hinströmen, weil sie bereit sind, auserlesene Angebote, vorzügliche Bedienung, auf den Einzelnen zugeschnittene Aufmerksamkeit auch mit einem Plus oberhalb des Marktpreises der Massen zu honorieren.

    Nebenbei sei bemerkt, dass die modernen Supermärkte längst eine marktbeherrschende, nicht unproblematische Oligopolstellung erreicht haben. Ganz Österreich wird von 4-5 Lebensmittelketten ernährt. Ihre Angebote sind in ziemlicher Langeweile identisch, wobei sie krampfhaft versuchen, die vertraute Mutualität mit dem Klienten-König mittels Clubkarten und Treueprämien wieder herzustellen. Was in der totalen Anonymität mangels individueller Bedienung freilich misslingen muss. Die längst verschwundenen, aus heutiger Sicht »historischen« Julius-Meinl-Filialen oder die traditionellen Caféhäuser, Friseure oder Heuriger in Wien, Budapest oder Prag waren noch Meisterbetriebe, wo der Kunde noch gut beraten, bedient und in der Tat ein König war. Ein Filialleiter von heute kennt seine Kunden nicht mehr per Namen – in der Massenabfertigung ist die vorzügliche Hochachtung freilich auch nicht mehr möglich.

    Ophelimität bezieht sich also in meinem Vokabular auf dieses höfliche Nachfragen und Besorgen von unentbehrlichen Gütern, Diensten und Rechten, ohne die der Konsument in einer arbeitsteiligen Tauschwirtschaft nicht überleben kann.

    Unter dem blauen Himmel des Mittelmeerraumes war das unkomplizierte Laissez-fair den Leuten mehr angeboren als im Calvinistischen Genf oder in Hobbes' allzu legalistischem Leviathan-Staat. Hobbes war ein Hauslehrer für Mathematik bei fürstlichen Familien, also »ein Staatsangestellter« (und somit ein pragmatisierter Beamter nach heutigen Begriffen) und bezeichnenderweise »ein ängstlicher Intellektueller«, der gern bereit war, die bürgerlichen Freiheiten gegen die Sicherheiten des öffentlichen Lebens einzutauschen. Die Kombination gilt bis heute: die mutlosen Intellektuellen, die für den Agonismus auf dem Markt untauglich sind, suchen immer wieder Posten im sicheren Hafen als Staats- und Gemeindebedienstete unter dem Vorwand, dass sie dem Bonum commune dienen, obwohl sie nur für das Ergattern eines krisenfesten Pöstchens interessiert sind.

    Das lässige, nicht risikolose Feilschen funktionierte seit eh und jäh am Beduinen-Markt in Beersheba stets so gut, wie unter Juden, Griechen oder Römern. Zur markanten Differenz mit den kontinentalen Städten, Fürstentümern und Grafschaften, konnten im Mediterraneum kaum Zollmauern, fürstlich geregelte Mindest- oder Höchstpreise errichtet werden. Hier musste man von jeher mit dem freien Wind Segeln, Stürme und Windstille überstehen, also Konjunkturzyklen meistern. Max Weber hat sich mit seiner »Protestantischen Ethik« und der Lokalisation des »Geistes des Kapitalismus« gewaltig verrechnet. Ein lebhafter Handel war eher in den katholischen Ländern zuhause, zu einer Zeit bereits als die Barbaren im Norden von der Marktwirtschaft noch keine (oder herzlich wenig) Ahnung hatten. Die doppelte Buchhaltung wurde charakteristischerweise von Luca Pacioli, einem italienischen Franziskanermönch in seiner »Summa de arithmetica, geometria, proportioni et proportionalità« (1494) wieder erfunden bzw. in ausgereifter Form dargeboten, abgeleitet aus arabischen Quellen, die weiß Gott aus welchen altertümlichen Urquellen stammen.

