Meine erste Begegnung mit dem, was man heute "woke" nennt, hatte ich zu einer Zeit, als es diesen Begriff im deutschsprachigen Raum noch gar nicht gab. Den Tag dieses ersten "Rendezvous" mit "woke" kann ich noch ganz genau angeben: Es war der 8. März, der Frauentag des Jahres 2004. Damals arbeitete ich im Zuge der Universitätsreform UG 2002 als Stabsstelle unter dem damaligen Rektor Georg Winckler im Rektorat der Universität Wien. Gemeinsam mit anderen war ich für die Bereiche Organisations- und Entwicklungsplanung der Universität zuständig. Das UG 2002 entließ die Universitäten in die Autonomie. Bevor dies geschehen konnte, war es notwendig, die Managementstrukturen der Universität deutlich zu verändern – weg von der der Gremienuniversität zu einer Struktur mit klaren Verantwortlichkeiten.
Als größte Universität des Landes hatte die Universität Wien damals weit über 200 paritätisch besetzte Gremien. Natürlich konnten so viele Gremien mit so vielen unterschiedlichen Interessen kaum zu Entscheidungen gelangen – oder es dauerte unzumutbar lange, bis Entscheidungen getroffen wurden, falls sie überhaupt getroffen wurden. Entscheidungen wurden daher oft nicht von der Universität selbst, sondern im zuständigen Ministerium getroffen.
Für eine autonome Universität war es jedoch essenziell, selbst entscheiden zu können, und das war mit dieser Form der Gremien-Basisdemokratie einfach nicht möglich. Daher sah das Gesetz eine deutliche Reduktion der Gremien vor. Unter anderem hat auch diese Reduktion der Gremien Wissenschaftler und Studenten aus dem linken politischen Spektrum zu Protesten animiert, die zur Besetzungen des Rektorats und zu Protesten bei der damals zuständigen Ministerin Gehrer (ÖVP) führten.
So auch am Frauentag, dem 8. März 2004, wo der Protest linker Gruppen zusätzlich auch durch den Frauentag bedingt war. Die Szenen waren durchaus dramatisch. Im Rektorat bestand zwar weder für das Rektorat selbst noch für uns Mitarbeiter jemals irgendeine Gefahr, doch einige der überwiegend weiblichen Besetzer gefährdeten sich selbst erheblich. Sie stiegen auf das glitschige Fenstersims des Rektorats, um den unten versammelten Journalisten zuzuwinken. Wir befürchteten schon das Schlimmste und rechneten damit, dass jemand hinunterstürzen würde. Die Journalisten konnten aber nach einiger Zeit davon überzeugt werden den Platz vor der Uni zu verlassen und es passierte glücklicherweise nichts. Die Forderungen des 8. März gingen – wie bei solchen Protesten üblich – weit über den ursprünglichen Anlass des Frauentages und der Uni Reform hinaus. Heute würde man die Forderungen "woke" nennen.
Ich habe später mit vielen internationalen Kollegen über dieses Thema gesprochen. Überall sind unter ganz unterschiedlichen politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen sehr ähnliche Entwicklungen passiert. Proteste haben Universitätsleitungen häufig eingeschüchtert (auch wenn diese das natürlich nie zugeben würden). Man ist diesen kleinen Gruppen immer weiter entgegengekommen und hat ihre moralischen Prinzipien teilweise auch zu Prinzipien der Universitäten erhoben – letztlich auch, um einfach Ruhe zu haben und in der Hoffnung, dass ein Entgegenkommen Ruhe schaffen würde.
Das war natürlich nicht der Fall.
Schon vor 2004 hat zum Beispiel die geschlechtergerechte Sprache Einzug gehalten die Universität Wien wie viele andere Universitäten hat schon vor 2004 das Binnen-I verwendet. Auch wenn man es nicht schön finden muss, wird damit doch etwas Reales adressiert, und zwar, dass es zwei Geschlechter gibt. Das hat sich allerdings mit Sternchen, Doppelpunkten usw., geändert – diese adressieren etwas, das es schlicht nicht gibt, nämlich mehr als zwei Geschlechter. Spätestens seit der Verwendung dieser Symbole haben sich die Universitäten ideologisch eindeutig klar auf einer Seite positioniert. Wobei die Fokussierung der Kritik an "Gender" nur auf die Sprache am eigentlichen Problem vorbeigeht und das eigentliche Problem ignoriert: Das ist die Etablierung einer normativen Ideologie und deren moralischer Rechtfertigung unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit.
