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Gastkommentare

Sonne und Stahl: Der Aufstieg der (neuen) Rechten

23. April 2026 17:00 | Autor: Daniel Witzeling
4 Kommentare

Vor 40 Jahren begann der Aufstieg von Jörg Haider. Beim Parteitag in Innsbruck 1986 setzte er sich – gestützt durch das deutschnationale Lager – gegen den Liberalen Norbert Steger durch. Dieser Sieg markierte die Transformation einer Nischenpartei zur rechtspopulistischen Massenbewegung. Es war die Geburtsstunde einer "neuen Rechten", deren Wirkmacht weit über Österreich hinausreichte. So eindrucksvoll die Wahlerfolge der FPÖ seither auch waren, so gravierend fielen ihre Einbrüche im Kontext von Regierungsbeteiligungen aus.

Ob das "Desaster von Knittelfeld" (2002), das zum Rücktritt mehrerer Minister und zu massiven Verlusten bei Neuwahlen führte, oder das Ibiza-Video, das die Ära des gelernten Zahntechnikers Heinz-Christian Strache abrupt beendete: Die empirische Bilanz legt Zweifel an der politischen Reife nahe. Projiziert man diese Erfahrungen auf die in vieler Hinsicht ähnlich strukturierte AfD in Deutschland – die anders als die FPÖ keinen prägenden Führungsmoment à la Haider erlebte, sondern eher durch interne Zersplitterung und ein kollektives Führungschaos auffällt – erscheint die Perspektive trotz aller "Brandmauern" wenig stabil. 

Tiefenpsychologie der Massen

Haiders Nachwirkung entfaltet sich bis heute – als politischer Mythos ebenso wie als tiefenpsychologisches Echo. Sein gegenwärtiger Nachfolger, Herbert Kickl, fungierte einst als sein Redenschreiber. Er war es, der das "blaue Wörtherseewasser" für eine Tasse Tee seines Chefs sowie dessen markante Sprüche auf Siedetemperatur und dadurch in einen erhitzten politstrategischen Aggregatzustand brachte.

Heute imitieren Haiders Eleven seine Methodik, die sich bereits großzügig aus dem Fundus von US-Wahlkämpfen bediente, mehr oder minder kreativ bis in die Echtzeit. Doch diagnostisch muss man festhalten: Die mentale Bandbreite des studierten Juristen übertraf in der psychometrischen Ausprägung jene seiner politischen Nachkommen bei weitem – wie kritische Beobachter attestieren würden.

Gustave Le Bon konstatierte in seinem Werk "Psychologie der Massen", dass die Menge in ihrem Denken einseitig, grob und undifferenziert agiert. Intellektuelle Kritiker wie der Schweizer Soziologe und Regisseur Milo Rau legen diese Erkenntnis auf rechtsnationale Strömungen um und sinnieren im metaphorischen Sinne über "Intellektuelle vom Dorfe". Blickt man auf Donald Trump oder Kickls Slogans wie "Daham statt Islam", erhärtet sich der Eindruck der programmatischen Eindimensionalität. Doch ganz so simpel ist die Sache nicht. 

Sonne und Stahl: Die Ästhetik von Körper und Geist

Der japanische Schriftsteller Yukio Mishima beschrieb in "Sonne und Stahl" seine Metamorphose vom schwächlichen – frei nach Thomas Bernhard – Geistesmenschen und Intellektuellen zum gestählten Ganzkörperkunstwerk, den Wandel vom "Mann der Worte" zum "Mann der Taten". Analog dazu vollzog die FPÖ unter dem Marathonläufer Haider die Wandlung von der Honoratiorenpartei (Ärzte, Notare) zur vor Kraft strotzenden Massenbewegung des Proletariats. Es ist das Prinzip, geistige Potenz auf das physiologische Substrat zu projizieren.

