Die neue KI-Welt sei die letzte und schon deshalb die ärgste aller bisherigen "Kränkungen der Menschheit", erklären moderne Philosophen angesichts der Herausforderungen durch die jüngsten technologischen Entwicklungen digitaler Systeme.
Die bisherigen "Kränkungen" sind bekannt und gleichfalls digital erfasst – in einem Speicher, der ein Meer von Daten umfasst, in dem neben der Weltrevolution des Kopernikus und der Menschheitsrevolution Darwins zu unguter Letzt auch noch die vermeintliche Revolution durch die Bewusstseinslehre Freuds als eine vorausgegangene und ererbte "Kränkung" behauptet und als erwiesen vorgeführt wird.
Durch die aktuell letzte Kränkung werde nun der Mensch als Urheber seiner Gedanken und Worte überflüssig. Eine Entmündigung, die nicht nur – wie bei Kant – den Verstand des Menschen untergrabe und zerstöre, sondern seine selbstverantwortliche Humanität im Ganzen zu vernichten droht.
Aber in Kompensation zu seinem Dasein als Sklave vollkommener Digital-Maschinen wird er sich zu ungeahnten, gottgleichen Höhen des Wissens und Handelns erheben. Mit einem Wort: Mephistos Angebot an Faust ist wiedergekehrt.
Einschlägige Firmen investieren Unsummen, um sich erfolgreich auf den künftigen KI-Märkten zu positionieren: Ein wahrhaft globaler Markt entsteht, und es wäre keine philosophisch eingebildete, sondern eine reale Kränkung für Europa, könnte es den seit Jahrzehnten dominierenden digitalen Vorsprung der USA nicht mehr ausgleichen und wettmachen.
Warum die kopernikanische Revolution eine Kränkung der Menschheit gewesen sein soll, konnte die moderne Philosophie allerdings bis heute nicht wirklich begründen. Das pseudophilosophische Dogma, menschliche Vernunft und menschlicher Geist müssten in einer örtlichen Mitte des Universums beheimatet sein, um dieses erkennen und später auch erobern zu können, ist ein alttestamentliches Vorurteil. Gewiss wäre die Genese und Evolution der Menschheit – dieser unserer planetarischen – ohne Heimatplanet nicht möglich gewesen, aber daraus folgte noch keine Annahme der unbedachten Schöpfungsdogmen der altjüdischen Theologie, die auch das Christentum aus dem Alten Testament übernommen hat.
Noch weniger war die Freud’sche Schichtenkonstruktion des menschlichen Bewusstseins begründungsfähig. Sie war nichts weiter als eine der vielen hypothetischen Konstruktionen der Psychologien ihrer Zeit. Deren Fragwürdigkeit wurde oft genug nachgewiesen, ohne am Promi-Status der Wiener Psychologie-Wissenschaften rütteln zu können.
Und dass Darwin gegen seine eigene Evolutionstheorie theologische Einwände hatte, ohne diese konkretisieren zu können, verweist auf ein ungeklärtes Vakuum zwischen Philosophie, Wissenschaft und Theologie, das der überaus beliebte Kränkungsvorwurf nur bestätigt, keineswegs mit stichhaltigen Argumenten erfüllt.
Schon vor der spezifisch "modernen bzw. postmodernen Philosophie", die erst spät die intellektuelle Bühne der westlichen Welt eroberte, machten die Philosophien von Günther Anders ("Die Antiquiertheit des Menschen") und Martin Heidegger ("Das Gestell") auf eine Gefährdung des Menschseins aufmerksam, die weit über eine bloße "Kränkung des Menschen" hinausgehe.
Eine Gefährdung, die mit den Errungenschaften der modernen Naturwissenschaften verknüpft sei, weil deren vernunftlosen Kehrseiten ein generelles Verhängnis über die moderne Menschheit bringen könnten.
Wenn nun am Ende der bisherigen "Kränkungskette" eine Menschheit droht, deren Menschen nicht mehr als Urheber ihrer Gedanken und Worte, somit auch nicht mehr als verantwortlich Iche und Urheber ihrer Handlungen tätig sind, sondern nur noch als Lehrlinge digitaler Maschinen, mit denen sie dennoch glauben, die Welt wie bisher als frei kommunizierende Menschen zu verstehen und zu beherrschen, dann wurde eine neue Epoche der Menschheit eröffnet, in der diese erstmals "transhuman" leben und sterben wird.
Untergangskrisen
Die Indizien stehen auf 5 vor 12, und doch ist auch die neue Untergangskrise der Menschheit nur eine unter mehreren. Welche davon das größte und womöglich finale Unheil bringen wird, ist unter den Menschen und politischen Meinungsträgern der säkularen westlichen Welt umstritten: Unvergleichbar verschiedenartig ist das Angebot der anrückenden Katastrophen.
