Am 3. November jährt sich heuer eine wesentliche Entscheidung in der österreichischen Geschichte zum 100. Mal: Am 3. November 1926 beschloss die SDAP, die Sozialdemokratische Arbeiter-Partei, auf einem Bundesparteitag ihr sogenanntes Linzer Programm.
Es handelt sich dabei um die große und immer wieder verschwiegene Unbekannte der sozialdemokratischen Geschichtsschreibung. Aber kaum jemand der heutigen Zeitgenossen hat diesen Text gelesen.
Als Ziel ist darin die Eroberung der Staatsmacht festgeschrieben. Der gesamten Staatsmacht. Nichts anderes: Die Eroberung der gesamten Staatsmacht! Das Linzer Programm ist ein Manifest der Absage an die Demokratie schlechthin. Jede Zusammenarbeit mit "bürgerlichen" Parteien wird ausgeschlossen. Die ideologische Strategie hieß Klassenkampf.
Ein Bekenntnis zur pluralistischen Demokratie sucht man daher im Text vergebens, denn eine solche galt als Unterdrückungsinstrument.
Die sozialistischen Theoretiker haben – wenn auch teilweise mit anderem Vokabular – den Sozialismus nie anders als permanente Hegemonie, also Besitz der einmal (auf welchem Weg immer) eroberten und nicht mehr abzugebenden "gesamten, ungeteilten Staatsmacht" verstanden.
Daher werden für die politische Praxis in der vorerst noch parlamentarischen Republik Österreich auch ganz konkrete Anweisungen verordnet. Kompromisse werden nur kurzfristig zugestanden: "Eine solche Kooperation der Klassen kann also nur eine vorübergehende Entwicklungsphase im Klassenkampf um die Staatsmacht, aber nicht das Ziel dieses Kampfes sein."
Die demokratischen Kampfmittel seien wohl auszunützen, haben laut Linzer Programm aber nur den Zweck, die Herrschaft in der Republik zu erringen. Funktioniert dieser Weg nicht, könnte die Sozialdemokratie die Staatsmacht nur noch in einem Bürgerkrieg erobern. Hier wird wörtlich genannt, was dann am 12. Februar 1934 exekutiert wurde und gescheitert ist, nämlich einen "Widerstand der Bürgerlichen" gegen die beanspruchte sozialistische Alleinherrschaft mit den "Mitteln der Diktatur" zu brechen. Das ist der Kernsatz des Linzer Programms 1926.
Konkret: Eine allfällige "Kooperation einander feindlicher Klassen" (damals also mit den Christlich-Sozialen) "wird nach kurzer Zeit (…) gesprengt". Oder gar nicht eingegangen wie 1931, als Seipel eine solche anbot.
Der geistige Führer der SDAP, Otto Bauer, erklärte in seiner Schlussansprache des Linzer Parteitages 1926 in aller Offenheit die Demokratie zwar als günstigsten Weg (!) zur Eroberung der Staatsgewalt, beschwor im selben Atemzug aber die Möglichkeit, dass man sich zur Gewalt gezwungen sehen könnte.
Der "günstigste Weg" war manchen Sozialdemokraten zu lang. Am 12. Februar 1934 putschte, von Linz ausgehend, der Republikanische Schutzbund, die sozialdemokratische Privatarmee.
30 Jahre später kritisierte der oft unterschätzte SPÖ-Vorsitzende Adolf Schärf, nach Kriegsende Vizekanzler und von 1957 bis 1965 österreichischer Bundespräsident, die Schüsse: "Man (Anmerkung: gemeint die SDAP) versuchte schließlich eine Lösung herbeizuführen, allerdings nicht durch die Kraft der Überzeugung, sondern durch die Gewalt der Waffen. Das geschah am 12. Februar 1934."
Der oberösterreichische Schutzbund-Führer Richard Bernaschek hatte 1934 bei der Wahl der Gewalt kein Steinchen seines politischen Weltmosaiks aufgeben müssen, sondern bloß die Geduld verloren: Der Sozialismus in der Form der Diktatur des Proletariats war auf dem prophezeiten Weg der pluralistischen Demokratie keinen Schritt weitergekommen. Nur die Gewalt-Option des Linzer Programms schien ihm noch Erfolg zu versprechen.
Und Bernaschek war mit diesem Gefühl nicht allein, sonst hätte der Aufstandsbeschluss am 12. Februar 1934 wenige Stunden nach den ersten Linzer Schüssen unter den Mitgliedern des SDAP-Bundesvorstands nicht die Mehrheit gefunden. Die Gesamtpartei hatte die Verantwortung übernommen. Mit einer Stimme Mehrheit, aber eben mit Mehrheit.
Das Ergebnis der Kämpfe ist bekannt: 357 Tote, davon 112 Unbeteiligte.
