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Gastkommentare

Wehrdienst: Pflicht oder Zwang?

04. Februar 2026 12:17 | Autor: Andreas Tögel
11 Kommentare

Nicht nur in den europäischen NATO-Staaten, sondern auch im neutralen Österreich ist seit Ausbruch des Krieges zwischen Russland und der Ukraine vielen klar geworden, dass es deutlich größerer Anstrengungen für die militärische Landesverteidigung bedarf. Mit der Beschaffung von Waffen, Munition und Gerätschaften alleine ist es dabei nicht getan. Es braucht auch das zur Bedienung des Materials geeignete, gut ausgebildete Personal. In Ländern mit bestehender "Wehrpflicht" ist die Frage einer Ausdehnung derselben so gut wie unvermeidlich.  

"Stockers riskantes Manöver" titelt die größte Tageszeitung Österreichs mit Bezug auf die Kanzlerankündigung, zur von Fachleuten geforderten Verlängerung der Wehrpflicht eine Volksbefragung durchführen zu lassen. An dieser Stelle bleiben Fragen hinsichtlich der taktischen Überlegungen des schwarzen Kanzlers, der damit seine roten und rosaroten Koalitionspartner SPÖ und NEOS überrumpelt, unberücksichtigt.

 Eine keineswegs nur semantische Frage wird bei der Debatte um den Wehrdienst interessanterweise nie gestellt: Handelt es sich nicht weniger um eine Pflicht zum Dienst mit der Waffe, sondern vielmehr um einen Zwang? Der Unterschied zwischen Pflicht und Zwang ist nämlich nicht zu vernachlässigen. Eine Pflicht setzt Entscheidungsfreiheit voraus. Man geht eine Verpflichtung aus freien Stücken ein, oder eben nicht. Ein Kaufmann verpflichtet sich gegenüber seinem Kunden zur Warenlieferung – oder er lässt es. Niemand kann ihn zur Lieferung zwingen, zu der er sich zuvor nicht verpflichtet hat.

Der Zwang lässt indes keinerlei Entscheidungsspielraum. Es gibt keine Wahl. Zwang beruht auf Druck, Drohung oder physischer Gewalt. An dieser Stelle drängt sich der Hinweis auf den Umgang mit Kriegsdienstverweigerern zur Zeit des NS-Regimes auf. Exemplarisch sei Franz Jägerstätter genannt, der 1943 wegen "Wehrkraftzersetzung" hingerichtet wurde, weil er aus Gewissensgründen den Wehrdienst verweigert hatte (im Jahr 2007 wurde der Mann übrigens von der katholischen Kirche seliggesprochen).

Wenn Menschen gegen ihren Willen zum Dienst an der Waffe eingezogen werden, ist der Begriff "Wehrpflicht" ein purer Euphemismus. In Wahrheit geht es dann nämlich um einen Wehrzwang.

Ein Blick ins Geschichtsbuch – auf den Beginn des Krieges der 13 amerikanischen Kolonien gegen die britische Herrschaft - zeigt, dass es auch ohne Zwang möglich ist, gegen einen scheinbar übermächtigen Feind zu bestehen. Die amerikanische "Kontinentalarmee" bestand damals nahezu ausschließlich aus Freiwilligen. Beispielhaft seien die "Minutemen" genannt, eine Truppe von besonders schnell einsatzbereiten Milizionären, die eine Schlüsselrolle in den siegreichen Gefechten der Kolonisten bei Lexington und Concord im Jahr 1775 spielten. Diese Männer riskierten ihr Leben nicht gezwungenermaßen, sondern aus freien Stücken im Kampf um ihre Freiheit.