Einer Menschheit ohne eigenes Gedächtnis und Gewissen steht eine andere gegenüber, die ohne sexuelle Identität überlebensfähig zu sein glaubt, und wieder eine andere, die Stein und Bein auf einen Weltuntergang durch unbeherrschbaren Klimawandel schwört.
Extrem entgegengesetzte Ideologien unterwandern die bisherige westliche Normen-Kultur, und unter dem verlockenden Paradigma einer neuen "Vielfalt der Kulturen" ist eine neue "Unübersichtlichkeit" entstanden, von der die postmoderne eines Habermas noch nichts ahnte.
Und sollte sich die "Weltethos-Idee" einer multikulturellen Einheitsreligion, an der sich die aktuellen Religionen "gleichberechtigt" beteiligen, als fatale Illusion entlarven, drängt die Frage, welche Religion welche anderen regulieren oder welchen anderen sich unterwerfen muss, auf eine ultimative Entscheidung. Der "Clash of Civilizations" war kein Gerücht böswilliger US-Professoren.
Humane und transhumane Philosophie
Mit dem KI-Paradigma geht eine transhumane Philosophie des Menschen einher, die sich vom Paradigma der humanen Aufklärungs-Philosophie des Menschen radikal unterscheidet. Während diese überzeugt war und ist, dass der Geist des Menschen allein auf der biologischen Grundlage von natürlich geborenen und natürlich lebendigen Menschen möglich und wirklich ist, teilt die transhumane Philosophie diese Ansicht nicht. Dort fungierten und fungieren nur natürliche Menschen als Empfänger und Träger von Geist, hier fungieren auch Dinge, leblose Materien und sogar Maschinen als Empfänger und (aktive) Träger von Geist.
Zu welchen Unklarheiten und Verwirrungen der verselbständigte biologische Ansatz in der Epoche der Vernunft-Aufklärung führen musste, ist noch bekannt – als halbwegs vertraute Tradition.
Ein Kampf um das eigentliche Wesen des Menschen wurde zwischen Naturalismus und Materialismus auf der einen Seite und den Positionen des Idealismus und Mentalismus auf der anderen Seite geführt: durch zwanzig Jahrhunderte und unter stark wechselnden Sonder-Richtungen, in denen auch die Theologie des Christentums ein gewichtiges Wort mitredete.
Die antike und neuzeitliche These des Naturalismus schien einleuchtend. Wenn der Mensch natürlich geboren wird, muss auch sein Geist ein natürliches Wesen sein. Nicht mehr wie im Mittelalter konnte er nun als Engel oder als ein Wortgeschöpf eines spontan schaffenden Gottes in diese Welt gekommen sein.
Im transhumanen Paradigma sind alle bisherigen Kämpfe um die wahre Humanität des Menschen, die dessen wahrhaft wirkliche sein soll, obsolet geworden und damit auch das Vernunftideal der humanen Menschheit, das überzeugt war, dass der Keim einer menschheitlichen Vernunft bereits in den (für uns) "barbarischen Kämpfen" der archaischen Epochen "still und heimlich" am Werk war, weil sonst die archaischen Zustände unüberwindbar gewesen wären. In diesen wurde das Verhältnis unterschiedener Kulturen und ihrer noch dominierenden Religionen durch das Prinzip von Hammer und Amboss geregelt.
Unterwerfen oder Unterworfenwerden: So lautete die Alternative ohne Alternative, die anfänglich auch das Fressen oder Gefressenwerden der Tiere-Welten nicht ausschloss.
Der aktuelle Papst verkündet, er könne auf das neue "Konzept" der KI – es sei human oder inhuman –, noch nicht verbindlich reagieren und fehlerfrei antworten, weil das neue Paradigma erst noch im Entstehen begriffen und daher noch unausgegoren sei – im Unterschied zum seinerzeit neuen Welt- und Menschenbild bei Kopernikus und Darwin, weil dieses (womöglich) deduktiv gegen das geozentrische Weltbild der biblischen Theologie begründet und normativ (als heliozentrisches Weltbild und homozentrisches Menschenbild (mit einem Mensch gewordenen Gott im Zentrum) durchgesetzt wurde. Da gehen allzu viele hypothetische Konstruktionswünsche chaotisch durcheinander. Sie sind nichts weiter als eine theologische Kapitulationserklärung gegen alle Angriffe des transhumanen gegen das humane Paradigma. Und belegen die Ratlosigkeit der Religion(en)n gegenüber allen Schein- oder wirklichen Fortschritten der Wissenschaften und übrigens auch der modernen Künste.
Im wissenschaftlichen Welt- und Menschenbild wird nicht aus eindeutig erkannten und als bekannt beglaubigten Prinzipien begründet, was ab nun und bis zum nächsten wissenschaftlichen Hypothesen-Gerüst als neuer Begriff von Mensch und Welt gültig sei soll. Die neuen wissenschaftlichen Welt- und Menschheitsbilder, die seit dem späten Mittelalter die Geschichte zu erobern begannen, bedurften auch keiner philosophischen Regieführung, weil die Sachen selbst, um Bacon und Popper zu paraphrasieren, für sich und ihre Wahrheit sprechen sollten.
