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Gastkommentare

Menetekel: Kollabierende Automobilindustrie am Standort Deutschland

15. Juli 2026 11:51 | Autor: Andreas Tögel
13 Kommentare

Im Buch Daniel des Alten Testaments erhält der babylonische König Belsazar die göttliche Warnung, sein Reich sei "gezählt, gewogen und für zu leicht befunden" und dem Untergang geweiht. Genau so kam es: Belsazars Reich verschwand.  

So tragisch muss es für die deutsche Automobilindustrie zwar nicht kommen, aber die Zeichen an der Wand sind unübersehbar. Der nach Toyota größte Autobauer der Welt, VW, kämpft mit schwerwiegenden Absatz-, Kosten- und Ertragsproblemen. Und der Volkswagenkonzern steht damit nicht alleine da. Auch Mercedes, BMW und Porsche haben schon bessere Zeiten gesehen. Der vollelektrische Porsche Taycan ist ein Ladenhüter – vor allem im Hoffnungsmarkt China. Auch die vollelektrischen Mercedes-Modelle stoßen dort kaum auf Interesse: Die chinesische Kundschaft ist nicht bereit, überhöhte Premiumpreise zu bezahlen. 

Alle großen deutschen Hersteller bauen am Standort Deutschland Personal ab und verlagern Teile ihrer Produktion ins Ausland. VW hat angekündigt, in Deutschland bis zu 100.000 Arbeitsplätze einzusparen.

Der prestigeträchtige Tuareg soll künftig komplett in China gefertigt und weiterentwickelt werden, da die Herstellungskosten dort deutlich unter denen in Deutschland liegen. Zudem nimmt die Produktentwicklung dank geringerer Regulierung und weniger Zulassungshürden deutlich weniger Zeit in Anspruch. Außerdem ist China der Zukunftsmarkt schlechthin, was eine Präsenz vor Ort verlangt. Minimiert wird auch das internationale Lieferkettenrisiko, das sich während der Covid-19-Pandemie zeigte. 

Es ist absehbar, dass dem Tuareg mittelfristig auch andere VW-Baureihen folgen werden. Der neue Schlachtruf der Automobilindustrie lautet: "local for local." Die Reise geht weg von "Made in Germany" zu "Entwickelt und produziert, wo es sich verkauft"

Die hohen Standortkosten in Deutschland zwingen die Firmen zu drastischen Schritten, denn der internationale Konkurrenzdruck wird immer härter. Die Gründe dafür, Deutschland zu verlassen: 

► Hohe Arbeitskosten: 45 € durchschnittlicher Stundenlohn gegen knapp 20 € in Tschechien 

► Hohe Kosten für elektrische Energie: Industriestrom kostet in Deutschland pro KWh 0,18 €, in Tschechien 0,12 €, in China 0,1 € und in den USA 0,08 €

► Überbordende Bürokratie und Regulierung

► Transformation zur Elektromobilität: Nötige Investitionskosten sind im Ausland niedriger. 

Einen Teil der Ursachen für den Niedergang der deutschen Produzenten haben sie sich selbst zuzuschreiben. So haben sie etwa die Bedeutung der ideologiegetriebenen Transformation zur Elektromobilität unterschätzt. Gegen die verheerende Politik des "Green Deal", dessen Folgen an Industrieruinen erkennbar werden, haben sie sich nicht zur Wehr gesetzt, sondern versucht, mittels "Appeasements" und das späte Aufspringen auf den Elektrozug doch irgendwie durchzukommen. 

Doch die entscheidenden Gründe für das Debakel der einst führenden deutschen Autobauer liegen in der autodestruktiven, ja irrwitzigen Energiepolitik seit der Tsunamikatastrophe in Japan, der auf keinerlei Evidenz basierende "Green Deal", der inzwischen den Charakter eines religiösen Kults mit dem Sakrament der CO2-Vermeidung angenommen hat, und die Lohnpolitik, die jede Produktion aus dem Markt preist. 

Was leider zu wenig Beachtung findet: Es geht nicht nur um ein paar Hunderttausend Stellen bei den Automobilproduzenten, die dauerhaft verschwinden. Vielmehr folgen jedem hier verlorenen, mit hoher Wertschöpfung und entsprechender Steuerleistung verbundenen Arbeitsplatz, drei bis vier weitere in anderen Branchen.    

