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Gastkommentare

Lernen Sie Latein, Herr Minister!

07. Februar 2026 23:34 | Autor: Viktor Mutic
6 Kommentare

In den falschen Gewässern haben Sie das Wasser trüb gemacht, Herr Minister. Das einst verstaubte Image des altsprachlichen Unterrichts hat Sie wohl vergessen lassen, dass eine Vielzahl junger und engagierter Kollegen dieses Fach studiert und unterrichtet. Diese Menge hat die Kunst der Rhetorik nicht in einem NLP-Seminar erlernt, sondern sie stillt ihren Wissensdurst tagtäglich an der Quelle europäischer Redegewandtheit. Innerhalb kürzester Zeit haben sich gerade die jungen Kollegen für ihr Fach stark gemacht und die klaffenden argumentativen Lücken dieser "Deform" entlarvt. Videos, Texte, Bilder sind im Umlauf, eigene Instagram-Accounts wurden ins Leben gerufen; unser Zusammenhalt ist so stark wie noch nie.

Waren es nicht die Lateinlehrer, die in den letzten Jahren jede Neuerung, jede noch so schnelllebige Innovation dankend und wohlwollend angenommen und in ihren Unterricht sinnvoll eingebaut haben? Ist das nun Ihre Art, sich dafür zu bedanken? KI ist ein mächtiges Werkzeug, das ebenso als allgemeines Unterrichtsprinzip aufgenommen werden kann, wie es bereits mit der politischen Bildung passiert ist. Unlängst ließ ich einige meiner Schüler Texte aus Ovids Ars amandi übersetzen: einmal eigenständig, einmal mit der Hilfe von KI. Die KI war oft nicht im Stande, komplexere inhaltliche Strukturen zu erfassen und sie richtig wiederzugeben. Durch den kritischen Umgang mit diesen Fehlern haben wir versucht, zu verstehen, wie dieses Programm nun funktionieren könnte, wir haben versucht, deduktiv herzuleiten, wie diese Fehler passiert sein könnten. 

Beschäftigen Sie sich eingehender mit Künstlicher Intelligenz und Sie werden sehen, welches Ausmaß an sprachlicher Intelligenz notwendig ist, um dieses Werkzeug richtig zu bedienen. Die politische Bildung wiederum ist nicht ohne Grund allgemeines Unterrichtsprinzip. Zu groß ist die Gefahr, dass ein "Politikunterricht" oder gar "Demokratieunterricht" Narrative der herrschenden politischen Institutionen lediglich verstärkt und so eine Meinungsüberwältigung mit sich zieht. Dies kann nicht im Sinne der Bildung sein, erst recht nicht im Sinn eines Gymnasiums, das einen jungen Menschen zu umfassender Reife heranführen soll. Warum reden wir also nicht über zukunftsorientierte Lehrpläne, sondern über die Reduktion fundamentaler europäischer Wissensschätze? Und außerdem: ist es nicht Ihre Partei, die sich für ein starkes Europa einsetzt? Nicht in London oder in Brüssel wurden die Fundamente dieses Europas gesetzt, sondern in Athen und Rom. 

Auf Ihrer Instagram-Seite wird darüber gejubelt, dass Ihnen nun keine Gewerkschaft im Weg stünde, die immer nur "Das geht nicht" sagt. Dies legt einen demokratiepolitisch bedenklichen modus operandi offen. Auch wenn die Kommunikation bisher wie eine Einbahnstraße funktioniert hat, möchte ich Sie herzlich dazu einladen, zu mir oder zu einer meiner Kolleginnen und Kollegen in den Unterricht zu kommen und zu hospitieren. In kurzer Zeit wird Ihnen offenbar werden, dass der moderne Lateinunterricht zu einem kritischen Umgang mit Politik, Sprache, Geschichte, Wissenschaft und Gesellschaft anregt. In keinem anderen Fach werden populistische Reden so zerlegt, gesellschaftliche Strukturen so hinterfragt und sogar emotionale Themen wie Liebe, Sehnsucht und Verlust thematisiert.

