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Gastkommentare

Hölle oder Vater aller Dinge: der Krieg

31. März 2026 16:29 | Autor: Andreas Tögel
3 Kommentare

Die Zeit zwischen dem Wiener Kongress 1815 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 gilt als die längste zusammenhängende Friedensperiode in Europa. In dieser langen Zeit kam es zu keinen gesamteuropäischen Großmachtkriegen. Der französisch-preußische Krieg von 1870/71 führte zu keiner systemischen Eskalation. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs herrscht in der Alten Welt bis heute ebenfalls Ruhe, wenn man von lokalen Konflikten auf dem Balkan und an den östlichen Rändern des Kontinents absieht.

Das Phänomen Krieg wird seit der Antike sehr unterschiedlich beurteilt. Der vorsokratische Philosoph Heraklit von Ephesos (540–480 v. Chr.) bezeichnete ihn als "Vater aller Dinge", hatte damit aber nicht seine Verherrlichung im Sinn, sondern bewertete Konflikte vielmehr als Grundprinzipien der Welt und Ausgangspunkt von Bewegung, Entwicklung und Ordnung. Kurzum: ohne Streit und Gegensatz keine Veränderung.

Dem aus einer Ode des römischen Dichters Horaz (65 v. Chr. bis 8 v. Chr.) stammenden Zitat "Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben", dürften in unseren postheroischen Zeiten heute nur noch wenige Zeitgenossen vorbehaltlos zustimmen, während die Dinge zu Beginn des 20 Jahrhunderts noch völlig anders lagen – und das nicht nur in deutschen Landen. Vor allem Teile der europäischen Intelligenz sahen im Krieg damals eine reinigende oder erhebende Kraft. So lieferte etwa Ernst Jünger (1895-1998) mit seinem Werk "In Stahlgewittern" eine der bekanntesten literarisch ästhetisierenden Kriegsauffassungen, die eine heroische, ja geradezu enthusiastische Darstellung des Frontkampfes zeigt.

 Der Nationalökonom und Soziologe Werner Sombart (1863–1941) deutete in seiner 1915 verfassten Schrift "Händler und Helden" den Krieg als moralische und nationale Erneuerung und beschrieb darin die Briten in abwertender Weise als "Händlervolk", dem er das kriegerisch-heroische "Heldenvolk" der Deutschen gegenüberstellte.

Doch es gab auch kritische Gegenstimmen: Immanuel Kant (1724–1804) fordert in seinem Werk "Zum ewigen Frieden" ein Völkerrecht, das Kriege unmöglich macht. Er gilt damit als einer der ersten Protagonisten des modernen Pazifismus. Leo Tolstoi (1828–1910) war radikal pazifistisch eingestellt und verurteilte besonders in "Das Königreich Gottes ist in euch" jede Form von Gewalt als moralisch unzulässig. Bertha von Suttner (1843-1914) legte mit "Die Waffen nieder!" eines der bis heute einflussreichsten pazifistischen Werke vor. Sie kritisiert darin die heroische Rhetorik, die Kriege legitimiert, und entlarvt die moralische Selbsttäuschung kriegführender Nationen.

Einge Denker der Aufklärung wie Voltaire, Montesquieu und Jean-Jacques Rosseau sahen im Krieg einen Rückfall in die Barbarei. Schriftsteller wie Karl Kraus (1874-1936, "Die letzten Tage der Menschheit"), Wilfred Owen (1893-1918 "Dulce et Decorum Est") und Erich Maria Remarque (1898-1970) traten als vehemente Kritiker des Militarismus und des Krieges hervor. Letzterer verfasste mit "Im Westen nichts Neues" das mehrfach verfilmte, und damit wohl berühmteste Antikriegsbuch des 20. Jahrhunderts.

Für Murray Newton Rothbard (1926-1995), einen der wichtigsten Vordenker des Libertarismus, bildet das "Nichtaggressionsprinzip" (NAP) den Kern seiner Philosophie. Das NAP besagt: Niemand darf Gewalt gegen die Person oder das Eigentum eines anderen initiieren. Gewaltanwendung ist nur als Reaktion auf eine Aggression legitim. Für Rothbard geht es nicht um ein politisches Programm, sondern um ein ethisches Naturrecht. Er nennt es ein "Axiom of Nonaggression", also einen a-priori-Grundsatz, der nicht weiter begründet werden muss. Er erklärt das NAP zur Grundlage des friedlichen Zusammenlebens der Menschen. Es handelt sich dabei um keine radikalpazifistische Haltung, da damit dem Recht auf Selbstverteidigung und Notwehr ja nicht widersprochen wird. 