Gänzlich anders stellte sich die Situation zur Zeit des Vietnamkrieges dar (die USA engagierten sich ab 1955, nach der entscheidenden Niederlage der Franzosen bei Dien Bien Phu im Jahr 1954, auf Seiten des prowestlichen Südens Vietnams). Ab den 1960er-Jahren verstärkten die Amerikaner ihre Militärpräsenz immer weiter, was zu einer massiven Ausweitung der Einberufungszahlen während der Regierungen Kennedy-Johnson und Verteidigungsminister McNamara führte. Zwischen 1964 und 1973 wurden rund zwei Millionen Amerikaner für den Krieg in Südostasien eingezogen. Bis zu ihrem schmachvollen Abzug im Jahr 1975, fielen rund 58.000 von ihnen im Kampf und 150.000 wurden zum Teil schwer verletzt.

Nicht nur in Österreich wird die Frage der "Wehrpflicht" gegenwärtig heiß diskutiert. Auch in Deutschland gibt es ähnliche Debatten. Die "Wehrpflicht" in Deutschland wurde zum 1. Juli 2011 ausgesetzt. Seit diesem Datum werden keine Wehrpflichtigen mehr eingezogen. Im Zuge der nun beginnenden Aufrüstung wird es dabei voraussichtlich nicht bleiben.

In Österreich fand am 20. Jänner 2013 eine bundesweite Volksbefragung über die Zukunft der Wehrpflicht statt, die ein Ergebnis von 59,7% für ihre Beibehaltung ergab. 40,3% votierten damals für ein Berufsheer.   

Die nun angekündigte Volksbefragung zur Verlängerung des Wehrdienstes (und der damit mutmaßlich verbundenen Wiedereinführung verpflichtender Milizübungen) begründet der Kanzler damit, eine so wichtige Frage nicht über die Köpfe der Bevölkerung hinweg entscheiden zu wollen. Das ist eine durchaus interessante Feststellung.

Denn wenn es zu einer Volksabstimmung kommt, wird die moralisch-ethische Grundsatzfrage, die schon im Jahr 2013 nicht gestellt wurde, mit Sicherheit wieder ausgeblendet werden. Es handelt sich dabei um eine des Grundprinzips des demokratischen Systems, das auf eine Diktatur der Mehrheit hinausläuft: Inwieweit ist eine Mehrheit dazu berechtigt, eine Minderheit zu etwas zu "verpflichten" - im gegenständlichen Fall dazu, gegebenenfalls ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Soll eine Mehrheit derjenigen, die selbst vom Wehrzwang nicht betroffen ist (Frauen und die über 50-jährigen Männer, die eine satte Mehrheit der Bevölkerung stellen) junge Männer zum Militärdienst "verpflichten" dürfen? Schlimm genug, wenn eine Mehrheit von Nettosteuerprofiteuren eine Minderheit von Nettosteuerzahlern über den Tisch zieht. Aber um vieles ärger ist es doch, wenn Frauen und alte Männer junge Männer gegen deren Willen zum Kriegsdienst zwingen!

Fazit: Wer sich mit dieser Frage ernsthaft, unvoreingenommen und ideologiefrei beschäftigt, dürfte keine geringen Probleme damit haben, für einen Wehrzwang zu plädieren. In einer liberal-freisinnigen Gesellschaft ist für Zwang und nicht initiierte Gewalt nämlich kein Platz – schon gar nicht, wenn es um die Entscheidung geht, ob jemand sein Leben für eine Sache aufs Spiel setzen soll oder nicht! In einer solchen Gesellschaft führt kein Weg an einer aus Berufskadern und Milizionären gebildeten Freiwilligenarmee vorbei.

 

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist Kaufmann in Wien.

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  1. Pennpatrik
    06. Februar 2026 11:04

    "Pflicht" erfordert natürlich auch, dass die Gegenseite ihre Pflicht erfüllt, was sie schon seit Jahren nicht mehr macht. Sie plündert uns aus, lässt Fremde in unsere Gemeinschaft, die neue Gefahren und Risiken mit sich bringen, zerstört unsere Familien, unser Bildungssystem, unseren Wohlstand und zwingt uns in neue, sektenartige Denkkategorieen.
    Nein - wir haben keine Pflicht denen gegenüber. Wir beugen uns nur den Zwangsmaßnahmen.