Wir Lateinerinnen und Lateiner haben keine ablehnende Haltung gegenüber Innovationen oder Neuausrichtungen, aber wir lehnen vehement ab, dass eine Reform in erster Linie den Bildungsauftrag des Gymnasiums dergestalt untergräbt, und dies in weiterer Folge auf Kosten unseres Fachs geschehen soll. Dass Sie weiters Zukunft und Latein als Widerspruch darstellen, ist ein tiefer Griff in die demagogische Trickkiste, der mir nun immer bewusster macht, weshalb die Römer – im Gegensatz zu unserer Wegwerfgesellschaft – dem Begriff "neu" skeptisch gegenüberstanden. So werden ich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen dem "neuen” Österreich so lange skeptisch gegenüberstehen, bis Sie diese falsche Dichotomie nicht entschärft haben. 

Lernen Sie Latein, Herr Minister!

 

Viktor Mutic, Lateinlehrer an einem Wiener Gymnasium.

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  1. Hegelianer
    09. Februar 2026 21:31

    Schon das Wording "Entrümpelung" ist verletzend. Zwar gibt es keine lateinischen Muttersprachler, die sich gekränkt fühlen würden, aber drehen wir den Spieß um, sollte in anderen Ländern der Deutschunterricht eingeschränkt werden: Wie empfänden wir es, wenn der Genitiv oder der Konjunktiv I als "Gerümpel" bezeichnet würden und "Bruda, gehst du Billa?" ein zeitgemäßes, demokratisches, modernes Deutsch wäre?



  2. Leo Dorner
    08. Februar 2026 06:53

    An dieses Memorandum der „Lateinprofessoren“ müßten sich Philosophen anschließen. KI. kennt kein freies Denken freier Menschen. Schon heute muß man daher Anführungszeichen verwenden, um auf diese Katastrophe aufmerksam zu machen. Das „organische Denken und autonome Denken“ der Vernunft wurde in den alten Sprachen zuerst geschichtsmächtig. Und es wurde unvergeßlich geschichtsmächtig.
    Doch die „Kultur der EU“ und die technologische Entwicklung fördern eine neue unmündige Jugend und Menschheit. Durchdringt deren infantiles Montage-Denken eine Mehrheit und sogar die „politischen Eliten“ (und auch das Philosophieren), ist dies ein Grund mehr, das aktuelle EU-Projekt zu entsorgen. Montage-Denker sind keine freien Denker, sie sind unfreie Sklaven ihrer Denk-Programme. Sie sind nur noch für „Jobs“ verwendbar, nicht mehr für eine klare und selbstverantwortliche Erkenntnis der Realität. Und sie machen den Philosophiestudenten zu seinem eigenen „Ghostwriter“.



  3. annona
    08. Februar 2026 06:37

    Vielleicht ist dem Herrn Minister die Idee der Auslöschung kritischen
    Denkens durch Marginalisierung einer humanistischen Bildung
    womöglich durch Anregung seines "Herrn-Ludwig" und seiner
    "Dame- ÖGB"entspungen und als vorauseilender Gehorsam zu
    erklären!? - Sind doch die Universitäten schon längst zu "IHREN"
    Werkbänken mutiert ,die funktiomierende Mitarbeiter "sozial"
    generieren, dh. i.S.einer korrekten Widergabe politischer Ziele .



  4. rowischin
    08. Februar 2026 01:05

    Herr Mutic, ich nehme an, dass Sie diese Zeilen an den sog. "Minister" geleitet haben. Sollten Sie eine Antwort erhalten, was ich nicht erwarte, lassen Sie uns den Inhalt bitte wissen. Außerdem könnte man meinen, dass die von Ihnen angemerkten, positiven Effekte des Lateinunterrichts
    "….......dass der moderne Lateinunterricht zu einem kritischen Umgang mit Politik, Sprache, Geschichte, Wissenschaft und Gesellschaft anregt. In keinem anderen Fach werden populistische Reden so zerlegt, gesellschaftliche Strukturen so hinterfragt und sogar emotionale Themen wie Liebe, Sehnsucht und Verlust thematisiert......." , vielleicht auch die Ursache sind, dass das Fach verkleinert werden solle. Welcher Politiker möchte heutzutage kritisch denkende junge Leute ?



    • rowischin
      08. Februar 2026 01:12

      Im übrigen rufe ich die Lateinlehrer zum Widerstand auf. Es ist schon zu lange nicht mehr gestreikt worden.



  5. Outback
    08. Februar 2026 00:43

    Ein herzliches Danke dem Auto für die klaren Worte. 100% Zustimmung was das Unterrichtsfach Latein betrifft. Als Absolvent des Borromäums (ich habe gegoogelt) erscheint die Haltung des Bildungsministers noch umso unverständlicher. Will man mit dem Vorstoß womöglich junge Wähler gewinnen?






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