    Sedlá?eks Erinnerung an Xenophons modern anmutende Ökonomie 400 Jahre vor Christus wirkt (S. 132) genau so erfrischend, wie seine Erwähnung der tiefsinnigen Geschichte Josefs und seiner Brüder in Ägypten (S. 87). Josefs Deutung von den sieben fetten bzw. sieben mageren Kühen, die dem Pharao zum Alptraum gereichten, war die realistisch vorweggenommene Lösung dessen, was uns heute als unrealistische Klimawandelhysterie vorgesetzt wird. Bereits in Ägypten, – nicht nur heute, – gab es länger andauernde Wetteränderungen, die in siebenjährigen Konjunkturzyklen ihren Niederschlag gefunden haben sollten. Josefs Moralkonsequenzen aus dem Naturgeschehen waren segensreich: Mit Vorratsbildung und Schuldenabbau riet er in den guten Zeiten für die Knappheit bei Unwetter, Krieg oder Epidemie vorzusorgen. Die grünen Umwelthysteriker scheinen dagegen das Kind mit dem Badewasser auszuschütten. Sie huldigen im irrationalen Götzendienst einer neuen, säkularisierten Naturreligion.

    Folgerichtig geht es nach Tomáš Sedlá?ek in den Wirtschaftswissenschaften um Gut und Böse – also um das Eingemachte, um das Haltbare und Wesentliche im täglichen Leben. Ökonomie ist von Haus aus dazu da, Werte zu generieren. Wenn unsere Wissenschaft gezwungenermaßen wertfrei sein sollte, käme es in der Tat zur geistigen Verkrüppelung eines Homunkulus, eines Männchens ohne Rückgrat und ohne Horizont, wo die Schlitzohren allmählich allein tonangebend werden. Selbst die ausgefeiltesten Rechnungen der lebensfernen Intellektuellen bleiben dabei nur modelltheoretische Annahmen, deren arithmetische und ideologische Operationen auf das wirkliche Leben nicht übertragen werden können.

    Ökonometrie ist ein intellektuelles Lotteriespiel oder Opium für die Täuschung des Wahlvolkes an den Urnen. Die Gurus in den Wirtschaftsinstituten hantieren mit Funktionen und extrapolierten Operationen, die vom Leben meilenweit verrückt sind. Die Variablen und Parameter können jährlich, monatlich, wöchentlich, ja täglich, wie Börsenwerte steigen und abstürzen. Apriorisch sind sie verborgen. Wir lernen sie erst im nachhinein unter der Lupe kennen, wenn sie bereits zur handfesten Krise erstarrt sind. Im vorhinein lassen sich aus unseren Modellen lediglich analoge Schlüsse ziehen, manche Erfahrungswerte zu Herzen nehmen, um das Gute zu säen. Der Rest ist das Abwarten des Gärtners – wie F. A. von Hayek es einmal postulierte. Warten, dass die Saat entweder in einer guten Stunde aufgehen, oder aber dass der Wind wieder in unsere Segel blasen möge.

    Ökonomie erfordert daher vor allem Glück, Erfahrung und Anstand – keine Ideologien. Die Erziehung zur Freiheit erfordert vielmehr ein beispielhaftes, ja ein erfülltes Leben mit den griechischen Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Maßhalten und Tapferkeit, die allesamt nicht in den Universitäten gelehrt, sondern in der Kinderstube und im Religionsunterricht überliefert werden.

    Die modelltheoretischen Grundlagen der Preisbildung sind lediglich eine intellektuelle Beigabe zu der großen Überlieferung des Abendlandes, die das Wissen des Studenten und das Gewissen der Unternehmer schärfen und auf das Wesentliche lenken

  9. Collector
    04. August 2013 11:50

    Herr Tögel hat das Buch überhaupt nicht verstanden. Es ist ein einziges Plädoyer gegen die Schule der "Austrian Economics", ihre staatsfeindliche,"libertäre", individualistische Gesellschaftslehre und ihre "katallaktische" (tauschwirtschaftliche) Wirtschaftstheorie. Vehement wendet sich Tomáš Sedlá?ek gegen die "marktwirtschaftliche" Auffassung der meisten Ökonomen von Adam Smith bis zu den „Austrians“ (Mises, Hayek etc.), ethische Normen oder „Werte“ oder Eingriffe des Staates in den Markt könnten den reibungslosen Ablauf nur stören. Für S. ist unsere ganze Wirtschaftpolitik mit ihrer Wachstumshysterie und ihrem Marktvertrauen grundfalsch, jedenfalls so wie sie heute praktiziert und gelehrt werde. Die Ökonomie, so S., könne nämlich nicht verstanden werden ohne „Einbettung“ in die Gesellschaft, also in ihre Gestaltung durch Religion, Philosophie, Wissenschaft, Kunst, Ethik, Moral, Recht, Politik, Machtverhältnisse, staatliche Strukturen, bildungsmäßige Voraussetzungen der Bevölkerung, Arbeitsauffassung, demographische Entwicklung, Stand der Technik, Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen. Dem sollten Ökonomen Rechnung tragen, sie müßten die Grenzen ihres Fachs überschreiten, denn jede wirtschaftliche Handlung, ob der Kauf einer Banane oder die Disposition eines Managers habe ethische Implikationen: „In every purchase, every managerial decision there is moral impact on others”, so Tomáš Sedlá?ek wörtlich. Der "Markt" sorge nicht - und schon gar nicht "automatisch" durch die Mystik der "invisible hand - für die Unterscheidung von Gut und Böse.