Indem das biblische Paradigma die neuen Paradigmen von Kopernikus und Darwin als geradezu denkunmöglich verwerfen konnte und musste, bewies es nur sein eigenes (biblisch)-deduktives Denken, dessen Unmöglichkeit noch nicht denkbar war.
Und nur unter diesen (falschen) Voraussetzungen konnte und musste man später gewisse "Kränkungen" durch Kopernikus und Darwin behaupten und davor bereits als von Gott verdammte Irrwege anklagen und damit der neuzeitlichen Menschheit unsägliche Leiden und unlösbare Verwirrungen zufügen. Durch ein inquisitorisches Besserwissen, dessen man sich noch heute schämt.
Was sind "autonome Maschinen"?
Analog dazu steht heute zweifelsfrei fest, dass die KI weder einen biologischen Körper noch einen menschlich handelnden Geist besitzt. Also wäre die genannte Alternative zwischen Gott und Teufel doch unumgänglich und unvermeidlich?
Was oder Wer ist ein Jemand oder ein Etwas, der/das ein Gedächtnis besitzt, das keines ist, der/das ein Gewissen besitzt, das keines ist, der/das ein Wissen besitzt, das nach bisherigen Begriffen von Wissen kein Wissen ist?
Die beliebte Antwort: "Eine autonome Maschine", die mittlerweile durch "selbstfahrende Autos" als augenscheinliche Realität existiert, umgeht die bisher geltenden Grenzen der "Condition humaine", die generell von einer menschlichen Endlichkeit ausging, die durch unüberschreitbare Grenzen gefesselt und daher von jeder angemaßten Göttlichkeit ausgeschlossen war. Weder digitale Allwissenheit noch digital praktizierte Wundertätigkeit war des Menschen Sache und Auftrag.
Ist es daher gleichgültig, zu wissen oder auch nur wissen zu wollen, ob KI des Teufels oder des Gottes ist? Weil diese theologische Alternative nur noch als abgelegter und unverkäuflich gewordener Ladenhüter des Hauses (der Menschheit) unser Denken kratzt und bewegt? Im Unterschied zu dieser gängigen Laissez-Faire Haltung ist IKEA ohne KI weder konkurrenz- noch überlebensfähig.
Nachdem die Engelfrage in der Neuzeit durch die neuzeitlichen Wissenschaften negativ entschieden wurde, gilt unhintergehbar: Freier Geist in und unter Menschen existiert überall nur auf biologischer Grundlage. Nur in natürlichen Menschen können geistige Menschen wachsen und gedeihen. Wobei diese Natürlichkeit im vordigitalen Paradigma des Menschen nicht zu Unrecht mit gesunden natürlichen Menschen gleichgesetzt wird.
Und das Geistige? Wurde und wird mit der Freiheit desselben natürlichen Menschen gleichgesetzt, als real existierende Freiheit des Menschen überhaupt, somit als eigenständige Gattung (des natürlichen Lebens), die jedoch unter keine andere Gattung der Natur fällt. Oder mit Hegel formuliert: Der Mensch ist Tier, indem er dies aber weiß, ist er nicht Tier, sondern Geist. Er ist nicht nur möglicherweise frei, er ist wirklich frei – auch als lebenslänglich Gefangener.
Dass diese philosophischen Vernunftdogmen mit den theologischen des Christentums und alle anderen Religionen nur partiell übereinstimmen, ist bekannt.
Wie sie aber in der aufgewühlten Gegenwart einer vielfältig bedrohten Menschheit mit den dogmenlosen Dogmen der modernen und neuerdings digital-technologischen Wissenschaften harmonieren oder disharmonieren, diese Frage zu beantworten, wird die Aufgabe einer wieder zurückgekehrten Vernunft sein.
Leo Dorner ist ein österreichischer Philosoph.









Über die Bedeutungen des Wortes „Dogma“ liefert Wikipedia (beinahe) zufriedenstellende Informationen. Daß sich die theologischen Dogmen aller Religionen oft für Jahrtausende als unfehlbar wahr erachten, ist ihr Trost und Verhängnis zugleich. Die biblische Schöpfungsgeschichte ist eine sich für wahr haltende Erzählung über den Anfang der Menschheitsgeschichte. Die Sinn-Betonung liegt dabei auf dem „sich.“ Es ist wie mit dem Krug vor seinem Brunnen: scheinbar geht er auf ewig an seinem Becken vorüber...
Für Schani.
Danke, jetzt verstehe ich, was Sie meinen.
Schöpfungsdogmen? Noch nie gehört.
Bei Gelegenhei in die Bibel hineinschauen...
Ja, ich kenne die Schöpfungsgeschichte. Ein kirchliches Dogma ist da allerdings nirgendwo zu finden.