Mensch, erkenne dich selbst - auf Spurensuche nach den dunklen Facetten in uns. Ein psychometrischer Ansatz zur Parametrisierung der Banalität des Unbegreiflichen.
Psychometrische Eigenschaften wie abstrakte Intelligenz oder psychophysiologische Parameter wie Reaktionsgeschwindigkeit sind – unter Inkaufnahme einer gewissen Fehlertoleranz – relativ exakt und eindimensional messbar. Bei Persönlichkeitsmerkmalen wie der Soziopathie beziehungsweise Psychopathie, die im Zuge des Falls Jeffrey Epstein medial verstärkt thematisiert wurden, gestaltet sich die Lage jedoch deutlich komplexer. Je nach Messverfahren ist die einfache, eindimensionale Erhebung solcher psychologischen Dimensionen kaum möglich.
Zwar existieren Fremd- und Selbstbeurteilungsverfahren sowie psychometrisch fundierte Fragebögen, doch sobald die Psychologie mit nicht-eindimensionalen Konstrukten operiert, stößt sie an methodische Grenzen. Dies gilt insbesondere dann, wenn gesellschaftliche Abnormitäten nicht klar definiert sind oder sich ihrer linearen Identifizierung entziehen. Die Frage nach der Messbarkeit des "Bösen" verweist somit auf ein grundlegendes Problem: die Spannung zwischen empirischer Parametrisierung und normativer Bewertung.
Bereits die politische Theoretikerin Hannah Arendt beschrieb die "Banalität des Bösen", indem sie den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann analysierte. Sie charakterisierte ihn als einen psychisch normalen Menschen – keinen "Dämon" und kein "Ungeheuer". Damit verschob sie die Perspektive vom Pathologischen zum Alltäglichen. Die Psyche des Menschen bleibt trotz moderner Diagnoseverfahren – seien sie methodisch ausgefeilt durch Mittel der psychologischen Testtheorie entwickelt oder auf neuronaler Ebene im physiologischen Substrat mittels EEG- oder MRT-Scans verortet – letztlich nur begrenzt zugänglich.
Das Unbewusste, das bereits Sigmund Freud zu deuten versuchte, bewahrt sich trotz aller Technologie und Wissenschaft eine gewisse Unzugänglichkeit – selbst dann, wenn man das tiefenpsychologische Modell kritisch betrachtet oder gänzlich negiert. Zwischen Messbarkeit und Deutung bleibt eine Lücke bestehen.
Die Banalität des Bösen
Wesentlicher als die bloße Identifikation des scheinbar Bösen ist die Frage nach dem eigenen Anteil daran. Selbsterkenntnis bedeutet, die dunklen Facetten nicht ausschließlich im Anderen zu verorten. Ebenso entscheidend ist es, die Psycho- und Soziodynamik von Fallstudien wie jener des Multimillionärs Jeffrey Epstein in Wechselwirkung mit den Daten seiner berüchtigten Netzwerke zu analysieren.
Welches gesellschaftlich-kybernetische Muster manifestiert sich in diesem Phänomen? Lässt sich tatsächlich isoliert von einem einzelnen "Monster" sprechen, das seine Tentakel geschickt an den Defiziten und Bedürfnissen seiner Mitmenschen ansetzt? Oder offenbart der Fall vielmehr systemische Strukturen, die individuelles Handeln begünstigen?
Einerseits liefert Epstein möglicherweise das Psychogramm eines Menschen, der sich kraft hoher sozialer und kognitiver Auffassungsgabe durch wirtschaftliche Systeme navigieren konnte. Andererseits besitzt der Fall einen systemischen Charakter. Er fungiert nicht nur als individuelles Psychogramm, sondern zugleich als Soziogramm unserer Gesellschaft – im Kleinen wie im Großen.
Gnothi seauton – Erkenne dich selbst
Als "autoritären Charakter" definierte der Psychoanalytiker Erich Fromm bestimmte Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmale, die das Sozialverhalten negativ beeinflussen – etwa durch Vorurteile, Konformität, übertriebenen Gehorsam gegenüber Autoritäten sowie Destruktivität. Unterwürfigkeit gegenüber Autoritätspersonen, Zerstörungslust und extreme Überangepasstheit bilden die Kernparameter dieser Typologie. Jene Muster und Mechanismen kann man mit etwas Kreativität im Fallbeispiel Epstein aber in unzähligen anderen Soziotopen wiederfinden.
Doch es greift sicherlich zu kurz, die "Bestie" ausschließlich im Anderen zu suchen. Projektion entlastet, ersetzt jedoch keine Selbstreflexion. Vielmehr gilt es, die eigenen, auf andere übertragenen negativen Anteile zu erkennen. Niemand wird als Monster geboren, und ein Gen des "Bösen" konnte bis dato ebenso wenig entschlüsselt werden.
Die Geschichte zeigt jedoch, dass derjenige, der in der Gegenwart anderen die Zukunft verbaut, selbst bald Vergangenheit ist. In dieser Einsicht liegt weniger eine moralische Drohung als vielmehr ein Hinweis auf die zyklische Struktur menschlicher Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse.
Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.












Sehr interessante Ansätze und Analysen.