Dabei geht es um eine Denkweise, die zwangsläufig zur Entfremdung von empirischen naturwissenschaftlichen Grundlagen führt und sich den ideologischen philosophischen Konstrukten des Poststrukturalismus und Postmodernismus zuwendet. Damit haben sich die Ideen von Foucault, Butler und anderen an den Universitäten voll entfaltet; die postmoderne Philosophie in ihren verschiedenen Spielarten – von Gender bis Postkolonialismus – hat die westlichen Universitäten, ausgehend von den USA, seit mindestens zwanzig Jahren weltanschaulich und vor allem moralisch geprägt.
Warum ausgerechnet Moral an Universitäten, die eigentlich der objektiven Wissenschaft verpflichtet sein sollten? Die Postmoderne stellt empirisches Wissen systematisch infrage und ersetzt es vielfach durch moralisch aufgeladene Interpretationen. Statt eines Denkens in empirischen Fakten tritt ein Denken in Machtstrukturen: Schwarz-Weiß, Unterdrücker und Unterdrückte, Diskriminierung und Diskriminierte – das ist kurz gesagt eine Spielart "neuer linker Moral". Das ist kein Klassisch-links, sondern das, was man heute als "woke" bezeichnet. Da Universitäten schon immer eine Art Vorfeldorganisation gesellschaftlicher Entwicklungen waren, hat sich diese moralische Perspektive zunehmend auf viele Wissenschaftsbereiche, auf die Lehre an den Unis und letztlich auch auf große Teile der Gesellschaft ausgebreitet. Sie hat aber mit ihrer Ausbreitung auch große Widerstände in weiten Teilen der Bevölkerung ausgelöst.
Von den Universitäten kam unter anderem, dass es viele Geschlechter gibt, dass wir unsere koloniale Vergangenheit aufarbeiten müssen (die Österreich in dieser Form gar nicht hat). Wer traut sich da zu widersprechen und vielleicht noch als Befürworter der Kolonisation dazustehen? Wer traut sich, nicht mehr zu gendern und sich damit dem Vorwurf der Diskriminierung auszusetzen? Gerade die Gendersprache wurde zu einer Art Uniform und zeigt die Zugehörigkeit zu einer Gruppe an - zu den "Guten" und spaltet damit die Gesellschaft in "die Guten" und die anderen, die "Bösen", die Ewiggestrigen.
So konnte sich eine Ideologie, die nur wenig mit der Realität zu tun hat, über weite Teile der Gesellschaft ausbreiten – bis weit in konservative Gesellschaftsschichten hinein. Wer widersprach, galt schnell als rückständig, verstockt oder von Angst vor Machtverlust getrieben. Wenn gar nichts mehr ging, war man politisch rechts – und im Extremfall sogar ein Nazi – und damit moralisch völlig delegitimiert.
Natürlich wurde und wird an den Universitäten überwiegend hervorragende Wissenschaft betrieben, die Daten verpflichtet ist. Doch der gesellschaftlich/politische Einfluss ging nicht mehr von dieser realitätsgebundenen Wissenschaft aus, sondern von jenem kleinen, aber stark moralisierenden Teil an den Universitäten.
Warum war und ist "woke Moral" so wirkmächtig?
Um "Moral" zu verstehen, muss man zunächst die moralpsychologischen Grundlagen kennen – und erkennen, dass sich moralische Vorstellungen je nach politischer Einstellung deutlich unterscheiden können, wie Jonathan Haidt in seinem einflussreichen Werk gezeigt hat. Der US-Moralpsychologe Haidt hat auf der Basis umfangreicher internationaler Daten ein Modell entwickelt, das erklärt, dass Moral nicht universell ist, sondern dass es deutliche Unterschiede in moralischen Prioritäten zwischen politisch "links" und "rechts" gibt.
Nach Haidt gibt es fünf grundlegende moralische Dimensionen: Fürsorge, also der Schutz anderer vor Schaden; Fairness im Sinne von Gerechtigkeit; Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe; Autorität als Respekt vor Tradition, Ordnung und Institutionen; sowie Reinheit, die moralische Vorstellungen über Würde, Sexualität, Heiligkeit und kulturelle Grenzen umfasst. Haidts Forschung zeigt, dass politisch linke Menschen vor allem die ersten beiden Dimensionen – Fürsorge und Fairness – besonders stark betonen, während konservative Menschen tendenziell alle fünf moralischen Grundlagen berücksichtigen, häufig mit einem etwas stärkeren Gewicht auf Loyalität, Autorität und Reinheit. Konservative Moral ist damit stärker auch auf Gemeinschaft, Tradition und soziale Ordnung ausgerichtet.
