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Gastkommentare

Das Narrativ

13. Januar 2026 14:01 | Autor: Leo Dorner
4 Kommentare

Soll nur noch ein Narrativ gelten, entdeckt sich unwillkürlich die Verwandtschaft des Wortes "Narrativ" mit ähnlichen der zuständigen Heilsanstalt. Narren werden Ärzte, die von sich behaupten, über die nötigen Heilmittel und -methoden zu verfügen. Wer die Meinungsfreiheit verbietet, um falsche Narrative zu "heilen", ist von seiner geoffenbarten Narrativ-Wahrheit "tausendprozentig" überzeugt und daher "verpflichtet", dieselbe zu missionieren und 24 Stunden lang zu wiederholen: In immer wieder anderen Worten wird das identisch bleibende "wahre Märchen" wiederholt. Was tun in dieser ultimativen Sackgasse? Die vormodernen Mächte der heimtückisch "regierenden" Narrativ-Wahrheiten wurden entthront oder ins Abseits von Sonderlingen zurückgedrängt. 

Die modernen Mächte: Freie Wissenschaften und freie Künste und (last not least) frei denkende und redende Politik schienen im Eldorado der Freiheit gelandet zu sein. Doch siehe da: Eines Tages geschah die große Verwunderlichkeit, zuerst die Politik, dann die anderen Mächte. Sie alle fielen um und stürzten in ihr Gegenteil ab. Bildlich: von der Moderne ins tiefste Mittelalter.

Seither muss man aufpassen: Schon der öffentliche Satz, dass 2+2=4 gilt, diskriminiert 77 neue Fassungen des Einmaleins. Fazit: Allzu viele neue Tatsachenwahrheiten verderben den Brei der Vernunftwahrheiten, weil unser freier Wille ohne Vernunft zwischen tausend neuen Schätzen wählen kann, von denen ihm erzählt wurde, es handle sich um Schätze.

Die zerreißenden Widersprüche des monolithischen Mittelalters hatten ihre "Probleme", die "pluralithischen" Widersprüche der Moderne "ebenso." (Aha, "eh bien", schließt der scheinkluge Franzose: Les extremes se touchent".) Ein Bonmot, das niemandem hilft, weil es nur bestätigt, dass alle ("Diskursteilnehmer" der Moderne) auf dem großen Narrenschiff als erfolgreiche Insassen begrüßt und behandelt werden.

Wer die Existenz bleibender Vernunftwahrheiten leugnet, muss neue suchen und finden und die gefundenen durch neue und nochmals bessere und "wahrere" überbieten. Eine Fahrt ins Unendliche wurde eröffnet, und den Absprung vom abgefahrenen Zug wagen nur wenige.

 

Leo Dorner ist ein österreichischer Philosoph.  

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  1. Hegelianer
    14. Januar 2026 11:46

    Zitat: "In immer wieder anderen Worten wird das identisch bleibende "wahre Märchen" wiederholt."

    Nicht, dass dieser Satz schon ein Verbrechen nach 3h begründet ...
    (Ironiemodus off)



    • Leo Dorner
      15. Januar 2026 08:17

      Mit einem Hegelianer läßt sich offen, dh. systemimmanent reden. Der Satz „Merkel hat nichts falsch gemacht“ hat zahlreiche Anhänger, auch heute noch, Jahre nach 2015. Das Märchen gilt daher, es wird -variantenreich - weitererzählt , wenn auch unter dem Schutz einer „Brandmauer“, weil es nur innerhalb dieser als „wahre Geschichte“ gilt, außerhalb jedoch als bodenlose („politische“) Lüge.
      Die Dialektik des „wahren Märchens“ läßt sich mit Hegels Seinslogik nicht begründen, weil diese nur als abstrakte Stufe des Vernunftbegriffs gedacht werden kann. Daß und warum in der Geschichte der Menschheit immer wieder neue Märchen erscheinen, deren Irrtum alsbald gebüßt wird, läßt sich wohl mit keiner Art von logischer Modell-Logik beantworten.
      Weder mit Darwin und Haeckel, noch mit Marx und Engels, und am allerwenigsten mit postmodernen Logiken, sei es amerikanischer oder Wiener Herkunft.



    • Leo Dorner
      15. Januar 2026 08:18

      Herr Zotter hat zufällig heute (auf express), die Aporie der totalen Meinungsfreiheit, die allein auf sich beruhen könnte, als Poppersches Märchen entlarvt.



  2. Rupertus Meldenius
    13. Januar 2026 15:57

    Kein freier Wille ohne Vernunft, keine Vernunft ohne Freiheit, keine Freiheit ohne freien Willen. Nichts für Linke, für die zählt nur Ideologie.






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