Herbert Kickl versucht diesen Habitus heute durch ein asketisches Bergsteiger-Image zu simulieren. Doch während Haider eine "biophile Lebensfreude" ausstrahlte, fehlt Kickl dieser entscheidende Charme. Das Problem für die FPÖ: Der "kognitive Volksmuskel" benötigt nicht nur Wut, sondern auch die Dimension der positiven Emotion. Charisma lässt sich eben nicht trainieren.

Erwin Ringel, der Verfasser des berühmten Werkes "Die österreichische Seele" und Vertreter der Individualpsychologie, beschrieb 1984 knapp vor dem Aufstieg der FPÖ eben jene Wesens- und Seeleneigenart der Österreicher, die in der Psychodynamik zwischen Selbstüberschätzung und tiefen Selbstzweifeln hin und her pendelt. Die Freiheitlichen in Österreich verliehen dieser speziellen Form der "Kollektivneurose" ein projektives Ventil. Doch in welcher Zeit leben wir, dass trotz aller Defizite die Rahmenbedingungen für die neue alte Rechte so gut wie selten zuvor sind? 

 

Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.

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  1. eupraxie
    24. April 2026 12:16

    Wenn Milo Rau für eine Aussage zu "Rechten" als Gewährsmann genommen wird, desavouiert sich der Autor ohnehin selber. Man könnte auch Götz Kubitschek und seine kritischen Äußerungen zur AfD nehmen und versuchen, Analogien zu finden bzw. herzustellen.

    Trotzdem einige Anmerkungen: Der Artikel deutet an, dass die "neue Rechte" in Ö Mitte der 80iger ihren Ausgang genommen hat, was nicht stimmt. Alleine Wikipedia weist als Ursprung die 60iger und örtlich F bzw. D aus.
    Die Aussage von Le Bon zum Verhalten der Massen ist sicherlich richtig, aber trifft auf alle politischen Richtungen zu.

    Schlagworte und fundierte Texte als Basis dazu sollten in einem engen Zusammenhang stehen. Ein Manko bei der FPÖ (weil die hier interessiert) wurde im Blog schon öfters angesprochen. Aber grds ist das wiederum kein Aspekt, das ausschließlich die neuen Rechten trifft.

    In welcher Zeit leben wir, dass trotz aller sichtbaren massiven Defizite linker Politik, neurechte Politik grundsätzlich bekämpft wird?



  2. Outback
    23. April 2026 21:33

    Eine sehr einseitige, völlig unwissenschaftliche Anmaßung, die so in der Fachwelt dialektisch wohl wenig Bestand und Anerkennung haben kann. Ich wage zu bezweifeln, dass sich der Autor je eine öffentliche Rede Kickls außerhalb eines Parteitags aufmerksam angehört hat. Auch eine Bezugnahme auf Ibiza (nicht mehr als ein aufgekochter Sturm im Wasserglas) als Bekräftigung der Argumentation ist wenig überzeugend. Man kann deutlich erkennen, aus welcher Perspektive der Autor die Welt zu erkennen glaubt. Das Thema hätte mehr hergegeben.



    • Pennpatrik
      24. April 2026 01:53

      Man denkt sofort an den bestechlichen Innenminister und EU-Abgeordneten der ÖVP, dessen Vergehen keine wie immer gearteten Folgen hatte.
      Alles, was die FPÖ macht, wird zu einem Riesenskandal aufgeblasen, der dann als Begründung für Behauptungen über den "Charakter der FPÖ" hergenommen wird.
      Ein typischer Zirkelschluss.



  3. elokrat1
    23. April 2026 20:33

    Gott sei Dank hat SPÖ-Babler, ÖVP-Stocker, die extrem liberale NEOS-Beate, aber auch andere vom liberalen „Specktrum“, nicht die von ihnen angeführten „Abartigkeiten“ der Kickl-FPÖ. Den Hrn. Milo Rau anzuführen, zeigt die Tendenz ihrer Expertise, oder vielleicht doch „Eggspertise“!






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