Vor Kurzem riefen Mitarbeiter des ORF die Aktion #nichtmituns ins Leben. Es sollte darauf aufmerksam gemacht werden, was es aus ihrer Sicht künftig in ihrem Unternehmen nicht mehr geben dürfe. Auf #nichtmituns folgt #mituns. In der nächsten Kampagne formulieren die ORF-Redakteure nun ihre Forderungen. Alles schön und gut. Jedoch: Was ist mit den Erwartungen von unzähligen, notgedrungenen Gebührenzahlern?
Den bösen, von vielen ORFlern weniger goutierten Terminus des Zwangs, der in der Tiefenpsychologie frei nach Sigmund Freud ebenfalls eine wesentliche Bedeutung als Symptom einer Neurose genießt, lassen wir der Höflichkeit halber einmal außen vor. Haben jene Beitragszahler nun ebenfalls ein Recht auf eine Meinung, oder geht es beim größten österreichischen Medienunternehmen lediglich um eine reine Nabelschau?
Man kann bekanntlich nicht nicht kommunizieren. So gesehen könnte man die Kampagne der ORF-Mitarbeiter #nichtmituns als negative Projektion mancher Gegner bewusst falsch verstehen – in dem Sinne, dass man mit dem ORF in Manifestation seiner Angestellten nicht mehr vorliebnehmen müsste oder gar möchte.
Natürlich könnten nur infantile Geister die mit gewohntem Stolz und dem Brustton des Von-sich-selbst-und-ihrer-Bedeutung-Überzeugtseins ausgestatteten, fein ausgeklügelten Initiativen der ORF-Stars falsch verstehen (wollen). Dennoch besitzt die Frage nach der generellen Existenzberechtigung eines medialen Organismus, der fernab der Machtkämpfe an der absoluten Spitze ebenso im Hinblick auf seine Basisarbeit und die seiner Repräsentanten schon lange zumindest bei bestimmten Wählergruppen der FPÖ und darüber hinaus nicht mehr unumstritten ist, frei nach einer Mutation von Shakespeares "Sein oder Nichtsein" in Richtung "mit uns" oder "nicht mit uns" beziehungsweise mit oder ohne ORF, durchaus ihre aktualitätsbezogene Berechtigung.
Denn den Hütern der Demokratie und des objektiven Qualitätsjournalismus fehlt es – vielleicht im kirchlichen Verständnis und darüber hinweg – etwas an Demut. Anstatt sich von der Führungsebene und deren Umtrieben zu distanzieren, sollte man im Interesse der eigenen Entwicklung nach eigenen Defiziten Ausschau halten. Viele der #nichtmituns-Akteure machen beispielsweise aus ihrem Herzen im Sinne der Gesinnungsethik keine Mördergrube und stellen ihre Welt- und Wertbilder, die natürlich nur das sozial erwünschte Gute repräsentieren, nahezu exhibitionistisch als Markenzeichen zur Schau.
Diese auf klar deklarierten Nicht-ORF-Accounts performten Psychogramme könnten manchen Gebührenzahler in Relation zum Objektivitätsgebot sauer aufstoßen. Hier bedarf es keiner hochkomplexen Wählerstromanalyse, um zumindest zu vermuten oder gar profilingtechnisch zu detektieren, welche Werthaltungen jene Leitpersönlichkeiten eher nicht hätten. Hier würde #selbstreflexion angebracht sein. Aber vielleicht ist dies nur ein bescheidener, nichtrepräsentativer Wunsch eines einzelnen, braven ORF-Adoranten.
Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.










Fakten:
ORF1 grundelt den ganzen Tag um die Wahrnehmungsgrenze von 1% Zuseher.
ORF2 wird hauptsächlich als Nachrichtensender genützt. Mit ständig auffällig sinkender Quote der Hauptnachrichtensendungen ab 19:00 Uhr.
Hat es da schon eine Krisensitzung am Küniglberg gegeben?
Ins ORF-Album geschrieben:
Ein Journalismus, der glaubt, „faktenbasiert“ zu schreiben, (zu denken und zu urteilen usf.) sei der höchste Zweck seines Tuns, hat sich als Aufklärer entleibt. Er hat auch das Fragen nach den Ursachen der real wirkenden Dinge, und mehr noch das Fragen nach den Gründen der real existierenden Wirklichkeiten (es gibt nur antagonistische) verabschiedet. Er will nur noch unterhalten. Mehr als genug Fakten sind vorhanden.