    Nicht zu vergessen, dass unsere "neuen Fürsten" ihre Kinder aus der Gefahr des Krieges heraushalten. Sterben muss nur der Plebs.

    Wer's nicht glaubt:
    https://www.youtube.com/watch?v=8g3S_vxQAIs



  2. Schani
    04. Februar 2026 18:29

    Beides ist richtig - sowohl Pflicht als auch Zwang. Allerdings kann man die amerikan. Freiheitskämpfer nicht mit einer modernen Armee vergleichen. Ein Jagdgewehr, welches damals wohl jeder besaß, zu bedienen, ist ziemlich einfach, wie auch heute noch. Mit modernen militärischen Waffensystemen schaut es da wohl anders aus. Mit Jägern und Sportschützen wäre heute kein Kampf zu gewinnen.
    Mit dem Zwang tue ich mir auch schwer, denn einen immer sozialistischer werdenden Staat mit meinem und dem Leben meiner Nachkommen zu verteidigen, kann ich auch nicht uneingeschränkt gutheißen. Da bewundere ich eigentlich unsere Berufssoldaten, wie diese den Spagat ertragen.



  3. eupraxie
    04. Februar 2026 18:28

    Die einfachste Antwort ist: spätestens seit die Gewissensprüfung abgeschafft wurde, rücken alle Männer freiwillig zur Ableistung ihres Grundwehrdienstes ein.

    Der Tenor Ihres Artikels ist jedoch weit problematischer: Nach Ihren Ausführungen haben wir überhaupt nur Zwänge: Haftzwangsversicherung für Fzg, Unterrichtszwang für Kinder, etc. Die Pflicht des Verkäufers, seinen Beitrag aus dem Vertrag zu erfüllen, erfährt rasch Zwang, wenn der Verkäufer dieser Verpflichtung nicht (im vollen Umfang) nachkommt.

    Sie machen auf die Problematik der Demokratie zur Entscheidungsfindung im Modus 51 gegen 49 aufmerksam. Ja, das ist ein Problem. Deswegen kommt der Sachstandsaufbereitung im Vorfeld einer Entscheidung so große Bedeutung zu. Es ist illusorisch zu glauben, dass außerhalb der Familie es überhaupt möglich ist, für eine zu treffende Entscheidung 100 % der dieser E Unterworfenen zu erhalten.
    Damit E zwischen 0 oder 1 vermieden werden, ist das Suchen nach einer größtmöglichen Schnittmenge



    • eupraxie
      04. Februar 2026 18:31

      so eminent wichtig - der Konsens oder Kompromiss entsteht daraus.

      In einer Gemeinschaft, die solidarisch zueinander steht, trifft jede Entscheidung immer die ganze Gemeinschaft, auch wenn sie explizit nur einen Teil zum Thema hat.
      Ein ganz banales Beispiel: Hätten nur Frauen über die Streichung der MWSt für Frauenhygieneartikel entscheiden dürfen, obwohl dann für alle der Staat weniger Einnahmen zur Verteilung hat? Ihre Gedanken zur Sequenzierung einer Zuständigkeit von Teilgruppen für vordergründig nur diese Teilgruppen betreffenden Aspekte, bekommen wir täglich von den Frauen zu hören, die sagen: mein Körper, meine Wahl. Die Auswirkung auf die ganze Gesellschaft, die selbstverständlich mitbetroffen ist, wird nicht bedacht.
      Wenn nur die 17-35 jährigen Männer an dieser Befragung teilnehmen dürften, machen wir dann jedes Jahr eine Befragung für die nächste Kohorte usw.

      Unabhängig davon, ob die Volksbefragung Sinn macht oder nicht, unabhängig davon wie das politische Handeln der



    • eupraxie
      04. Februar 2026 18:32

      VP in dieser gesamtstaatlich so wichtigen Frage dadurch wahrgenommen wird: selbstverständlich haben an dieser Befragung alle Ö teilzunehmen. Weil es letztlich alle betrifft.