Betrachtet man jedoch viele Universitäten und große Teile des öffentlichen medialen Diskurses, dann konzentriert sich dieser häufig fast ausschließlich auf linke moralische Perspektiven – vor allem auf Fürsorge, den Schutz vor Schaden sowie auf Fairness und Gleichheit. Themen wie Diskriminierung, Schutz vor Benachteiligung oder soziale Gerechtigkeit stehen im Mittelpunkt vieler Debatten.
Die anderen moralischen Dimensionen, die für einen großen Teil der Bevölkerung ebenfalls wichtig sind – etwa Loyalität, Autorität oder kulturelle Kontinuität –, finden dagegen in universitären Diskussionen und im öffentlichen Diskurs oft deutlich weniger Beachtung und sind sogar überwiegend negativ konnotiert. Moral erscheint dadurch in vielen öffentlichen Debatten fast ausschließlich als eine Form "linker Moral", während konservative moralische Perspektiven teilweise als rückständig oder sogar als unmoralisch dargestellt werden.
Universitäten, die in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend als ideologisch einseitig erscheinen, bzw. Vorfeldorganisationen moralischer Argumentation sind, laufen dadurch Gefahr, an allgemeiner gesellschaftlicher Akzeptanz zu verlieren. Das sollte auch deshalb zu denken geben, weil Universitäten – zumindest im öffentlichen System – von allen Steuerzahlern finanziert werden, also auch von jenen Bürgern, die politisch eher rechts der Mitte stehen.
Ich persönlich kritisiere auch, dass sich viele deutschsprachige Universitäten von der Plattform X (ehemals Twitter) zurückgezogen und stattdessen zu kleineren (überwiegend links-liberalen) Netzwerken wie BlueSky gewechselt sind. Denn für manche Beobachter wirkt dies so, als würde man große Teile der Bevölkerung kommunikativ "rechts liegen lassen" und sich bewusst politisch abschotten. Wenn die gesellschaftliche Akzeptanz von Wissenschaft zurückgeht, ist das überaus problematisch, da unsere Gesundheit, die Wirtschaft, der Umweltschutz, usw. in unseren modernen Wissensgesellschaften an der Wissenschaft hängen.
Vor allem in den Sozial- und Geisteswissenschaften sind im öffentlichen Diskurs überwiegend progressive, linksliberale moralisch-politische Einstellungen vertreten. Personen mit deutlich anderen politischen Positionen müssen vor allem in diesen Fachgebieten vorsichtig sein, um nicht "ausgestoßen" zu werden, was vor allem für Jungwissenschaftler mit befristeten Verträgen fatal sein kann. Eine Karriere kann dann aus politischen Gründen aufhören, noch ehe sie begonnen hat.
Auch in der Biologie ist an der Universität Wien nicht alles eitel Wonne. Mittlerweile wird ungern über biologisches Geschlecht gelehrt. Gleichzeitig müssen wir uns als Biologen in Präsentationen teilweise absurde Aussagen aus Furcht vor Arbeitgebern anhören, etwa über "menstruierende Männer". Besonders absurd wurde es allerdings, als mir eine Genderforscherin in einer Diskussion erklärte, ich würde als promovierter Zoologe völlig falsch liegen mit der Annahme, es gäbe nur zwei Geschlechter – schließlich würden Biologen ja auch glauben, es gäbe so etwas wie Säugetiere. Die Kategorie der Säugetiere sei lediglich ein Konstrukt "alter weißer Männer" des 19. Jahrhunderts, um Frauen zu unterdrücken. Diese Aussage hat mich, um ehrlich zu sein, sprachlos gemacht. Wie kann man ohne jede fachliche Grundlage mit solcher Selbstsicherheit über ein Gebiet sprechen?
Ideologie und eine bestimmte moralische Perspektive sind leider nicht nur in der Sprache, sondern auch in anderen Bereichen des Wissenschaftsbetriebs präsent. Dass die Betonung der Diversität in jedem Fall gut ist, gehört zu den Standardfloskeln im Wissenschaftsbetrieb. Dass dies, wenn man sich empirische Studien ansieht, nicht so einfach ist, wird durch eine Diversitäts-Lobhudelei weggewischt.