Mit der Verlagerung der Fahrzeugproduktion ins Ausland sind beispielsweise schwerwiegende Konsequenzen für die Zulieferindustrie verbunden. Um nur drei betroffene Betriebe zu nennen: Bosch erzeugt Motorsteuergeräte, Sensoren, Einspritzsysteme und Starter, etc., Mann+Hummel baut Filtertechnik, und Erich Jäger Steckverbindungen, Kabelstränge und elektronische Steuergeräte. Alle drei Betriebe reduzieren ihr Personal in Deutschland und verlagern ihre Produktion in die Nähe der neuen Produktionsstätten ihrer Kunden. Damit geht am Standort Deutschland wertvolles, in vielen Jahrzehnten akkumuliertes Kapital und Know-how dauerhaft verloren. Denn wer heute hier wegzieht, kommt so bald nicht zurück.  

Ein nur schwacher Trost für diejenigen, die in der deutschen Autoindustrie ihren Arbeitsplatz verlieren, ist, dass es auch den italienischen Autobauern schlecht geht. Deren Produktion bricht massiv ein: 2025 wurden in Italien nur rund 300.000 Fahrzeuge produziert – ein Rekordtief. Stellantis verliert in bella Italia mit den Marken Fiat, Alfa Romeo, Lancia und Abarth ein Drittel der Produktion: Von Januar bis September 2025 gingen die Produktionszahlen um 31,5 Prozent zurück, bei Pkw sogar um 36,3 Prozent. Und der Markt schrumpft weiter: Die Neuzulassungen liegen 2025 um rund 20 Prozent unter dem Niveau von 2019. Fazit: Die unter der Regie von Stellantis agierende Automobilindustrie Italiens befindet sich in einer historischen Schwächephase. Die Gründe dafür sind die gleichen wie in Deutschland: Hohe Lohn- und Energiekosten, schrumpfende Produktivität und stark veränderte Wettbewerbsbedingungen. Der kürzlich präsentierte, elektrisch angetriebene Ferrari "Luce" zum kolportierten Schnäppchenpreis von 550.000 Euro wird keine Trendwende einleiten.

Interessanterweise zeigt sich in Frankreich ein anderes Bild: Die Produktion der Stellantis-Marken Citroën, Peugeot und DS-Automobiles legte im Jahr 2025 um 17 Prozent zu, wobei die beiden SUVs Peugeot 3008 und 5008 das Wachstum maßgeblich antreiben. Die Elektroautos des Konzerns spielen eine immer größere Rolle: Stellantis erreicht im Segment der vollelektrischen Fahrzeuge rund 13 Prozent Marktanteil. Frankreich gehört zu den stärksten Elektrofahrzeugmärkten des Konzerns. 

Zurück zu Deutschland: Die Politik bildet ihre Schwerpunkte an den falschen Fronten. An CO2-Vermeidungs- und Genderfestivals, an der Verteidigung einer gegen eine erfolgreiche Oppositionspartei errichteten "Brandmauer", die an den "antifaschistischen Schutzwall" der "DDR" gemahnt, und vom Verschenken von Milliardenbeträgen an ein korruptes Regime in Osteuropa wird Deutschland nicht genesen. Vielmehr muss die internationale Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen und eine Renaissance deutscher Ingenieurskunst eingeleitet werden – Hand in Hand mit der Befreiung der Unternehmen von würgenden Regulativen und Steuerlasten. Denn wenn die industrielle Produktion zusammenbricht, verschwindet auch die Finanzierungsbasis für die Brot-und-Spiele-Politik des hypertrophen Wohlfahrtsstaates, womit jeder Sozialromantik ein jähes Ende droht. Wenn das Bürgergeld für Millionen von Müßiggängern ausbleibt, ist Feuer auf dem Dach!

Den herrschenden Blockflötenparteien ist die dringend notwendige Systemwende nicht zuzutrauen. Nachdem diese politischen Kräfte aber unter Rückgriff auf allerlei demokratiepolitisch dubiose Tricks eine Regierungsbeteiligung der stärksten Oppositionspartei verhindern, wird am Ende die normative Kraft des Faktischen die Trendwende auf schmerzhafte Weise erzwingen. 

Armes Deutschland! Das haben die vielen arbeitssamen, aber naiven, in Fragen der Ökonomie unterernährten und von falschen Propheten verführten Bürger nicht verdient.   

 

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist Kaufmann in Wien.