    Die geradezu "kopernikanische Wende" der ökonomischen Auffassung, die Tomáš Sedlá?ek vorträgt, wird von Tögel nicht erfaßt. Für Sedlá?ek ist im Gegensatz zu den "Austrians" oder Leuten wie Samuelson oder Milton Friedman (Chikago-Schule) "die Ökonomie keine positive Wissenschaft“, die meisten Wissenschafter versuchen sie nur dazu zu machen, um „lästigen Grundfragen – das heißt der Metaphysik – aus dem Wege zu gehen“ (S. 19). Was sie produzierten, sei nicht Wissenschaft, sondern weitgehend Humbug. Ihre ökonometrischen Modelle für die Projektion der wahrscheinlichen Ergebnisse verschiedener politischer Entscheidungen bildeten die Hauptursache der Probleme, die in letzter Zeit aufgetreten sind (S. 366, unter Berufung auf Jeffrey Sachs, Christopher Sims und Stephen Goldfeld: Policy Analysis with Econometric Models, Cambridge 1997).

    Wer das Buch liest, dem kommen gerade jetzt praktisch alle Wahlkampfaussagen zu Wirtschafts- und Sozialfragen wie die Töne aus einer Welt vor, die es längst nicht mehr gibt.

    • Dr. Endre Attila Bárdossy
      16. August 2013 17:28

      Sehr geehrter Collector,

      sicher stehe ich auf Ihrer Seite in dieser Grundsatzdiskussion, in der es sowohl um die moralische Überlegenheit als auch um das physische Überleben der Zivilisation geht. Sie dürfen aber nicht direkt gegen die Markt- und Tauschwirtschaft anrennen, da wir ohne diese entweder zu vorzivilisierten Lebensformen zurückkehren oder mangels Tauschmöglichkeiten verhungern müssten. Bereits die Urmenschen nach der Vertreibung aus dem Paradies mussten eine gewisse Differenzierung erfahren: Kain wurde Ackerbauer, während Abel ein Hirtenjunge war. Da es zwischen ihnen im doppelten Sinne zu keiner Ausbildung von »katallaktischen« Beziehungen gekommen war, steigerte sich die Spannung eben bis zum Mord.

      Soeben sagte ich »im doppelten Sinne«, da das tiefsinnige Wort der Katallaktik im Griechischen nicht nur »Handel« (commercium), sondern auch »Versöhnung« (reconciliatio) bedeutet hat. Darauf hat bereits F. A. von Hayek hingewiesen. Auf diesen Austausch von Waren, Rollen und Emotionen beruht die Tatsache, dass der Handel im Mediterraneum die Misswirtschaft von Raub, Totschlag und Piraterie bereits in vorchristlichen Zeiten zu einem beträchtlichen Teil ersetzte. Ohne Tauschwirtschaft müssten wir noch immer (oder schon wieder) Jäger, Beerensammler und / oder Banditen sein.

      Die Markt- und Tauschwirtschaft war demnach nicht nur der allererste, vorchristliche Schritt zur Zivilisation gewesen, sondern bleibt auch heute und morgen ein wirksames (wenn auch nicht automatisches) Instrument auf jenem Feld, wo das Naturrecht herrscht. Sie bedurfte freilich der Veredelung durch hebräische Bräuche im Alten Testament, oder aber durch griechische Ethik und christliche Moral, musste jedoch zu allen Zeiten in diesem irdischen Leben die familiären Verteilungsmodelle der Nächstenliebe weitgehend ergänzen, ja sogar wirksam ersetzen, wenn das Drama von Kain und Abel nicht täglich wiederholt werden sollte.

