Herr Steinmeier hat noch eine Rede gehalten und neuerlich demonstriert, warum er von Frau Merkel protegiert wurde und wird. Wenn die Wiederaufarbeitung und Wiedergutmachung seiner Präsidentschaft einsetzen wird, in vielleicht 20 bis 30 Jahren, wird man auch die Begriffe seiner Reden und damit deren Worte als verblendete Begriffe erkennen können. (Worte und Begriffe sind nicht dasselbe.)
Für viele heutige Deutsche ist dies ebenso unmöglich, wie es seinerzeit für viele unmöglich war, die Folgen einer Rede von Hitler oder Goebbels zu erkennen. Immer noch lassen sich mit den heutigen Festreden neue Merkel-Orden feiern und umhängen.
Doch existiert heute, anders als vor 1933, ein deutlich gespaltenes Bewusstsein in Deutschland. Und wer diese Spaltung als entweder nicht vorhanden oder als (von Falschdenkenden) willkürlich herbeigeredet denunziert, (wie auch Herr Steinmeier) glaubt sich (wieder einmal) auf der richtigen Seite der deutschen Geschichte eingereiht zu haben.
Und obwohl die fatalen Folgen der Merkel-Politik schon heute an vielen kulturellen und gesellschaftlichen Frontverläufen deutlich erkennbar sind – den "Fronden" (Aufstände der Stände) im vormodernen Frankreich vergleichbar –, ist diese Deutlichkeit offenbar noch nicht deutlich genug.
Nach dieser (sich bewegenden) Lage der Dinge müssen nun jene, denen heute die falsche Seite der Geschichte zugewiesen wird, nur noch kurze Zeit mit etwas Geduld warten, ehe sie als Erkennende "avant la lettre" anerkannt sein werden. Diese nannte man früher Propheten oder auch die "Kassandra vom Dienst" (der Geschichte).
Kassandras eigene Geschichte ist bekannt: Der überaus schönen Tochter des Priamos wurde die Gabe der wahren Weissagung zuteil, von keinem Geringeren als Apollo (einem antiken Schlingel von Gott). Als er seine Schöne (denn auch vollendete Schönheit zuzuteilen, fiel in sein Revier) eines schönen Tages "vernaschen" wollte, überreichte sie ihm einen mit Leere gefüllten Korb.
Der allmächtige Apollo erblickte sich düpiert und in seiner Ehre als Gott tödlich getroffen. Folglich zwang ihn das letztentscheidende Schicksal, seinen Liebling unter den Frauen zu verfluchen. Welche Wahrheit auch immer sie wahrsagen werde, man werde ihr nicht glauben.
Als sie ihrem Vater Priamos den Untergang und die Vernichtung seiner jahrhundertewürdigen Stadt demonstrierte, mit Begriffen und Worten, die von unseren Historikern nicht mehr "rekonstruiert" werden müssen, um als wahre Münze anerkannt zu werden, wurde sie zum zweiten Mal verflucht. Und kein Homer fand sich, der ihr einen erlösenden Gott und eine radikal veränderte Zukunft zugeführt hätte.
Leo Dorner ist ein österreichischer Philosoph.