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  1. Peregrinus
    16. Juli 2026 20:09

    Sehr geehrter Herr Tögl!
    Sie schreiben: 2Schon Otto von Bismarck hat eindringlich davor gewarnt, den russischen Bären allzu sehr zu reizen.2 Und da hatte er völlig Recht. Die Rolle und die Aussagen Bismarcks sind aber aus der Situation seiner Zeit und den damaligen politischen Verhältnissen zu bewerten. Bismarck ist es gelungen das zersplitterte Deutschland – in der kleindeutschen Lösung - zu einigen. Dies nicht zur großen Freude ganz Europas. Dem trug er Rechnung. Der Erste Weltkrieg ist im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass – nach Ende der Ära Bismarcks - Frankreich und Großbritannien das Deutsche Kaiserreich nicht zur Weltmacht aufsteigen lassen wollten und Russland vom Panslawismus träumte. Die größten Kriegstreiber waren der französische Staatspräsident und der Zar (näheres bei Christopher Clark: „Die Schlafwandler“). Den zweiten Weltkrieg löste Adolf Hitler mit seinem Überfall auf Polen aus. - Fortsetzung sogleich



    • Peregrinus
      16. Juli 2026 20:11

      Fortsetzung des Kommentars von 20:09h
      Der Bär wurde damals alles andere als gereizt. Erst mit dem Überfall auf die Sowjetunion kam es zur Wende. Das Deutsche Reich hatte somit die europäischen Großmächte in Ost und West und Schließlich dann auch die USA zu Feinden. Es stand in der Mitte Europas alleine auf weiter Spur. Auf Italien etc kann hier nicht eingegangen werden. Was den völkerrechtswidrigen russischen Angriff auf die Ukraine angeht, steht das ganze freie westliche Europa auf Seiten der Ukraine. Die Lage ist insofern mit der Vorkriegssituation zum Zweiten Weltkrieg nicht vergleichbar. Mit dem unseligen Spruch „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ hat das Ganze nichts zu tun. Das ändert freilich nichts daran, dass die Sache trotzdem schief gehen kann.
      Fortsetzung sogleich



    • Peregrinus
      16. Juli 2026 20:14

      Abschließende Fortsetzung des Kommentars von 20:09h
      Ihre Aussage: Russland „erwirtschaftet ein BIP wie Italien und wird seit mehr als vier Jahren mit der Ukraine nicht fertig. Wovor in aller Welt sollten wir uns also fürchten?“, geht an der Sache vorbei: Russland kann eben wegen des heldenhaften Widerstands der Ukraine, der auf Dauer nur mit westlicher Unterstützung möglich ist, seinen Machtbereich bisher nicht wesentlich erweitern und daher bis jetzt Europa nicht dominieren. Eine Dominanz würde sicher nicht zur Entfaltung der Wirtschaft in Europa führen, ganz im Gegenteil. - Schon gar nicht zur Stärkung der freien Marktwirtschaft, für die Sie ja richtigerweise eintreten.



  2. Peregrinus
    16. Juli 2026 15:52

    @ Sehr geehrter Herr Tögl!
    Weitgehende Zustimmung. Ihre Aussage „vom Verschenken von Milliardenbeträgen an ein korruptes Regime in Osteuropa wird Deutschland nicht genesen“ kann jedoch so nicht stehen gelassen werden.. Die Unterstützung der Ukraine kann als solche die Probleme Deutschlands und damit des freien Europa nicht lösen. Ein russisch beherrschtes Europa aber schon gar nicht. Und um die russische Dominanz abzuwehren, bedarf die Ukraine der europäischen Unterstützung. Der völkerrechtwidrige Angriff auf die Ukraine und deren berechtige Abwehr und die Korruption in beiden Ländern haben mit einander nichts zu tun. Eine erfolgreiche Abwehr des russischen Angriffs liegt aber im Interesse des freien Europa. Russland ist das mit Abstand korrupteste Land Europas ist und steht auch weltweit in der absoluten Spitzenklasse der Korruption.