Kritiker werden einwenden, dass es sich beim NAP um eine Utopie handelt, da Kampf und Krieg eben von Anbeginn an das Leben der Menschen begleiten, was sich auch im postheroischen Zeitalter und unter dem Einfluss transhumanistischer Ideologie und KI mutmaßlich nicht ändern wird.   

Zum Abschluss sei angemerkt, dass ausgerechnet ein Mann, der es wie kaum ein anderer wissen musste, nämlich der Nordstaatengeneral William Tecumseh Sherman (1820-1891), der den US-Bürgerkrieg bei seinem "March to the sea" im Jahr 1864 als totalen Krieg führte, indem er trachtete, die Lebensgrundlagen der Zivilbevölkerung des Südens auf einer Breite von bis zu 100 km zu zerstören, nach dem Krieg besonders eindringliche Worte fand: "Nur diejenigen, die weder einen Schuss abgefeuert noch die Schreie und das Stöhnen der Verwundeten gehört haben, schreien laut nach Blut, nach mehr Rache, nach mehr Verwüstung. Krieg ist die Hölle." 

Diesen Satz sollten sich all die Couchstrategen und sämtliche in sicherer Entfernung von der Front befindlichen Kriegstreiber hinter den Spiegel stecken, die kriegerische Ereignisse ohne jede Empathie für die damit verbundenen Todesopfer, Schwerverletzten und dauerhaft psychisch Geschädigten kommentieren.

Die Zeiten haben sich massiv verändert: Alexander der Große, Gustav Adolf II., Napoleon Bonaparte und viele andere Herrscher ritten einst höchstselbst an der Spitze ihren Truppen in den Krieg (Gustav Adolf II. fiel 1632 in der Schlacht bei Lützen und Napoleon half eine gehörige Portion Gück, dass er seinen Russlandfeldzug des Jahres 1812 überlebte) und hatten daher recht klare Vorstellungen von den damit verbundenen Grausamkeiten. Das ist spätestens seit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs anders. Seither hocken die politisch Verantwortlichen alten Männer im sicheren Hinterland, während junge Männer zur höheren Ehre der Regierenden auf den Schlachtfeldern verrecken.

Im Krieg des 21. Jahrhunderts kommt hinzu, dass faktisch nur noch wirtschaftliche Interessen von Belang sind, während das durch initiierte militärische Gewalt verursachte individuelle Leid völlig ausgeblendet wird.    

 

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist Kaufmann in Wien.

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  1. Anton Lang
    03. April 2026 00:04

    ... (2/2)
    Diese Erfahrung verarbeitet er dann 1932 im „Arbeiter“.
    „In Stahlgewittern“ aber ist eine weitgehend nüchterne Schilderung von Beobachtungen und Wahrnehmungen, die nicht moralisiert. Das reicht aus, um in die Kritik zu kommen.



  2. Anton Lang
    03. April 2026 00:03

    Widersprochen sei bloß der Behauptung, „In Stahlgewittern“ sei „eine "heroische, ja geradezu enthusiastische Darstellung des Frontkampfes". Das Gegenteil ist der Fall. Jünger beschreibt in Anklängen an die „Neue Sachlichkeit“ mit aller Drastik die Grausamkeit des Kriegs, den Leichengeruch, die Hilfeschreie verwundeter Freunde, die anonymen Gräberfelder.´

    Er war zunächst auf ein „großes Abenteuer“ gefaßt, auf das „Feierliche“ des Krieges, der ihn wie ein „Rausch“ gepackt hatte. Bald aber kam die Ernüchterung. In den Originaltagebüchern wirft er sich sogar auf den Boden und schluchzt: Wann dieser „Scheißkrieg endlich vorbei“?. Er spricht auch gar nicht mehr von „Krieg“, sondern von „Materialschlachten“, die mit jenem Bild des Krieges, das Jünger sich in der französischen Literatur angelesen hatte, und mit dem er in den Weltkrieg gezogen war, kaum mehr etwas zu tun hatte. Er hatte das Duell vor Augen und war in eine Technikschlacht hineingeraten.



  3. Anton Lang
    02. April 2026 23:21

    Kaum ein Satz wird häufiger zitiert und seltener begriffen als jener Heraklits, der, wie hier ausgeführt, nicht wörtlich, sondern als Grundprinzip des Seins schlechthin zu verstehen ist - philosophisch wie physikalisch, geistig wie materiell. "Krieg" meint "Reibung", "Konfrontation". Jeder neue Gedanke, jedes physische Werk ist die Folge geistiger und materieller Konfrontation - etwa des Pinsels mit der Leinwand, des Meisels mit dem Marmor; auch das Kräftespiel um die Gravitation.






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