Zum "Bürgerkrieg" war es nicht gekommen. Theodor Körner, sozialistischer Wiener Bürgermeister von 1945 bis 1951 und von 1951 bis 1957 Bundespräsident, hatte einen Tag vor dem Aufstand, am 11. Februar 1934, seine Partei gewarnt: Er könne "nirgendwo die Spur einer ,Erregung' in der Arbeiterschaft wahrnehmen".
1931 hatte Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel den Sozialdemokraten den Eintritt in eine gemeinsame Bundesregierung und die demokratische Beteiligung an der Staatsmacht angeboten. Sieben Jahre vorher war er selber Opfer eines beinahe erfolgreichen "proletarischen" Mordanschlags geworden. Nun erkannte er die staatsbedrohende Explosivität der politischen Spaltung der Gesellschaft und streckte die Hand aus. Die Sozialdemokraten ergriffen sie nicht.
Das Linzer Programm mit seinem Bannfluch gegenüber jeglicher demokratischen Kooperation stand dem Aufkeimen jeder Annäherung entgegen.
Für den möglichen Verlauf der österreichischen Zwischenkriegsgeschichte ohne den Koalitionsboykott der ideologischen Fanatiker der Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei gibt es einen wahrlich unverdächtigen Zeitzeugen – den später zum "Sonnenkönig" und Säulenheiligen der SPÖ hochstilisierten Bruno Kreisky, der in seinen Erinnerungen schrieb:
"Hätte man (1931) innerhalb des sozialdemokratischen Parteivorstandes den Mut gehabt, auf das sehr nuancierte Angebot Seipels einzugehen, wäre manches sicherlich anders gekommen. Meiner Meinung nach war das die letzte Chance zur Rettung der österreichischen Demokratie. (…) Ganz gewiss aber wäre es nicht zum 12. Februar 1934 gekommen."
Willi Sauberer, Schüler Hugo Portischs, war ab 1961 Mitarbeiter von Alfons Gorbach, Josef Klaus und Hermann Withalm und von 1971 bis 1994 Chefredakteur einer kleinen Salzburger Tageszeitung. Der konservative Publizist schreibt vorwiegend über gesellschaftspolitische, zeithistorische und lokal-geschichtliche Themen.









Das von ihnen beschriebene Verhalten von Linken ist aktuell auch in Polen festzustellen. Die (sehr) linkslastige europäische Union zeigt ebenfalls diese radikalen Eigenschaften!
Ein guter Beitrag von Ralph Schöllhammer zu Polen und aktuellen Vorgängen.
"Die Brüsseler Doktrin: Wie die EU zum Imperium wird"
https://www.youtube.com/live/9eGxY7fB0I0?is=OGRwdLjsxw0pxBDW
Vielen Dank für die wichtigen Informationen, die auch das heutige Verhalten der SPÖ, aber auch der anderen Linken transparent machen. Einmal an der Macht, sie verteidigen diese mit allen Mitteln. Besonders deutlich zu sehen in Deutschland. Ein Artikel der verbreitet werden muss!
1934 griffen die Sozialisten in Österreich zur Gewalt. Heute braucht man keine Gewehre mehr, wenn man über Steuergeldverschwendung und Postenschacher genügend Stimmen mobilisieren kann und mit Scheinkonservativen koaliert. Die Methoden haben sich geändert, der undemokratische Machtinstinkt ist geblieben.
Was früher Klassenkampf hieß, nennt sich heute Gerechtigkeit. Was einst mit der roten Flagge marschierte, kommt nun mit Palästinenserfahnen daher. Der Bürger wird zum Bittsteller des Wohlfahrtsstaates, der Steuerdodl zum unfreiwilligen Sponsor der eigenen Entmündigung.
Die Bevölkerungspolitik ist Teil dieses politischen Kalküls. Wer Migration nicht steuert und Integration nur simuliert, verändert das Land, ohne darüber ehrlich Rechenschaft abzulegen. Das Etikett Vielfalt ersetzt die politische Verantwortung. Kritik daran wird kriminalisiert.
Die Revolution kommt nicht mit dem Maschinengewehr, sondern mit dem Förderfüllhorn. Unsere Freiheit stirbt langsam und leise.
@ Hr. Zyni
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Danke für den Bericht, Herr Sauberer.
Meine Kinder, 37 und 35 Jahre alt, haben davon im Gymnasium nie gehört.
auch ich uns meine Kinder nicht und die Kinder meiner Kinder werden es auch nicht hören.
Wir (Matura 1975) hatten sehr wohl einen Geschichteprofessor, der uns den Austromarxismus erklärte.
@Schani: gut, dass es das bei Ihnen noch gab. Ihr Geschichtslehrer hatte es wahrscheinlich mit den Kollegen gar nicht so leicht.