    • Andreas Tögel
      16. Juli 2026 18:39

      Verehrter Peregrinus, die von Ihnen beanstandete Passage steht im Kontext der Bemühungen der deutschen Regierung, die Welt - wieder einmal - am deutschen Wesen genesen zu lassen. Und das ist immer schiefgegangen.
      Welche russische Dominanz? Das Land erwirtschaftet ein BIP wie Italien und wird seit mehr als vier Jahren mit der Ukraine nicht fertig. Wovor in aller Welt sollten wir uns also fürchten?
      Das m. E. unverantwortliche Säbelgerassel von Merz, Macron, Kallas & Genossen befördert zwar die Börsenkurse von Rheinmetall, leider allerdings auch die Gefahr, irgendwann doch noch zum Ziel von Oreschnik-Raketen zu werden. Ich empfehle zu diesem Thema "Weltwoche Daily" von Roger Köppel anzuhören.
      Schon Otto von Bismarck hat eindringlich davor gewarnt, den russischen Bären allzu sehr zu reizen.
      Dieser Krieg geht Deutschland nichts an (Österreich als neutrales Land schon gar nichts). Anstatt darum sollten die Deutschen sich um ihre Industrie und die Zuwanderungsproblematik sorgen.



    • Wyatt
      17. Juli 2026 06:19

      Herr Tögel,
      danke für die klaren Worte!
      ********
      ********
      ********



    • elokrat1
      17. Juli 2026 20:26

      @ Andreas Tögel
      ***********
      Harald Kujat über Eskalation und Frieden in der Ukraine
      https://youtu.be/keZTZG50QbQ?is=tOpGPy3Njs5LhB2j



  3. eupraxie
    16. Juli 2026 14:39

    Deutsche Industriekapitäne sind also nicht in der Lage, die Auswirkungen ihres Handelns durch Zugeständnisse an die Politik einige Jahre voraus abzuschätzen.

    Der Artikel lässt einige Fragen offen: gibt es Gründe oder zumindest Annahmen, warum es in F besser läuft als in D? Basieren die großen Preisunterschiede in den Industriestrompreistarifen auf den Gestehungskosten alleine und dürfte in der EU der Strompreis auf das Niveau von den USA gesenkt werden mittels Staatszuschüssen?

    Das Beenden der Unterstützung des Abwehrkampfes eines angegriffenen Landes bringt weder die deutsche Ingenieurskunst wieder noch hat es einen Einfluss auf den Strompreis.



  4. El Dorado
    16. Juli 2026 01:22

    So weit sind wir also gekommen. Wir müssen inzwischen jeden Bürger, der bei einer Wahl nicht mehr ÖVP / CDU-CSU und sonstige - noch weiter links stehende Parteien - wie SPÖ/SPD, Grüne, Neos wählt, zu seinem Hausverstand gratulieren.
    -Ja, in der FPÖ gibt es Idioten wie übrigens in allen anderen Parteien
    -Ja, die FPÖ ist eine popuistiche Partei (was im übrigen per se nichts negatives ist)

    Aber wie kann man weiterhin Parteien wählen, die in den 20 Jahren für den Verfall der Republik und deren Gesellschaftsordnungen zuständig waren?



  5. Leo Dorner
    15. Juli 2026 16:39

    „Radikal Umsteuernde“ sind am Horizont Deutschlands bereits erschienen. Aber etwas ebenso radikal Dazwischenzukommendes ist ebenso erschienen: ein Parteienverbot...



  6. Rupertus Meldenius
    15. Juli 2026 16:33

    Ich sehe weit und breit keine Tendenz zur Umkehr und Vernunft.



  7. Outback
    15. Juli 2026 14:09

    Dem Autor zunächst ein Danke für den Artikel.
    Der Vergleich mit Belsazars Untergang trifft den Kern: Die deutsche Automobilindustrie steht vor einer historischen Zäsur. Wenn „Made in Germany“ durch „Local for Local“ ersetzt wird, verliert das Land nicht nur Arbeitsplätze, sondern seine industrielle Identität und wirtschaftliche Basis. Die im Text genannten Gründe – von explodierenden Energiekosten über Bürokratie bis hin zu einer ideologisch forcierten Transformation – zeigen ein massives Standortproblem auf. Besonders alarmierend ist der beschriebene Dominoeffekt: Mit den Autobauern wandert das über Jahrzehnte akkumulierte Know-how der Zulieferer wie Bosch oder Mann+Hummel unwiderruflich ab. Während Frankreich durch eine andere Strategie stabiler wirkt, droht Deutschland der schleichende Verlust seines Wohlstandsfundaments, wenn die Politik nicht radikal umsteuert und die internationale Wettbewerbsfähigkeit wieder in den Fokus rückt.






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