      Tomáš Sedlácek rührt die Trommel also nicht für einen neuen Bildersturm gegen »Kapitalismus, Marktwesen und Mathematik«, sondern lediglich gegen ihre unangebrachte Verunstaltung (d. h. Verabsolutierung, Vereinfachung oder Verkomplizierung). Wenn wir auf dem Markt nicht mehr (oder wieder) auf Beuten jagen, sondern Güter, Dienste und Rechte vermitteln wollen, dann wird sich der Markt weiterhin als bleibende Errungenschaft der Zivilisation behaupten können bzw. müssen.

      Nach Sedláceks Darstellung (S. 132): »Der beste Weg zur Erzielung maximaler Steuereinnahmen ist [in den Augen Xenophons] aber weder eine Verstaatlichung noch ein Kriegsmanöver, sondern die Ausweitung der Handelstätigkeit.«

  10. phaidros, aus gutem Grund (kein Partner)
    02. August 2013 11:03

    »Man meint, es mit Werken zur Physik zu tun zu haben…«

    Das ist ein Grundproblem der »weichen Wissenschaften« (gilt analog in der Psychologie genauso - siehe Tagebuchblatt zu PISA). Nur, weil irgendwo eine Formel steht, hat man noch kein exaktes Ergebnis. Denn was den weichen Wissenschaften fehlt, sind die Erhaltungsgrößen (wie Energie, Moment, Ladung etc.), die es den physikalischen Gesetzen ermöglichen, so exakte Beschreibungen zu liefern. Daher: alles »pseudo«.

    Empirischer Beweis: wenn Wirtschaft so exakt zu betreiben wäre, wie die Formeln es uns glauben machen wollen, gäbe es weder Konkurse im Kleinen noch Krisen im großen Maßstab.

    Danke für die Rezension.

    • cmh (kein Partner)
      02. August 2013 11:41

      Lieber phaidros!

      Auch die "weichen Wissenschaften" haben Erhaltungsgrößen: Dummheit ist trotzt Bildung z.B. immer in gleicher MEnge vorhanden.

      Aber Scherz beiseite und zum Sachlichen:

      "Exakt" bedeutet, etwas mit den Mitteln der Mathematik formulieren zu können. Daher sind die Naturwissenschaften von der Methode her exakte Wissenschaften, die MAthematik ist es jedoch nicht.

      Der Witz bei den Wirtschaftswissenschaften ist jedoch nicht die exakte Formulierbarkeit ("wer x% mehr ausgibt als er einnimmt geht in Konkurs" ist exakt formuliert), sondern dass letztendlich bei aller exakten Formulierbarkeit die Entscheidungen immer ohne vollständiger Information getroffen werden müssen.

      Daher ist es für sinnvolles Wirtschaften nicht ausschließlich segensreich, dass die Wirtschaftswissenschaften nach dem Paradigma der Physik zu betreiben geglaubt werden.

      Letztendlich bietet ein physikalisches Experiment auch immer einen gewissen Anteil an Überraschungen, die aus ihrer exakten Formulierung nicht hervorgehen.

  11. Francois Villon (kein Partner)
    02. August 2013 06:25

    Sg. Herr Tögel,

    Sie sind ein fleißiger Leser interessanter Bücher – und erfreulicherweise jemand, der sich dazu auch gleich Anmerkungen beim Lesen macht und somit andere mit den Buchbesprechungen auf Lesenswertes hinweisen kann.

    Es gibt ja eine Reihe von Büchern, die an wirtschaftliche oder Geldthemen „historisch“ herangehen und damit viel mehr beitragen, als zahlreiche heute übliche mathematisierten Theorien.

    Da Sie den US-„Nobel“-preisträger Samuleson erwähnen, dessen Lehre ja in der „westlichen“ Welt – also überall – zum „Standard“ wurde, erlaube ich mir auf ein kleines Büchlein von Friedrich Romig hinzuweisen, das schon in den 1970-er Jahren erschienen ist, und dessen Thesen als tautologisch bzw. überhaupt falsch zertrümmerte. Es ist dies: „Die ideologischen Elemente der neoklassischen Theorie“, im Duncker es geht um möglichst großen Beifall. Das eine findet sich eher selten, das andere ist Meinung, ein Massenartikel, und somit eigentlich das Gegenteil von Wissenschaft.
    Was Chicago also auszeichnet ist die Tatsache, daß hier der ideologische Überbau für das beherrschende US-amerikanische, kapitalistisch-neoliberale „Industriesystem” bereitgestellt wird. Hier dreht es sich aber um Macht- und Herrschaftsfragen, nicht jedoch um die „Wahrheit oder Erkenntnis der Wissenschaft”, am wenigsten um das bonum commune, das Allgemeinwohl.

