2
Gastkommentare

Social-Media-Verbot für Politiker

02. April 2026 21:29 | Autor: Daniel Witzeling
4 Kommentare

Einst wurde die vierte Kulturtechnik, das Internet, hoch gepriesen. Welche Möglichkeiten sich für uns alle auftun würden! Nun wird aus Überforderung mit den Auswüchsen bei Kindern und Jugendlichen zur "schwarzen" pädagogischen Methodik des Regulierungswahns und staatlicher Verbote gegriffen. Die Sozialpsychologie bietet hierzu die wesentlich wirkungsvollere Methode des Lernens.

Siehe das Modell nach Albert Bandura: Menschen durchlaufen Lernprozesse nicht gerne abstrakt. Schnelles, intuitives Lernen erfolgt durch Beobachtung, Nachahmung und Empathie. Wir benötigen daher authentische Vorbilder statt Regeln und Verbote. Spiegelneuronen bilden das neurobiologische Fundament für diesen Ansatz. Beim Beobachten einer Handlung oder Emotion imitieren diese Nervenzellen im Gehirn des Beobachters das neuronale Muster des Modells und lösen ein "inneres Nachahmen" aus.

Die Vorbildfunktion von Eltern, Mentoren und Lehrkräften ist in diesem Zusammenhang von essenzieller Relevanz. Nur Verhaltensweisen, die als positiv und wirkungsvoll wahrgenommen werden, werden erlernt und gespeichert. Dabei muss niemand päpstlicher als der Papst sein. Kinder übernehmen Stärken wie Defizite gleichermaßen wie viele von uns aufgrund von Selbsterfahrung wissen. Da diese Fähigkeit für die individuelle Genese zentral ist, besitzen junge Menschen einen feinen Sensor für Unstimmigkeiten und Dissonanzen, die sofort bei den scheinbaren Vorbildern detektiert werden. 

Social Media: Prohibition statt Vorbildfunktion

Aus Einfallslosigkeit und weil manche Eltern sowie Lehrkörper die Verantwortung gerne an den Staat delegieren, greift die Politik mit Regulierungen ein, die in einer Art Social-Media-Prohibition münden. Sind wir unseren Heranwachsenden im Sinne der genetischen Evolution bei allen Schutzgedanken nicht längst hinterher? Nicht nur die KI lernt durch Daten- und Informationsfluss. Das "Garbage in, garbage out" – Prinzip, welches sich auf manche Inhalte von sozialen Medien übertragen lässt, einmal außen vor gelassen.

Wenn schon Gebote, sollten Entscheidungsträger und vor allem Politiker frei nach dem Modelllernen mit bestem Beispiel vorangehen. Keine Selfies und Selbstdarstellungen in sozialen Medien mehr! Nur was man selbst vorlebt, kann man glaubwürdig von anderen verlangen. Wie steht es zudem um die Doppelmoral millionenschwerer Werbung durch Politiker auf digitalen Plattformen internationaler Konzerne, die von ebenjenen als Bösewichte markiert werden? Werden diese ebenso in Zukunft eingestellt? Die Politik wäre, um in der Schüler Analogie zu bleiben, gut beraten ihre Hausaufgaben zu machen und nicht in das Leben von Menschen hineinzuregieren. Man muss nicht jeden Lebensbereich an den Staat oder die EU auslagern. Gerade jene Institutionen, die aktuell mit vielen Aufgaben selbst überfordert sind. Wo wir wieder beim Lernen am Modell wären.

 

Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.

Teilen:
  • email
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Twitter

  1. elokrat1
    03. April 2026 09:45

    Danke für den realistischen Kommentar und dem Vorschlag, „Sozial-Media-Verbot für Politiker“. Das Verbot, mit dem vorgeschobenen Argument, Schutz von Jugendlichen, dient mMn hauptsächlich dem Ziel der Identifikation ALLER Benutzer der Sozialen Medien und der anschließenden Zensur und Verfolgung von „Ungehorsamen“.



  2. Leo Dorner
    03. April 2026 08:30

    Im Modell von Vorbild und Nachahmung (Mimesis) wird unser(!) Vernunftproblem ignoriert: Es soll auch „unstimmige“ Vorbilder und deren fatale Nachahmung und Nachahmer geben. Woher kommt dieser Unterschied, und wer oder was entscheidet über deren Definition und Beurteilung?
    2+2=5 soll unvernünftig sein. Menschen aus Liebe und Gehorsam zu Allah ermorden, erscheint uns extrem untervernünftig („steinzeitlich“) zu sein. Ebenso unvernünftig: Aus psychologischen Kategorien (HASS und Konsorten) rechtliche Folgebegriffe und juridische Strafen gegen frei denkende Wesen abzuleiten.
    So löblich gute Vorbilder sind, so gefährlich werden sie, wenn sie Unmündigkeit fördern und zementieren.



  3. Gerald
    03. April 2026 07:18

    Sehr gut geschrieben. Politiker haben jeden Hype der (a)sozialen Medien noch nach Kräften befeuert. Dabei erinnere ich mich noch an die idiotische "Ice Bucket Challenge". Irgendein Dodl kam auf die Idee sich einen Kübel Eiswasser über den Kopf zu schütten und das in Form eines Kettenbriefs (nominiere 3 weitere) auszurollen. Speziell in den USA und in Europa kippten sich daraufhin zahlreiche Promis, Adabeis und Politiker auch Eiswasser über die weiche Birne und vermarkteten das in den sozialen Medien.

    Das Verhalten von Kleinkindern, imitiert durch erwachsene Menschen, die auch noch stolz darauf waren. Ja, es wäre Zeit für ein Social Media Verbot für Politiker. Denn der Fisch stinkt vom Kopf und bei solch kindischen "Vorbildern" braucht man sich nicht wundern, wenn die Jugend infantil bleibt bis tief ins Erwachsenenalter.



  4. El Dorado
    03. April 2026 02:08

    Ein sehr treffender Beitrag, vor allem das letzte Kapitel. Die Politiker machen sich selbst zu Marionetten anstatt zu Vorbildern. Sie kopieren Selfie-Methoden von Pubertierenden, wollen diese von Social Media ausschließen und den Kindern und Jugendlichen die Autonomie verleihen, vor und während der Pubertät ihr Geschlecht autonom ändern zu lassen.






Zwischen Lügenpresse und Fake News: Eine Analyse orf-watch.at Schafft die Politik ab Europa 2030 Börsen-Kurier (Bezahlte Anzeige) Academia kathtreff.org