Problematisch wird es auch, wenn wissenschaftliche Ergebnisse veröffentlicht werden sollen, die nicht dem moralischen oder politischen Mainstream entsprechen. Ein Beispiel dafür haben wir vor einigen Jahren selbst erlebt. Auf Basis sehr großer internationaler Zensusdaten konnten wir zeigen, dass das Einkommen des Mannes in vielen Ländern ein entscheidender Faktor dafür ist, ob eine Frau Kinder bekommt. Damit hatten wir das Thema Kinderlosigkeit thematisiert, was aus der Sicht einiger "politisch Korrekter" nicht angebracht war, überhaupt zu thematisieren. Nach einem massiven Shitstorm zog der Verlag das bereits veröffentlichte Paper wieder zurück. Solche Beispiele dafür, dass wissenschaftliche Institutionen unter öffentlichem Druck einknicken, gibt es international inzwischen leider mehrere – besonders bei Themen rund um Geschlecht oder Transidentität.
Von den Universitätsleitungen darf man in solchen Fällen meist wenig Unterstützung erwarten. Ich persönlich habe allerdings den Vorteil eines unbefristeten Vertrags und habe – abgesehen von gelegentlichen Beschwerden – keine ernsthaften Konsequenzen erlebt, wenn ich meine Positionen in Vorlesungen, Medien oder auf Social Media klar vertreten habe. Universitätsintern wurde ich nie zur Ordnung gerufen. Anders sieht es jedoch möglicherweise bei Projektanträgen oder wissenschaftlichen Publikationen aus, die nicht dem vorherrschenden Mainstream entsprechen – hier berichten Kollegen immer wieder von Schwierigkeiten.
Das eigentliche Problem der woken Dominanz an den Unis liegt aber darin, dass viele, die später in Medien, Politik oder kulturellen Institutionen arbeiten, vom gegenwärtigen akademischen Milieu geprägt wurden. Durch diese universitäre Prägung dominieren daher häufig sehr einseitige moralische Perspektiven. Diese Entwicklung hat nicht nur zu einer wachsenden Skepsis gegenüber Universitäten geführt, sondern teilweise auch gegenüber etablierten Medien. Gleichzeitig muss man allerdings anerkennen, dass sich das mediale Angebot in den letzten Jahren stark verändert hat und viele Medien inzwischen bemüht sind, unterschiedliche gesellschaftliche Perspektiven stärker zu berücksichtigen.
Wo liegt ein Ausweg für die Universitäten?
An den Universitäten wird nach wie vor in vielen Fächern sehr gute Forschung betrieben, und darauf aufbauend wird eine Lehre angeboten, die bemüht ist, die Realität zu verstehen und dieses Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Genau darauf sollten Universitäten und ihre Förderträger in ihrem öffentlichen Auftreten viel stärker hinweisen.
Statt moralisch-normative Positionierungen zu betonen, die zwangsläufig eine politische Ausrichtung implizieren, wäre es klüger, das eigentliche Fundament universitärer Arbeit in den Vordergrund zu stellen: die sorgfältige, methodisch kontrollierte Suche nach Erkenntnis. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung braucht es Institutionen, die verlässlich und glaubwürdig Wissen bereitstellen. Universitäten können und sollten solche Institutionen sein. Ihre Aufgabe ist es, Wissen zu erarbeiten und zu vermitteln – nicht, dessen politische oder moralische Deutung vorzugeben.
Was die Gesellschaft und die Politik mit diesem Wissen anfangen, muss in demokratischen Aushandlungsprozessen entschieden werden. Dafür braucht es keine moralische Interpretationsanleitung durch die Universitäten, sondern eine Wissenschaft, die sich auf ihre eigentliche Stärke besinnt: die nüchterne, empirisch fundierte Analyse der Wirklichkeit.
Assoz. Prof. Dr. Martin Fieder, Departement für evolutionäre Anthropologie, Universität Wien.
https://homepage.univie.ac.at/martin.fieder/












Besten Dank!
Jonathan Haidt
Die Macht der Moral: Warum Politik und Weltanschauungen unsere Gesellschaft spalten
Eine detaillierte Analyse der zweiten totalitären Unterwanderung "unserer" Universitäten nach 1968. Danke. Zusätzlich erschreckend: der Verfall des philosophischen Denkens. Das postmoderne Beliebigkeitsdenken konnte nur als vernunftfreies Denken die Macht übernehmen.
Ein Verhängnis, nicht nur für die Universitäten, - was heute als (Vielfalt der) „Kultur“ angeboten wird, gleicht einem überfrachteten Schiff, das sich seinem Schicksal ergeben hat. Es sinkt und sinkt.
Das ist des Pudels Kern!!