    • F.V. (kein Partner)
      02. August 2013 06:30

      Der Beitrag wurde nicht zur Gänze übertragen, daher nochmals. Ich hoffe es klappt diesmal.

      Sg. Herr Tögel,

      Sie sind ein fleißiger Leser interessanter Bücher – und erfreulicherweise jemand, der sich dazu auch gleich Anmerkungen beim Lesen macht und somit andere mit den Buchbesprechungen auf Lesenswertes hinweisen kann.

      Es gibt ja eine Reihe von Büchern, die an wirtschaftliche oder Geldthemen „historisch“ herangehen und damit viel mehr beitragen, als zahlreiche heute übliche mathematisierten Theorien.

      Da Sie den US-„Nobel“-preisträger Samuleson erwähnen, dessen Lehre ja in der „westlichen“ Welt – also überall – zum „Standard“ wurde, erlaube ich mir auf ein kleines Büchlein von Friedrich Romig hinzuweisen, das schon in den 1970-er Jahren erschienen ist, in dem er dessen Thesen als tautologisch bzw. überhaupt falsch zertrümmerte. Es ist dies: „Die ideologischen Elemente der neoklassischen Theorie“, im Duncker es geht um möglichst großen Beifall. Das eine findet sich eher selten, das andere ist Meinung, ein Massenartikel, und somit eigentlich das Gegenteil von Wissenschaft.
      Was Chicago also auszeichnet ist die Tatsache, daß hier der ideologische Überbau für das beherrschende US-amerikanische, kapitalistisch-neoliberale „Industriesystem” bereitgestellt wird. Hier dreht es sich aber um Macht- und Herrschaftsfragen, nicht jedoch um die „Wahrheit oder Erkenntnis der Wissenschaft”, am wenigsten um das bonum commune, das Allgemeinwohl.

    • F.V. (kein Partner)
      02. August 2013 06:36

      Es klappte wieder nicht. Ich weiß nicht warum.

      Nach dem Titel: ... „Die ideologischen Elemente der neoklassischen Theorie“, im Duncker ... fehlt ein ganzes Stück. Und zwar:

      ... und Humblot Verlag erschienen.

      Darum sind heute solche Werke aktueller denn je. Beängstigend ist ja, daß mit den herrschenden Theorien wirtschaftliche Handlungsmaximen und politische Glaubenssätze fixiert, begründet und durchgesetzt werden, die falsch und zerstörerisch sind. Da wir es besser wissen könnten und auch Alternativen in Theorie und z. T. sogar Praxis existieren/-ten, müssen wir uns eingestehen, daß wir eigentlich einem Selbstbetrug unterliegen.

      Hermann HESSES „Glasperlenspiel“ beschreibt in bewundernswürdiger Weise den zugrunde liegenden Mechanismus. In heutiger Zeit wird dies noch verstärkt durch PR und Werbung, die in den Dienst der Durchsetzung bestimmter Dogmen gestellt sind. Daß dies keine Übertreibung oder gar Vernaderung der hehren Wissenschaft ist, belegen die Zeugnisse ihrer berühmtesten Vertreter.

      ROMIG hat in seinen „ideologischen Elementen” den Nachweis erbracht, daß die fundamentalen Axiome der (neoklassischen) Wirtschaftstheorie Tautologien bzw. nicht denkbare, also nichtige, Vorstellungen sind, womit das ganze Lehrgebäude einstürzt, ohne daß man sich mit den vielfältigen Verästelungen dieser Lehre im Detail noch befassen müßte. Wenn trotzdem darauf unser ganzes Wirtschaftssystem gebaut ist, so hat das natürlich Folgen: Es werden aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fakten falsche Schlüsse gezogen. Der Kompaß weist in die falsche Richtung, in den Abgrund.