    • Wyatt
      05. Februar 2026 06:33

      eupraxie .......

      ...Weil es letztlich alle betrifft?

      alle Frauen? alle über 50'jährigen?



    • Andreas Tögel
      05. Februar 2026 10:12

      Stimmt, wir leben in einem durch und durch von Zwängen bestimmten System. "Schulpflicht" (zwecks Frühindoktrination) , "Sozialversicherungspflicht" (zwecks "sozialer" Umverteilung), etc.
      Der Kaufmann kommt übrigens nur dann in Verlegenheit, wenn er einer aus freien Stücken eingegangenen Verpflichtung nicht nachkommt. Dann bekommt er es - zu Recht - mit Zwangsmaßnahmen zu tun.
      Schlimm, wenn eine Mehrheit von einer Minderheit unterjocht wird. Noch schlimmer allerdings, wenn eine Minderheit unter die Räder einer Mehrheit gerät. Was könnte in einer Demokratie die Mehrheit der Blonden und Brünetten davon abhalten, die Minderheit der Rothaarigen auf vollkommen gesetzeskonforme Weise auszuplündern?
      Demokratie kennt eben kein Pareto-Optimum. Sie kennt nur das (vermeintlich) größte Glück der größten Zahl. Und das ist - mit Verlaub - Bullshit.
      Sollte es, wie von den Roten gewünscht, zur Volksabstimmung über eine Vermögenssteuer kommen, dann steht das üble Ergebnis von Vornerein fest.



    • eupraxie
      05. Februar 2026 16:39

      @Andreas Tögl: zu Ihrem letzten Argument: Sie bestätigen meine Skepsis gegenüber dem Hofieren der direkten Demokratie. Man muss aber Ihr vorletztes dazu nehmen: die Herrschaft der Blonden über die Schwarzen mag als Rache für erlittene Schmach in der letzten Periode zu verstehen sein, Ausdruck einer reifen und umsichtigen Herrschaftsform ist es nicht. Es ist schon ein Wurm in einer Gesellschaft, wenn der unmittelbare Nutzen oder noch Ärger - Rache - über langfristiges Denken siegt.
      Der Mensch - Zoon politikon - ist auf Gemeinschaft verwiesen. Im Nomadenhaufen, in den Stämmen der archaischen Kulturen und noch in der Großfamilie am Bauernhof ist man sich dieser gegenseitigen Verwiesenheit noch bewusst und jeder übernimmt seinen Teil zum Gelingen dieser Gemeinschaft, jeder erfüllt selbstverständlich seine Pflicht. Nur in einer atomisierten Gesellschaft entsteht die Idee, allein auch ganz gut zu recht zu kommen und Pflicht für diese Gesellschaft wird zur unmöglichen Belastung.



    • eupraxie
      05. Februar 2026 16:51

      In einer soldarischen Gesellschaft übernimmt nicht nur jeder seinen Pflichtanteil zum Leben, sondern auch zum Überleben.

      Die Idee zum Heer aus der Bevölkerung hat zwei Aspekte: erstens fühlen sich alle betroffen, weil der 50 jährige Bauer muss seinen Sohn zur Ausbildung ( für 6 Monate, für 1 Jahr, für...) verschmerzen und die 20 jährige vermisst ihren Freund und zweitens sollte dadurch sichergestellt werden, dass die Armee sich nicht gegen das Volk wendet, da die Armee aus dem Volk gebildet wird und keine separierte Organisation innerhalb des Staates ist (Angst der Sozi).

      Aus diesem Gedanken heraus sollte auch die notwendige Ausrüstung - damit Aufwand - leichter argumentierbar sein. Da wir aber das "Wissen Warum " völlig vernachlässigt haben, ist hier eine Abkoppelung erfolgt.



  4. Rupertus Meldenius
    04. Februar 2026 15:56

    Vollste Zustimmung!! Bravo. Bravo, Bravo!!!!






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