      Dieser Aberglaube hat natürlich auch Gründe. Es wird mit ihm eine Ideologie und ihre (zweifelhaften) Ziele begründet und unterstützt. Angesichts der globalen Konzerne und ihrer globalen Dominanz bedeutet das also mit der sie „legitimierenden” Wirtschaftstheorie ihnen die ideologische „Räuberleiter” zu machen. Und das tut die Chicagoer Schule natürlich in erster Linie. Betrachtet man die Folgen der Globalisierung, ist die Feststellung, daß es sich um Raub dreht keine Übertreibung. - Daß es sich schon deswegen nicht um wissenschaftliche Erkenntnis handeln kann, ist klar, aber auch die zugrunde liegende Methode des Empirismus verpackt in mathematischen Formeln ist ebenfalls nur scheinbar Wissenschaft und das Flachste, was man finden konnte. Der “Empirismus” und Mathematik sind nämlich kein Kriterium für Wahrheit oder Erkenntnis, es kommt auf die konkrete Problemstellung (d.h. die Theorie) vor aller Datensammlung an, und die Mathematisierung hilft nur insoweit, als sich ein Computer üblicherweise nicht verrechnet, aber für die Wahrheit der Theorie liefert sie keinen Beweis oder wirkliche „Erkenntnisse”. Mit der „Durchsetzungsstrategie”, wie sie von Nobelpreisträger G. STIGLER ganz offenherzig dargelegt wird, unterstreicht er ja auch das Bestreben der „Wissenschaft“ eine „Schule” begründen, also „Jünger”, d. h. bedingungslose Anhänger, hervorbringen zu wollen.

      Es ist offenkundig, daß die als methodische Ursache für den Erfolg der Chicagoer Schule gelobte mathematisch-mechanistische Modellbildung weit über das Ziel hinausschießt, wenn damit

      a. „Glasperlenspiele” veranstaltet werden: „Jeder ist nur so gut wie sein letztes `paper´”. D. h., daß ein permanenter Strom von „Neuem” das noch kaum gesicherte „Alte” entmodet. Um welche Erkenntnis oder Wahrheit bemüht man sich dabei? – und

      b. die Methode zum „universalen” Gesetz hochstilisiert, d. h. Welterklärungs-Dogma wird, das auch gesellschaftliche, kulturelle, etc. Fragen seinem „black-box”-Verfahren unterwirft (Ronald H. COARSE´ Lehre sei ein Beispiel für M. FRIEDMANS drittes Charakteristikum der Chicagoer Schule: „Übertragung der ökonomischen Ansätze auf andere Disziplinen.”)

      Der Umfang der ausschließlichen Betrachtung der Welt unter dem „ökonomischen Kalkül” ist erschreckend genug, und die nihilistischen Folgen wahrhaft beängstigend.
      Kriterien für „Wissenschaft” sind diese „Wahrheit” bzw. „Erkenntnis” nicht; ...

      Ab hier ging der Text wieder weiter:

      es geht um möglichst großen Beifall. Das eine findet sich eher selten, das andere ist Meinung, ein Massenartikel, und somit eigentlich das Gegenteil von Wissenschaft.

      Was Chicago also auszeichnet ist die Tatsache, daß hier der ideologische Überbau für das beherrschende US-amerikanische, kapitalistisch-neoliberale „Industriesystem” bereitgestellt wird. Hier dreht es sich aber um Macht- und Herrschaftsfragen, nicht jedoch um die „Wahrheit oder Erkenntnis der Wissenschaft”, am wenigsten um das bonum commune, das Allgemeinwohl.

  12. terbuan
    01. August 2013 15:01

    Danke Herr Tögel für diese Rezension.
    Wenn ich mir die diversen Prognosen der Wirtschaftsforscher betrachte, mit ihren auf Zehntel oder sogar Hunderstel "genauen" Prognosen, oder die nicht nachvollziehbaren, komplizierten Formeln, wie der der VPI von der Statistik Austria berechnet wird, dann mache ich mir auch so meine Gedanken, die scheinbare Mathematisierung ersetzt wahrlich keinesfalls die Menschlichkeit!

  13. RR Prof. Reinhard Horner
    01. August 2013 10:58

    reinhard.horner@chello.at

    Gestern, heute und morgen …

    Die Tendenz bleibt gleich – siehe „Schulden-, Währungs- und Demokratiekrise“. So schaumgebremst – warum also nicht?

    Es kommt Freude auf: Diesmal (erstmalig) ohne Schimpfworte.

    Indes, den heutigen Autor, der an Zukunftsweisendem interessiert ist und Interesse zu wecken trachtet, als Protagonisten der gestrigen, in obsoleter Gegenabhängigkeit befangenen „Austrian Economics“ vereinnahmen zu wollen, ginge wohl sehr daneben.





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